Daniel Cohn Bendit gemeinsam mit anderen Aktivisten auf einer Demonstration in Saarbrücken im Jahr 1968.

19.3.2008 | Von:
Hubert Kleinert

Mythos 1968

Wirkungen von 1968

Politisch sichtbarste Konsequenz der APO war die Formierung einer in verschiedene linksradikale Kleinparteien zersplitterten Neuen Linken. Zwar verstanden sich alle als "revolutionäre Kraft", die für den Kampf um die "Überwindung des Kapitalismus" das Bündnis mit den "arbeitenden Massen" suchten, doch untereinander waren sie sich spinnefeind. In den verschiedenen maoistischen Gruppen orientierte man sich an der Kommunistischen Partei Chinas mit ihrer Gegnerschaft zum "modernen Revisionismus" in der Sowjetunion. Ständiger Begleiter wurde bald die Suche nach "Abweichlern" und "Klassenverrätern".

An der Wand einer Westberliner Kommune-Wohnung stehen die Abkürzungen für "Kommunistischer Bund Westdeutschland" und "Kommunistische Partei Deutschland/Marxisten-Leninisten". Foto: APAn der Wand einer Westberliner Kommune-Wohnung stehen die Abkürzungen für "Kommunistischer Bund Westdeutschland" und "Kommunistische Partei Deutschland/Marxisten-Leninisten". (© AP)
Dabei entstanden vier Gruppierungen von zeitweise überregionaler Bedeutung: Die KPD, die KPD/ML, der KB sowie der KBW. Die KPD hatte ihre Hochburg in West-Berlin. Der KB war vor allem in Norddeutschland präsent, und der KBW war in Heidelberg besonders stark. Erstaunlich viele aus dem späteren Führungspersonal der Grünen haben in dieser Szene frühe politische Erfahrungen gesammelt. Die westdeutschen Arbeitermassen freilich hatten damit wenig im Sinn. Die KPD existierte bis 1979, der KBW gab einige Jahre später auf. Der KB betrieb schließlich eine "entristische Strategie" des Beitritts zu den Grünen.

Nachdem schon die illegalen Kader der KPD den Kontakt mit der APO gesucht hatten, kam es zur Annäherung "traditionalistischer" Teile des SDS an den "offiziellen" Parteikommunismus, der sich ab 1968 in der DKP formierte. Daraus entstand der "Marxistische Studentenbund Spartakus". Mit seinem eher gemäßigten politischen Auftreten kam er zu einigen hochschulpolitischen Erfolgen und war 1974 mit 5 000 Mitgliedern der größte Studentenverband der Bundesrepublik. Erst mit dem Aufstieg der linksalternativen Spontis ging sein Einfluss zurück.

Aus dem Zerfallsprozess der APO entstanden auch diverse trotzkistische, rätekommunistische und anarchistisch-spontaneistische Gruppen. Von einer gewissen Bedeutung war der "Revolutionäre Kampf" (RK), der sich im Frankfurter Raum bildete, auf betrieblicher Ebene den Kampf um eine "Arbeiterautonomie" führen wollte und sich vom Leninismus der K-Gruppen abgrenzte. Aus dem RK sind eine ganze Reihe prominenter Personen des öffentlichen Lebens hervorgegangen, so die Grünen-Politiker Joschka Fischer und Daniel Cohn-Bendit oder der Kabarettist Matthias Beltz.

Auch die RAF ist aus Teilen der APO hervorgegangen. 1971 verschickt die RAF ihre erste Kampfschrift "Das Konzept Stadtguerilla". Foto: HDGAuch die RAF ist aus Teilen der APO hervorgegangen. 1971 verschickt die RAF ihre erste Kampfschrift "Das Konzept Stadtguerilla". (© HDG )
Die anarchistischen Unterströmungen der Protestbewegung gingen entweder in der zu Beginn der 1970er Jahre wachsenden Underground-Subkultur auf, bildeten das Rekrutierungsfeld für die militanten Desperados der RAF und des "2. Juni" oder wurden zur Keimzelle der ab 1975 breiter werdenden Sponti-Szene. Auch die RAF und der "2. Juni" sind aus der APO hervorgegangen. Wenngleich ihre Aktionen nicht als bloße Verlängerung von Weltbildern der APO gesehen werden können, sind geistige Verwandtschaften nicht zu übersehen, die von der RAF hypostasiert wurden. Das gilt für die romantisierende Identifikation mit der Guerillabewegung in der Dritten Welt, aber auch für den moralischen Rigorismus, der jetzt zum menschenfeindlichen Aktionismus wurde.

