Daniel Cohn Bendit gemeinsam mit anderen Aktivisten auf einer Demonstration in Saarbrücken im Jahr 1968.

9.1.2008 | Von:
Uta G. Poiger

Amerikanisierung oder Internationalisierung?

Populärkultur in beiden deutschen Staaten

Jugendkultur in der DDR nach dem Mauerbau



Als die Ost-Berliner Führung am 13. August 1961 die Berliner Mauer bauen ließ, sah sie den so genannten "antifaschistischen Schutzwall" nicht nur als Mittel an, um Arbeitskräfte in der DDR zu halten, sondern auch, um gefährliche westliche Einflüsse abzuwehren. In den Wochen nach dem Mauerbau waren die DDR-Zeitungen voll von Berichten über die Schließung der von der Führung geschmähten, von vielen DDR-Bürgern regelmäßig besuchten West-Berliner Kinos nahe der Sektorengrenze. Diese hatten ganze Ost-Berliner Schulklassen mit westlichen und vor allem amerikanischen Filmen versorgt.

Um die Unzufriedenheit der Bevölkerung zu beschwichtigen, bediente sich die SED eines Rezepts, das sie auch schon in anderen Krisensituationen, zum Beispiel nach dem 17. Juni 1953, ausprobiert hatte: Sie schuf kurzfristig größere Freiräume im Bereich der Unterhaltung, ohne den Kampf gegen westliche Kultureinflüsse aufzugeben. Die Stadtverwaltungen hielten Kinos an, ein besonders interessantes Programm zu bieten, und Parteiorganisationen drängten Restaurants dazu, mehr Tanzabende abzuhalten. Gleichzeitig brachten die Zeitungen Berichte, dass staatliche Jugendklubs junge Grenzgänger in Jeans zu respektablen jungen Männern in Anzügen verwandelt hatten, die mit jungen Frauen in modischen Kleidern tanzten. Ein interner Bericht warnte jedoch, dass ehemalige Grenzgänger nach wie vor dem Staat gegenüber feindlich eingestellt seien.[16]

Die DDR-Führung politisierte den jugendlichen Kulturkonsum. Im September 1961 startete die FDJ eine Kampagne gegen so genannte "Nato-Sender", um den Empfang westlicher Radio- und Fernsehstationen zu unterbinden. FDJ-Mitglieder gingen soweit, Antennen, die nach Westen zeigten, abzuknicken, selbst wenn derartige Aktionen den Zugang zu westlicher Musik allenfalls kurzzeitig unterbrachen.[17] Als Ost-Berliner Jazzfans versuchten, im Herbst 1961 einen Jazzklub an der Humboldt-Universität zu gründen, waren Mitglieder des Zentralrats der FDJ tief beunruhigt. Jazzvereine seien das Werk westlicher Agenten, hieß es, der Jazz werde durch Kommerz und imperialistische Ideologien beeinflusst und sei daher Ausdruck bürgerlicher Dekadenz. Doch waren sich die Funktionäre auch der Argumente bewusst, die immer wieder von Verfechtern des Jazz vorgebracht wurden, nämlich dass Jazz die authentische Musik der Schwarzen in den USA sei, und empfahlen daher Jazzfreunden, sich in bereits bestehenden Gruppen von Liebhabern der Volksmusik zu engagieren. Im Gegensatz zur Bundesrepublik war Jazz in der DDR weiterhin politisch verdächtig.[18]

Im Laufe der sechziger Jahre vollzog die DDR-Führung eine Art Zickzackkurs in Sachen westlicher Kultureinflüsse. Es gab wiederholt Kampagnen gegen Westsender, und Funktionäre versuchten, die Musik, die in der DDR gespielt wurde, zu kontrollieren. Zeiten relativer Nachgiebigkeit wechselten mit Phasen starker Unterdrückung. 1963 schlug die SED im Rahmen der Ulbricht'schen Reformbestrebungen mit ihrem Jugendkommuniqué einen neuen Weg in der Jugendpolitik ein. Der Jugend wurde als "Hausherren von morgen" eine wichtige Rolle beim Aufbau des Sozialismus zuerkannt. Manches ähnelte den Äußerungen westlicher Politiker und Pädagogen: Jugendliche sollten Spaß haben und ihre Freizeit vor allem miteinander verbringen; sie könnten gar über ihren Takt selbst entscheiden, allerdings nur, solange es "taktvoll" bleibe. Neue Angriffe gegen die "psychologische Kriegführung des Westens" zeigten, wie schwierig es für die DDR-Führung war, ein Gleichgewicht zwischen dem Verlangen vieler Jugendlicher nach Autonomie und der geforderten Treue zum sozialistischen System zu finden.[19]

