Daniel Cohn Bendit gemeinsam mit anderen Aktivisten auf einer Demonstration in Saarbrücken im Jahr 1968.

19.3.2008 | Von:
Hubert Kleinert

Mythos 1968

Kurt Sontheimer hat 1976 festgestellt, dass die Protestbewegung keine wesentlichen Veränderungen der Grundstrukturen der Gesellschaft erreicht, wohl aber zu einem einschneidenden Wandel der Auffassungen über diese Gesellschaft beigetragen habe. Tatsächlich waren die Hochschulen den Einflüssen eines systemkritischen, z. T. neomarxistischen Denkens ausgesetzt. Dabei wurde das Vordringen dieses "kritischen" Wissenschaftsverständnisses erleichtert durch den quantitativen Ausbau der Hochschulen. An vielen politologischen und soziologischen Instituten traten Marx-Lektüre, Politische Ökonomie, Geschichte der Arbeiterbewegung und Systemtheorie an die Stelle von Regierungslehre, empirischer Soziologie und Parlamentarismusforschung. An den historischen Instituten gerieten die Vertreter einer narrativ orientierten Geschichtswissenschaft in die Defensive, in der Germanistik erlangte eine "materialistische Literaturwissenschaft" Bedeutung. Soziolinguisten erforschten den "Klassencharakter der Hochsprache". In der Ausbildung von Pädagogen und Sozialarbeitern ging es um eine "emanzipatorische Erziehung".

Während sich Deutungen von der Gesellschaft der Bundesrepublik als einer "Klassengesellschaft" verbreiteten, wurde die im Systemvergleich vor der Revolte dominierende Totalitarismustheorie nun antikommunistischer Ideologielastigkeit verdächtigt. Dazu trat ein geschichtswissenschaftlicher Revisionismus, der den Kalten Krieg zu einer Auseinandersetzung zwischen der kapitalistischen Hegemonialmacht USA als treibender Kraft der Spaltung der Welt und einem eher defensiven sozialistischen Lager unter Führung der Sowjetunion umdeutete. Aus dieser Sicht wurde die Nachkriegsdemokratie eine "verhinderte Neuordnung", das Wirtschaftswunder eine "Rekonstruktionsperiode", und die ganze Staatsgründung stand im Zeichen einer "Restauration des Kapitalismus". Der Faschismus galt als besonders brutale Form "bürgerlicher Herrschaft", was eine abstruse Relativierung der Differenzen zwischen Faschismus und Liberalismus begünstigte.

Sicher haben diese "Paradigmenwechsel" einseitige Blickwinkel auf die westliche Welt und Formen geistiger Verödung hervorgebracht. Doch hat sich diese Entwicklung nicht flächendeckend vollzogen, und ihr Höhepunkt war Mitte der 1970er Jahre wieder vorbei. Deshalb können sie kaum als Hauptgrund für den später vielbeklagten Zustand der deutschen Universitäten herangezogen werden. Allerdings waren Marx-Exegese und Fundamentalkritik "bürgerlicher Wissenschaft" begleitet von einem gesellschaftlichen Bedeutungsverlust der Geisteswissenschaften.

Einige der nach 1968 wirkungsmächtigen Deutungsmuster haben auch die folgenden Paradigmenwechsel überdauert. So galt in der Friedensbewegung Anfang der 1980er Jahre die USA als eigentliche Gefahr für den Weltfrieden. Die östliche Seite wurde meist milder beurteilt. Zugleich wurde ein Geschichtsbild hegemonial, dem Auschwitz als Fluchtpunkt deutscher Geschichte galt. Weil Hitler der Architekt der deutschen Spaltung gewesen sei, konnte man das Thema Deutschland vernachlässigen. Dass aus dieser Sicht allein die Bürger der DDR die Zeche zu zahlen hatten, wurde dabei übersehen. Das hat am Ende zu den mentalen Problemen beigetragen, die der jüngere Teil der westdeutschen Gesellschaft mit der deutschen Einheit hatte. Das Geschichtsbild disponierte mit seiner Relativierung des Systemkonflikts zwischen liberaler Demokratie und Kommunismus zu einer Verniedlichung der sozialistischen Systeme wie zur vorschnellen Verabschiedung von der deutschen Einheit, die weder als realistisch noch überhaupt wünschbar galt.

In den Sog der Bewegung gerieten auch die Schulen. Die Gelegenheit für Reformen schien günstig, die als Beitrag zur "Demokratisierung gesellschaftlicher Verhältnisse" gedeutet wurden. So stellten die Hessischen Rahmenrichtlinien 1971 "Emanzipation" und die "Befähigung der Schüler zur Analyse gesellschaftlicher Unterdrückungs- und Abhängigkeitsverhältnisse" ins Zentrum allen pädagogischen Bemühens. Dies mündete in eine erbitterte kulturpolitische Auseinandersetzung. Weil mit dem Reformeifer tatsächlich eine gewisse Entwertung des Leistungsgedankens und der klassischen Bildung verbunden war, traf die Kritik einen realen Kern. Doch angesichts der Gegenkräfte und der vielen seither eingetretenen Veränderungen ist es mindestens eine gewaltige Übertreibung, wenn als Ursache für alle möglichen Mängel des Bildungswesens von heute der Emanzipationsgeist von damals herangezogen wird.

