Daniel Cohn Bendit gemeinsam mit anderen Aktivisten auf einer Demonstration in Saarbrücken im Jahr 1968.

30.1.2008 | Von:
Peter Schneider
Eberhard Diepgen

Die Bedeutung von 1968 heute

Ein Streitgespräch zwischen Eberhard Diepgen und Peter Schneider

Zur Eröffnung der Ausstellung "68 – Brennpunkt Berlin" im Amerika Haus in Berlin trafen sich Peter Schneider und Eberhard Diepgen zu einem Streitgespräch über 68 und dessen Folgen.

Welche Bedeutung kommt dem Jahr 1968 heute noch zu?

Peter Schneider: '68 war eine Umkrempelung des Lebens. Man kann '68 überhaupt nicht verstehen, wenn man sich nicht mit den 50er Jahren beschäftigt. Die 50er Jahre waren emotional von absurden Verboten und Verklemmungen geprägt. Die meisten dürften noch mit dem wilhelminischen Handwerkszeug der Erziehung – nämlich Rute, Stock und Teppichklopfer – aufgezogen worden sein. In der Schule herrschte zwischen Lehrern und Schülern ein klares, nie angezweifeltes Obrigkeitsverhältnis: der Lehrer hatte immer Recht, der Schüler immer Unrecht. Wir sind damals mit dem Gefühl aufgewachsen, in einer Käseglocke zu leben, in der man keine Luft bekam und ein großes Schweigen herrschte. Dieses Schweigen betraf keineswegs nur die Nazivergangenheit, sondern jede Art von emotionalen Konflikten: ob es um Geld ging oder um den Anspruch, sich mit einem Liebespartner zu treffen. Einen Teil der Jugend hat damals das Gefühl erfasst: raus aus diesem emotionalen Gefängnis, es muss etwas geschehen, was auch immer. Die 68er-Bewegung hat eine absolut notwendige und fällige Zäsur in der Geschichte der Bundesrepublik bewirkt. Ihr größter Verdienst ist vielleicht, dass sie endgültig mit der Kultur des Gehorsams in Deutschland gebrochen hat. Die Frauenbewegung, die Kinderladenbewegung, die Bürgerinitiativen und eine – wie Cohn-Bendit bemerkt hat – Frau als Bundeskanzlerin wären ohne diese Bewegung kaum möglich. Das halte ich für Verdienste, die man nicht wegdiskutieren kann.


Eberhard Diepgen: In der Tat war die damalige Situation geprägt von Verkrustung und der Verweigerung des Establishment notwendige Reformen einzuläuten. Das hat angefangen an den Hochschulen. An diesem Beispiel wird auch deutlich, wie der Staat damals in seiner Reaktion total versagt hat. Statt eine notwendige Diskussion aufzunehmen, wurde zunächst bloß geblockt. Ich kann mich erinnern, wie an der FU Berlin renommierte Hochschullehrer Studentenvertreter am Jackett genommen haben, nur weil die Studenten konkrete Forderungen stellten. Erst wurde alles geblockt und später dann kapituliert. Das hatte für die Qualität der Hochschulen negative Auswirkungen über die nächsten 20 bis 30 Jahre. Besonders problematisch waren eine grundsätzliche Kritik an der parlamentarischen Demokratie und Thesen zur Anwendung von Gewalt in der politischen Auseinandersetzung. Andererseits hat die 68er-Bewegung neue Diskussionsformen durchgesetzt und bestimmte Themen und Diskussionen für den demokratischen Diskurs geöffnet. Das gilt etwa für die sexuelle Moralvorstellung, aber auch für Inhalte in der Bildungspolitik. Dabei waren natürlich nicht alle Lösungsvorschläge der 68er richtig und erfolgreich. Man denke nur mal an die antiautoritäre Erziehung. Damals war das ein Ideal für Schulen und Kindergärten. Heute sind fast alle Anhänger dieser These total frustriert und übertreiben manchmal in die andere Richtung. Aber die 68er haben Anstöße gegeben, da stimme ich ausdrücklich zu. Man muss trotzdem Acht geben, dass ein Teil der Anstöße aus '68 eben zu negativen Entwicklungen geführt hat. Außerdem kann man viele wichtige Entwicklungen aus den 60er Jahren nicht den klassischen 68ern um Rudi Dutschke zuschreiben. Dazu gehören z.B. die großen Demonstrationen gegen den Bildungsnotstand am ersten Juli 1965 oder die gesamte Aktion Bildungswerbung. Die '68er haben sich nicht mit der Frage beschäftigt, wie und welche konkreten Schritte notwendig sind, um Benachteiligungen im deutschen damals bestehenden Bildungssystem zu beseitigen. Für sie stand die totale Veränderung der Gesellschaft im Vordergrund.


