"La Sarraz" – Mediencollage von Lutz Dammbeck, Kulturhaus "Nationale Front“, Leipzig, 24. Juni 1984

6.9.2012 | Von:
Dr. Klaus Michael

Die Förstereistraße 2

In der Förstereistraße 2, in der Dresdner Neustadt gelegen, fanden von 1982 bis 1987 in loser Folge Ausstellungen mit Künstlern aus Berlin, Dresden, Erfurt und Karl-Marx-Stadt statt.

Inszenierte Gegenöffentlichkeit: Sascha Anderson (links) und Sören Naumann in der von Naumann geführten inoffiziellen Privatgalerie in der Förstereistraße, Dresden, Anfang der 1980er Jahre, Foto: Archiv riesa efau (Fotograf unbekannt)Inszenierte Gegenöffentlichkeit: Sascha Anderson (links) und Sören Naumann in der von Naumann geführten inoffiziellen Privatgalerie in der Förstereistraße, Dresden, Anfang der 1980er Jahre. (© Archiv riesa efau (Fotograf unbekannt))

In der Förstereistraße 2, in der Dresdner Neustadt gelegen, fanden von 1982 bis 1987 in loser Folge Ausstellungen mit Künstlern aus Berlin, Dresden, Erfurt und Karl-Marx-Stadt statt. Mit Lesungen und den zum Teil öffentlichen Redaktionssitzungen der von dem Dichter und Musiker Lothar Fiedler herausgegebenen nichtoffiziellen Zeitschrift "und“ entwickelte sich die Förstereistraße schnell zu einem Ort der Begegnung zwischen bildenden Künstlern, Autoren und Musikern.

Besondere Bedeutung erhalten die von Sören Naumann durchgeführten Ausstellungen und Veranstaltungen durch den Umstand, dass die Wohnung von der Staatssicherheit als ein "operatives Nest“ zur Observierung, Kontrolle und Kanalisierung nichtkonformer Künstler diente. Sören Naumann, Kraftfahrer, Techniker und organisatorischer Leiter der Jazz-Formation "Dresdner Musikbrigade“ wurde im Mai 1982 als IM "Michael Müller“ verpflichtet. Im August 1982 wurde Naumann von der Staatssicherheit eine große, vollständig mit Abhörtechnik ausgestatteten 4-Zimmer-Wohnung übergeben und mit der Durchführung von Ausstellungen und Lesungen beauftragt. Er sollte "bei den Veranstaltungen nicht vordergründig in Erscheinung [...] treten, sondern [...] lediglich die notwendigen Räumlichkeiten zur Verfügung“ stellen.

Lesung von Sascha Anderson in der Wohnung von Sören Naumann (rechts), Dresden, Anfang der 1980er Jahre, Foto: Archiv riesa efau (Fotograf: Joachim Brückner)Lesung von Sascha Anderson in der Wohnung von Sören Naumann (rechts), Dresden, Anfang der 1980er Jahre. (© Archiv riesa efau / Fotograf: Joachim Brückner)
Die Ausstellungsreihe begann im Herbst 1982 mit einer Werkschau von Ralf Kerbach, der zu diesem Zeitpunkt bereits nach Westberlin übergesiedelt war. Die Einführung übernahm Sascha Anderson, der seinen bei Rotbuch erschienen Band "totenreklame“ vorstellte, zu dem Kerbach die Illustrationen beigesteuert hatte. Um dem Ort den Ruf eines wichtigen Treffpunktes der Szene zu verleihen und so auch die Legenden der dort eingesetzten Informellen Mitarbeiter zu bestätigen, wurde die Auftaktveranstaltung von einem Polizeigroßaufgebot aufgelöst. Im November 1981 folgte eine Lesung von Lothar Fiedler und im Monat darauf eine Präsentation des von Michael Freudeberg gestalteten Heftes "poe sie all bum“, das in der gleichnamigen von Sascha Anderson herausgegebenen Künstleredition erschien. Noch im gleichen Monat folgte eine Ausstellung des Berliner Künstlers Volker Mehner, die der Dresdner Autor Uwe Hübner eröffnete. 1983 stellten Helge Leiberg, der Fotograf Joachim Brückner, Reinhard Sandner (Eröffnung von Lutz Rathenow), Christine Schlegel (Lesung von Michael Rom) und Matthias Strietzel (Lesung von Wolfgang Hilbig) aus. Zwei Mail-Art-Ausstellungen von Birger Jesch und Jürgen Gottschalk und Installationen von Bernd Jüttner, Jürgen Hartmann, Martin Ludwig waren im selben Jahr zu sehen.

Im Januar 1984 zeigte Naumann Arbeiten von Michael Hengst. Die zur Eröffnung vorgesehene Lesung der Berliner Autoren Jan Faktor und Bert Papenfuß musste er auf Anweisung des MfS allerdings absagen. Aufmerksamkeit erregte die erste Fotoausstellung von Michael Brendel, dem späteren Mitbegründer der "Autoperforationsartisten“, im März 1984 und die Lesung von Thomas Rösler (Thom di Roes) zur Vernissage. Im Monat darauf gab es noch eine Fotoausstellung von Thomas Florschuetz (Lesung von Stefan Döring). Danach fanden Ausstellungen nur noch unregelmäßig statt. Durch Vermittlung von Gabriele Kachold, Autorin und 1980/81 Leiterin der Erfurter "Galerie im Flur“ wurden im Januar 1986 mit Ralf Gerlach („Rambo“), Christian Duschek („Spinne“) und Matthias Schneider unter dem Titel "Bilder aus Erfurt“ drei Erfurter Punk-Künstler gezeigt. Im April 1987 fand die Galerietätigkeit Naumanns ihren Abschluss mit einer Ausstellung von Holger Theunert.

Da Naumann vom MfS ab Mitte der 1980er Jahre vor allem in der Rock-, Punk- und Musikszene eingesetzt worden war und Ausstellungen nunmehr in der Villa Marie, in der Hochschule für bildende Künste und in der Galerie Artefakt stattfanden, waren die Aktivitäten in der Förstereistraße nicht mehr gefragt. Naumann, den das MfS gegen Ende der DDR mit Krediten im fünfstelligen Bereich ausgestattet hatte, die für neue Tontechnik verwendet werden sollten, wurde vom schnellen und unerwarteten Zusammenbruch der DDR ebenso überrascht wie seine Auftraggeber. Nicht überliefert ist, ob Naumann diese Kredite je zurückgezahlt hat. Als gesichert kann gelten, dass Naumann mit der „Bronxx“ in der Alaunstraße 64 die erste Szenekneipe Dresdens eröffnete. Sicher ist auch, dass die Bronxx am Abend des 23. Dezember 1990 angeblich von Skinheads zerstört wurde und in der Neujahrsnacht 1990 aus bisher nicht geklärter Ursache abbrannte.


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