68er Dossier
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Revolution des Alters: Die 68er gehen in Rente

Interview mit Rainer Böhme


25.3.2008
Die Generation der 68er rückt langsam in den Ruhestand vor. Dies bringe einen radikalen Wandel des Lebens im Alter mit sich, so der Publizist Rainer Böhme im bpb-Interview. Werden die 68er nach ihrer Jugendrevolte nun das Alter revolutionieren?

Ihr Buch "Die Altersrevolution" vertritt die These, dass die 68er-Generation das Alter revolutionieren wird. Wie soll diese Revolution konkret aussehen?

Foto: Rainer Böhme(© Rainer Böhme)
Rainer Böhme: Das Leben im Alter befindet sich seit kurzem in einem dramatischen Wandel. In Deutschland geht nunmehr eine Generation in Rente, die sich nicht – wie bisher üblich – in Schrebergärten, Schützenvereine und Seniorenheime zurückzieht, die weder sparsam, genügsam und angepasst die verbleibenden Jahre ihres Lebens "verbringen" will und deren Leben im Alter von Rückzug und zunehmender Isolation bestimmt wird. Vielmehr wird sich diese Generation der neuen Alten daran machen, das Alter als einen überaus aktiven, selbstbestimmten und sogar zukunftsorientierten Lebensabschnitt zu revolutionieren. Dabei profitieren sie natürlich vom medizinischen Fortschritt.

Anzeichen für diese Veränderung gibt es genug – man muss nur einmal genauer hinschauen. Was früher der Tanztee war, ist heute die Ü-30-Party – dort treffen Sie diese Generation. Das Tabu-Thema "Sex im Alter" wird gerade gebrochen, nicht zuletzt dank Viagra und der Filmindustrie, die die neuen Alten gerade für sich entdeckt hat. Deutschlands Metropolen erleben derzeit einen deutlichen Zuzug durch die neuen Alten – weil sie gerade dort – und nicht im Häuschen auf dem Lande – im Alter das finden, was sie für diesen Lebensabschnitt suchen: ein möglichst großes Angebot an Bildung, Kultur, Gastronomie, Sport, Konsum und neuen Wohnformen wie Alters-WG und Mehrgenerationenhäuser. Aber das sind nur die Vorboten.

Wir werden erleben, wie sich in den kommenden Jahren die Diskussion um die körperliche wie geistige Leistungsfähigkeit älterer Menschen deutlich verstärken wird. Wir werden erleben, wie sich eine neue Wertediskussion entwickeln wird über die Diskriminierung von Alter in der Gesellschaft. Wir werden erleben, dass das Thema Generationengerechtigkeit immer stärker in den Vordergrund der öffentlichen Diskussion schieben wird, Beispiele wie jüngst die ZDF-Serie "2030 – Aufstand der Alter" war da nur die Vormusik.

Als Jugendliche machten die 68er lautstark auf ihre Interessen aufmerksam. Warum sollten sie damit im Alter aufhören? Foto: APAls Jugendliche machten die 68er lautstark auf ihre Interessen aufmerksam. Warum sollten sie damit im Alter aufhören? (© AP)
Und wir werden erleben, wie die neuen Alten sich verstärkt zu Wort melden werden in Parteien, Bürgerinitiativen und Aktivgruppen, wie sie Wert legen werden auf die Weitergabe ihres Wissens und ihrer Erfahrung, und, nicht zu vergessen, immer stärker ins Blickfeld von Werbung und Konsum geraten werden. Und das alles hat zu tun mit dem Selbstverständnis dieser Generation, der Generation der 68er.

Warum soll gerade die 68er Generation das Alter revolutionieren?

Rainer Böhme: Die Generation der 68er definieren wir als die Jahrgänge zwischen 1940 und 1950. Rund acht Millionen Menschen gehören dieser Altersgruppe an, die nunmehr in den Ruhestand vorrückt. Nun, nach fast vierzig Jahren, soll diese Generation die Institutionen verlassen, durch die zu marschieren sie angetreten war und in denen sie mal mehr, mal weniger erfolgreich gewirkt hat: Politik, Wirtschaft, Justiz, Bildung, Kultur. Stets und ständig wollte sie "die Gesellschaft" verändern – und wer glaubt, sie würden im Alter von diesem Vorsatz lassen, der dürfte sich einer Illusion hingeben.

Die 68er haben es geschafft, gegenüber anderen Generationen eine Führungsrolle zu übernehmen. Sie haben das kulturelle, politische und soziale Deutschland mehr verändert als andere Altersgruppen. Denn sie bilden eine Generationen- und Erinnerungsgemeinschaft. Der Soziologe Helmut Schelsky hat bei der Definition einer Generationengestalt auf das Zusammenwirken von Generationenelite und Generationenmasse hingewiesen. Werden die Deutungsmuster und Lebensvorstellungen von vielen geteilt, entsteht eine Generation mit einem stark verinnerlichten Zeitgeist. Dies ist bei den 68ern im Unterschied zu Pseudo-Generationengemeinschaften wie der "Generation Golf" ganz klar der Fall.

Entscheidend ist dabei, dass diese Generation so etwas wie einen kollektiven Habitus – eine Art Kollektiv- oder Gemeinschaftsseele – entwickelt hat, der ermöglicht wurde durch gemeinschaftliche Wert- und Normvorstellungen, einen ähnlichen Mode-, Musik-, Kunst- und Literaturgeschmack. Und dieser Habitus steht in krassem Gegensatz zum bisherigen Altersbild der Gesellschaft. Diese Generation wird sich genau gegen dieses antiquierte Altersbild zur Wehr setzen und den bisherigen Altersbegriff aktiv abschaffen.



 

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