Daniel Cohn Bendit gemeinsam mit anderen Aktivisten auf einer Demonstration in Saarbrücken im Jahr 1968.
30.1.2008 | Von:
Axel Schildt

Trau keinem über 30

Dieser populäre Slogan aus den 60er-Jahren bringt den starken Gegensatz von "jung" und "alt" zum Ausdruck. Rasche gesellschaftliche und kulturelle Wandlungsprozesse des Jahrzehnts führten zu Spannungen zwischen den Generationen.

Trau keinem über 30: Kommune in Hamburg. Foto: Günter ZintTrau keinem über 30: Kommune in Hamburg. (© Günter Zint)
Der ebenso radikale wie oberflächliche Slogan "Trau keinem über 30!" gelangte im letzten Drittel der 60er-Jahre zu einiger Popularität. Er bringt recht gut den krass wahrgenommenen Gegensatz von "jung" und "alt" zum Ausdruck, der im raschen gesellschaftlichen und kulturellen Wandlungsprozess des Jahrzehnts zu Spannungen zwischen den Generationen führte.

Natürlich entsprach das simple Bild eines Aufstandes "der" Jugend gegen die Welt der Erwachsenen nicht der Realität. Allerdings war es aber auch nicht gänzlich erfunden, denn nicht nur in der "antiautoritären" politischen Revolte der Schüler- und Studentenbewegung, sondern allgemein bei der Veränderung kultureller Normen und Werte gingen Jugendliche und junge Erwachsene voran. Sie stießen auf Widerstände meist älterer Vertreter der Obrigkeit, von Lehrern, Geistlichen, Kommunalpolitikern. Die Jugendorganisation von CDU/CSU, die Junge Union, variierte später den genannten Slogan und ironisierte mit "Trau keinem über 130!" den Bezug der linken Jugendlichen auf Karl Marx. Das zeigt, dass auch junge Konservative sich auf das Thema des Generationenkonfliktes einstellten.


Den kulturellen Konflikt zwischen Jugendlichen und der erwachsenen Bevölkerungsmehrheit trugen in der Öffentlichkeit nicht zuletzt die Medien aus: Die "Bild-Zeitung" empfand sich als Sprachrohr des "gesunden Volksempfindens", während kommerzielle Jugendzeitschriften wie etwa die BRAVO sich zum gemäßigten Anwalt der jungen Generation machten, – auch wenn beide genannten Medien zeitweise zum gleichen Pressekonzern gehörten. Zahlreiche Artikel in Zeitungen und Zeitschriften spiegeln die konträren Auffassungen, z.B. im Streit um Haar- und Rocklänge, Tänze und Musikstile. Die Twist-, Rock- und Beat-Rhythmen der 60er-Jahre, die in der ersten Hälfte des Jahrzehnts vor allem aus Großbritannien, dann aus den USA importiert wurden, hatten als internationales Erkennungszeichen in der Jugendkultur enorme Bedeutung. Hierin drückten sich jugendliche Wünsche nach mehr "Lockerheit" und "Freiheit" besonders nachdrücklich aus. Entsprechend fasste ein Großteil der Elterngeneration diese Musikstile – klassenübergreifend – zunächst als Kampfansage auf.

Noch wenige Jahre vor der "Revolte" waren sich Soziologen, Psychologen und Pädagogen darin einig gewesen, dass die Verhaltensweisen der Jugendlichen und die der Erwachsenen in der Konsumgesellschaft sich im Grunde genommen nicht voneinander unterscheiden ließen. Ein großer Jugendbericht, der dem Bundestag nach vierjähriger Arbeit im Frühjahr 1965 zugeleitet wurde, kam zu dem Ergebnis, dass auf Zerstreuung bedachte Freizeitorientierung, Aufweichung sexueller Normen, ausgeprägtes Besitzstreben und die Scheu vor geistigem Engagement jung und alt gesellschaftlich einige.

