68er Dossier
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Wider den Muff von 1000 Jahren

Die 68er Bewegung und der Nationalsozialismus


5.6.2008
Welche Bedeutung hatte der Nationalsozialismus für die 68er Bewegung? Die Meinungen gehen auseinander: Die einen betrachten die 68er als logische Konsequenz der damals noch nicht aufgearbeiteten NS-Zeit. Andere werfen ihnen vor, die kritische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ignoriert zu haben.

Im Jahr 2001 bemerkte der damalige Außenminister Joschka Fischer bei seiner Aussage während des Prozesses gegen die mutmaßlichen Terroristen Hans-Joachim Klein und Rudolf Schindler wegen ihrer Beteiligung am Überfall auf die OPEC-Konferenz in Wien 1975: "Hätte Richard von Weizsäcker seine berühmte Rede von 1985 bereits 1965 gehalten, dann säßen wir uns heute hier nicht gegenüber."[1] Der Bundespräsident hatte anlässlich des 40. Jahrestages des Kriegsendes den 8. Mai zum "Tag der Befreiung", und nicht mehr der Niederlage und des Zusammenbruchs, erklärt. Fischers Äußerung impliziert also einen engen kausalen Zusammenhang zwischen der NS-Vergangenheit und der 68er Bewegung – um mit Daniel Cohn-Bendit, einem anderen prominenten 'Alt-68er', zu sprechen: "Für uns war Auschwitz eine Folie, die unsere Gedanken quälte."[2]

Beitrag zur 'Vergangenheitsbewältigung'?



Gerichtssaal für den Auschwitz-Prozess im Frankfurter Bürgerhaus. Viele 68er schlossen sich der Protestbewegung an, um auf die damals nur ansatzweise aufgearbeiteten Verbrechen der Nationalsozialisten aufmerksam zu machen. Foto: APGerichtssaal für den Auschwitz-Prozess im Frankfurter Bürgerhaus. Viele 68er schlossen sich der Protestbewegung an, um auf die damals nur ansatzweise aufgearbeiteten Verbrechen der Nationalsozialisten aufmerksam zu machen. (© AP)
Welche Bedeutung allerdings der Protestbewegung im Blick auf die Aufarbeitung des nationalsozialistischen Erbes beizumessen ist, darüber finden sich verschiedene und teilweise diametral entgegengesetzte Urteile. Pointiert stehen sich die Positionen bei Norbert Frei und Kurt Sontheimer gegenüber, die sich Anfang 2001 in der "Zeit" zu Wort meldeten.[3] So sieht Frei die 68er "in einem hohen Maße als Nachgeschichte des Nationalsozialismus" und spricht von "ertrotzte[r] Aufklärung". Sontheimer hält dagegen: "[A]n einer ernsthaften Auseinandersetzung mit der Vergangenheit waren sie nicht interessiert und haben dafür auch nichts geleistet." Auch als Motiv des Generationenkonflikts selbst wird die NS-Vergangenheit unterschiedlich bewertet.[4]

Während Hermann Lübbe gegen den 'Mythos' argumentiert, die Studentenbewegung sei eine "Antwort auf die Unbereitschaft der Vätergeneration gewesen, sich ihrer nationalsozialistischen Vergangenheit zu stellen",[5] spricht Heinz Bude von einer "lähmenden Fixierung auf die Geschichte ihrer Eltern".[6] Dadurch wurde die Bundesrepublik zum ersten Mal, so Lothar Baier, "von innen her gezwungen, sich politisch, moralisch und theoretisch mit ihrer Herkunft aus dem nationalsozialistischen Deutschland auseinanderzusetzen, zum ersten Mal sahen sich [...] Täter nicht 'vom Ausland', sondern von ihren Kindern, ihren Studenten, ihren Untergebenen ihrer Taten wegen zur Rede gestellt."[7]

