Die Kosten der Einheit
Zwischen "blühenden Landschaften" und "Supergau Deutsche Einheit": Wie hoch war der Preis der Einheit? Wer zahlt für wen? Und in welchem Verhältnis stehen Aufwand und Ertrag, Kosten und Nutzen, Preis und Leistung zueinander?
März 1993: Klausurtagung von Bund und Ländern zur Finanzierung der Wiedervereinigung (Solidarpakt). (© Bundesregierung/Stutterheim)Zwar begann das Zeitalter des vereinten Deutschlands mit einer materiellen Geste westlicher Solidarität, dem so genannten "Begrüßungsgeld" (in Höhe von 100 D-Mark pro Kopf). Doch entzündeten sich praktisch von Anbeginn des Vereinigungsprozesses politische Auseinandersetzungen an Fragen der Höhe, des Verwendungszwecks und der Effektivität finanzieller Zuwendungen aus den alten an die neuen Bundesländer.
Wirtschaftskraft in den Jahren 1991 bis 2008. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (© bpb)Zunächst wurde die gesellschaftliche Wahrnehmung der Einigungskosten allerdings überdeckt durch den Wohlklang eines weiteren geflügelten Wortes jener Jahre: den blühenden Landschaften. Bundeskanzler Helmut Kohl versprach in einer Fernsehansprache anlässlich des Vollzugs der gesamtdeutschen Wirtschaft-, Währungs-, und Sozialunion zum 1. Juli 1990 einen raschen Aufschwung in den neuen Ländern: "Durch eine gemeinsame Anstrengung wird es uns gelingen, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt, Brandenburg, Sachsen und Thüringen schon bald wieder in blühende Landschaften zu verwandeln, in denen es sich zu leben und zu arbeiten lohnt." Im Folgejahr befeuerte er die Erwartung eines zweiten "Wirtschaftswunders", nunmehr im Osten, indem er – wie strategisch auch immer – von "den nächsten drei bis vier Jahren" sprach, innerhalb derer sich die wirtschaftliche Wiederbelebung vollziehen werde. So konnten regierungsamtlich genährte Hoffnungen auf einen nur vorübergehenden materiellen Unterstützungsbedarf für die neuen Bundesländer keimen. Mahnende Stimmen, von politischer Seite etwa des damaligen Kanzlerkandidaten Oskar Lafontaine und von wissenschaftlicher Seite mancher liberaler Ökonomen (vgl. als frühes Zeugnis z.B. Sinn/Sinn 1991), fanden zunächst kein Gehör oder jedenfalls kein nachhaltiges Echo.
Die Kosten der Einheit. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (© bpb)Die Frage lässt sich durchaus beantworten – nachdem geklärt ist, um welche Summen es überhaupt geht. Gerhard Ritter (2006, S.126ff.) beziffert unter Verweis auf Berechnungen der Deutschen Bundesbank den 'Preis der Einheit' – gemessen an Transfers öffentlicher Mittel (ohne Treuhandanstalt) in die neuen Bundesländer – für die "heiße Phase" des Einigungsprozesses (1991-1995) auf 615 Milliarden DM netto. Eine wissenschaftliche Studie im Auftrag der arbeitgebernahen "Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft" (Ragnitz et al. 2009) kommt für die gesamten zwanzig Jahre Vereinigungsgeschichte auf einen Nettotransfer von 1,6 Billionen Euro. Seit 2005 sind demzufolge unterm Strich jährlich etwa 100 Milliarden Euro vom Westen in den Osten geflossen – womit zugleich gesagt ist, dass das Transfervolumen über die Jahre eher zugenommen, jedenfalls nicht abgenommen hat.
Damit kommen wir zu der Frage: Wer zahlt? Und: An wen wurde bzw. wird gezahlt? Gezielte Sonderzahlungen für ostdeutsche Haushalte, Betriebe oder Einrichtungen machten der erwähnten Studie zufolge nur ein Fünftel der Bruttotransfers aus. Das Gros des west/ostdeutschen Mittelzuflusses und -abflusses besteht folglich aus systembedingten Umverteilungswirkungen im Rahmen der Sozialversicherungen und des Länderfinanzausgleichs. Es ist also nur abstrakt "der Bund", der die Kosten der Einheit trägt; konkret sind es vor allem die westdeutschen Steuerzahler bzw. sozialversicherungspflichtig Beschäftigten. Zu bedeutsamen Teilen ist der innerdeutsche Einkommenstransfer der vergangenen zwei Jahrzehnte über die Sozialversicherungssysteme vollzogen worden: Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) beziffert den Finanztransfer von den alten in die neuen Länder für die Jahre 1991 bis 2003 allein im Rahmen der Renten- und Arbeitslosenversicherung auf 289 Milliarden Euro (Meinhardt/Zwiener 2005, S. 12). Wie in kaum einem anderen bekannten historischen Fall kam es im Zuge der deutschen Einheit zu einem Großversuch wohlfahrtsstaatlich organisierter – man mag auch sagen: sozialpolitisch erzwungener – Solidarität.
"Die Wiedervereinigung hat für den Westen mehr Vorteile als Nachteile gebracht." Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (© bpb)Aber mehr noch und wichtiger: Die Lebenserwartung der neuen Bundesbürger ist rapide gestiegen, nämlich um durchschnittlich gut fünf Jahre bei Männern wie Frauen, und somit deutlich schneller als die der Westdeutschen. Die Suizidrate ist im Osten um die Hälfte gesunken – ebenfalls fast auf Westniveau (2008 entfielen im Osten auf 100.000 Einwohner statistisch noch 12,6 Selbstmorde; im Westen waren es 11,2). Auch wenn sich die Glücksforschung mit der Beantwortung der Frage schwer tut, was Glück ist – gemessen an der jüngeren Entwicklung ihrer materiellen Lebenssituation, haben die Menschen in Ostdeutschland im Durchschnitt Glück gehabt.
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