"La Sarraz" – Mediencollage von Lutz Dammbeck, Kulturhaus "Nationale Front“, Leipzig, 24. Juni 1984

6.9.2012 | Von:
Dr. Klaus Michael

Die Galerie im Flur

Die Galerie im Flur am Anger 41 in Erfurt gilt als die wichtigste Wohnungsgalerie Thüringens Ende der 1970er Jahre. Ihre Schließung war zugleich ein typisches Beispiel für den Umgang des Staates mit nichtkonformen Künstlern.

Vor dem Eckhaus am Angerbrunnen, in dessen erster Etage die Wohnung von Dagmar und Klaus-Peter Peinzger zur Galerie umgestaltet worden war, 1980: Freunde von Manfred Zoller (hinten im Bild rechts) zeigen die Einladung zur Ausstellungseröffnung, Foto: Archiv Gabriele Stötzer  Fotos aus der Galerie im Flur (© Archiv Gabriele Stötzer (Fotograf unbekannt))

Die Galerie im Flur am Anger 41 in Erfurt, von Dagmar und Klaus-Peter Peinzger 1978 gegründet und von der Autorin Gabriele Kachold von 1980 bis 1981 fortgeführt, gilt als die wichtigste Wohnungsgalerie Thüringens Ende der 1970er Jahre. Ihre Schließung war zugleich ein typisches Beispiel für den Umgang des Staates mit nichtkonformen Künstlern in den frühen 1980er Jahren.

Das Ehepaar Peinzger konzentrierte sich mit seinen Ausstellungen anfangs auf einen eher privaten Kreis von Erfurter Künstlern und deren Umfeld. Sie fassten die Galerie als Werkstatt auf, in der Begegnungen zwischen Künstlern und einem kunstinteressierten Publikum gestiftet werden sollten. Ausgestellt wurden Autodidakten und Künstler, die nicht dem Künstlerverband angehörten. Nachdem sich die Galerie Schritt für Schritt als Alternative zu den bestehenden Ausstellungsmöglichkeiten des Kulturbundes, der Stadt und des Verbandes Bildender Künstler entwickelt hatte, weitete sich Kreis der Ausstellenden auf professionelle Maler und Grafiker auch außerhalb der Grenzen des Bezirkes Erfurt aus.

Nachdem Peinzgers 1980 nach Berlin gezogen waren, übernahm Gabriele Kachold die Leitung und Organisation der Galerie. Kachold, nach einer Unterschriftenaktion gegen die Ausbürgerung Biermanns bis 1977 inhaftiert, ging es von Anfang an um einen Ort zur Etablierung alternativer künstlerischer Netzwerke und um die Schaffung von Gegenöffentlichkeit vor dem Hintergrund der unabhängigen Friedensbewegung und der durch die Gewerkschaft Solidarnosc im Nachbarland Polen angestoßenen Entwicklungen. Anlass zur Diskussion aktueller Probleme bot eine Ausstellung des Dresdner Malers Eberhard Göschel am 18. Oktober 1980, der mit dem ebenfalls anwesenden Peter Herrmann die Obergrabenpresse in Dresden gegründet hatte. Im Februar 1981 fand eine Werkschau von Werner Schubert-Deister statt, die mit einem Stockhausen-Konzert des Ensembles um den Weimarer Komponisten Michael von Hintzenstern eröffnet wurde. Schubert-Deister war ein abstrakter Maler und Bildhauer, von dem in den Jahren davor mehrere Werke auf Anordnung von Parteifunktionären zerstört worden waren und gegen dessen Familie wegen angeblichem illegalem Kunsthandel ein Strafbefehl über den Einzug des gesamten Vermögens verhängt wurde. Er reiste 1986 aus der DDR aus.

Die Hinwendung zu einer breiteren Öffentlichkeit, sichtbar durch den Druck und Versand von Einladungskarten, in der Hängung von Transparenten und Plakaten und in der Lancierung von Kurzbesprechungen im Lokalteil der Tageszeitung, hatte nicht nur eine stärkeres Publikumsinteresse zur Folge, sondern rief zugleich die kultur- und sicherheitspolitischen Organe auf den Plan. Ende 1980 wurde die Galeristin vom Rat der Stadt aufgefordert, Transparente und Plakate zu beseitigen und auf die Verteilung von Einladungen zu verzichten. Gleichzeitig schlug man ihr vor, die Galerie in die Verantwortung der Stadt oder des Kulturbundes überführen. Nach intensiver Diskussion im Kreise der Künstler wurde die Offerte abgelehnt, weil ihre Annahme das Ende selbstbestimmter Ausstellungstätigkeit bedeutet hätte. Schubert-Deister sprach sich dafür aus, die Arbeit der Galerie ohne falsche kulturpolitische Rücksichtnahme fortzuführen und die "Ausstellungstätigkeit als eine Revolution im Stillen“ zu verstehen.

Eine für April 1981 vorgesehene Ausstellung von Ralf Kerbach besiegelte das Ende der Galerie. Kerbach wollte Zeichnungen und einen Holzschnittzyklus zu Texten befreundeter Autoren ausstellen. Für den Abend der Eröffnung plante er einen Auftritt seiner Künstlerpunkband "Zwitschermaschine“ mit Lothar Fiedler, Helge Leiberg, Michael Freudenberg und Cornelia Schleime sowie eine Lesung von Sascha Anderson, Bert Papenfuß und Eberhard Häfner. Fünf Tage vor Eröffnung beschlossen die Erfurter Bezirksverwaltung der Staatssicherheit und die Abteilung Kultur des Rates der Stadt die "Liquidierung“ der Galerie. Einen Tag später wurde die Galeristin in einer Aussprache vom Rat der Stadt darüber informiert, dass die Räume der Galerie gesperrt seien und es keine Ausstellungen mehr geben dürfe. Obwohl in der Galerie am Tag darauf ein gleichlautendes Schreiben eintraf, kamen die Galeriemitglieder überein, an der Ausstellung festzuhalten und die Eröffnung vorzubereiten. Am Abend des 4. April 1981, dem Tag der Ausstellungseröffnung, veranlassten Mitarbeiter der Stadt, die bereits gehangene Ausstellung wieder von den Wänden zu nehmen. Auch die geplante Lesung konnte nicht durchgeführt werden, da Bert Papenfuß für den gleichen Tag zum Wehrkreiskommando bestellt worden war. Kurz darauf wurden Dagmar und Peter Peinzger die Nutzungsrechte für ihre Erfurter Wohnung entzogen. Als Reaktion darauf versammelten sich im gleichen Jahr zahlreiche mit der Galerie verbundene Künstler, um sich über die Möglichkeiten der Gründung eines Gegenverbandes zum Verband Bildender Künstler der DDR zu verständigen. Die Initiative scheiterte wie auch der drei Jahre später unternommene Versuch der Autoren Bernd Wagner und Uwe Kolbe.


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