Diesen Zäsurcharakter hat die Geschichtswissenschaft inzwischen allerdings deutlich abgeschwächt. [8] Die Kompromissformeln reichen von der Einordnung der NS-Vergangenheit als "ein wesentliches, wenn auch nicht das alleinige Antriebselement für die westdeutsche Protestbewegung von 1968"[9] über die Bezeichnung der 68er als "symbolischer Kulminationspunkt eines kulturevolutionären Prozesses"[10] bis hin zu Formulierungen wie einer Teilinitiierung der Debatte, deren Intensivierung, Forcierung, Radikalisierung oder Emotionalisierung.[11] Verstärkt wird der Blick auf die so genannte '45er'-Generation gelenkt – auch als 'skeptische' oder 'Flakhelfer-Generation' bezeichnet –, die den eigentlichen Anstoß für die Kritik an der Vergangenheitspolitik der fünfziger Jahre geliefert habe.[12] In diesem Kontext erscheinen die 68er "eher [...] als fellow travellers der Flakhelfer-Generation, deren Ansätze sie weiterführten und von der sie sich durch Radikalisierung der Kritik zu emanzipieren versuchten".[13] Somit hatten sie in erster Linie katalytische Wirkung auf den sich bereits seit Ende der fünfziger Jahre wandelnden Umgang mit dem Nationalsozialismus.[14] Insbesondere der Ulmer Einsatzgruppenprozess von 1958, in dessen Gefolge die Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg eingerichtet wurde, und mehrere antisemitische Vorfälle, so z. B. die Schmierereien an der Kölner Synagoge zu Weihnachten 1959, gelten als Auslöser für eine intensivere und offenere Auseinandersetzung mit dem 'Dritten Reich'. Diese fand auf mehreren Ebenen statt. So erregten in juristischer Hinsicht die zahlreichen NS-Prozesse der sechziger Jahre Aufmerksamkeit. Vor allem der 1961 in Jerusalem stattfindende Prozess gegen Adolf Eichmann sowie die Frankfurter Auschwitzprozesse 1963–1965 entwickelten sich zu Medienereignissen und konfrontierten die Bevölkerung mit den NS-Verbrechen. Literatur, Theater und Film griffen die Thematik auf. So verarbeitete Peter Weiss die Protokolle des ersten Auschwitz-Prozesses in seinem Dokumentardrama "Die Ermittlung. Oratorium in elf Gesängen" (1965). Wolfgang Staudtes Spielfilm "Rosen für den Staatsanwalt" (1959) befasste sich wiederum mit den personellen Hinterlassenschaften der NS-Justiz, während Rolf Hochhuths Theaterstück "Der Stellvertreter" (1963) mit dem Verhalten der katholischen Kirche in der NS-Zeit kritisch ins Gericht ging. Auf politischer Ebene sorgten vor allem die Verjährungsdebatten des Bundestages 1965 und 1969 sowie die Skandale um Politiker mit 'brauner Vergangenheit' wie z. B. Hans Globke oder Theodor Oberländer für die Präsenz der NS-Zeit in der Öffentlichkeit.[15]

Nachholende Entnazifizierung



Gerade die personellen Kontinuitäten vom 'Dritten Reich' zur Bundesrepublik waren ein wesentlicher Kritikpunkt der Studentenbewegung. Es herrschte der Eindruck vor, so Joschka Fischer rückblickend, "daß nahezu alle westdeutschen Eliten durchwebt waren von den Mitläufern und Mittätern des Adolf Hitler".[16] Bereits 1959 wurde innerhalb des SDS diese Thematik auf die Agenda gesetzt mit der von Reinhard Strecker initiierten Wanderausstellung "Ungesühnte Nazijustiz", die insofern als Initialzündung für die Auseinandersetzung der Studenten mit der NS-Vergangenheit gelten kann. Der Blick wurde auch auf die Universitäten gelenkt. Nicht zuletzt nimmt einer der bekanntesten Slogans der 68er Bewegung Bezug auf die Verstrickung zahlreicher Professoren in das NS-Regime: 'Unter den Talaren Muff von 1000 Jahren'. Seit Mitte der sechziger Jahre beschäftigten sich unter anderem Ringvorlesungen an verschiedenen Hochschulen[17] und Schriften wie Rolf Seeligers "Braune Universität"[18] mit deren Geschichte während der NS-Zeit. Die Motivation hierfür entsprang "nicht der Lust an einer aktenschnüffelnden 'Vergangenheitsbewältigung', sondern der Sorge um unsere demokratische Gegenwart und Zukunft".[19] Eine SDS-Flugschrift vom Januar 1969 bezog diese Befürchtungen auf die universitären Strukturen: "Die Transformation von der autoritären zur totalitären Hochschule [...] entspricht dem Übergang vom Liberalismus zum Faschismus [...] um 1933. Die Hochschulen befinden sich bereits im Prozeße [sic!] einer schleichenden Faschisierung."[20]

