Denkmal für die Berliner Mauer

Bewertung der sozialen Gerechtigkeit


30.3.2010
War die DDR wirklich die "gleichere" Gesellschaft? Fühlen sich Ostdeutsche als Bürger zweiter Klasse und als Verlierer der gesellschaftlichen Entwicklung im vereinten Deutschland?
Anwohner vor Plattenbauten im Ostberliner Bezirk Marzahn. Die DDR erschien als eine Gesellschaft in der alle auf ähnlichem Niveau lebten, es also weder extreme Armut noch überbordenden privaten Reichtum gab.Anwohner vor Plattenbauten im Ostberliner Bezirk Marzahn. Die DDR erschien als eine Gesellschaft in der alle auf ähnlichem Niveau lebten, es also weder extreme Armut noch überbordenden privaten Reichtum gab. (© AP)

Auch wenn die DDR in der Erinnerung vieler Ostdeutscher als die "gleichere" Gesellschaft gilt, war seinerzeit der Unmut in der Bevölkerung über die tatsächliche soziale Ungleichheit gerade am Vorabend des Mauerfalls groß. Verdruss entzündete sich an den Privilegien von Staats- und Parteifunktionären sowie an den Problemen einfacher Arbeiter und Angestellter bei der Bewältigung des Alltags. Allerdings waren beispielsweise die Lohn- bzw. Gehaltsunterschiede zwischen Facharbeitern und leitenden Angestellten so gering, dass die DDR insgesamt als eine Gesellschaft erschien, in der alle auf ähnlichem Niveau lebten, es also weder krasse Armut noch überbordenden privaten Reichtum gab. Die soziale Sicherheit in der DDR wies jedoch einen Januskopf auf: Nivellierte Zuteilung von Lebensgütern und sozialer Versorgung durch den Staat war zwar an Stelle des Risikos getreten, sozial "abzurutschen". Allgegenwärtige staatliche Vorleistung reduzierte aber andererseits auch die Aussicht auf individuelle Selbstentfaltung durch Fleiß und Leistung.

"Westdeutsche behandeln Ostdeutsche als Mensch zweiter Klasse.""Westdeutsche behandeln Ostdeutsche als Mensch zweiter Klasse." Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Berufliche Chancengleichheit für alle Bevölkerungsschichten gab es im Spätstadium des Realsozialismus nur auf dem Papier. De facto vererbten auch in der DDR Eltern zunehmend ihre gesellschaftliche Position an ihre Kinder, was zu einer Erstarrung sozialer Durchlässigkeit führte. Der Anteil der Personen aus einer Arbeiterfamilie bei den Leitungskadern – dem Führungspersonal im Staatsapparat und in der Wirtschaft – sank von anfänglichen 64 Prozent in der ältesten Geburtskohorte auf ca. 50 Prozent in der jüngsten Geburtskohorte. Im Gegensatz dazu stieg der Anteil der Personen mit einer sozialen Herkunft aus der Intelligenz – also der privilegierten Bildungsschicht – von 4 Prozent auf 16 Prozent. Diese Statistik, die in der DDR nie veröffentlicht wurde, zeigt, dass die offiziell propagierte Egalitätsnorm zunehmend unterlaufen wurde. Es ist anzunehmen, dass die Angabe zur sozialen Herkunft aus der Arbeiterklasse oftmals gefälscht wurde. Außerdem wurden gemäß der Vorgaben der SED auch Parteifunktionäre und Angehörige des Sicherheitsapparates in Statistiken als "Arbeiter" geführt. Ob nun "Arbeiterherkunft" oder "bürgerliches" Elternhaus: Erfolgreiche Karrieren konnten ohnehin nur loyale Anhänger des SED-Regimes machen.

Nach der Vereinigung, als die Kanäle für soziale Mobilität sich abrupt öffneten und die Verteilungschancen neu vergeben wurden, erweiterte sich in Ostdeutschland auch die Schere sozialer Ungleichheit merklich. Arbeitslosigkeit und Armut wurden das Schicksal von Vielen, während andere einen Lebensstandard erreichen konnten, der in der DDR undenkbar gewesen war. Außerdem war nun der Vergleich mit sozialen Lagen in Westdeutschland ohne weiteres möglich. Gerade dadurch erhielt das diffuse Bewusstsein von Ungleichheit im Verhältnis beider Teilgesellschaften im neuen Deutschland aus ostdeutscher Sicht Auftrieb. Die objektiv tiefgreifenden Veränderungen in der ostdeutschen Gesellschaft während der frühen neunziger Jahre schlugen sich in einer entsprechend kritischen Einschätzung der sozialen Gerechtigkeit durch die Ostdeutschen nieder.
"Was verstehen Sie unter sozialer Gerechtigkeit?""Was verstehen Sie unter sozialer Gerechtigkeit?" Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Obwohl die sehr negative Bewertung der eigenen wirtschaftlichen Lage aus den frühen neunziger Jahren den aktuellen Verhältnissen nicht mehr entspricht, denken viele Ostdeutsche nach wie vor, dass der Wohlstand in unserer Gesellschaft zu ihren persönlichen Ungunsten verteilt ist. Das unterscheidet sie in erheblichem Maße von den Westdeutschen, die mit ihrer Lebenslage offensichtlich überwiegend zufrieden sind. Nachvollziehbar fühlen sich auch viele Arbeitslose sozial deklassiert. Männer und Frauen unterscheiden sich indessen in der Bewertung nur gering.

Als eine der Ursachen für die anhaltende Unzufriedenheit wird die schwierige wirtschaftliche Entwicklung in den neuen Bundesländern angegeben. Übrigens: Auch für die Zukunft erwarten die meisten Ostdeutschen keine Verbesserung ihrer wirtschaftlichen Situation. Der Anteil der Ostdeutschen, die sogar eine Verschlechterung befürchten (24 Prozent), unterscheidet sich allerdings nur unwesentlich vom entsprechenden Anteil der Westdeutschen (22 Prozent). Besonders pessimistisch ist die Einschätzung bei Ostdeutschen im Alter zwischen 35 und 49 Jahren. Auch andere Umfragen bestätigen immer wieder, dass es sich bei dieser Altersgruppe um eine ausnehmend "kritische Kohorte" handelt. Überraschend ist dies nicht, da sich gerade Angehörige dieser Altersphase den Risiken des Arbeitsmarktes am stärksten ausgesetzt sehen.

Bewertung der sozialen Gerechtigkeit
Gerechtigkeitsbewertung: Der "eigene Anteil" an der Verteilung des Wohlstands ist in den Jahren von 1992 bis 2006 in Ost- und Westdeutschland ...? (Angaben in Prozent)
Ost West
weniger als gerecht gerecht oder mehr als gerecht weniger als gerecht gerecht oder mehr als gerecht
1992 81 19 35 65
1996 62 38 33 67
2000 63 37 32 68
2002 60 40 32 68
2004 68 32 39 61
2006 63 37 34 66
Quelle: Datenreport 2008, Berechnungen des ALLBUS 1992, 1996, 2000, 2002, 2004, 2006


Literaturhinweise

  • Berechnungen auf Basis des Zentralen Kaderdatenspeichers (ZKDS) des Ministerrates der DDR von 1989
  • Datenreport 2008
  • Berechnungen des ALLBUS 1992, 1996, 2000, 2002, 2004, 2006


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