"La Sarraz" – Mediencollage von Lutz Dammbeck, Kulturhaus "Nationale Front“, Leipzig, 24. Juni 1984

Die EP Galerie Jürgen Schweinebraden


6.9.2012
Eine der bedeutendsten Privatgalerien der DDR in den 1970er Jahren war die EP Galerie von Jürgen Schweinebraden in Berlin, die auch international Furore machte.

Im Atelier von Robert Rehfeldt (links) zusammen mit Bert Gerresheim (Düsseldorf), 1976, Foto: Archiv Jürgen Schweinebraden (Fotograf unbekannt) (c) VG Bild-Kunst, Bonn 2012Fotos aus der Galerie Jürgen Schweinebraden (© Archiv Jürgen Schweinebraden (Fotograf unbekannt), (c) VG Bild-Kunst, Bonn 2012)

Die Bedeutung der EP Galerie von Jürgen Schweinebraden, auch als "einzig private Galerie“ der DDR bezeichnet, kann im Kontext des unabhängigen Ausstellungsgeschehenes in der DDR in den 1970er Jahren nicht hoch genug eingeschätzt werden. Denn Schweinebraden stellte nicht nur Künstler aus, die in der DDR kaum Gelegenheiten hatten, ihre Arbeiten öffentlich zu zeigen, sondern er verfolgte beharrlich sein Konzept, zeitgenössische internationale Kunst bekannt zu machen.

Der studierte Psychologe war 1970 aus Dresden nach Berlin in den Prenzlauer Berg gezogen. Seine Wohnung von DDR-üblichen vierzig Quadratmetern erweiterte er durch "Besetzungen“ zweier weiterer Wohnungen im gleichen (Hinter-)Haus, aus denen durch Wanddurchbrüche die Galerie entstand. Noch in den Privaträumen fand 1973 die erste Ausstellung früher Arbeiten von Ralf Winkler – später A.R. Penck – statt, mit dem Schweinebraden seit 1956 befreundet war.

Der professionelle Betrieb der Galerie etablierte sich 1974 mit einer Exposition zum ersten Todestag von Pablo Picasso, die dessen Einfluss auf Künstler in der DDR zum Thema hatte – von Picasso waren zu diesem Zeitpunkt weder Kataloge zu bekommen, noch Werke im Original zu sehen. Es folgten Ausstellungen Dresdner und Leipziger Künstler, unter anderem von Günther Hornig, der an der Hochschule für Bildende Künste lehrte, Peter Graf, Peter Herrmann, Peter Makolies und Eberhard Göschel, der mit A.R. Penck und Peter Herrmann 1977 die Obergrabenpresse gründete, sowie Gil Schlesinger, der aus dem Umfeld des "Tangente“-Projektes kam. Später arbeiteten auch die Berliner Horst Bartnig, Erhard Monden und Robert Rehfeldt – alle drei 1983 Mitinitiatoren der Selbsthilfe- und Produzentengalerie "rg“ in der Sredzkistraße 64 – sowie die Karl-Marx-Städter Künstler um die "Clara Mosch“ mit der EP Galerie zusammen. Die zunehmenden Kontakte zu Künstlern, Kritikern und zum DAAD im Westteil der Stadt öffneten nicht nur Türen zu unverzichtbaren Informationen über die zeitgenössischen Entwicklungen westeuropäischer Kunst, sondern auch zu dieser selbst: Schweinebraden zeigte u.a. Fluxus-Arbeiten von Robert Filliou (1974) und Tomas Schmit (1978), Fotografien von Bernd und Hilla Becher (1978), Aquarelle von Richard Gordon Stout, Werke von Raffael Rheinsberg und Stephen Williats (1980) sowie Fotos und Filme u.a. von Charles Simonds (1978) und Arbeiten von Ulrich Erben (1979). Probleme mit den Zollbehörden beim deutsch-deutschen Kunsttransfer wurden umgangen, indem die Künstler vor Ort arbeiteten oder ihre Werke – meist Fotografien und Zeichnungen – auf mitunter abenteuerliche Weise, auch hinter Kofferraumklappen in Diplomatenwagen, transportierten.