Längerfristig folgenreich sind all diese Organisierungsversuche nur insofern geworden, als sich viele aus der "Neuen Linken" ab 1977 in den Gründungsprozess der Grünen und Alternativen Listen einmischten. Gewiss sind die Grünen auch ein Ergebnis der Umweltdiskussion der 1970er Jahre; der gesellschaftskritische Geist von 1968 aber hat für ihren Entstehungsprozess eine zentrale Rolle gespielt: durch Kristallisationskerne linksoppositioneller Aktivisten, die sich nach dem Scheitern linksradikaler Parteiaufbaugruppen aussichtsreicheren politischen Unternehmungen verschrieben, aber auch durch die Impulse, die von 1968 für die Entstehung einer wachsenden Zahl kritischer Bürgerinitiativen ausgingen.

Während der Versuch einer Wiederbelebung der Klassenkämpfe der Weimarer Republik auf der Bühne von Universitätshörsälen eine kurzlebige Veranstaltung mit operettenhaften Zügen blieb, hat die Politisierung dieser Zeit die SPD nachhaltig verändert. Zunächst eher indirekt: Die gesellschaftliche Grundstimmung begünstigte reformorientierte Kräfte, auch wenn sich ein nachhaltiger Einfluss der APO auf den Machtwechsel 1969 nicht nachweisen lässt. Hernach aber ließ der massenhafte Zulauf junger Leute den Mitgliederbestand der SPD von 650 000 bis auf eine Million im Jahr 1975 anwachsen. Zahlreiche Parteigliederungen wurden reaktiviert, es entwickelte sich eine lebhafte Diskussions- und Streitkultur, die von einer Renaissance systemkritischen und marxistischen Denkens begleitet war. Vielerorts kam es zu Richtungskämpfen und Generationskonflikten. Oft war die gewerkschaftsnahe Traditionsmitgliedschaft dem Ansturm der theoretisierenden Jungen nicht gewachsen. Eine besondere Rolle spielten dabei die Jungsozialisten.

Mit dem Umschlagen der gesellschaftlichen Grundstimmung im Zuge von Ölkrise und beginnenden wirtschaftlichen Krisenerscheinungen war das freilich schon wieder vorbei. Sichtbares Ende dieser Zeit wurde der Kanzlerwechsel von Willy Brandt zu Helmut Schmidt. Das Vordringen der jungen Linksakademiker hat dazu beigetragen, dass die SPD in jenen Jahren ihren Charakter als Arbeitnehmerpartei folgenreich verändert hat. Vermutlich aber hat der Strukturwandel der Gesellschaft mit der Abnahme klassischer Arbeitnehmermilieus dabei eine größere Rolle gespielt.

Auch die FDP ist von den Anstößen der Protestbewegung berührt worden. Das musste schon deshalb so sein, weil die FDP damals die parlamentarische Opposition stellte und selbst einen Wandlungsprozess durchmachte, der in die sozialliberale Koalition führte. Zu den Protagonisten dieses Wandels gehörten die Jungdemokraten. Manche wollten jetzt aus der FDP-Jugend einen sozialistischen Kampfverband machen, was zu Spannungen mit der Mutterpartei führte. Noch radikaler gerierte sich der Liberale Hochschulverband. Diese Impulse haben die sozialliberale Entwicklung der FDP begünstigt. Doch längerfristig blieben die Einflüsse der APO auf die Entwicklung der Partei bescheiden.

Eher wenig berührt wurden CDU und CSU. Zwar verlangte jetzt auch die Junge Union nach Reformen. Doch blieb das Verhältnis zur APO überwiegend von Abwehr bestimmt. Am Ende hat die Union von der Protestbewegung vor allem insofern profitiert, als sie ihre Gegner mobilisierte. Das geistige Klima der frühen 1970er Jahre brachte eine gesellschaftliche Polarisierung hervor, in der die CDU von einem bürgerlichen Honoratiorenclub zu einem mitgliederstarken Kampfverband gegen den "linken Zeitgeist" wurde.


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