"La Sarraz" – Mediencollage von Lutz Dammbeck, Kulturhaus "Nationale Front“, Leipzig, 24. Juni 1984

6.9.2012 | Von:
Matthias Flügge

Das Atelier von Michael Diller in der Pappelallee

Am Anfang der 1980er Jahre konnte der Grafiker Michael Diller im obersten Stockwerk des Hauses Pappelallee 85 eine Wohnung beziehen. Das Zentrum der Räume war ein nach Norden und teils zum Himmel vollkommen verglastes, ehemaliges Fotografenatelier.

Im Atelier, Mitte der 1980er Jahre, Foto: Archiv Uta Grundmann (Fotograf unbekannt)Fotos aus dem Atelier Michael Diller (© Archiv Uta Grundmann (Fotograf unbekannt))

Am Anfang der 1980er Jahre konnte der Grafiker Michael Diller im obersten Stockwerk des Hauses Pappelallee 85 eine Wohnung beziehen. Das Zentrum der Räume war ein nach Norden und teils zum Himmel vollkommen verglastes, ehemaliges Fotografenatelier, ebenso romantisch wie zugig und kalt im Winter. Es ging die Legende, der Maler Schmidt-Rottluff habe es nach dem Krieg für eine Zeit bewohnt. Diller, der Kunsterziehung studiert hatte, dem Lehrerberuf aber frühzeitig entwichen war, richtete hier Atelier und Druckwerkstatt ein und stattete das Domizil mit allerlei merkwürdigen Accessoirs und Mobiliar sowie einem Billardtisch aus. Direkte Nachbarn gab es nicht, es war eine Insel in den Dächern der Stadt. Michael Diller war als Künstler zuvor vor allem mit skurril hintergründigen Radierungen aufgefallen. Nun begann er ein malerisches Werk, das von Freunden wie Wolfram Adalbert Scheffler oder Walter Libuda ermutigt wurde, und zu großen Hoffnungen Anlass gab.

Michael Diller war ein ruhiger, bedachtsamer Mensch, der Distanz zu den Euphorien der 1980er zu halten wusste, eher ein Beobachter als ein Akteur. Vielleicht konnte er gerade deshalb zu einer Integrationsfigur werden. Einige Jahre lang wurde sein Atelier zum Treffpunkt der Szene des Prenzlauer Bergs und weit darüber hinaus. Neben endlosen Gelagen, die der Gastgeber zuweilen verließ, wenn er kaum noch jemanden kannte, fanden hier in unregelmäßiger Folge Treffen statt, die dem künstlerischen Austausch dienten. Künstler aus anderen Orten der DDR oder aus dem Westen sprachen über ihre Arbeit, Fotografen zeigten ihre Bilder und Theoretiker hielten Vorträge: Christos Joachimides stellte das Konzept seiner Ausstellung „"Zeitgeist“ vor, Klaus Werner berichtete über die "documenta“, Hans-Joachim Schulze sprach über die Konzepte der Künstlergruppe "37, 2“, Autorenfilmer zeigten ihre meist im Super-8-Format gedrehten Experimentalfilme. Es war keine homogene Szene, die sich hier versammelte – Dillers Atelier war offen für jeden, der kommen wollte.

Zuweilen riefen die Zusammenkünfte freilich die Volkspolizei auf den Plan, die dann Namenslisten der Besucher anlegte, sofern diese sich nicht rechtzeitig über die Hintertreppe absetzen konnten. Nach dem Fall der Mauer wurde es ruhiger in der Pappelallee. Diller begann viel intensiver zu malen als zuvor. Auf einem der letzten größeren Treffen dort wurden die Gäste im Dezember 1989 vor Dillers kleinem Fernsehgerät Zeugen der Hinrichtung des rumänischen Diktators Nicolae Ceauçescu. Michael Diller verunglückte im Februar 1993 tödlich.


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