Daniel Cohn Bendit gemeinsam mit anderen Aktivisten auf einer Demonstration in Saarbrücken im Jahr 1968.

9.1.2008 | Von:
Axel Schildt

Neue Linke und Studentenbewegung

In West-Berlin bildeten sich seit Anfang 1967 politisch motivierte Wohngemeinschaften von Männern und Frauen – ein unerhörter Bruch mit den bis dahin gültigen bürgerlichen Moral- und Wertvorstellungen. Ihre Bewohner forderten auf provokante Weise die Revolutionierung des Alltags. Sie verlangten die Abschaffung des Privateigentums, bekämpften das Leistungs- und proklamierten das Lustprinzip. Die Berichterstattung über diese so genannten Kommunen – vor allem die K 1 und K 2 – regte mit Bildern nackter Männer und Frauen sowie ausgehängter Toilettentüren die Phantasie der Öffentlichkeit weit über Berlin hinaus an. Der Kommunarde Fritz Teufel erlangte bundesweite Berühmtheit. Als er im November 1967 wegen eines Steinwurfs bei einer Demonstration vor Gericht stand, beantwortete er die Forderung, sich beim Eintritt der Richter zu erheben, mit dem Satz: "Wenn es der Wahrheitsfindung dient" – diese Formulierung wurde zum geflügelten Spruch, der die antiautoritäre Kritik an obrigkeitlich hohlen Formen prägnant auf den Punkt brachte.

Der internationale Höhepunkt der Studentenbewegung war im Frühjahr 1968. Nachdem am Gründonnerstag jenes Jahres der SDS-Führer Rudi Dutschke von einem jungen, rechtsradikal beeinflussten Arbeiter angeschossen und schwer verletzt wurde, kam es an den darauf folgenden Osterfeiertagen zu heftigen Unruhen und Straßenschlachten. Aus friedlichen Demonstrationen mit einer Beteiligung von mehr als 100.000 meist jugendlichen Teilnehmern entwickelten sich militante Aktionen gegen die Auslieferung von Blättern des Springer-Konzerns. Diesem wurde vorgeworfen, das Gewaltklima geschürt zu haben, das den Schüssen auf Rudi Dutschke den ideologischen Boden bereitet habe. Vor allem die "Bild-Zeitung" hatte sich zum Anwalt der "schweigenden Mehrheit" und des "kleinen Mannes" gegen die "Radaustudenten" gemacht, die nicht selten mit SA-Horden verglichen wurden. Aus der von liberalen Journalisten schon ein Jahr zuvor erhobenen Forderung nach einer Entmachtung des Springer-Konzerns war die Parole "Enteignet Springer!" geworden. Sie war symbolträchtig und beruhte nicht auf der Analyse des Pressewesens und anderer Medien: Die Wirkung des Fernsehens etwa, das in den 60er-Jahren seine Zuschauerzahlen vervielfachte, wurde kaum diskutiert.

Die Osterunruhen, bei denen es mehrere Tote und viele Verletzte unter Demonstrierenden, Polizisten und unbeteiligten Beobachtern gab, führten zu lebhaften Diskussionen im Bundestag und zogen Strafverfahren gegen fast 300 Studenten und 100 Schüler nach sich. Durch eine spätere Amnestie wurden diese Verfahren eingestellt. Die deutschen Osterereignisse wurden schon Anfang Mai durch die studentischen Aktionen in Paris von ihrem Platz auf den ersten Seiten der Zeitungen verdrängt. Barrikadenkämpfe zwischen Studierenden und Polizisten im Hochschulviertel Quartier Latin, die Besetzung der Hochschulen und Streiks in vielen Betrieben des Landes brachten die französische Regierung an den Rand der Existenz und führten zum Rückzug des Staatspräsidenten De Gaulle aus der Politik. Die spektakulären Proteste in Frankreich hatten später als in der Bundesrepublik begonnen, waren aber in einer kurzen Zeitspanne weitaus heftiger gewesen. In Deutschland bildeten die Aktionen gegen die Verabschiedung der Notstandsgesetze im Mai 1968 einen Höhe- und Endpunkt der Protestwelle. Es kam dabei an vielen Orten zur Besetzung von Hochschulen und Schulen und vereinzelt zu betrieblichen Warnstreiks. Am 11. Mai zog eine Demonstration mit ca. 70.000 Teilnehmern aus der ganzen Bundesrepublik durch Bonn.

Die politischen Aktivisten nahmen die Verabschiedung der Notstandsgesetze als Niederlage der Außerparlamentarischen Opposition wahr. Als ebenso enttäuschend empfanden sie die gewaltsame Beendigung des "Prager Frühlings" durch Panzereinheiten der Warschauer-Pakt-Staaten im August 1968, mit dem die Hoffnung auf einen "Sozialismus mit menschlichem Antlitz" zunichte gemacht wurde. Tatsächlich aber verbreiterte sich die jugendliche Protestbewegung in den folgenden beiden Jahren beträchtlich und erreichte nun auch kleine Orte in der Provinz. Zugleich verlor die antiautoritäre Strömung der APO und des SDS, die zwar auch zuvor nicht unbedingt die Mehrheit des linken Kerns ausgemacht, aber die öffentlichen Berichterstattung dominiert hatte, an Bedeutung.

