Daniel Cohn Bendit gemeinsam mit anderen Aktivisten auf einer Demonstration in Saarbrücken im Jahr 1968.

9.1.2008 | Von:
Axel Schildt

Vor der Revolte: Die Sechziger Jahre

Laut einer Studie im Jahr 1965 werde die junge Generation nie revolutionär. Doch die kritische Auseinandersetzung mit der bundesdeutschen Gesellschaft begann nicht erst 1968.

In den 60er Jahren das Objekt der Begierde: ein Plattenspieler. Foto: APIn den 60er Jahren das Objekt der Begierde: ein Plattenspieler. (© AP)
Professionelle Beobachter waren von der eruptiven Wucht der 1967 eskalierenden Protestbewegung völlig überrascht, hatten sie doch noch kurz zuvor ein vorherrschendes politisches Desinteresse registriert [1]; eine auf Konsumangebote fixierte und von diesen manipulierte Jugend schien heranzuwachsen [2]. Speziell die Studierenden galten geradezu als "schweigende Generation" (Helmut Thielicke). Der Sozialwissenschaftler und Bildungspolitiker Ludwig von Friedeburg befand 1965: "Überall erscheint die Welt ohne Alternativen, passt man sich den jeweiligen Gegebenheiten an, ohne sich zu engagieren, und sucht sein persönliches Glück in Familienleben und Berufskarriere. In der modernen Gesellschaft bilden Studenten kaum mehr ein Ferment produktiver Unruhe." [3]




Das Überraschungsmoment der Revolte beförderte schon bald die in der Publizistik weithin geteilte Vorstellung von 1968 als tiefer Zäsur zwischen bleiernen Zeiten des autoritären Immobilismus und den lichten Weiten einer modernen Zivilgesellschaft oder - je nach Provenienz der Betrachter - zwischen geordneten Verhältnissen und ihrer Auflösung. Von jenem Jahr aus betrachtet, interessierte der erste Teil der Dekade dementsprechend lediglich als "Inkubationszeit des Protests" [4] oder aber als Umschlagen des "Reform-Gedankens" in ein "Revolutions-Postulat" [5]. Erst seit kürzerer Zeit beginnt die Zeitgeschichtsschreibung demgegenüber, die Gesellschaft der sechziger Jahre in ihrer "eigenständigen Bedeutung" [6] intensiv zu erkunden [7]. Aus dieser Perspektive lässt sich bereits die Zeit um 1960 als tiefer gesellschaftlicher Umbruch konturieren [8] und wird schließlich auch die spektakuläre Protestbewegung im letzten Drittel der Dekade, teleologischer Zuschreibungen entkleidet, in einen weiteren historischen Zusammenhang gestellt werden können.

Der folgende Beitrag skizziert einige gesellschaftliche Tendenzen der Bundesrepublik in den frühen sechziger Jahren, fragt nach politischen Anlässen, Wahrnehmungen und Motiven, die oppositionelle Aufbrüche in diesem Zeitraum bewirkten, und wendet sich schließlich der Entstehung einer Neuen Linken zu.

Das Ende der Nachkriegszeit



Als kleinster gemeinsamer Nenner bisheriger Deutungen scheint sich herauszukristallisieren, die sechziger Jahre als eine "Phase der Gärung" zu verstehen, "in der sich eine Fülle von Veränderungsimpulsen wechselseitig verstärkten" [9]. Nicht nur die Nachkriegszeit [10] war zu Ende gegangen, sondern eine ganze industriegesellschaftliche Epoche, die vor der Jahrhundertwende begonnen hatte. Der Strukturwandel der Volkswirtschaft, der in den fünfziger Jahren bereits mit hohem Tempo begonnen hatte, setzte sich dynamisch fort und leitete den Übergang zur "tertiären" oder Dienstleistungsgesellschaft ein. Zudem galt die Bundesrepublik nach der hermetischen Schließung der Grenzen auch nach West-Berlin durch die DDR ihren Bewohnern kaum mehr als "Provisorium"; in Umrissen zeichnete sich vielmehr eine spezifisch westdeutsche "neue Gesellschaft" ab, wie es der junge Soziologe Ralf Dahrendorf in einer prominenten "Bestandsaufnahme" formulierte [11] . Die Bevölkerung der Bundesrepublik verjüngte sich im "Babyboom" der frühen sechziger Jahre wie in keinem anderen Jahrzehnt ihrer Geschichte, und durch die Zuwanderung von Arbeitskräften aus südeuropäischen Ländern wurde Westdeutschland faktisch zum Einwanderungsland, dem gegenüber die DDR als traditionell deutsch wahrgenommen wurde.

