Daniel Cohn Bendit gemeinsam mit anderen Aktivisten auf einer Demonstration in Saarbrücken im Jahr 1968.

30.1.2008 | Von:
Klaus Farin

Swinging Sixties

Beatmusik, Gammler, Provos und Hippies

In den 60er Jahren kamen die Beatmusik, Gammler, Provos und Hippies. Die Jugendlichen entzogen sich zunehmend den Vorschriften und Verboten der Gesellschaft. Doch die "freizügigen Sechziger" erreichten noch längst nicht alle Schichten und Altersgruppen der Gesellschaft.

"Mehr als 100 Firmen stellen derzeit 150 Massenartikel her, auf denen die Konterfeis oder die Namen der vier Beatles prangen: Damenstrümpfe, Luftballons, Pullover, Slips und Hemden, Schuhe, Hüte, Hosen, Jacken, Keksverpackungen, Limonadengläser und Schals, Eierbecher, Puppen, Kaugummipäckchen, Broschen und Ringe – und natürlich die 'Original'- Beatles-Perücken."[1]

Mit der Beatkultur schufen sich die Jugendlichen ihre eigene kulturelle Welt und entzogen sich damit immer mehr der Kontrolle durch ihre Eltern. Foto: Günter ZintMit der Beatkultur schufen sich die Jugendlichen ihre eigene kulturelle Welt und entzogen sich damit immer mehr der Kontrolle durch ihre Eltern. (© Günter Zint)

Die Beatles erzielten bis Mitte der Sechzigerjahre mit 150 Millionen verkauften Platten einen Umsatz von umgerechnet mehr als zwei Milliarden DM. Die Zahl ihrer Fans wurde auf 360 Millionen geschätzt. Von ihren bis dahin 88 Songs waren 2.921 Coverversionen anderer Bands erschienen. Dazu gab es allein in Deutschland Tausende von Amateurbeatbands, die ihr Repertoire ausschließlich live präsentierten. Allein in Göttingen und Umgebung existierten laut Dieter Baacke rund 60 Beatformationen, in Essen 100, in Hannover rund 200 Bands und 20 "Beatkeller". Hans-Jürgen Klitsch nennt in seiner voluminösen Beatmonographie 84 Berliner Bands, 78 aus Hamburg, 39 aus Gelsenkirchen ... In Recklinghausen, Frankfurt am Main und im Hamburger Star-Club fanden Jahr für Jahr große Beatfestivals statt, so genannte Beat-Battles gehörten zum Veranstaltungskalender vieler Jugendheime und Lokale mit jugendlichem Publikum. [2] 1965, auf dem Höhepunkt der Beatwelle, gab es in Deutschland bis zu 150 Profibeatbands, die ausschließlich von der Musik lebten. [3]

Beat



Nach dem Rock'n'Roll der Fünfzigerjahre entstand ab 1963 mit der Beatbewegung nun die zweite Musikkultur, die "alleiniges Eigentum der Jugend" war. "Wieder schaffen sich die Jugendlichen hier ihre eigene kulturelle Welt und entziehen sich damit den Vorschriften und Verboten, die die Gesellschaft für sie vorsieht. Sexualität, Alkohol, Rauchen, früher Privilegien der Erwachsenen, sind fortan Teil des jugendlichen Alltags, ob es die Eltern wollen oder nicht."[4]



Wieder ist es nicht politische Opposition (die Mehrzahl der Jugendlichen dachte politisch ohnehin nicht anders als ihre Eltern), sondern eine alltagskulturelle Rebellion, die die Gemüter erhitzt. "Obwohl die 'Beat-Kids' im Vergleich zu den Halbstarken der Fünfzigerjahre weit weniger aggressiv rebellierten und kaum gewalttätig waren, reichte ihre Provokation doch weiter." [5] Es geht um Musik, "Benehmen", (noch) längere Haare und – Sex. Unaufhaltsam entzieht sich die Sexualität der Jugendlichen nun der elterlichen Kontrolle. Waren bisher noch die Eltern die wichtigsten Bezugspersonen, wenn es um Fragen zu Sexualität und Partnerschaft ging, so übernehmen diese Rolle nun Medien und gleichaltrige Freunde und Freundinnen.

Ein bedeutender Umbruch in der Diskussion ergab sich 1962: Die Antibabypille kam auch in Deutschland in den Handel. Die Fronten entspannten sich nun ganz gewaltig: Beate Uhse eröffnet noch im gleichen Jahr in Flensburg ihr erstes "Fachgeschäft für Ehe-Hygiene", Oswalt Kolle wird mit Filmen wie "Dein Mann/Deine Frau, das unbekannte Wesen" oder "Das Wunder der Liebe – Sexualität in der Ehe" zum bekanntesten Missionar in Sachen Sexualaufklärung und der "Kinsey-Report" zum Sexualverhalten der Frau steht in mehr als 100.000 deutschen Haushalten. Das Gespräch über "die schönste Nebensache der Welt" war plötzlich en vogue. Die Sitten lockerten sich. Die Rocksäume der Mädchen rutschten immer höher, der Mini wurde geboren.

