68er Dossier
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Orgasmen wie Chinaböller

Sexualität zwischen Politik und Kommerz


6.6.2008
1961 kam die Antibabypille auf den Markt und revolutionierte die Sexualkultur der Deutschen: Schwangerschaftsabbrüche gingen zurück, Frauen begannen ihre sexuellen Bedürfnissen sorgenfrei auszuleben. Am 9. Mai 1969 hob der Bundestag schließlich die Strafbarkeit homosexueller Handlungen auf: Die Schwulen- und Lesbenbewegung erlebte einen enormen Aufschwung.

Die Vorgeschichte der sexuellen Revolution



Die Einführung der Anti-Baby-Pille im Jahre 1961 war der Startschuss zur "sexuellen Revolution". Foto: APDie Einführung der Anti-Baby-Pille im Jahre 1961 war der Startschuss zur "sexuellen Revolution". (© AP)

"Man gewinnt im Blick auf die frühe Bundesrepublik geradezu den Eindruck", schrieb der Soziologe und Sexualwissenschaftler Martin Dannecker, "als ob sie keine andere Sorge gehabt hätte, als die Sexualität in Ordnung zu bringen."[1] Obwohl die unmittelbaren Nachkriegsjahre noch recht libertär waren, nicht zuletzt im Kontext der verbreiteten Fraternisierung deutscher Frauen mit alliierten Soldaten, entwickelte sich im Laufe der 1950er Jahre in der Bundesrepublik – und ungeachtet mancher gegenläufiger Meinungen in der Bevölkerung – eine zutiefst konservative Sexualkultur. 1952 wurde ein Bundesgesetz verabschiedet, das die Ausstellung und den Verkauf pornografischer Bilder und Texte verbot; freizügige Sexualratschriften waren mitbetroffen. Eine Flut konservativer Ratgeber füllte die Marktlücke mit Empfehlungen zur vorehelichen Keuschheit; Onanie und vorehelicher Sex galten als verderblich für die zukünftige Ehe; Homosexualität wurde pathologisiert. Die Kriminalisierung männlicher homosexueller Handlungen durch § 175 wurde beibehalten, und nach einem liberaleren Nachkriegsinterregnum wurde ab 1950 die Handhabung der polizeilichen Verfolgung und der gerichtlichen Bestrafung nochmal verschärft. Tausende Männer kamen jedes Jahr ins Gefängnis. Der Himmler-Erlass von 1941 (der Werbung für und Verkauf von Verhütungsmitteln mit Ausnahme von Kondomen verbot) blieb in mehreren Bundesländern in Kraft. Der Zugang zu Kondomen wurde sogar erschwert. Und eine ungewöhnliche Koalition aus christdemokratischen Bundestagsabgeordneten und christlichen Linksintellektuellen verhinderte erfolgreich alle Versuche, § 218 zu lockern.

Den vorehelichen Verkehr hat dieses Klima jedoch nicht verhindert. Schätzungen von Zeitzeugen zufolge pflegten 80 bis 90 Prozent der Bundesdeutschen diese Praxis – weit mehr als in England, Frankreich oder den USA in diesen Jahren. Und für viele junge Deutsche waren die 1950er Jahre trotz konservativer Regeln eine Zeit des Entdeckens von spannenden neuen Möglichkeiten. Aber ohne Frage hatte die vorgegebene Sexualmoral einen starken Einfluss auf das Erleben von Sexualität – vor und in der Ehe. Moral und Handeln sind nie deckungsgleich, aber gerade der Lebensbereich der Sexualität ist gekennzeichnet von der Untrennbarkeit von Vorstellungen und Erfahrungen, Diskursen, Fantasien und Gefühlen. Ideologische Konstellationen haben Effekte auf das körperliche Erleben – wenn auch nicht unbedingt im intendierten Sinne –, ob sie nun Trotz, Verwirrung, Hemmung, Erleichterung oder Erregung hervorrufen. Ebenso hatten die Gesetze Konsequenzen. Der Abgrund zwischen Anspruch und Wirklichkeit wurde nicht zuletzt durch die Abtreibungsziffern deutlich. An der Wende von den 1950er zu den 1960er Jahren gingen Mediziner und andere Experten etwa von einer Million illegalen Abtreibungen pro Jahr in der Bundesrepublik aus – etwa ein Abort pro Geburt. Manche Mediziner mutmaßten, es seien jedes Jahr zwei Million Abtreibungen. Für Frauen war Sex mit der Angst besetzt, sich mit einer potenziellen Schwangerschaft die Zukunft zu verbauen. Die Moralvorstellungen der 1950er Jahre standen in einem komplizierten Verhältnis zur Sexualpolitik des Dritten Reichs. Einerseits war es klar ersichtlich und wurde immer wieder betont, dass die nachdrückliche Forderung besonders nach vorehelicher Keuschheit eine Reaktion auf den Nationalsozialismus darstellte – nicht zuletzt da der Nationalsozialismus so erpicht gewesen war, sich über die 'Prüderie' der Kirchen in dieser Angelegenheit zu mokieren. Andererseits war die wiederholte Einforderung sexueller Sauberkeit ein effektiver Mechanismus, um von anderen Angelegenheiten abzulenken. Bei der ständigen Gegenüberstellung der heterosexuellen Moralvorstellungen von Nachkriegschristentum und Nationalsozialismus geriet in Vergessenheit, wie begeistert Hitler-freundlich und wie aggressiv antijüdisch sich viele christliche Wortführer benommen hatten. Bemerkenswert ist auch, wie dieser emphatisch vorgetragene Kontrast von den beachtlichen Kontinuitäten zwischen Nationalsozialismus und Nachkriegschristentum ablenkte – in Bezug auf Homophobie sowie die eugenische Diffamierung von Behinderten.

Letzten Endes waren vier Faktoren ausschlaggebend für die Liberalisierung der bundesdeutschen Sexualkultur. Einer davon war die medizinisch-technische Erfindung der Pille, zu deren wichtigsten Auswirkungen der dramatische Rückgang des illegalen Aborts gehörte. Ein zweiter Faktor war die sich immer weiter verbreitende Verwendung von sexuell stimulierenden Bildern und Texten – eine hauptsächlich wirtschaftsökonomische Dynamik. Der dritte Faktor lag in der direkten politischen Mobilisierung gegen die offizielle Kultur des Sexualkonservatismus. Obgleich sie der Vermarktung der Sexualität im Konsumkapitalismus recht kritisch gegenüberstanden, benutzten liberale und linke Kritiker die sich öffnende Kluft, die sich aus den Widersprüchlichkeiten zwischen konservativen Normen und sexualisiertem Marketing ergab, um ihre eigenen Positionen vorzutragen. Aber nichts war bei der Umgestaltung des moralischen Diskurses über Sexualität in der Bundesrepublik so wirksam wie ein vierter Faktor: die Rückkehr der öffentlichen Diskussion über den Holocaust im Gefolge der großen NS-Prozesse. Von vorrangiger Wichtigkeit war hier der Auschwitz-Prozess in Frankfurt am Main 1963–1965, über den täglich in den Zeitungen berichtet wurde. Dieser Prozess bot vielerlei Anlass, die Erinnerung an den Nationalsozialismus und die Lehren aus dem Dritten Reich für linksliberale Zwecke umzuschreiben.


Fußnoten

1.
Dannecker 2001, S. 173.

 

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