"La Sarraz" – Mediencollage von Lutz Dammbeck, Kulturhaus "Nationale Front“, Leipzig, 24. Juni 1984
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Die Herausbildung der alternativen Kunstszene in der DDR


6.9.2012
Zwei Faktoren beflügelten die Entstehung alternativer künstlerischer Milieus in der DDR: der Mauerbau 1961 und das neue antiautoritäre Denken im Gefolge der 1968er-Bewegung.

Hartwig Ebersbach in der Inszenierung „Ichs Apokalyptus“, Monolog für Free Jazz Theater von Tohm di Roes, Kulturhaus „Nationale Front“, Leipzig, 6. Mai 1983: u.a. mit Thomas Heyn, „Gruppe FINE“, „sing and mime compagnie“, „Gruppe 37,2“, Foto: Gunda Schulze, Archiv Uta GrundmannBildergalerie: "Die Herausbildung der alternativen Kunstszene in der DDR" (© Gunda Schulze, Archiv Uta Grundmann, (c) VG Bild-Kunst, Bonn 2012)

Das Entstehen alternativer künstlerischer Milieus, die sich dem ideologischen und ästhetischen Eindeutigkeitsgebot von Partei und Staat verweigerten, ist zum einen durch den Mauerbau 1961 entscheidend befördert worden. Da sie nicht mehr einfach in den Westen ausweichen konnten, waren unangepasste Künstler gezwungen, innerhalb der DDR eigenständige Infrastrukturen aufzubauen. Das neue antiautoritäre Denken im Gefolge der 1968er-Bewegung, die sich im östlichen Europa in den Ereignissen des Prager Frühlings offenbarte, führte zum anderen zu einer kulturellen "Binnendifferenzierung" (Detlef Pollack), weil es sich nicht in politisches und gesellschaftliches Handeln transformieren ließ.

Widerstand und Anpassung



Die Künstler, die Anfang bis Mitte der 1960er Jahre in die DDR-Öffentlichkeit traten, verlangten vor allem mehr Freiraum innerhalb der Institutionen. Das Vertrauen in die Legitimität und Reformfähigkeit der DDR und ihrer Kunst- und Kultureinrichtungen war zwar nach dem 11. Plenum der SED empfindlich gestört, wurde aber nicht in Frage gestellt.

Ein Beispiel dafür ist die so genannte "Leipziger Schule“: Ihre Repräsentanten – Bernhard Heisig, Wolfgang Mattheuer und Werner Tübke, aber auch die Jüngeren wie Sighard Gille, Volker Stelzmann und Arno Rink – waren zu Beginn ihrer Laufbahn in den 1960er Jahren selbst Anfeindungen ausgesetzt gewesen. Nachdem sie von der Kulturbürokratie anerkannt worden waren, glaubten diese Künstler jedoch, dass damit die Kunst als solche in der sozialistischen Gesellschaft liberalisiert sei. Sie verwechselten ihre eigene Befreiung mit der der Kunst. Mit ihrer Institutionalisierung – nahezu alle renommierten Vertreter bekamen Lehrstühle und zogen die nächsten Jahrgänge in ihrem Geist heran – begann die Erstarrung. Die Kunst verband sich untrennbar mit politischer Opportunität.

Der Maler Gregor-Torsten Kozik über seine Abkehr von den Vertretern der Leipziger Schule.
Der Kunsthistoriker Christoph Tannert über das Verhältnis von oppositioneller und staatstragender Kunst in der DDR.
Der Maler Jörg Herold über die Grenze zwischen offizieller und inoffizieller Kunst in der DDR.
Der Konzeptkünstler Olaf Nicolai spricht von einer Abhängigkeit der autonomen Kunstszene vom damaligen gesamtgesellschaftlichen und politischen System.


Der Gang durch die Institutionen



Die Studentenbewegung in Westeuropa, besonders aber die Reformbewegungen in Warschau und Prag wurden für die Akteure der 1970er und frühen 1980er Jahre zur prägenden Generationserfahrung. Sie wendeten sich nicht gegen Staat und Partei, sondern klagten das immer wieder proklamierte Ziel der sozialistischen Menschengemeinschaft ein: Die eigenen Reformbemühungen sollten dabei dem notwendigen "Umbau“ des Sozialismus dienen und stellten die staatliche Hegemonie zunächst nicht zur Disposition. Das änderte sich nach der Biermann-Ausbürgerung 1976, die als eine Aufkündigung des zwar brüchigen, aber dennoch "bewährten“ Vertrauensverhältnisses zwischen Künstlern und staatlichen Verwaltern verstanden wurde. Seit Ende der 1970er Jahre kehrte deshalb die Künstlerszene den Institutionen mehr und mehr den Rücken. Eigene Produktions- und Lebensräume, die Etablierung von Öffentlichkeit außerhalb und unabhängig vom DDR-Kulturbetrieb wurden wichtig.