Der durchschnittliche Arbeitnehmerhaushalt vermochte in den sechziger Jahren am enorm gestiegenen Konsum der neuen "Wohlstandsgesellschaft" in nie gekanntem Ausmaß teilzuhaben. Die Nettoeinkommen stiegen in jener Dekade um ca. 50 Prozent. Dieser Wohlstandszuwachs, er zeigte sich etwa bei der Verbesserung des Wohnkomforts und der raschen Verbreitung von Konsumgütern, die zuvor als Luxus gegolten hatten, ließ neue Lebensstile entstehen. Charakteristisch war dafür ein in der deutschen Geschichte zumindest des 20. Jahrhunderts einmaliger Eigenheimbauboom. Allein von 1961 bis 1968 erhöhte sich der Anteil der wohnungsbesitzenden an allen Haushalten von 29,1 auf 34,3 Prozent [12] . Vorstädtische Bungalow-Siedlungen galten den Zeitgenossen als Inbegriff einer neuen Konsum-Moderne. Parallel dazu stieg die Zahl der Autos von ca. vier im Laufe der sechziger Jahre auf ca. 13 Millionen - Westdeutschland überschritt in eben jenem Jahrzehnt die Schwelle zur automobilen Gesellschaft. Suburbanes Wohnen und Automobilisierung gingen einher mit einer beträchtlichen Verkürzung der Arbeitszeit, die ihre größte Ausdehnung Mitte der fünfziger Jahre mit fast 50 Stunden an sechs Werktagen erreicht hatte. Bis Ende der sechziger Jahre verkürzte sich die Dauer der Arbeitszeit um etwa fünf Stunden, und es setzte sich die fünftägige Arbeitswoche mit einem "langen Wochenende" flächendeckend durch.[13]

Der gestiegene Stellenwert massenkultureller Konsumption im Verlauf der Transformation einer modernen Industrie- zu einer postindustriellen Gesellschaft führte zu einer neuen Qualität, für die der Soziologe Gerhard Schulze den Begriff "Erlebnisgesellschaft" vorgeschlagen hat. Unter den veränderten materiellen Bedingungen wurde das zentrale existenzielle Problem nicht mehr im Überleben, sondern im Erleben gesehen. Lebensalter und das Wahrnehmungsraster jung - alt mit einem jugendspezifischen Anspruch auf Progressivität rückten in den sechziger Jahren in den Vordergrund sozialer Wahrnehmung [14] .

Die "Erlebnisgesellschaft" scheint in der Tat als idealtypischer Begriff den Kern massenkultureller Veränderungen in jenem Zeitraum recht gut zu erfassen. Anfang der sechziger Jahre (1961) wurden etwa vier Millionen Fernsehhaushalte, 1970 über 15 Millionen gezählt. Der Aufstieg des neuen audiovisuellen Mediums [15] schuf eine neue Erlebnisdimension, eine gewaltige Vermehrung fiktionaler filmischer Angebote und der Möglichkeiten, sich über ferne und nahe Welten informieren und zugehörige Bilder auf sich wirken zu lassen. In den sechziger Jahren, in denen das Fernsehen noch den frischen Reiz des Ungewohnten ausstrahlte und zudem wegen der eingeschränkten Programmauswahl viel gemeinsamen Gesprächsstoff an der Arbeitsstelle, beim Einkauf und über den Gartenzaun hinweg lieferte, gewann das neue Medium einen bisher kaum ausgeloteten tiefen Einfluss auf die Kommunikation im halböffentlichen Alltagsraum.

Dass das audiovisuelle Medium dem Lesen von Zeitungen und Zeitschriften keinen Abbruch tat, weist darauf hin, dass sich der Medienkonsum differenzierte und nicht einfach vom Fernsehen monopolisiert wurde. Zumindest die an Kiosken dominierenden Titelbilder von Illustrierten lassen den Eindruck eines allgemeinen Drangs zu expressiver Visualisierung und Buntheit gewinnen, der sich vor allem in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre stetig verstärkte, als in der Mode so genannte "Schockfarben" für Aufsehen sorgten und das Fernsehen (1967) selbst farbig wurde.

Der im Kontext der "Erlebnisgesellschaft" als typisch angesehene kulturelle Konflikt zwischen Jugendlichen und erwachsener Bevölkerungsmehrheit, der in jenem Jahrzehnt öffentlich in nie zuvor gekanntem Ausmaß diskutiert wurde und rasch eine politische Dimension gewann, enthält viele Hinweise auf gewandelte Auffassungen, die sich im Streit um Haar- und Rocklänge, Tänze und Musikstile niederschlugen. Die Twist-, Rock- und Beat-Rhythmen der sechziger Jahre, die in der ersten Hälfte des Jahrzehnts vor allem aus Großbritannien, dann aus den USA importiert wurden, sind in ihrer Bedeutung als internationaler jugendkultureller Code von kaum zu überschätzender Bedeutung. Hierin drückten sich jugendliche Wünsche nach mehr "Lockerheit" und "Freiheit" am nachdrücklichsten aus und wurden entsprechend von einem großen Teil der Elterngeneration als Kampfansage aufgefasst. Aber nicht nur in der Jugend, sondern auch in der Bevölkerung allgemein waren die Anfänge eines tief greifenden Wertewandels erkennbar. Dieser vollzog sich von der Dominanz so genannter Pflicht- und Akzeptanzwerte hin zu Selbstentfaltungswerten, wie soziologische Beobachter schon Anfang der sechziger Jahre bemerkten [16] .

