68er Dossier
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Mythos 1968


19.3.2008
Was meint 68? Eine linkspolitische Protestbewegung oder doch eher eine kulturelle Jugendrevolte? Und was bleibt von 68? Für Hubert Kleinert steht fest: 68 hat die Fundamentalliberalisierung der Gesellschaft sowie die Demokratisierung aller Lebensbereiche gebracht.

Einleitung



Der Tod des Studenten Benno Ohnesorg löste eine Welle der Solidarisierung unter den Studenten aus. Foto: APDer Tod des Studenten Benno Ohnesorg löste eine Welle der Solidarisierung unter den Studenten aus. (© AP)

Wer sich mit 1968 befassen will, steht zunächst vor einem Problem: Was soll darunter eigentlich verstanden werden? Ist damit jene wachsende linkspolitische Protestbewegung an den Hochschulen gemeint, die zuerst in West-Berlin von sich reden machte, mit den ersten spektakulären Protestaktionen gegen den Vietnamkrieg 1966 die Öffentlichkeit der damaligen "Frontstadt" erregte und sich nach der Erschießung des Studenten Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 auf fast alle bundesdeutschen Hochschulen ausdehnte? Die nach dem Attentat auf Rudi Dutschke Ostern 1968 eskalierte, auf andere Ausbildungseinrichtungen ausstrahlte, zu einer Welle von Institutsbesetzungen führte, dann in eine Krise geriet und schließlich in die Gründung verschiedener linksradikaler Kleinparteien und Politsekten mündete und mit der RAF auch einen terroristischen Seitenstrang hervorbrachte?

Oder gilt 1968 als Synonym für eine viel umfassendere internationale Jugendrevolte, die einen kulturellen Bruch mit der Erwachsenenwelt anzeigte, zwar zeitweise linkspolitische und systemkritische Untertöne besaß, aber vor allem in der Veränderung von Lebensformen und Sexualmoral, Erziehungsstilen, Werthaltungen und kulturellen Ausdrucksformen ihren wesentlichen Gehalt besaß? Oder ist 1968 einfach nur eine vage Chiffre für den unruhigen Geist der späten 1960er Jahre?

Auf diese Frage gibt es keine eindeutige Antwort. Zwar haben soziale Bewegungen oft kulturrevolutionäre Seiten, doch lässt sich Woodstock kaum bloß als kulturelle Ausdrucksform einer linkspolitisch-systemkritischen Bewegung fassen. Und im Blick auf die Wirkungen von 1968 lässt sich eher kulturgeschichtlich als politisch von einschneidenden Veränderungen sprechen. Freilich waren die politischen Untertöne auch nicht bloß Beiwerk in einem neuartigen Generationskonflikt zwischen einer vom "oberflächlichen" Materialismus der Wohlstandswunderzeit geprägten und vom Makel der Vergangenheit gezeichneten Generation der Älteren und den Jungen, die sich als Träger neuer, "post-industrieller Werte" in einer Gesellschaft des Überflusses vom Lebensstil dieser Gesellschaft abzugrenzen suchten und nach eigenen kulturellen Ausdrucksformen Ausschau hielten.

Woodstock-Festival im August 1969: Mehr als nur ein Rockkonzert. Foto: APWoodstock-Festival im August 1969: Mehr als nur ein Rockkonzert. (© AP)
1968 ist eben beides: Chiffre für eine Protestbewegung, die mit einem Linksruck in der Welt des Geistes verbunden ist, die Legitimations-
grundlagen vieler Institutionen des öffentlichen Lebens herausfordert, verschiedenste sich als revolutionär verstehende Gruppen hervorbringt und auch die Großparteien (vor allem die SPD) beeinflusst, aber auch Synonym für eine internationale Jugendkultur, deren Anfänge sich schon vor den politischen Protestwellen zeigten, die sich in wachsender Opposition zur etablierten Welt formierte, mit ihren kulturellen Ausdrucksformen einen viel größeren Adressatenkreis erreichte und zeitweise in Berührung kam mit dem im engeren Sinne politischen Protest.

Woodstock war nicht einfach nur ein Pop-Konzert, und viele Rockmusiker der späten Sechziger sahen sich selbst als Bestandteil einer Kultur mit rebellischen Obertönen. Mick Jaggers Selbstbescheidung in "Street Fighting Man" ("Well then what can a poor boy do / Except to sing for a rock 'n' roll band") kann dabei gleichgültig sein: Die Rezeptionsgeschichte des Stücks war anders.

Kulturgeschichtlich erlebten die hoch entwickelten westlichen Gesellschaften in den 1960er Jahren einen Umbruch, dessen Vorzeichen sich bis zu Elvis Presleys laszivem Hüftschwung zurückverfolgen lassen. Die kulturelle Emblematik dieses Umbruchs enthielt im Deutschland des Wohlstandswunders und mancher noch lebendigen Prägung durch Werte und Alltagskultur des NS-Regimes provokante Potentiale. Dies schuf einen Resonanzboden, auf dem linkspolitische Einstellungen, gestützt durch singuläre Protestanlässe, neue Popularitätschancen gewinnen konnten.



 

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Nigel Coles Sozialkomödie erinnert an den Streik in Dagenham 1968, als erstmals in der britischen Geschichte Frauen für ihre Rechte kämpften. Kinofenster.de bietet passende filmpädagogische Begleitmaterialien für den Schulunterricht. Weiter...