Doch Vorsicht vor falschen Mythen über die "freizügigen Sechziger": Die neue Liberalität erreicht noch längst nicht alle Schichten und Altersgruppen der Gesellschaft. Noch immer versuchen viele Erwachsene, das Rad der Zeit zurückzudrehen – manchmal mit etwas skurrilen Methoden. So lässt ein Kinobetreiber bei der Vorführung des ersten Oswalt-Kolle-Films ein Seil mitten durch den Saal spannen. "Auf die linke Seite des Seils setzt er die weiblichen und auf die rechte die männlichen Besucher. Die ersten beiden Plätze links und rechts jenseits der Seite bleiben frei. Sicher ist sicher, lautet die Devise. Moral und Anstand werden so zumindest für die Dauer des Films gewahrt."[6]

"Meine Freundin hatte mir einen Knutschfleck am Hals gemacht – meine Mutter ging zur Mutter dieses 'Flittchens', machte eine irrsinnige Szene, wurde rausgeschmissen, mir wurde jeder Kontakt mit meiner Freundin verboten – es hätte meine Mutter nicht gewundert, wenn diese 'Hure' bald ein Kind von mir gekriegt hätte. (Anderthalb Jahre später habe ich das erste Mal mit einem Mädchen geschlafen.)"[7]

Für die Mehrzahl der Jugendlichen war die Beatmusik ein Angebot des Freizeitmarktes, nicht mehr. Erst die überzogenen Reaktionen der Erwachsenenwelt luden an sich harmlose Freizeitvergnügungen und Modetrends mit rebellischen Interpretationsmustern auf.

"Im Schülerheim, in dem ich nach der Scheidung meiner Eltern wohnte, hatten wir alle die Wände um unsere Betten mit Bildern und Postern von Stones, Beatles usw. beklebt. Bei einem Besuch riss meine Mutter vor den Augen der anderen Jungs die Bilder über meinem Bett ab, zerknüllte sie und verließ wortlos das Heim. Was ich da empfand an Wut, Demütigung, an Verlassenheit ..."[8]

"Der Beat trennte uns von den Eltern, er gab uns Identität, er gab uns Ausdrucksmittel – er machte das UNS. In aller Vereinzelung schaffte der Beat die Gemeinsamkeit, den Zusammenhang, das Wir-Gefühl derer, die die gleiche Musik liebten, die Haare lang trugen, das gleiche feeling hatten, unter der gleichen Verachtung litten. Der Beat wollte nur uns, die Jugendlichen ansprechen, er war nicht für alle, nicht für die Eltern, die Alten, die Reaktionäre, die Gefühllosen und auch nicht für die Pfadfinder, die ordentlichen Kinder, die mit ihren Eltern Hausmusik machten, die nicht neugierig waren auf die Wirkung des Alkohols, die Bügelfalten in den Hosen hatten und auf den Köpfen kurze Haare. Der Beat trennte uns von den Alten und den Anderen. Er war der mächtige Geburtshelfer der neuen Teilkultur der Jugendlichen, er gab uns Ausdruck und Identität. Aber erst der erbitterte Kampf der Alten machte den Beat zum Ausdruck und zur Identität GEGEN die Alten, die Bürger, die anderen."[9]

Bereits Mitte der Sechzigerjahre erzielte der Beat diese empathische Wirkung nur noch bei einer Minderheit der Jugendlichen. Denn die Beat-Fans waren inzwischen zur dominanten Jugendkultur aufgestiegen, quer durch alle Schichten und sozialen Milieus, von den Älteren mehr belächelt als gefürchtet. So präsentiert selbst Springers spießig-konservative Fernsehillustrierte "Hör zu" auf ihrem hauseigenen Label Ende 1965 anlässlich der Deutschland-Tour der Rolling Stones eine eigene LP der "härtesten Band der Welt": "... zu viele messen die neue Zeit mit alten Maßstäben. Und es gehört eine Menge Mut dazu, gegen Vorurteile anzurennen. Mick, Keith, Brian, Bill und Charlie sind fünf Individualisten, die als Rolling Stones weltberühmt wurden. Die Jugend jubelt ihnen zu, und manchmal gehen in der Begeisterung für sie ein paar Stühle kaputt. Die Welt wird jedenfalls durch Idole wie die Rolling Stones nicht in Scherben fallen." (aus dem Backcover-Text)

Doch wie immer, wenn eine Subkultur prächtig gedeiht und wächst, schließlich die von der Mehrheitsgesellschaft um sie herum aufgebauten Mauern sprengt und sich mit dem Mainstream vermischt, spalten sich erneut kleinere Subkulturen ab: die Härteren, die statt der Beatles zukünftig lieber The Doors oder Jimi Hendrix hörten, und diejenigen, die ihre Musik- und Modeleidenschaft (wieder) zu einem ganzheitlichen Lebensstil verdichteten. Zum Beispiel die Gammler.

Fußnoten

1.
Lamprecht 1965, S. 100.
2.
Baacke, Dieter: Beat - die sprachlose Opposition. München 1972, S. 33 und 171.
3.
Beatmusik in der Bundesrepublik Deutschland 1963-67. Erkrath 2001, S. 55.
4.
Shell Deutschland (Hrsg.): 50 Jahre Shell Jugendstudie. Von Fräuleinwundern bis zu neuen Machern. Berlin 2002, S. 53.
5.
Siebert, Daniel: Die Entwicklung der Rockmusik-Kultur in Hanau von den 50er Jahren bis heute. Frankfurt/Main 2002, S. 42.
6.
Shell Deutschland 2002, S. 36.
7.
Jaenicke, Dieter: Bewegungen. Versuch, die eigene Geschichte zu begreifen. Berlin 1980, S. 24.
8.
ebd.
9.
ebd., S. 26.

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