Fußnoten

1.
Vgl. Klaus Allerbeck/Wendy J. Hoag, Jugend ohne Zukunft? Einstellungen, Umwelt, Lebensperspektiven, München-Zürich 1985, S. 131 ff.
2.
Vgl. zum sozialwissenschaftlichen Jugenddiskurs der frühen sechziger Jahre die Skizze von K. Allerbeck/W. J. Hoag, ebd., S. 34 ff.; Hartmut M. Griese, ,Jugend(sub)kultur(en)' - Facetten, Probleme und Diskurse, in: Roland Roth/Dieter Rucht (Hrsg.), Jugendkulturen, Politik und Protest. Vom Widerstand zum Kommerz?, Opladen 2000, S. 37-47, hier S. 41 ff.
3.
Ludwig von Friedeburg, Jugend in der modernen Gesellschaft, Köln-Berlin 1965, S. 18.
4.
Heinz Bude, Das Altern einer Generation. Die Jahrgänge 1938 bis 1948, Frankfurt/M. 1997, S. 55.
5.
Hermann Rudolph, Mehr als Stagnation und Revolte. Zur politischen Kultur der sechziger Jahre, in: Martin Broszat (Hrsg.), Zäsuren nach 1945. Essays zur Periodisierung der deutschen Nachkriegsgeschichte, München 1990, S. 141-151, hier S. 149.
6.
Karl Dietrich Bracher, Die Bewährung der Zweiten Republik. Einleitender Essay, in: Klaus Hildebrand, Von Erhard zur Großen Koalition: 1963-1969, Stuttgart-Wiesbaden 1984, S. 7-16, hier S. 7.
7.
Vgl. Axel Schildt/Detlef Siegfried/Karl C. Lammers (Hrsg.), Dynamische Zeiten. Die sechziger Jahre in den beiden deutschen Gesellschaften, Hamburg 2000.
8.
Vgl. Axel Schildt/Arnold Sywottek (Hrsg.), Modernisierung im Wiederaufbau. Die westdeutsche Gesellschaft der fünfziger Jahre, Bonn 1998².
9.
Klaus Schönhoven, Aufbruch in die sozialliberale Ära. Zur Bedeutung der sechziger Jahre in der Geschichte der Bundesrepublik, in: Geschichte und Gesellschaft, 25 (1999), S. 123-145, hier S. 127.
10.
Vgl. als ausführlichere und dichter belegte Version der in diesem Abschnitt skizzierten Tendenzen Axel Schildt, Materieller Wohlstand - pragmatische Politik - kulturelle Umbrüche. Die sechziger Jahre in der Bundesrepublik, in: A. Schildt u. a. (Anm. 7), S. 21-53.
11.
Ralf Dahrendorf, Die neue Gesellschaft. Soziale Strukturwandlungen der Nachkriegszeit, in: Hans Werner Richter (Hrsg.), Bestandsaufnahme. Eine deutsche Bilanz 1962, München u. a. 1962, S. 203-220.
12.
Vgl. Werner Polster/Klaus Voy, Eigenheim und Automobil - Materielle Fundamente der Lebensweise, in: Klaus Voy u. a. (Hrsg.), Gesellschaftliche Transformationsprozesse und materielle Lebensweise. Beiträge zur Wirtschafts- und Gesellschaftsgeschichte der Bundesrepublik Deutschland (1949-1989), Marburg 1991, S. 263-320, hier S. 266 ff.
13.
Vgl. Edwin Schudlich, Die Abkehr vom Normalarbeitstag. Entwicklung der Arbeitszeiten in der Industrie der Bundesrepublik seit 1945, Frankfurt/M.-New York 1987, S. 46 ff.
14.
Vgl. Gerhard Schulze, Die Erlebnisgesellschaft. Kultursoziologie der Gegenwart, Frankfurt/M.-New York 19966, S. 531 ff.
15.
Vgl. Knut Hickethier (unter Mitarbeit von Peter Hoff), Geschichte des deutschen Fernsehens, Stuttgart-Weimar 1998.
16.
Vgl. Peter Kmieciak, Wertstrukturen und Wertwandel in der Bundesrepublik Deutschland, Göttingen 1976; Heinz-Otto Luthe/Heiner Meulemann (Hrsg.), Wertewandel - Faktum oder Fiktion?, Frankfurt/M.-New York 1988; Peter Ph. Mohler, Wertewandel in der Bundesrepublik in den sechziger Jahren. Ein "Top Down"- oder ein "Bottom Up"-Prozess?, in: Helmut Klages (Hrsg.), Werte und Wandel. Ergebnisse und Methoden einer Forschungstradition, Frankfurt/M. 1992, S. 40-68.

Dossier

Prag 1968

Vor 50 Jahren beendeten Kampftruppen aus der Sowjetunion, Bulgarien, Ungarn und Polen gewaltsam die reformkommunistische Bewegung des "Prager Frühlings" in der damaligen CSSR (den heutigen Ländern Tschechien und Slowakei). Damit machte die kommunistische Führung der Sowjetunion unmissverständlich deutlich, dass sie in ihren osteuropäischen Satellitenstaaten kein Abweichen von ihrem ideologischen und diktatorischen Kurs duldete.

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