Unterschiedliche politische Orientierungen zeigten sich, die das folgende Jahrzehnt auf der Linken prägen sollten: Der als "Marsch durch die Institutionen" verstandene Eintritt in die SPD und in deren Jugendorganisation, die Jusos, veränderte deren Charakter – man sprach später von einer Akademisierung der Sozialdemokratie. Die Deutsche Kommunistische Partei (DKP), die sich im September 1968 konstituierte, und deren Studentenorganisation – die Assoziation Marxistischer Studenten Spartakus (AMS Spartakus; später Marxistischer Studentenbund Spartakus) zogen viele Mitglieder und Anhänger des zerfallenden SDS auf ihre Seite. Gemeinsam mit dem Sozialdemokratischen Hochschulbund (SHB; später Sozialistischer Hochschulbund) stellte Spartakus zeitweise einen großen Teil der Allgemeinen Studentenausschüsse und dominierte den Verband Deutscher Studentenschaften (VDS).

Andere Teile der Studentenbewegung wandten sich Ende der 60er-Jahre den verschiedenen marxistisch-leninistischen Parteien und Zirkeln der maoistischen Bewegung zu. Diese bekämpften die Sozialdemokraten sowie die Gewerkschaften als bürgerlich-reformistisch, sahen Kommunisten mindestens als revisionistisch bzw. als Verräter der Revolution und versuchten, die Arbeiter direkt vor den Betrieben anzusprechen. Ein gemeinsames Moment der unter sich verfeindeten und zum Teil sektiererische Züge annehmenden Gruppierungen, die sich am Ende der 60er-Jahre herausbildeten, war die Hoffnung auf eine neue antikapitalistische Arbeiterbewegung. Die Arbeiterschaft erschien als erwachender Riese, der durchaus noch oder wieder zum revolutionären Subjekt tauge. Häufig waren ausländische Arbeiter führend an den Streiks beteiligt.

Es war nur eine kleine Zahl von Personen der 68er-Bewegung, die den Übergang zum "bewaffneten Kampf" propagierten, um in Anklängen an die lateinamerikanische Stadtguerilla das "System" zu provozieren und als "gewalttätig" zu demaskieren. Am Ende des Jahrzehnts bildeten sich Terrorzirkel, deren bekannteste die Rote Armee Fraktion (RAF) und die Bewegung 2. Juni wurden. Deren spektakuläre Entführungen und Anschläge auf Politiker und Wirtschaftsführer wertete vor allem die konservative Presse als scheinbar klare Linie von der antiautoritären Protestbewegung der 60er-Jahre bis zum Terrorismus.

Im Zuge der politischen Aufsplitterung der 68er-Bewegung verbreiterte sich zum Ende der 60er-Jahre das politische Interesse nicht nur in der jungen Generation, sondern - mit einer gewissen regionalen und schichtenspezifischen Verzögerung - in großen Teilen der Bevölkerung. Zahlreiche Forderungen nach einer Liberalisierung und "Demokratisierung" der Gesellschaft wurden in der Öffentlichkeit intensiv diskutiert: die Kindererziehung und die Gestaltung des Schulunterrichts, die Gleichberechtigung der Frauen bis hin zur Toleranz gegenüber gleichgeschlechtlichen Orientierungen. Diese Diskussionen erweiterten unvermutet die Spielräume innerhalb eines angeblich repressiven Systems; seit dem Beginn der 1970er Jahre entstand daraus die breite Basis einer neuen Frauenbewegung.

Die Ausbreitung von Wohngemeinschaften, die wachsende Aufgeschlossenheit gegenüber der westlichen Popmusik und sich wandelnde kulturelle Leitlinien, etwa das "Ende der Krawattenkultur" waren Elemente eines neuen Lebensstils. Er ging einher mit dem Verblassen der Feindbilder des Kalten Krieges – die Entspannungspolitik und Aussöhnung mit den osteuropäischen Ländern gewann – ausweislich demoskopischer Erhebungen – seit der Mitte der 60er-Jahre eine Mehrheit in der Bevölkerung.

So wurden zwar nicht die radikalen Ziele der Sprecher der Studentenbewegung erreicht, die für eine sozialistische Revolutionierung der Gesellschaft eintraten. Gewissermaßen hinter dem Rücken der Aktivisten bewirkten die antiautoritären Botschaften jedoch eine "Fundamentalliberalisierung" (Jürgen Habermas) der westdeutschen Gesellschaft. Die Rebellion der Studierenden und Jugendlichen war letztlich ein Medium, das manche noch vorhandene gesellschaftlich-kulturelle Rückständigkeit an die in weiten Teilen schon weiter fortgeschrittene ökonomische und gesellschaftliche Modernität in der Bundesrepublik anglich.

Dies erklärt, warum die Studentenbewegung in ihrem Anrennen gegen "verzopfte Autoritäten" immer so nachtwandlerisch den Nerv traf und auf enorme Resonanz stieß. Die 68er-Bewegung wird damit als ironische List der Geschichte zum Bestandteil der Erfolgsgeschichte der Bundesrepublik.

Quelle: Axel Schildt: Rebellion und Reform. Die Bundesrepublik der Sechzigerjahre, Bonn 2005. Aus der bpb-Reihe: Zeitbilder.


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