Daniel Cohn Bendit gemeinsam mit anderen Aktivisten auf einer Demonstration in Saarbrücken im Jahr 1968.

9.1.2008 | Von:
Axel Schildt

Neue Linke und Studentenbewegung

Die spektakulären Proteste in Frankreich hatten später als in der Bundesrepublik begonnen, waren aber in einer kurzen Zeitspanne weitaus heftiger gewesen.
Quelle: Günter ZintDie spektakulären Proteste in Frankreich hatten später als in der Bundesrepublik begonnen, waren aber in einer kurzen Zeitspanne weitaus heftiger gewesen. (© Günter Zint)
Diese dezidiert linke Ausformung der bündischen Jugend, die in der Weimarer Republik ein jugendgemäßes Leben mit gemeinsamen Wanderfahrten propagiert hatte und ihren höchsten Ausbreitungsgrad in den Jahren vor 1933 gehabt hatte, war nach dem Zweiten Weltkrieg wiederbelebt worden. Vor allem der im kalifornischen Exil lebende Herbert Marcuse, der auf dem West-Berliner "Vietnamkongreß" 1968 das Hauptreferat halten sollte, wurde schon früh ein theoretischer Stichwortgeber für die antiautoritäre Linke. Sie erklärte nicht mehr die Arbeiterklasse, sondern die sozial ausgegrenzten oder vom spätkapitalistischen System noch nicht integrierten gesellschaftlichen Gruppen, vor allem den akademischen Nachwuchs, zum neuen revolutionären Subjekt, das den herrschenden "Manipulationszusammenhang" durchbrechen könne. Die Hinwendung zu solchen theoretischen Ansätzen mit ihrer sozialistisch-antiautoritären und marxistischen Terminologie wirkte angesichts der östlichen Bedrohung naturgemäß sehr provokant, was durchaus beabsichtigt war.

Aber die kleinen linken Zirkel waren keineswegs repräsentativ für die Jugend der 50er und frühen 60er-Jahre, die vorzugsweise für nüchtern und "skeptisch" (Helmut Schelsky) gehalten wurde. Speziell die Studierenden galten als "schweigende Generation". Der Professor und spätere Bundeswirtschaftsminister Karl Schiller mahnte bei der Immatrikulationsfeier der Hamburger Universität 1958: "Denken Sie bei Ihrem Studium nicht an die Besoldungsordnung Ihrer Berufe von morgen. Sie haben allein hier und später nie wieder die Chance, sich mit vielem zu beschäftigen." Und der hessische Sozialwissenschaftler und Bildungspolitiker Ludwig von Friedeburg befand noch 1965: "Überall erscheint die Welt ohne Alternativen, passt man sich den jeweiligen Gegebenheiten an, ohne sich zu engagieren, und sucht sein persönliches Glück in Familienleben und Berufskarriere. In der modernen Gesellschaft bilden Studenten kaum mehr ein Ferment produktiver Unruhe."

Vor diesem Hintergrund kam der rasante Aufstieg einer sich rasch radikalisierenden Studentenbewegung für die meisten Zeitgenossen völlig überraschend. Als Initialzündung für deren Ausbreitung in der gesamten Bundesrepublik wirkte die Erschießung des Studenten Benno Ohnesorg durch einen Polizisten in Zivil am Rande einer Demonstration gegen den Besuch des persischen Kaiserpaares in West-Berlin am 2. Juni 1967. Dort führte die anfängliche Verschleierung und falsche Darstellung der Fakten durch Polizeiführung, Senat und marktbeherrschende Presse zur Empörung von Teilen der Studierenden und vieler Jugendlicher, die allerdings von der großen Mehrheit der Bevölkerung isoliert blieben.

Der Überführung des Leichnams – mit einem Autokorso durch die DDR – nach Hannover folgten in den Wochen danach zahlreiche politische Aktivitäten. Vom 3. bis zum 9. Juni drückten in der Bundesrepublik und West-Berlin etwa 100.000 Studierende in Schweigemärschen und Demonstrationen ihre Trauer und ihren Protest aus, und erstmals schienen viele den SDS als Sprecher der Aktionen anzuerkennen. Im Juni 1967 wurde in Frankfurt am Main das Aktionszentrum Unabhängiger und Sozialistischer Schüler (AUSS) gegründet, das vor allem an den Gymnasien Nachwuchs für die Rebellion rekrutierte und – wie der SDS – in wenigen Monaten seine Mitgliedschaft vervielfachte (jeweils etwa 4.000 Mitglieder 1968).

Flugblätter antiautoritären Inhalts – etwa gegen die Zensur von Schülerzeitungen, für sexuelle Aufklärung, gegen den "Leistungsterror" –wurden an den Schulen verteilt. An den Universitäten provozierten Studierende in Vorlesungen den Lehrkörper mit der Forderung nach Diskussion über ihre "reaktionären" Positionen oder über ihre NS-Vergangenheit. Einen besonders spektakulären Verlauf nahm die Hamburger Immatrikulationsfeier im Oktober 1967. Während die Professoren in ihren traditionellen Talaren in das Auditorium maximum der Universität einzogen, setzten sich zwei Studenten des sozialdemokratischen Studentenbundes SHB plötzlich mit einem Transparent an die Spitze, auf dem stand: "Unter den Talaren der Muff von 1000 Jahren". Es kam zum Tumult, bei dem sich ein Professor der Byzantinistik dazu hinreißen ließ zu rufen: "Ihr gehört alle ins KZ!" Er erhielt dafür später einen Verweis der Universitätsleitung.

Die verantwortlichen Studierenden sollten zunächst von der Hochschule verwiesen werden, durften aber ihr Studium fortsetzen. Es ist symptomatisch, dass der Hamburger Schulsenator Wilhelm Drexelius das spektakuläre Muff-Ereignis nur als Aktion zugereister Berliner Aufrührer erklären konnte.

Das Happening im Hamburger Audimax, das in der überregionalen Presse große Aufmerksamkeit fand, lud an anderen Universitäten zur direkten Nachahmung ein. So ging in München die Rektoratsübergabe im Tumult unter, musste sich der akademische Senat – auf den Konfetti, Luftschlangen und Flugblätter regneten – dort als närrischer Elferrat verhöhnen lassen. Zum Jahreswechsel 1967/68 meldete die Presse Unruhen an zehn der 34 westdeutschen Hochschulen.

Im folgenden Jahr wurden dann auch die übrigen Hochschulen in die Auseinandersetzungen einbezogen. Innerhalb weniger Monate gelang die Transformation einer kleinen Gruppe engagierter Aktivisten in eine meinungsführende Bewegung. Es begann das "Jahr der jungen Rebellen" (St. Spender), in dem eine eigenartig euphorische Aufbruchsstimmung vorherrschte, der Drang zur Provokation und Polarisierung. Atemlosigkeit und das Empfinden einer einmaligen Entscheidungssituation beseelte die Aktivisten der Revolte, spürbar in der Rede des Studentenführers Rudi Dutschke beim Berliner Vietnamtribunal im Februar 1968: "Wir haben nicht mehr viel Zeit (...). Wir haben eine historisch offene Möglichkeit. Es hängt primär von unserem Willen ab, wie diese Periode der Geschichte enden wird."


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