Bei den 14- bis 19-Jährigen rauchten 53 Prozent der Jungen und 13 Prozent der Mädchen; ein Drittel dieser Altersgruppe trank regelmäßig Alkohol. Veröffentlichungen mit Titeln wie "Geld in Nietenhosen" machten darauf aufmerksam, dass auch die Jugendlichen zu einer gewichtigen Konsumentengruppe geworden waren, die von der Freizeitindustrie stark umworben wurde.

Anfang der 60er-Jahre besaß mehr als die Hälfte der jungen Erwachsenen im Alter zwischen 21 und 25 ein eigenes Radiogerät, und selbst die Zwölf- bis 16-Jährigen verfügten häufig über ein Kofferradio oder kleines Taschentransistorgerät. Zum Geburtstag schenkten sich viele Jugendliche eine "Single" (preisgebunden: 4,75 DM) oder gemeinsam eine neue Langspielplatte (21 DM). Durchschnittlich besaß 1960 jeder Jugendliche zehn Schallplatten. Da diese teuer waren, stand bald das Tonbandgerät ganz oben auf der Wunschliste männlicher Jugendlicher. Mit ihm konnten Schallplatten ausgeliehen und aufgenommen sowie Schlagersendungen im Radio mitgeschnitten werden. Mitte der 60er-Jahre kamen dann auch die ersten Musik-Kassetten-Geräte auf den Markt.

Äußerster Beliebtheit erfreuten sich zu dieser Zeit auch die Milchbars und Eissalons, in denen eine "Music-Box" die Titel der internationalen Hitparade spielte. 50 000 solcher Apparate waren 1960 in der Bundesrepublik aufgestellt. 1964 wurden die Ausgaben der Altersgruppe von 14 bis 25 Jahren auf 17 Milliarden, 1967 bereits auf 24 Milliarden DM jährlich geschätzt. Textilkaufhäuser wie C & A richteten eigene Modeabteilungen für Teenager ein, und das Wort "Boutique" erhielt einen magischen Klang.

Dabei gab es beträchtliche Unterschiede zwischen jugendlichen Arbeitern, die wöchentlich 40 bis 50 DM ausgeben konnten, sowie Schülern und Studierenden, denen 10 bis 15 DM zur Verfügung standen. Die jugendliche Konsumkraft lag nicht zuletzt darin begründet, dass im neuen Wohlstand erwerbstätige Jugendliche längst nicht mehr nahezu ihren gesamten Lohn im elterlichen Haushalt abzugeben hatten wie noch zehn Jahre zuvor in den kargen Jahren des Wiederaufbaus.

Während der Phase der Vollbeschäftigung umwarben Unternehmen "Lehrlinge" vielfach wie kleine Könige. In der ersten Hälfte der 60er-Jahre waren die Zeitungen gefüllt mit Annoncen, in denen 14-jährigen Volksschulabgängern für den Antritt einer Lehrstelle Mopeds, Ferienreisen oder ein gut gefülltes Sparbuch versprochen wurden. Dennoch blieben in dieser Phase jeweils etwa ein Drittel der angebotenen Lehrstellen vor allem im gewerblichen Sektor unbesetzt. Die Jugendlichen wandten sich vor allem technischen oder administrativen Berufen zu, die genug Verdienst für gehobene Konsumansprüche versprachen. Zugleich begann in den 60er-Jahren der Trend zu höheren Schulabschlüssen. Während die Relationen des dreigliedrigen Schulwesens seit der Jahrhundertwende nahezu gleich geblieben waren und auch 1960 noch nahezu 90 Prozent aller Schülerinnen und Schüler mit einem Hauptschulabschluss ins Berufsleben traten, sank diese Quote im Laufe der 60er-Jahre auf ca. 80 Prozent. In der Folge verdoppelte sich die Zahl der Realschüler auf ca. 860 000 (1970) und der Gymnasiasten nahezu auf ca. 1,4 Millionen. Ein Zuwachs an Bildung, etwa bei der Beherrschung der englischen Sprache, schuf offenbar neue kulturelle Distanzen zwischen den Generationen.


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