Weil die APO von einem besonderen subjektiven "Verwirklichungs- und Selbstverwirklichungsimpuls" bestimmt war, bei dem "Partizipation" eine zentrale Rolle spielte, lässt sich die seit Ende der 1960er Jahre wachsende Zahl außerparlamentarischer Bürgerinitiativen als Fortsetzung gesellschaftskritischer Impulse auf mikropolitischer Ebene beschreiben. Das politisierte Klima dieser Jahre, die von der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung übernommenen Aktionsformen, die subjektive Partizipationsdimension - das schuf Bedingungen für den Aufschwung einer neuen Form des nicht-institutionalisierten politischen Engagements, das sich in Bürgerinitiativen niederschlug.

Die Soziologie hat nachgewiesen, dass sich für die jüngere Generation von damals von einem "Wertewandel" sprechen lässt. Doch ist die Protestbewegung aus dem Blickwinkel des Wertewandels eher Objekt als Subjekt. Sie hat vielen erlaubt, Wünsche auszuleben, die ansonsten vielleicht verdrängt worden wären. Aber es ist weder ihr Verdienst noch ihre Schuld, dass sie in die relativ gesicherten materiellen Verhältnisse hineinwachsen konnte, die ihre Eltern lange entbehren mussten. Dass dabei die Gräben zwischen den Generationen so tief wurden, lässt sich aus den unterschiedlichen Sozialisationserfahrungen von Kriegs- und Nachkriegsgeneration erklären. Hinzu trat der Wandel zur Dienstleistungsgesellschaft: Das hohe materielle Niveau ließ die Bedeutung der Kulturindustrie wachsen. So schwand die prägende Kraft von Triebverzicht und Enthaltsamkeit. Freilich hat der Wertewandel nicht jene bestandsgefährdende Kulturkrise der westlichen Welt ausgelöst, die Daniel Bell in den 1970er Jahren angenommen hat.

Das Private ist politisch - dazu gehörte für die 68er auch ein freier Umgang mit der eigenen Sexualität.  Foto: Günter ZintDas Private ist politisch - dazu gehörte für die 68er auch ein freier Umgang mit der eigenen Sexualität. (© Günter Zint)
Auch eine Vielzahl von Veränderungen der Lebensformen und des alltäglichen Sozialverkehrs führen auf die 1960er Jahre zurück. Das gilt für die veränderten Einstellungen zu Ehe und Familie, für vorehelichen Sex und serielle Monogamie, für das Vordringen der Frauen in der Gesellschaft und eine allgemeine Pluralisierung von Lebensstilen. Tief sitzende kulturelle Einstellungsmuster vom engen Zusammenhang zwischen Sexualität, Ehe und Fortpflanzung haben sich innerhalb weniger Jahre nachhaltig verändert. Sexuelle Libertinage bei verminderter Wertschätzung von Ehe und Familie - dabei ist die Protestbewegung Vorreiter gewesen. Zwar hat sie bald die Anzeichen der "systemkonformen Vermarktung der Sexualität" durch eine wachsende Sex-Industrie kritisiert. Doch die demonstrative Promiskuität und die vielfältigen Diskussionen um sexuelle "Unterdrückung" und "Befreiung" haben nicht nur ihren Beitrag zur Liberalisierung der Sexualmoral geleistet, sondern auch das soziale Rekrutierungsfeld der APO ausgeweitet. Heute wird man die Errungenschaften dieser Libertinage eher zwiespältig betrachten müssen. Was zunächst Befreiung war von der Last eines bedrängenden Normensystems und neue Möglichkeiten von Freiheit und Selbstverwirklichung schuf, ist auch Trendsetter einer allgemeinen Sexualisierung des Alltagslebens geworden.

Mit 1968 verbindet sich auch der Protest gegen alle möglichen äußeren Attribute von Wohlanständigkeit und "guter Kinderstube", die von den jungen Leuten als Fassade für die repressive Moral eines biedermeierlichen Kleinbürgertums mit brauner Vergangenheit gedeutet wurden. Der Rigidität des Einklagens von "ehrlichen" und "offenen" Formen des Sozialverkehrs entsprach die Denunziation des bürgerlichen Verhaltenshabitus als doppelbödig und verlogen. Entsprechend wurde (fast) alles abgelehnt, was dort zum guten Ton gehörte: gepflegtes Äußeres ebenso wie konventionelle Höflichkeitsformeln. Auch hier hat die Protestbewegung Spuren hinterlassen, wie der Siegeszug des "Du" und die Lockerung der Regeln für Bekleidung und äußeren Habitus besonders deutlich zeigen. Auch die heutige Form- und Zwanglosigkeit aber hat ambivalente Konsequenzen. Das Verrücken von Tabuschranken, der Verlust an Diskretion und Schamgefühl sind Kehrseiten eines weniger von Regeln und Konventionen bestimmten Sozialverkehrs, in dem Tugenden wie Höflichkeit, Ehrlichkeit, Respekt und Verlässlichkeit an Bedeutung verloren haben.

Fraglos hat die Protestbewegung das Bewusstsein von der kulturfördernden Kraft von Institutionen geschwächt. Doch gerade weil die befreiende Formlosigkeit von 1968 in ihrer Radikalität so leicht als Umkehrung der elterlichen Grundwerte von Gehorsam und Disziplin erkennbar ist, wird man die hernach prägende Kraft eines permissiven Zeitgeistes nicht einfach als Folgewirkung dieser Jahre beschreiben können. Eher haben Kulturkritik und Antikapitalismus mitgeholfen, den Weg zu öffnen für eine vom modernen Kapitalismus geforderte neue soziale Mobilität und Flexibilität.


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Nigel Coles Sozialkomödie erinnert an den Streik in Dagenham 1968, als erstmals in der britischen Geschichte Frauen für ihre Rechte kämpften. Kinofenster.de bietet passende filmpädagogische Begleitmaterialien für den Schulunterricht.

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