Daniel Cohn Bendit gemeinsam mit anderen Aktivisten auf einer Demonstration in Saarbrücken im Jahr 1968.

9.1.2008 | Von:
Axel Schildt

Neue Linke und Studentenbewegung

In enormer Geschwindigkeit veränderten sich die politischen Positionen – Forderungen nach demokratischer Reform im Rahmen der bestehenden Ordnung wurden übertönt von einer Mischung aus neomarxistischen, antiautoritären und kulturkritischen Parolen: Was im Jahre 1967 noch als Forderung galt, war ein Jahr später bereits überholt und vermochte dem revolutionären Schwung von 1968 nicht zu folgen. Einer der Führer des Hamburger Sozialdemokratischen Hochschulbundes (SHB), Jens Litten, schrieb bereits 1969 in einer bei Hoffmann & Campe verlegten Broschüre, nach dem Debakel der örtlichen Immatrikulationsfeier habe zwar kein Zweifel bestanden, "dass an der Borniertheit der Professorenschaft alle gutwilligen Reformbemühungen scheitern mussten. Aber in der Folgezeit stellte sich sehr schnell die eigentümliche Koalition zwischen professoraler Reaktion und pseudorevolutionärer studentischer Avantgarde ein, die konstruktive Reformarbeit so außerordentlich erschwert."

Statt Denkschriften und Diskussionen in Arbeitsgruppen wurden nun vermehrt Seminare gesprengt und andere handgreifliche Formen der Auseinandersetzung gesucht. Allmählich veränderten sich im Zuge dieser Entwicklung auch die Themen: Während anfangs die Reform der Hochschulen, die Forderung nach Mitbestimmung der Studierenden und des 'Mittelbaus' im Vordergrund standen, dominierten bald allgemeine politische Themen: der Protest gegen den von den Amerikanern geführten Krieg in Vietnam und allgemein die Parteinahme für "antiimperialistische" Bewegungen in der Dritten Welt.

Innenpolitisch herrschte die Diskussion über die angebliche Entwicklung der Bundesrepublik zum autoritären Staat vor, den man durch die Große Koalition und ihre als NS-Gesetze bekämpften Vorlagen für eine Notstandsgesetzgebung vorbereitet sah. Vor diesem Hintergrund sollten zahlreiche 'Enthüllungskampagnen" über die NS-Vergangenheit von Politikern, Hochschullehrern und Wirtschaftsführern dem Nachweis dienen, dass die Bundesrepublik nur vordergründig eine Demokratie sei, tatsächlich aber in starkem Maße in der personellen Kontinuität des "Dritten Reiches" stehe. Die Wahlerfolge der rechtspopulistischen NPD verliehen der reißerischen Agitation zusätzlich den Anschein von Plausibilität.

Auch wenn die Anlässe für politischen Protest häufig als Verteidigung gegen unheilvolle Rechtsentwicklungen artikuliert wurden, verschmolzen sie in einem Gefühl weltweiter Gemeinsamkeit mit der jugendlichen Protestbewegung. Aus ihr bezog man das Gefühl von Stärke und einen grundsätzlichen Optimismus. Das Motiv der moralischen Empörung, das der Vietnam-Krieg freisetzte, und die begeisterte Identifikation mit den Befreiungsbewegungen der "Dritten Welt" verbanden die Studentenbewegungen in Westeuropa mit der jenseits des Atlantik, und sie strahlten auch auf die osteuropäischen Staaten aus. Die Bedeutung dieser Strömung, die sich in der zweiten Hälfte der 60er-Jahre international ausbreitete, lag wohl darin, dass für einen kurzen historischen Moment die politische Bewegung und die auch kommerziell expansive jugendliche Gegenkultur zusammentrafen, ja sogar verschmolzen. So ergab sich eine besonders enge Verbindung von Gegenkultur und Kulturindustrie oder zumindest ein Zusammenwirken von Protestgeneration und Popkultur.

Sicher vermag die Charakterisierung der Protestbewegung als Konflikt zwischen den Generationen nicht allein die Entstehung der Neuen Linken erklären. Aber tatsächlich dominierte der jugendlich-studentische Anteil - etwa bei Demonstrationen - denjenigen der älteren Erwachsenen. Anders als um 1960 fand seit der Mitte des Jahrzehnts die antiautoritäre gegenüber der traditionell linkssozialistischen Strömung deutlich größere öffentliche Beachtung. Zudem bliebe der Gehalt der Neuen Linken gänzlich unverstanden ohne den Gesichtspunkt der Sehnsucht nach einem anderen Leben und einer gänzlich neuen Politik, die das Private politisch werden ließ. Diese Geisteshaltung mit ihren Visionen und Utopien verband sich mit einer teils erstaunlichen Geringschätzung des bürgerlichen Rechtsstaats und einer heftigen Ablehnung liberalen Denkens. Sie trug zwar, formal betrachtet, antiwestliche Züge, aber dieses Phänomen war nicht allein in der Protestbewegung der Bundesrepublik, sondern in allen westlichen Ländern anzutreffen.

