68er Dossier
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Der 2. Juni 1967 und die Staatssicherheit


27.5.2009
Der 2014 verstorbene Polizist Karl-Heinz Kurras, der den Studenten Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 in Berlin erschoss, war Inoffizieller Mitarbeiter der Stasi. Das beweisen Unterlagen der Behörde des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen (BStU), ausgewertet 2009 von Helmut Müller-Enbergs und Cornelia Jabs.

Seiten 1-3 des Mitgliedsbuches Nr. 2.002.373 der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, ausgestellt am 28. Juli 1964 für Karl-Heinz Kurras. Quelle: BStUSeiten 1-3 des Mitgliedsbuches Nr. 2.002.373 der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, ausgestellt am 28. Juli 1964 für Karl-Heinz Kurras. (© BStU)

"Der Tod des Demonstranten" heißt ein Bronzerelief, das von Alfred Hrdlicka 1971 geschaffen und das 1990 vor der Deutschen Oper aufgestellt wurde. An seinem Fuß ist eine Gedenktafel angebracht, auf der es heißt: "Am 2. Juni 1967 wurde der Student Benno Ohnesorg im Hof des Hauses Krumme Straße 66 während einer Demonstration gegen den tyrannischen Schah des Iran von einem Polizisten erschossen. Sein Tod war ein Signal für die beginnende studentische und außerparlamentarische Bewegung, die ihren Protest gegen Ausbeutung und Unterdrückung besonders in den Ländern der Dritten Welt mit dem Kampf um radikale Demokratisierung im eigenen Land verband."

Die Bestürzung in der Gesellschaft in Ost- und Westdeutschland sowie insbesondere unter den Studenten war ungemein. Ohnesorg, sagte Knut Nevermann auf der Beerdigung, "wurde getötet als einer von uns ... Es hätte jeden anderen von uns treffen können."[1] Der Schuss aus ca. eineinhalb Metern Entfernung in den Hinterkopf, dessen Hergang im Übrigen nie zweifelsfrei geklärt werden konnte und folglich dem Polizisten aus Mangel an Beweisen für einen schuldhaften Tötungsvorsatz einen Freispruch einbrachte, war für die "68er-Bewegung" das Fanal schlechthin.

Davon wollte auch die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED) profitieren, sie bekundete vielfach ihre Solidarität mit dem Toten. So begleiteten etwa, als am 8. Juni sein Leichnam auf der Transitstrecke von West-Berlin nach Hannover überführt wurde, den Sarg Hunderte Fahrzeuge, und an den beiden Grenzübergängen, an den Seiten der Autobahn grüßten Betriebsdelegationen, Bürger und Aufgebote der Freien Deutschen Jugend (FDJ) den Konvoi.

Unter den Genossen der SED war die Stimmung einhellig: Es war Mord, der Täter ein Verbrecher. Nur wenige teilten diese Auffassung nicht. Einer davon wird eher ein Missbehagen mit solchen Deutungen empfunden haben, namentlich Genosse Karl-Heinz Kurras. Immerhin gehörte er schon mehrere Jahre der Partei an, seitdem er am 15. Dezember 1962 den Aufnahmeantrag in "ehrlicher Überzeugung" gestellt hatte, "daß die SED mit ihrer Zielsetzung den wahren demokratischen Willen verkörpert, ein demokratisches Deutschland zu schaffen".[2] "Er erklärte, daß er sich der Bedeutung dieses Schrittes voll bewusst ist und seine ganze Kraft für die Partei einsetzen wird".[3] Der DDR hätte er gern als Volkspolizist zur Seite gestanden, doch hatte sich das zerschlagen. Seine nächsten Genossen vertrauten ihm dennoch, bürgten für ihn vor der Partei: So die Österreicherin Charlotte Müller, Altkommunistin und im KZ Ravensbrück inhaftiert, die einen ebenso zweifelsfreien Ruf hatte wie Werner Eiserbeck, der das vollste Vertrauen seines Staates DDR genoss.[4]