Jugendliche und Kulturschaffende, aber auch viele Funktionäre reizten die Freiräume aus. Man tanzte den Twist, und an vielen Orten der DDR wurden Rock- und Beatgruppen gegründet. 1963 ließ die DDR den ersten amerikanischen Western in die Kinos: "Die glorreichen Sieben" (USA 1960) mit Horst Buchholz. Zwei Jahre später wurde eine LP der Beatles herausgebracht, zu der es in der Presse hieß, dass Beat, wie früher der Jazz, im Westen durchaus eine Protestmusik sei. Aus Anlass des von der FDJ organisierten gesamtdeutschen "Deutschlandtreffens der Jugend" wurde 1964 das "Jugendradio DT 64" gegründet, das seine Zuhörer mit westlicher Rock- und Beatmusik und den Produkten einheimischer Bands bediente, obwohl für Musiker und Stationen weiterhin die Regel galt, dass höchstens 40 Prozent ihrer Musik aus dem westlichen Ausland stammen durfte.[20] Die DDR versorgte mit zwei eigens aufgebauten Sendern auch Jugendliche in der Bundesrepublik mit westlicher Beatmusik, die bis 1965 kaum auf westdeutschen Kanälen gesendet wurde.[21]

Bald entglitt die neue Jugendkultur jedoch der Kontrolle von SED und FDJ. Ab 1964 begann insbesondere Erich Honecker, im ZK zuständig für Sicherheitsfragen und zweiter Mann hinter Ulbricht, die neue Offenheit einzuzäumen. In der Presse fanden sich wieder verstärkt Kampagnen gegen die Gefahren westlicher Einflüsse. Hier kam es zu einer bemerkenswerten Allianz der "Bild"-Zeitung und des "Neuen Deutschland": Nach dem Konzert der Rolling Stones auf der West-Berliner Waldbühne, bei dem es im September 1965 zu Krawallen gekommen war, druckte das Parteiorgan Beschreibungen aus "Bild" ab, denen zufolge junge Frauen sich ekstatisch ihrer Unterwäsche entledigt hätten. Hier war es durch männliche Aggressivität und weibliche Sexualität zu Überschreitungen von Geschlechternormen gekommen, die in Ost wie West beunruhigend wirkten.[22]

Im Herbst 1965 wurde vielen Beatbands die Lizenz entzogen. Ein Gitarrenwettbewerb der FDJ wurde gestoppt, als zu viele Einsendungen amerikanische oder britische Einflüsse zeigten. In Leipzig verhaftete die Polizei im Oktober viele Teilnehmer einer so genannten "Beat-Demo", auf der 2500 Fans gegen die Repressionen protestiert hatten. Leipziger Parteifunktionäre griffen die "amerikanische Unkultur" unter Jugendlichen an, unter denen angeblich "Texasideologie" und "Rangerverhalten" grassierten. Das bezog sich auf die Beliebtheit der amerikanischen TV-Serie "Texas Ranger", die damals im Westfernsehen lief. Nach der Leipziger Demonstration ermunterte die FDJ ihre Mitglieder, Klassenkameraden die langen Haare abzuschneiden. Manche Beatfans wurden zu Gefängnis oder Arbeitslager verurteilt.[23]

Im Dezember 1965 setzte die SED zum kulturellen "Kahlschlag" an. Honecker hielt auf dem berüchtigten 11. Plenum des Zentralkomitees der SED eine Rede, in der er sich darüber beschwerte, dass DT 64 "Erscheinungen der amerikanischen Unmoral und Dekadenz" nicht offen entgegentrete.[24] "Antihumanistische Darstellungen" in Filmen, im Fernsehen und in Zeitschriften seien die Ursache für "Erscheinungen der Unmoral und einer dem Sozialismus fremden Lebensweise". Die Beatles und die Rolling Stones förderten offenbar Gewalt und sexuelle Triebhaftigkeit und wirkten moralzersetzend. Dass diese Gruppen aus Großbritannien kamen, spielte keine Rolle. Sie standen offensichtlich in der Tradition von Elvis Presley und Bill Haley, die bereits in den fünfziger Jahren von der SED als Teil der psychologischen Kriegführung des Westens identifiziert worden waren.