Beispielhaft für diese Generation stehen die Leipziger Lutz Dammbeck, Hans Hendrik Grimmling, Frieder Heinze, Günther Huniat, Karin Plessing, Gregor-Torsten Schade und Jürgen Schäfer. Sie entwickelten 1977 die Idee der "grenzüberschreitenden“ Ausstellung "Tangente“, scheiterten mit ihrem Konzept zunächst an den Behörden und konnten es 1984 mit dem "1. Leipziger Herbstsalon“ handstreichartig verwirklichen. Alle Beteiligten waren Mitglieder des Verbandes Bildender Künstler und bewegten sich mit ihrem Antrag auf dem offiziellen, bürokratischen Verfahrensweg durch die Instanzen. Das Exposé des Projekts entsprach jedoch nicht den üblichen Anforderungen: Grundsätzlich waren nur staatliche Institutionen befugt, Ausstellungen zu organisieren und die beteiligten Künstler festzulegen. Eine "klare politisch-ideologische Konzeption“ der Ausstellung sollte ebenfalls erkennbar sein. Der Titel "Tangente“ wurde dagegen als Kritik am Verband empfunden ebenso wie die Wahl des Zeitpunktes im Oktober und November 1977 – "der 60. Jahrestag der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution und die VIII. Kunstausstellung der DDR in Dresden“ würden mit einer solchen Ausstellung hinterfragt werden. Schließlich fasste die Verbandsleitung den Entschluss, die Ausstellung zur Schau "Junger Künstler des Bezirkes Leipzig“ zu erweitern und die Initiatoren der "Tangente“ umfänglich auf der VIII. Kunstausstellung zu zeigen.[1] Die Gruppe lehnte es jedoch ab, sich integrieren zu lassen und trat im Juli 1977 unter Protest von der Realisierung ihrer Ausstellung zurück.

Obwohl sie mit ihrem Projekt gescheitert waren, glaubten die Künstler auch weiterhin, die erstarrten Verhältnisse innerhalb des Verbandes aufbrechen und verändern zu können. Hans Hendrik Grimmling, Frieder Heinze und Günther Huniat gelang es, in die Sektionsleitung Malerei und Grafik gewählt zu werden, wo sie bei der Vergabe von Aufträgen oder Ausstellungsbeteiligungen mitbestimmen konnten. Vor allem aber wollten sie die lange schwelenden Konflikte innerhalb der Leipziger Künstlerschaft diskutieren: die Dominanz der Hochschule für Grafik und Buchkunst und ihres Rektors Bernhard Heisig bei den zu treffenden Entscheidungen, die fehlende Transparenz, die allein taktische Informations- und Öffentlichkeitsarbeit, den zentralistisch verwalteten Privilegienhaushalt und nicht zuletzt die Frage der Reisefreiheit.

Zum Eklat kam es, als ein Großteil der Anträge, im Frühjahr 1984 die Beckmann-Ausstellung in Westberlin besuchen zu dürfen, abgelehnt wurde. 46 Mitglieder des Bezirksverbandes Leipzig unterzeichneten ein Schreiben an den Präsidenten des Verbandes Bildender Künstler, Willi Sitte, in dem sie forderten, die Kriterien für die Auswahl und Befürwortung von Reisen in das NSW (Nichtsozialistisches Wirtschaftsgebiet) offenzulegen und Ablehnungen von Reiseanträgen umfassend zu begründen. Es war ein Politikum von höchster Brisanz. Nicht nur die Verbandsgremien und die Bezirksleitung der Partei sahen sich von dieser Anmaßung attackiert, sondern auch das ZK der SED.[2] Die als Delinquenten ausgemachten Künstler Grimmling, Huniat und Schäfer wurden der "Täuschung“, "des psychischen Meinungsterrors“, der "Nötigung und Erpressung“ bezichtigt – weil sie darauf insistierten, "Kriterien politischer Entscheidungen offenzulegen, die die Sicherheitsinteressen [des] Staates und sein internationales Ansehen unmittelbar berühr[t]en“.[3] Die Lektionen für die Rädelsführer reichten von der geforderten Selbstkritik und Suspendierung von den Leitungsfunktionen bis zur gezielten Isolation der Gruppe innerhalb des Verbandes.


Fußnoten

1.
Protokolle vom 6.6. und 8. 6. 1977 sowie das Schreiben von F. Ruddigkeit an W. Wolf vom 9.6.1977. Sächs. StAL VBK der DDR, BV Leipzig 8.
2.
Unterlagen Büro Kurt Hager, Vorl. SED 42316: VBK-DDR 1984–1988.
3.
Vgl. Aktennotizen über die Aussprachen mit Genossen Günther Huniat vor der Parteileitung der Grundorganisation Bildende Kunst am 12.10.1984 vom 13.11. 1984 und am 20.11.1984 vom 5.12.1984. "Vorgang Huniat 1982–1986“, Sächs. StAL, SED Zug. Nr. A5954.

 
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