Nach der Kandidatenzeit wurde er mit Zustimmung des Zentralkomitees als Mitglied in die SED aufgenommen. Die SED-Kreisleitung VII a bestätigte das und händigte das Mitgliedsbuch 2.002.373 aus.[5] Kurras' Parteibiografie war und blieb makellos, wenn von dem kritischen Einwurf vom Juni 1964 abgesehen wird, wonach er Leser des Spiegel war. Ansonsten galten seine Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit als "bewiesen": "Die gestellten Aufgaben werden von ihm gewissenhaft erfüllt. Bei der Erfüllung seiner Aufgaben zeigt der K. Mut und entwickelt die notwendige Initiative ... er (steht) treu zur Deutschen Demokratischen Republik".[6] Und sie auch zu ihm: Als es erforderlich war, die Verbindung zu Kurras zu dessen eigener Sicherheit zu "unterbrechen ", gab es offenkundig kein Parteiverfahren. Keine Rüge oder andere Strafe ist vermerkt. Es wurden nur keine Beitragsmarken mehr in sein Mitgliedsbuch geklebt. Dabei bedurfte es nicht viel, um aus der SED ausgeschlossen zu werden. Die Erschießung Benno Ohnesorgs durch den Genossen Kurras bot scheinbar keinen hinreichenden Anlass.

In der Tat verdankte die Partei ihm viel, mehr noch aber das Ministerium für Staatssicherheit (MfS). Mit 22 Jahren trat Karl-Heinz Kurras im März 1950 in den Dienst der Polizei in West-Berlin, arbeitete als Polizei-Meister bei der Polizei-Inspektion in Berlin- Charlottenburg. Im April 1955 hat er, heißt es in seiner Akte, den Wunsch, in die DDR überzusiedeln und der Deutschen Volkspolizei zu dienen.[7] "Sein Wunsch war von vornherein in den demokratischen Sektor zu kommen und es bedurfte einer gründlichen Aussprache, um ihn von der Wichtigkeit seiner Arbeit bei der Stummpolizei zu überzeugen."[8] Statt die Einbürgerung zu erhalten, wird er wenig später als inoffizieller Mitarbeiter (IM) "Otto Bohl" von Fritz Redlin angeworben, der bei der Abteilung IV der Groß-Berliner Staatssicherheit arbeitete,[9] jener Linie IV, die in dieser Zeit insbesondere durch das Briefbombenattentat auf den saarländischen Ministerpräsidenten Johannes Hoffmann auffiel und bis heute den Ruf behielt, für unfeine Dinge zuständig gewesen zu sein. Karl-Heinz Kurras verpflichtete sich am 26. April 1955 schriftlich zur Kooperation,[10] arbeitete weiter bei der West-Berliner Polizei mit dem Auftrag, dort in die wichtigste Abteilung I zu gelangen, in der
Eigenhändige Verpflichtungserklärung Karl-Heinz Kurras' ("Otto Bohl") für das Ministerium für Staatssicherheit, Berlin 26. April 1955. Quelle: BStUEigenhändige Verpflichtungserklärung Karl-Heinz Kurras' ("Otto Bohl") für das Ministerium für Staatssicherheit, Berlin 26. April 1955. (© BStU)
alle Fäden in Sachen Staatssicherheit, Spionage und Überläufer in West-Berlin zusammenliefen, die auch mit dem Landesamt für Verfassungsschutz und den alliierten Sicherheitsoffizieren kooperierte. Ein Ziel, das von seinem Stellenwert her mit dem eines Rainer Rupp ("Topas") in der NATO, Gabriele Gast ("Gisela ") oder Heinz Felfe beim Bundesnachrichtendienst (BND) ebenbürtig gewesen ist. Es wurde beinahe im April 1960 mit seinem Eintritt in die Kriminalpolizei und vollends im Januar 1965 erreicht.[11] Er gehörte dort als Kriminalmeister einer Sonderermittlungsgruppe an, die sich mit der "Suche nach Verrätern in den eigenen Reihen" befasste, also die "intimste Stelle" innerhalb der Polizei.[12]

