Daniel Cohn Bendit gemeinsam mit anderen Aktivisten auf einer Demonstration in Saarbrücken im Jahr 1968.

25.3.2008 | Von:
Rainer Böhme

Revolution des Alters: Die 68er gehen in Rente

Interview mit Rainer Böhme

Müssen wir mit einer "aufmüpfigen" Rentnergeneration rechnen, die sich stärker als bisherige Rentnergenerationen in das öffentliche Leben einmischt und ihre Anliegen lauter vorträgt - eventuell auch gegen die Interessen der Jüngeren?

Rainer Böhme: Aber unbedingt! In ihrer Jugend haben die 68er das Alter bekämpf, nun, im Alter, werden sie den Jugendwahn bekämpfen. Unbequem, aufmüpfig, theoriebeladen, konfliktbesessen, rebellisch: So haben sie die Republik geprägt, und so werden sie auch dem Alter ihren Stempel aufdrücken. Sie werden einen Mentalitätsbruch herbeiführen durch den Protest gegen die bisherigen, für sie überkommenen Vorstellungen von diesem Lebensabschnitt. Und sie werden sich und ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen, allein schon eingedenk ihrer Lieblingsvokabel "selbstbestimmt". Wir erleben dies ganz aktuell bei der zunehmenden Debatte über einen selbstbestimmten Tod. Die Mittel für diese Revolution werden sie besitzen.

Da wäre das ökonomische Kapital aus Eigentum an Bar- und Sachvermögen, Einkünften aus Abfindungen und Pensionen und nicht zuletzt Erbschaften. Diese Generationen, so schätzen Experten des Statistischen Bundesamtes, erben in den nächsten Jahren rund eine Billion Euro – das entspricht dem Dreifachen des Bruttosozialproduktes der Schweiz und dem jährlichen Bruttosozialprodukt von Dubai. Und sie ist bereits heute die Alterskohorte mit einem der höchsten verfügbaren Einkommen.

Weiterhin verfügen sie über das kulturelle Kapital für die beschriebene Veränderung durch ihre Gruppen- und Protesterfahrung aus Studentengremien, Versammlungen, Vorständen und Aufsichtsräten, Konflikterfahrungen aus Partei, Bürgerbewegungen, Demonstrationen, Hausbesetzungen, Elternbeiräten, Parlamenten und Synoden. Und schließlich verfügen sie über das soziale Kapital durch ihre Netzwerke aus Alt-68er-Weggefährten und Kampfgenossen, aus Verbands- und Parteizugehörigkeiten, Medienzirkeln, Rotary- und Lions-Clubs. Unter Einsatz dieser Ressourcen werden sich die neuen Alten daran machen, die Kategorien Jugend und Alter aufzulösen und ein Klima zu erzeugen, in dem die daraus resultierenden Gegensätze in einem altersübergreifenden Zeitgeist untergehen – und die demographische Entwicklung wird ihnen dabei in die Karten spielen.

Schon in den 60er Jahren nahm nur ein Bruchteil der 68er-Generation aktiv an den Protesten teil. Wird nur ein elitärer Teil der Rentner, das Alter revolutionieren?

Rainer Böhme: Wir unterscheiden vier Typen von 68er-Rentnern: die vitalen Genießer, die Aufmüpfigen oder Renitenten, die Deprimierten und die Traditionellen. Unter den vitalen Genießern werden sich rund ein Viertel der 68er-Rentner einordnen lassen. Sie lassen sich durch Ausgeglichenheit, Zufriedenheit, Aktivität, Kontaktfreudigkeit und eine positive Einstellung gegenüber dem Alter charakterisieren. Sie demonstrieren auch im Alter eine hohe Risikobereitschaft, sind qualitätsorientiert und blicken auf eine lange Lebenserfahrung zurück. Sie haben kräftig konsumiert und mindestens eine Scheidung hinter sich. Im aktiven Leben zählten sie zur deutschen Elite, kennen die Welt und sind ausgesprochen selbstbewusst.

Der zweiten Gruppe, den Aufmüpfigen oder Renitenten, gehören knapp zehn Prozent dieser Altersgruppe an. Sie sind Ich-bezogen, auf den eigenen Vorteil und Geltung bedacht und neigen zur Rebellion. Ihr Markenzeichen ist eine besondere Form von Jugendlich- und Sportlichkeit (Forever-Young-Syndrom) und haben "die Unfähigkeit zu altern". Sie treffen sie heute u.a. bei Attac und bei der Linkspartei in Westdeutschland.

Der dritten Gruppe, den Deprimierten, werden sich knapp 20 Prozent der 68er-Ruheständler zugehörig fühlen. Sie empfinden das Alter als Last und haben eine tendenziell negative Einstellung zu ihrem Körper. Außerdem zeichnet sie ein Preisbewusstsein aus, das aber, wenn es die Gesundheit betrifft, einer Qualitäts- und Markenorientierung weicht. Sie kaufen ihre Produkte nicht im Bioladen, sondern bei Aldi und Lidl, und verbringen den Urlaub im eigenen Garten oder auf dem Balkon. Das Politikinteresse richtet sich auf "Tagesschau", den "Monitor", "Aspekte" und die Regionalzeitung.

Die vierte Gruppe schließlich, die Traditionellen, stellen fast die Hälfte der 68er-Senioren. Sie werden nach der Devise leben: "Ich bin so alt, wie ich mich fühle." Zu diesem Typus zählen alle, die damals modische Mitläufer waren oder auf der anderen Seite standen oder sich später distanzierten. Sie strebten damals nicht den langen Marsch an, sondern widmeten ihre Lebenszeit gleich ihrer Karriere.

Wir haben es also mit vier unterschiedlichen Typen und Lebensweisen zu tun. Mit dem bisherigen Bild vom Alter freilich wird ihre jeweilige Lebensweise nichts mehr zu tun haben.

Die Fragen stellte Stephan Trinius (Volontär im Fachbereich Multimedia der bpb).

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