Gastarbeiterinnen bei ihrer Abreise in Istanbul

Selahattin Biner

25.10.2011
Selahattin Biner kommt 1964 als Gastarbeiter nach Deutschland. Eigentlich plante er nicht, sein Heimatland Türkei für immer zu verlassen. Als seine Tochter in die erste Klasse kommt, entscheiden er und seine Frau in Deutschland zu bleiben.

Das Ehepaar Biner vor seiner ersten gemeinsamen Wohnung in München.Das Ehepaar Biner vor seiner ersten gemeinsamen Wohnung in München.

Selahattin Biner kam aus Kırklareli, einer kleinen Stadt in der Nähe von Edirne. Er war ausgebildeter Modellschreiner am Staatlichen Institut zur Ausbildung von Handwerkern. Der junge Selahattin Biner war gut ausgebildet, mobil, unternehmungslustig. Vor allem aber fühlte er sich als Europäer, als einer, dem das Leben im Westen schon deswegen nicht schwerfallen würde, weil seine ganze Umgebung immer schon dorthin geschaut hatte. In seiner Schule waren nicht nur Englisch und Französisch oder Deutsch Pflichtfächer. 1964 ging er mit zwei Freunden als Gastarbeiter nach Deutschland.

Ankunft in Deutschland

    "Das war natürlich ein Abenteuer! (...) Wir haben uns riesig gefreut(....) Aber auch wenn ich gut und gern gearbeitet habe: Ich wollte immer mehr vom Leben; Freunde haben, Sport treiben, meine neue Umgebung erobern.n Ich war neugierig auf die deutsche Kultur, die deutsche Sprache, die deutsche Lebensart. Da war es ein Glück, dass ich sofort Kontakt bekommen habe. Im Lohnbüro habe ich den Franz kennengelernt. Wir haben uns gleich angefreundet. Er hat mir Deutsch beigebracht und ich ihm Türkisch. Wann immer wir Zeit hatten, sind der Franz und ich mit den Rädern los, den Rhein hinauf oder bis nach Belgien und Holland. Es war eine wunderbare Zeit; ich habe so viel Neues gesehen!"

Zurück in die Türkei oder in Deutschland bleiben?

    "An dem Tag, als Göknil in die erste Klasse kam, haben wir gesagt: Jetzt müssen wir entscheiden, was wir wollen: Nach Hause? Oder hier bleiben? Wir mochten ja die Türkei, keiner von uns hatte je daran gedacht, ein ganzes Leben hier zu verbringen. Aber plötzlich lagen die Dinge anders. Die Älteste kam zur Schule, die Jüngere war gerade geboren. Und als wir auf dem Sofa saßen und überlegten, wurden wir uns schnell einig, dass eine Rückkehr nicht mehr infrage kommt. Die schulische und pädagogische Ausbildung, die unseren Töchtern hier bevorstand, hätte ihnen die Türkei nie geboten, als Mädchen schon gar nicht. Für Kinder und besonders für Mädchen ist die Zukunft in Deutschland einfach eine bessere! Also haben wir entschieden: Wir bleiben. Noch am selben Tag sind wir in den Keller und haben aufgeräumt: All die Kartons, in die wir den Kühlschrank oder den Fernseher wieder einpacken wollten, flogen in den Müll. Alles, worin man etwas verpacken konnte, haben wir weggeschmissen. Und wir haben es nie bereut."
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Quelle:
Jeannette Goddar/Dorte Huneke (Hrsg.): Auf Zeit. Für immer. Zuwanderer aus der Türkei erinnern sich
Ein Projekt der Bundeszentrale für politische Bildung und des KulturForums TürkeiDeutschland e. V.
Schriftenreihe Band 1183, Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2011.



 

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