Kurt Georg Kiesinger (CDU) war von 1966 bis 1969 Bundeskanzler der ersten großen Koalition. Er stand wegen seiner einstigen NSDAP-Parteimitgliedschaft in der Kritik. Foto: APKurt Georg Kiesinger (CDU) war von 1966 bis 1969 Bundeskanzler der ersten großen Koalition. Er stand wegen seiner einstigen NSDAP-Parteimitgliedschaft in der Kritik.(© AP)
Weiterhin waren die teilweise fragwürdigen Vergangenheiten von Politikern von zentraler Bedeutung für die 68er Bewegung. Der Bundeskanzler der Großen Koalition, Kurt Georg Kiesinger, und der damalige Bundespräsident Heinrich Lübke sind hier anschauliche Beispiele. So protestierte der SDS 1966 gegen die Ernennung Lübkes, der während des 'Dritten Reiches' als Bauleiter auch für das Reichsministerium für Rüstung Aufträge durchgeführt hatte, zum Ehrensenator der Universität Bonn: "Das Rektorat hat sich mit seinem Vorgehen offen mit KZ-Baumeistern als Ehrensenatoren solidarisiert. Daß es diese Solidarität gegen Anträge auf Diskussion mit dem Einsatz von Schlägertrupps verteidigen läßt, bedeutet ein offenes Bekenntnis des Rektorats zum Faschismus."[21]

Kiesinger wiederum stand aufgrund seiner NSDAP-Mitgliedschaft und seiner Tätigkeit im Reichsaußenministerium in der Kritik.[22] In diesem Zusammenhang spielte vor allem die Journalistin Beate Klarsfeld eine wichtige Rolle. Sie trieb die Diskussion um den Kanzler mit mehreren Dokumentationen zum Nachweis seiner Verstrickung in das NS-Regime und verschiedenen Aktionen immer wieder voran.[23] Berühmtheit erlangte die Ohrfeige, die sie Kiesinger auf dem Bundesparteitag der CDU in Berlin am 7. November 1967 gab[24] – "ein deutscher Erinnerungsort",[25] wie sie selbst rückblickend konstatiert. Auch wenn Klarsfeld der Studentenbewegung nicht angehörte, "war die Ohrfeige ganz aus dem Geist von 1968. Sie war gutes politisches Theater, medial kommunizierbarer, wirkungsvoll inszenierter Protest."[26] So konstatierte ein SDS-Mitglied, dass "eine Ohrfeige mehr transparent zu machen vermöge als zwei Grass-Reden".[27] Klarsfeld begründete ihre Tat damit, dass sie "der öffentlichen Meinung in der ganzen Welt beweisen wollte, daß ein Teil des deutschen Volkes, ganz besonders aber seine Jugen [sic!], sich dagegen auflehnt, dass ein Nazi an der Spitze der Bundesregierung steht, der stellvertretender Abteilungsleiter der Hitlerpropaganda für das Ausland war."[28] Ein Flugblatt der Studenten forderte denn auch voll Empörung "endlich eine richtige Ent- Nazifizierung": "Wir haben sogar einen ehemaligen Nazipropagandisten als Bundeskanzler! [...] Machen wir Schluß damit, daß nazistische Rassenhetzer, daß die Juden-Mörder, die Slawen-Killer, die Sozialisten-Schlächter, daß die ganze Nazi-Scheiße von gestern weiterhin ihren Gestank über unsere Generation bringt. Holen wir nach, was 1945 versäumt wurde: Treiben wir die Nazi-Pest zur Stadt hinaus. [...] Nazi-Richter, Nazi-Staatsanwälte, Nazi-Gesetzgeber aller Coleur [sic!], Nazi- Polizisten, Nazi-Beamte, Nazi-Verfassungsschützer, Nazi-Lehrer, Nazi-Professoren, Nazi-Pfaffen, Nazi-Journalisten, Nazi-Propagandisten, Nazi-Bundeskanzler, und nicht zuletzt gegen Nazi-Kriegsgewinnler, Nazi-Fabrikanten, Nazi-Finanziers. Verweigern wir uns total den Nazis. [...] Damit legen wir den gesamten Apparat dieser miesen Gesellschaft lahm, denn er besteht – bezeichnenderweise! zu einem lebenswichtigen Teil aus den alten Nazis."[29]


