Bewertung der sozialen Gerechtigkeit
War die DDR wirklich die "gleichere" Gesellschaft? Fühlen sich Ostdeutsche als Bürger zweiter Klasse und als Verlierer der gesellschaftlichen Entwicklung im vereinten Deutschland?
Anwohner vor Plattenbauten im Ostberliner Bezirk Marzahn. Die DDR erschien als eine Gesellschaft in der alle auf ähnlichem Niveau lebten, es also weder extreme Armut noch überbordenden privaten Reichtum gab. (© AP)Auch wenn die DDR in der Erinnerung vieler Ostdeutscher als die "gleichere" Gesellschaft gilt, war seinerzeit der Unmut in der Bevölkerung über die tatsächliche soziale Ungleichheit gerade am Vorabend des Mauerfalls groß. Verdruss entzündete sich an den Privilegien von Staats- und Parteifunktionären sowie an den Problemen einfacher Arbeiter und Angestellter bei der Bewältigung des Alltags. Allerdings waren beispielsweise die Lohn- bzw. Gehaltsunterschiede zwischen Facharbeitern und leitenden Angestellten so gering, dass die DDR insgesamt als eine Gesellschaft erschien, in der alle auf ähnlichem Niveau lebten, es also weder krasse Armut noch überbordenden privaten Reichtum gab. Die soziale Sicherheit in der DDR wies jedoch einen Januskopf auf: Nivellierte Zuteilung von Lebensgütern und sozialer Versorgung durch den Staat war zwar an Stelle des Risikos getreten, sozial "abzurutschen". Allgegenwärtige staatliche Vorleistung reduzierte aber andererseits auch die Aussicht auf individuelle Selbstentfaltung durch Fleiß und Leistung.
"Westdeutsche behandeln Ostdeutsche als Mensch zweiter Klasse." Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (© bpb)Nach der Vereinigung, als die Kanäle für soziale Mobilität sich abrupt öffneten und die Verteilungschancen neu vergeben wurden, erweiterte sich in Ostdeutschland auch die Schere sozialer Ungleichheit merklich. Arbeitslosigkeit und Armut wurden das Schicksal von Vielen, während andere einen Lebensstandard erreichen konnten, der in der DDR undenkbar gewesen war. Außerdem war nun der Vergleich mit sozialen Lagen in Westdeutschland ohne weiteres möglich. Gerade dadurch erhielt das diffuse Bewusstsein von Ungleichheit im Verhältnis beider Teilgesellschaften im neuen Deutschland aus ostdeutscher Sicht Auftrieb. Die objektiv tiefgreifenden Veränderungen in der ostdeutschen Gesellschaft während der frühen neunziger Jahre schlugen sich in einer entsprechend kritischen Einschätzung der sozialen Gerechtigkeit durch die Ostdeutschen nieder.
"Was verstehen Sie unter sozialer Gerechtigkeit?" Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (© bpb)Obwohl die sehr negative Bewertung der eigenen wirtschaftlichen Lage aus den frühen neunziger Jahren den aktuellen Verhältnissen nicht mehr entspricht, denken viele Ostdeutsche nach wie vor, dass der Wohlstand in unserer Gesellschaft zu ihren persönlichen Ungunsten verteilt ist. Das unterscheidet sie in erheblichem Maße von den Westdeutschen, die mit ihrer Lebenslage offensichtlich überwiegend zufrieden sind. Nachvollziehbar fühlen sich auch viele Arbeitslose sozial deklassiert. Männer und Frauen unterscheiden sich indessen in der Bewertung nur gering.
Als eine der Ursachen für die anhaltende Unzufriedenheit wird die schwierige wirtschaftliche Entwicklung in den neuen Bundesländern angegeben. Übrigens: Auch für die Zukunft erwarten die meisten Ostdeutschen keine Verbesserung ihrer wirtschaftlichen Situation. Der Anteil der Ostdeutschen, die sogar eine Verschlechterung befürchten (24 Prozent), unterscheidet sich allerdings nur unwesentlich vom entsprechenden Anteil der Westdeutschen (22 Prozent). Besonders pessimistisch ist die Einschätzung bei Ostdeutschen im Alter zwischen 35 und 49 Jahren. Auch andere Umfragen bestätigen immer wieder, dass es sich bei dieser Altersgruppe um eine ausnehmend "kritische Kohorte" handelt. Überraschend ist dies nicht, da sich gerade Angehörige dieser Altersphase den Risiken des Arbeitsmarktes am stärksten ausgesetzt sehen.
| Bewertung der sozialen Gerechtigkeit Gerechtigkeitsbewertung: Der "eigene Anteil" an der Verteilung des Wohlstands ist in den Jahren von 1992 bis 2006 in Ost- und Westdeutschland ...? (Angaben in Prozent) |
||||
| Ost | West | |||
| weniger als gerecht | gerecht oder mehr als gerecht | weniger als gerecht | gerecht oder mehr als gerecht | |
| 1992 | 81 | 19 | 35 | 65 |
| 1996 | 62 | 38 | 33 | 67 |
| 2000 | 63 | 37 | 32 | 68 |
| 2002 | 60 | 40 | 32 | 68 |
| 2004 | 68 | 32 | 39 | 61 |
| 2006 | 63 | 37 | 34 | 66 |
| Quelle: Datenreport 2008, Berechnungen des ALLBUS 1992, 1996, 2000, 2002, 2004, 2006 | ||||
Literaturhinweise
- Berechnungen auf Basis des Zentralen Kaderdatenspeichers (ZKDS) des Ministerrates der DDR von 1989
- Datenreport 2008
- Berechnungen des ALLBUS 1992, 1996, 2000, 2002, 2004, 2006
weitere Inhalte:
Dossier
Deutsche Teilung - Deutsche Einheit
13. August 1961: In den frühen Morgenstunden beginnt der Bau der Mauer. Die Teilung bekommt eine konkrete Gestalt. Mehr als 20 Jahre nach dem Mauerfall ist Deutschland in vielem noch immer ein Land mit zwei Gesellschaften. Weiter...
Online-Angebot
Chronik der Mauer
1961 bis 1990: Die Chronik zeichnet die gesamte Geschichte der Mauer nach, in Text, Bild, Film, Ton, Dokumenten und Interviews mit Zeitzeugen. Weiter...