Die durch Karl-Heinz Kurras für das MfS, das ihn später durch Werner Eiserbeck von der für die Polizei zuständigen Linie VII des MfS führen ließ, bewirkte Transparenz der Abteilung I dürfte die kühnsten Erwartungen übertroffen haben. Er lieferte detailliert Erkenntnisse über Mitarbeiter, Ausbildung, Arbeitsweise und Personalveränderungen, Befehle, Dienstpläne und Einsatzpläne, zur Tätigkeit der Alliierten, der Ausstattung und Standorte – meist in dokumentarischer Form. Er war verantwortlich für die Asservate und die Auswertung des Funkverkehrs des MfS (A-3-Verkehr). Das MfS hatte bald eine umfangreiche Kenntnis über alle Aktivitäten der West-Berliner Polizei gegen das Ministerium. Er schlüsselte Festnahmen von IM auf, berichtete von Überläufern, Quellen des amerikanischen Geheimdienstes, Entführungsfällen aus West-Berlin oder Flüchtlingen wie Peter Fechter. Er gab das Wissen über besondere Kennzeichen bei West-Berliner Ausweisen ebenso weiter wie Verdachtsfälle gegen IM, Namen von V-Leuten des Verfassungsschutzes oder dessen Mitarbeitern, ferner über Fluchthelfer und Tunnel wie den in der Wollankstraße. Überdies nahm er im Auftrag des MfS Personenermittlungen in der KfZ-Kartei, im Fahndungsbuch und beim Einwohnermeldeamt vor[13] und machte das MfS mit Förderkadern der Polizei bekannt, die im Falle einer Wiedervereinigung im "Osten" zum Zuge kommen sollten.[14]



Fußnoten

1.
Vgl. Jürgen Miermeister/Jochen Staadt (Hg.), Provokationen. Die Studenten- und Jugendrevolte in ihren Flugblättern 1965 – 1971, Düsseldorf 1980, S. 107.
2.
BStU, MfS, GH 2/70, Bd. 17, Bl. 40 f u. 55 f. Das Folgende ebd., Bl. 56.
3.
Ebd., Bd. 1, Bl. 203.
4.
Ebd., Bd. 17, Bl. 43 f, 54 u. 57.
5.
Vgl. ebd., Bd. 17, Bl. 37 – 40 u. 158.
6.
Ebd., Bd. 17, Bl. 46.
7.
Vgl. ebd., Bd. 1, Bl. 5 f u. 10 f.
8.
Ebd., Bd. 1, Bl. 103. – Nach ihrem Präsidenten Johannes Stumm hieß die West-Berliner Polizei im Ost-Berliner Propaganda-Jargon "Stummpolizei".
9.
Vgl. ebd., Bd. 1, Bl. 5 f, 14 f u. 18.
10.
Vgl. ebd., Bd. 1, Bl. 19.
11.
Vgl. ebd., Bd. 2, Bl. 122 u. 153; Bd. 1, Bl. 182, 239 u. 248; Bd. 17, Bl. 112 f, 237 u. 287.
12.
Vgl. ebd., Bd. 10, Bl. 111 u. 118; Bd. 16, Bl. 15 f; Bd. 17, Bl. 128.
13.
Vgl. ebd., Bd. 7, Bl. 24 f, 27, 38, 44, 84, 94, 97, 99, 102, 117, 125 u. 136.
14.
Vgl. ebd., Bde. 5 – 8; exempl. Bd. 4, Bl. 40 – 47, Bd. 7, Bl. 24 f, 27, 38 f, 44, 84 u. 94, Bd. 16, Bl. 24 – 38 u. 109 f; Bd. 8, Bl. 119 f.

 
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