Fußnoten

1.
Zit. nach die Tageszeitung, 17.1.2001. Vgl. auch Herbert 2001.
2.
So in einem Interview, in: Der Spiegel, 29.1.2001, S. 86–92, hier S. 87.
3.
Frei 2001. Sontheimer 2001. Vgl. auch Wolfrum 2001, bes. S. 28.
4.
Vgl. dazu Schildt 2003, S. 318–321. Gassert/Steinweis 2006.
5.
Lübbe 1988, S. 18.
6.
Bude 1992, S. 89.
7.
Baier 1987, S. 42. Vgl. auch Rusinek 2000, S. 118. Er spricht vom Durchbrechen der zuvor herrschenden "Diskursblockade" durch die 68er.
8.
Vgl. dazu Mausbach 2006, S. 16 f. Schmidtke 2003, S. 143.
9.
Thamer 1998, S. 39. Vgl. auch Schildt 2003, S. 325.
10.
Leggewie 1988, S. 4.
11.
Vgl. u. a. Mausbach 2006, S. 38. Kleßmann 1991, S. 100. Siegfried 2000, S. 104. Thamer 1998, S. 41.
12.
Vgl. dazu Moses 2000. Mausbach 2006, S. 27, 38.
13.
Herbert 2001.
14.
Dorothea Hauser spitzt zu: "Der Rekurs auf die NS-Vergangenheit seitens der APO [...] ist nicht auf deren Abwesenheit, sondern vielmehr auf deren Anwesenheit in der politischen Debatte zurückzuführen." Hauser 2006, S. 1277. Vgl. auch Mausbach 2006, S. 16. Schmidtke 2003, S. 155. Zum Umgang mit der NS-Vergangenheit in den sechziger Jahren vgl. u. a. Siegfried 2000.
15.
Hier spielten auch die so genannten Braunbücher und Kampagnen der DDR gegen die Bundesrepublik eine Rolle. Globke war Staatssekretär im Bundeskanzleramt von Konrad Adenauer, während des 'Dritten Reiches' hatte er den Kommentar zu den Nürnberger Gesetzen mitverfasst. Oberländer, Bundesminister für Vertriebene, Flüchtlinge und Kriegsgeschädigte, trat 1960 wegen seiner Verstrickungen ins NS-Regime zurück.
16.
Joschka Fischer, Ein magisches Jahr, in: Spiegel special, Nr. 9, 1998, S. 59–61, hier S. 60.
17.
Vgl. dazu Lammers 2000.
18.
Seeliger 1964–66.
19.
Seeliger 1964–66, Bd. 4, zit. nach Kat. Marbach 1998, S. 159 f., Zitat S. 159.
20.
SDS-Flugschrift "Die Zusammenarbeit zwischen Universität, Regierung und Polizei...", Universitätsarchiv Heidelberg, SDS FB 1.2 1969–1970, S. 5.
21.
Flugblatt von 1966, zit. nach Rusinek 2000, S. 119. Im Februar 1968 rief der SDS eine "Anti-Lübke-Woche" aus; vgl. Schmidtke 2003, S. 147.
22.
Zur Auseinandersetzung mit Kiesinger vgl. Althoff 1996.
23.
Vgl. u. a. Klarsfeld 1967. Dies. 1969.
24.
Vgl. dazu Gassert 2005.
25.
Beate Klarsfeld in einem Interview, in: Frankfurter Rundschau, 29.6.2006.
26.
Gassert 2005, S. 56.
27.
Zit. nach ebd., S. 54.
28.
Aussage von Beate Klarsfeld, Hamburger Institut für Sozialforschung, Klarsfeld allgemein, Ordner 260,08. Klarsfeld wurde zu einem Jahr Haft ohne Bewährung verurteilt; dies wurde später auf vier Monate reduziert.
29.
Flugblatt "Organisieren wir den Ungehorsam gegen die Nazi-Generation", abgedruckt in: Kat. Marbach 1998, S. 43 f.

 

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