Dem Galeristen ging es jedoch nicht nur darum, die "Westkunst“ nach Ostberlin zu bringen: In seiner Galerie waren Ausstellungen jener osteuropäischen Gegenwartskunst zu sehen, die in der DDR weitgehend ignoriert wurde – wie die visuelle Poesie des tschechischen Surrealisten Ladislav Novak und Arbeiten des polnischen Konzeptkünstlers Roman Opalka. Belegt sind siebzig Ausstellungen und etwa vierzig Veranstaltungen – Lesungen, Konzerte, Theaterabende und, auch das ein Novum in der DDR, Performances. Besonderes Aufsehen erregten die des Prager Künstlers Petr Stembera 1976, die Aktionen von Marcel Odenbach und Michelangelo Pistoletto 1978 und zwei Jahre später die erste gemeinsame deutsch-deutsche Videoperformance "Achtung Aufnahme“ des Westberliners Wolf Kahlen unter Beteiligung von A.R. Penck, Strawalde (Jürgen Böttcher), Thomas Ranft, Erhard Monden und anderen. Darüber hinaus entstanden zwölf thematische Verkaufseditionen mit Arbeiten der ausstellenden Künstler, darunter zwei Mappen aus dem Jahr 1976, in denen Schweinebraden jeweils 16 Maler, Grafiker oder Fotografen aus Ost- und Westdeutschland zusammenführte, und die Dokumentation der deutsch-deutschen Aktion mit Fotografien, einem Audiomitschnitt und Übermalungen von Penck, Strawalde, Ranft und Monden.

Jürgen Schweinebraden spricht über seine Beweggründe, eine inoffiziellen Galerie in der DDR aufzubauen und darüber, mit welchen Hindernissen von staatlicher Seite er zu kämpfen hatte.



Dass sich die Staatssicherheit für die offen praktizierten Aktivitäten von Jürgen Schweinebraden interessierte, verwundert also nicht. Die Behörde setzte alles daran, Schweinebradens Tätigkeit zu kriminalisieren und seine "Kreise zu zersetzen“. Zu den zahlreichen Operativ- und Maßnahmeplänen zählten dabei so monströse Anordnungen wie das Beschmutzen des Hausflurs in der Dunckerstraße mit "Gummischutz, Dreck, Kot usw.“, um den Galeristen in seinem Umfeld "moralisch“ zu diffamieren, der Einsatz von etwa siebzig inoffiziellen Mitarbeitern, eine Post- und Telefonüberwachung sowie die Observation der Wohnung durch Videokameras und Abhörwanzen. Die Zermürbungstaktik führte zum Erfolg: Die Suspendierung als Leiter der Ehe-, Familien- und Sexualberatungsstelle in Berlin-Treptow bedeutete für Schweinebraden den Entzug seiner Existenzgrundlage. Er stellte 1978 den Antrag auf die Entlassung aus der Staatsbürgerschaft der DDR. 1979 wurde der Galerist mit mehreren Ordnungsstrafen belegt, unter anderem deshalb, weil er eine zweite Ausstellung mit A.R. Penck realisiert hatte, die erstmals für die Galerie auch mit einem Plakat beworben wurde. 1980 folgte eine Verurteilung durch das Stadtbezirksgericht Berlin-Lichtenberg zu einer Geldstrafe wegen "Herstellung illegaler Druckerzeugnisse“. Im November desselben Jahres wurde schließlich die Ausreise der Familie in die Bundesrepublik Deutschland genehmigt.

Danach war Jürgen Schweinebraden bei der Nationalgalerie in Berlin und der documenta 8 in Kassel tätig, arbeitete mit Harald Szeemann bei der Eröffnungsausstellung "Zeitlos“ des Hamburger Bahnhofs zusammen und war von 1989 bis 1992 Direktor des Hamburger Kunstvereins. Heute lebt er als freiberuflicher Ausstellungsmacher, Publizist und Verleger in Niedenstein (Hessen).

Literatur
Schweinebraden Frh. v. Wichmann-Eichhorn, Jürgen (Hrsg.): Blick zurück im Zorn? Die Gegenwart der Vergangenheit. Band 1. Niedenstein 1998. ders. (Hrsg.): Nebel am Horizont. Die Gegenwart der Vergangenheit. Band 2. Niedenstein 1998.

www.ep-verlag-schweinebraden.de



 

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