Gastarbeiterinnen bei ihrer Abreise in Istanbul

25.10.2011

Mesut Ergün

Zum Höhepunkt der Studentenproteste beschließt Mesut Ergün im Alter von 20 Jahren nach Deutschland auszuwandern. In der Frankfurter "Sponti"-Szene findet er eine neue Heimat. Erst 2007 kehrt er an den Bosporus zurück.

Mesut ErgünMesut Ergün flieht aufgrund der desolaten politschen und wirtschaftlichen Lage aus der Türkei.

Mesut Ergün wird 1949 als zweites von drei Kindern in Özkonak in der zentralanatolischen Provinz Nevşehir geboren. Als Jugendlicher ist er in der politischen Linken aktiv. Ergü beschließt 1969 nach Deutschland zu gehen, um dort zu studieren. In der Frankfurter "Sponti"-Szene findet er eine neue Heimat, fühlt sich bestens integriert. Später wird er Taxiunternehmer und eröffnet eine Autowerkstatt. 2007 geht er nach 37 Jahren wieder in die Türkei zurück, wo er gemeinsam mit seiner Frau Ingrid ein Gästehaus am Bosporus eröffnet hat.
    "Wenn ich sage, dass ich mich deutsch fühle, meine ich damit, dass ich die Deutschen kennen und verstehen gelernt habe; ich verstand ihre Sprache und war ihnen wohl auch kulturell nähergekommen. Jedenfalls erschien mir der Umgang der Deutschen untereinander nicht mehr fremd. Wenn mich jemand gefragt hätte, ob ich mich deutsch oder türkisch fühle, hätte ich zwar immer noch gesagt: 'Ich fühle mich türkisch.' Aber ich würde auch sagen, ich war gut in die Gesellschaft integriert: Ich hatte deutsche Freunde, deutsche Kundinnen und Kunden, ich kannte mich in Frankfurt sehr gut aus, die Gesetze, Regeln und die Bürokratie waren mir vertraut. Was mich störte, war das negative Bild, das die Deutschen von den Türken hatten. Es kam mir oft so vor, als würden sie in uns kulturlose Wesen sehen, die aus der Wildnis in die Zivilisation gekommen waren. Viele Deutsche empfand ich uns gegenüber als arrogant und überheblich. Es störte mich auch, dass in der Wahrnehmung, die sie von mir hatten, meine Nationalität immer eine Rolle spielte. Selbst die Linken hatten Vorurteile gegenüber Türken. (...)

    Nach Deutschland zu gehen, war eine der besten Entscheidungen, die ich in meinem Leben getroffen habe. Als ich ging, war die Türkei ein sehr armes und instabiles Land; politische Unruhen waren an der Tagesordnung. Wenn ich zum Urlaub herkam, merkte ich immer, wie froh ich war, nach Deutschland gegangen zu sein und dort zu leben. Mittlerweile hat sich aber auch die Türkei sehr verändert und weiterentwickelt. Den Menschen geht es besser. Im Moment bin ich froh, hier zu sein. Mir ist die Lebensart wieder vertrauter geworden, und wir haben hier Freunde gefunden."
Lesen Sie weiter Auf Zeit. Für immer.
Quelle:
Jeannette Goddar/Dorte Huneke (Hrsg.): Auf Zeit. Für immer. Zuwanderer aus der Türkei erinnern sich
Ein Projekt der Bundeszentrale für politische Bildung und des KulturForums TürkeiDeutschland e. V.
Schriftenreihe Band 1183, Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2011.


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