Die Liberalen wandten sich zunehmend von der radikalen Studentenbewegung ab. Marion Gräfin Dönhoff, Chefredakteurin der Wochenzeitung "Die Zeit", hatte die erwähnte "Muff-Aktion" noch sympathisierend begleitet. Aber schon Anfang 1968 äußerte sie sich kritisch gegenüber der neuen politischen Romantik der radikalen Studierenden. Umgekehrt lehnten diese die liberale Unterstützung nun - hier zitierte man gern einen Begriff des in Kalifornien lebenden exilierten Philosophen Herbert Marcuse - als "repressive Toleranz" ab. Man könnte heute als terminologische Vermittlungshilfe geradezu ein Glossar mit dem entsprechenden zeitgenössischen Vokabular anfertigen. Es enthielte Begriffe wie "Spätkapitalismus", "Manipulation", "Konsumterror", "repressiv" und "autoritär" (als Adjektiv in allen Zusammenhängen), "Establishment" und den "Fachidioten" als unpolitischen Menschen, was der altgriechischen Bedeutung von Idiot als Privatexistenz sehr nahe kommt, sowie den liberalen "Abwiegler" oder kurz: "Scheiß...".

Wer mit diesen Begriffen jonglierte, besaß zumeist keine Kenntnis der politischen Theorien, eher vage Vorstellungen von deren Bedeutung. Jeder kannte den Namen Herbert Marcuse, doch seine Bücher mit der näheren Ausarbeitung der These von der 'Eindimensionalen Gesellschaft' werden viele junge Leute ebenso wenig gelesen haben wie die anderen mit grell bunten Einbänden versehenen Bände der edition suhrkamp, die seit 1964 eine intellektuelle Führungsrolle übernommen hatte.

Thesenfragmente aus diesen Büchern mischten sich mit einem Lebensgefühl, wie es in einer Hymne der Bewegung auf eine für viele gültige Art und Weise ausgedrückt wurde – in Bob Dylans The Times, They are A-Changin‘: die stark ästhetisierte Vorstellung einer neuen Zeit, die angebrochen sei und die morschen Autoritäten überwinden werde. Die Massenmedien vermittelten durch den Transport der Texte und Bilder dieses Lebensgefühl nicht nur der Öffentlichkeit, sondern auch den Studierenden selbst, die nach zeitgenössischen Erhebungen 1968 zu zwei Dritteln "Die Zeit" und den "Spiegel" lasen. Der Berliner SDS-Aktivist Bernd Rabehl sprach rückblickend von der inszenierten Rebellion: "Die Revolte war von Anfang an ein Medienereignis. Radio, Zeitungen und Fernsehen kommentierten das Geschehen, bauten die einzelnen Rebellen auf und transportierten die Bilder und Symbole, Figuren und Sprüche in den letzten Winkel der Republik. Als Medienwirklichkeit waren diese Szenen immer gleichzeitig Abbild und Inszenierung, Interpretation und Selektion, Zensur und Propaganda. (...) Sie ließen diese Revolte nicht zur Ruhe kommen, gaben keinen Raum zum Nachdenken, keinen Ruhepunkt. Wie im Sport war die Dramatik angelegt: Sie trieb von Höhepunkt zu Höhepunkt und gab den Akteuren Einbildungen, Überheblichkeiten, Siegesgewissheiten. Sie schuf mit den Illusionen eine Medienwirklichkeit dieser Rebellion, die diese aufblies, bis sie zerplatzte." Allerdings nutzten nicht nur die Medien die studentischen Aktionen, umgekehrt spielten die Protagonisten des Protests sehr geschickt auf deren Klaviatur.


Dossier

Prag 1968

Vor 50 Jahren beendeten Kampftruppen aus der Sowjetunion, Bulgarien, Ungarn und Polen gewaltsam die reformkommunistische Bewegung des "Prager Frühlings" in der damaligen CSSR (den heutigen Ländern Tschechien und Slowakei). Damit machte die kommunistische Führung der Sowjetunion unmissverständlich deutlich, dass sie in ihren osteuropäischen Satellitenstaaten kein Abweichen von ihrem ideologischen und diktatorischen Kurs duldete.

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