Während die meisten Redner auf dem ZK-Plenum auf alte Muster zurückgriffen, nahmen andere Äußerungen Bezug auf liberalere Diskurse, die inzwischen im Westen gängig waren. Begriffe wie "entartet" kamen kaum mehr vor. Stattdessen wandten sich viele gegen "Skeptizismus", "Objektivismus" oder "bürgerliche Theorien von der Einsamkeit des Menschen" und griffen Konzepte an, die von westdeutschen und amerikanischen Soziologen verwendet worden waren, etwa von Schelsky, Riesman oder Daniel Bell. ZK-Mitglieder empfahlen, das jugendliche Klassenbewusstsein durch ideologische Schulung zu festigen. Nach dem 11. Plenum wurden zahlreiche DDR-Filme verboten, und Musiker und Schriftsteller wurden in ihrer Arbeit behindert.[25]

1966 beauftragte die SED das Leipziger Zentralinstitut für Jugendforschung mit der so genannten Pilzkopfstudie, um die Haltungen von langhaarigen Jugendlichen zu untersuchen. Im Gegensatz zu öffentlichen Darstellungen über Beatfans zeigte die Untersuchung, dass die jungen Männer keineswegs minderer Intelligenz waren. Aber sie waren nicht völlig vom Sozialismus überzeugt. Eine weitere Studie fand heraus, dass die Zahl der Jugendlichen, die den Empfang westlicher Sender ablehnten, immer weiter zurückging. Die Ergebnisse der Studien wurden nicht veröffentlicht. Das Regime forderte seine Bürger dazu auf, sich als Arbeiter und Bauern, als Sozialisten und Antifaschisten zu verstehen, doch solche Identifikationen wurden durch alltagskulturelle Einflüsse aus dem Westen und den Konsum populärer Musik und Moden immer weiter unterminiert.[26]

Fußnoten

16.
Vgl. U. G. Poiger (Anm. 1), S. 208f.
17.
Vgl. Ulrich Mählert/Gerd-Rüdiger Stephan, Blaue Hemden, Rote Fahnen. Die Geschichte der Freien Deutschen Jugend, Opladen 1996, S. 142f.
18.
Vgl. U. G. Poiger (Anm. 1), S. 208f.
19.
Vgl. U. Mählert/G.-R. Stephan (Anm. 17), S. 150 - 153.
20.
Vgl. ebd., S. 152 - 160; M. Rauhut (Anm. 3), S. 49 - 106; U.G. Poiger (Anm. 1), S. 216.
21.
Vgl. D. Siegfried (Anm. 9), S. 86.
22.
Vgl. M. Rauhut (Anm. 3), S. 117f.
23.
Vgl. U. Mählert/G.-R. Stephan (Anm. 17), S. 165 - 168; M. Rauhut (Anm. 3), S. 137 - 155; Elfie Rembold, Dem Eindringen westlicher Dekadenz ist entgegenzuwirken. Jugend und die Kultur des Feindes in der DDR, in: Jan C. Behrends/Thomas Lindenberger/Patrice G. Poutrus (Hrsg.), Fremde und Fremdsein in der DDR. Zu historischen Ursachen der Fremdenfeindlichkeit in Ostdeutschland, Berlin 2003, S. 193 - 214.
24.
Vgl. U. Mählert/G.-R. Stephan (Anm. 17), S. 169 - 172; M. Rauhut (Anm. 3), S. 155 - 164.
25.
Vgl. U.G. Poiger (Anm. 1), S. 216f; M. Rauhut (Anm. 3), S. 165 - 208.
26.
Vgl. U. Mählert/G.-R. Stephan (Anm. 17), S. 183 - 187; M. Rauhut (Anm. 3), S. 212 - 216. Siehe auch Ina Merkel, Utopie und Bedürfnis. Die Geschichte der Konsumkultur in der DDR, Köln - Weimar - Wien 1999.

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Prag 1968

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