Peter Schneider: Ich meine, nicht die Rebellen von damals haben sich zu rechtfertigen. Sondern diejenigen, die damals so taten, als könne man nach dem Zivilisationsbruch des Holocaust einfach seiner Karriere nachgehen. Ich leugne nicht, dass die Bewegung am Ende übergeschnappt ist. Übergeschnappt in einen revolutionären Wahn. Der größte Fehler dieser Bewegung ist, dass ihre Führer am Ende einer im Kern totalitären Ideologie verfallen sind. Das bleibt unverzeihlich und war auch ein Bruch mit den basisdemokratischen Anfängen der Bewegung. Beides hat diese Bewegung ausgemacht: der gerechtfertigte Protest am Anfang und die Verirrung in eine totalitäre Ideologie am Ende. Ich meine damit den Maoismus und die RAF. Eine anderer schwerer Defekt war der Verlust von Toleranz und Diskussionskultur. Ich weiß noch, wie erstarrt ich war, als Hans-Joachim Lieber (seit 1965 Rektor der TU Berlin, Anm. der Redaktion) das Mikrophon entrissen wurde. Da war zum ersten Mal eine Grenze überschritten. Später hat man gar nicht mehr diskutiert, sondern Andersdenkende als Faschisten beschimpft. Zu manchen Auswüchsen führte aber auch die Entdeckung, dass man nur wahrgenommen wird, wenn man die Regeln übertritt. Trotzdem war es nie zu rechtfertigen, dass Professoren mit Gewalt am Reden gehindert oder aus ihren Seminaren herausgetragen wurden.

Inwieweit spielte in Berlin die Teilung der Stadt und die Abhängigkeit Westberlins von den USA eine Rolle?

Eberhard Diepgen: Die Ereignisse des Jahres 1968 dürfen nicht isoliert gesehen, sie können nur im Zusammenhang der gesellschaftlichen und weltpolitischen Auseinandersetzung des Jahrzehnts verstanden werden. Speziell für Berlin gehört da auch der Bau der Berliner Mauer im Jahr 1961 dazu. Vor allem aber die Frage nach der von den Berlinern emotional zutiefst empfundenen Abhängigkeit ihrer Freiheit von der amerikanischen Schutzmacht. Ich selbst habe das damals genau so empfunden wie ein Großteil der Berliner Öffentlichkeit. Da war das Gefühl, in einem Kampf zu stehen gegen den ständige kommunistische Übergriffe und den Versuch einer kommunistischen Machtübernahme. Man muss einfach wissen, dass in dieser Zeit die Sowjets mit Luftterror auf Veranstaltungen in Berlin reagierten. Man muss wissen, dass damals die DDR die Gebühren für Fahrten und Fracht über die Zufahrtswege nach Berlin erhöht hat. Das hat die wirtschaftliche Situation der Stadt im Nerv getroffen. Die Berliner haben die S-Bahn boykottiert. Sie wollten nicht durch ihre Beiträge an die DDR den Bau der Mauer und den Stacheldraht bezahlen. Man muss das alles im Zusammenhang sehen. Und dann tauchen da plötzlich gewalttätige Demonstranten gegen Amerika und die Bindung Berlins an den Westen auf, denen zum Teil nachgewiesen werden konnte, dass sie durch die DDR fremdgesteuert waren. "Konkret" etwa – eine der theoretischen Zeitschriften – wurde sogar durch den Staatssicherheitsdienst finanziert. In Berlin gab es also eine Sondersituation, die dann in besonderer Weise zur Eskalation beigetragen hat. Zudem waren ein Großteil der Fundamentalopposition der Bundesrepublik nach Berlin gekommen. u.a. als Wehrdienstverweigerer.

Peter Schneider: Die Abhängigkeit Berlins von den Amerikanern haben die Studenten eindeutig falsch eingeschätzt – oder sogar bewusst ignoriert. Ich bin bis heute überzeugt, dass der Vietnamkrieg ein Verbrechen war. Das war ja nicht nur die Meinung deutscher Studenten, sondern auch und vor allen anderen die Meinung unserer amerikanischen Kommilitonen. Weltweit haben Studenten den Krieg in Vietnam zum Thema gemacht. Dieser Krieg wurde mit Recht angeprangert. Und ich kann bis heute nicht akzeptieren, dass unsere Regierung diesen Krieg mitgetragen hat und die Berliner sagten: "Gerade wir können unseren Befreiern doch nicht in die Parade fahren". Das war ein Konflikt. Daher musste sich die Studentenbewegung gegen die Mehrheit der Berliner stellen. Zudem war die durchschnittliche Äußerung der Berliner zu den Studentendemonstrationen und auch nach dem Tod von Benno Ohnesorg: "Euch hat Hitler zu vergasen vergessen. Ab mit euch ins KZ." Da saß noch so viel Faschismus in den Köpfen. Man musste aus diesem Teufelskreis von alten Hassformeln herauskommen –jemand musste es auf sich nehmen, diesen Hass auf sich zu laden. Im übrigen ist die Amerikafeindlichkeit der 68er ein Mythos. Wir haben fast alle unsere Protest- und Demonstrationsformen aus Amerika übernommen: die Sit-ins, Teachins, das Prinzip des zivilen Ungehorsams. Unsere Feindschaft galt allein der Regierung der USA, nicht aber auf die Bevölkerung der USA. Heute haben wir unter den jungen Leuten in Deutschland einen viel stärkeren Antiamerikanismus als damals.


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