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Die 68er-Bewegung

Interview mit Prof. Gerd Langguth


20.8.2007
Im Interview mit der bpb spricht der Politologe Gerd Langguth über Ursachen und Ziele der Studentenbewegung sowie deren Bedeutung als "Vorgeschichte" der RAF.

Wogegen richteten sich die Studentenproteste? Und wie konnte es überhaupt zu dieser Jugendrevolte kommen, galt die Jugend doch damals eher als unpolitisch und anpassungswillig?

Prof. Dr. Gerd Langguth. Foto: PrivatProf. Dr. Gerd Langguth. Foto: Privat
In der Tat kam die Studentenrevolte ziemlich eruptiv. Der Jugendsoziologe und spätere Kultusminister Ludwig von Friedeburg hatte noch 1965 in einer wissenschaftlichen Schrift behauptet, die junge Generation werde "nie revolutionär, in flammender, kollektiver Leidenschaft auf die Dinge reagieren". Sein Kollege Schelsky hatte zwei Jahre zuvor noch erklärt, dass die Studenten "kaum mehr ein Ferment produktiver Unruhe darstellten". Zunächst sollte präzisiert werden, dass es sich bei der 68er Revolte nicht um eine generelle politische Jugendrevolte handelte, sondern eher um eine Revolte von Oberschülern und vor allem von Studenten.

Die Studentenrevolte nahm in Deutschland ihren Ausgang von West-Berlin. Es kam 1965 an der Berliner Freien Universität zu einem Ereignis, das aus heutiger Sicht nahezu grotesk anmutet, weil heute klar wäre, dass ein Verbot von Veranstaltungen innerhalb der Universität nur zu Solidarisierung führt. Genau das aber geschah, als der FU-Rektor am 7. Mai 1965 die Teilnahme des Schriftstellers Erich Kuby an einer Podiumsdiskussion an der FU durch Hausverbot verhindern wollte. Dieser hatte sich zuvor kritisch zur FU geäußert. Daraufhin demonstrierten – ähnlich der "Free Speach Movement" in den USA - etwa fünfhundert Studenten für das demokratische Anliegen einer Redeerlaubnis. Zweifellos waren die Hochschulen damals "verstaubt".

Es handelte sich allerdings keineswegs um eine "unpolitischen Zeit", im Gegenteil! Deutschland war im Fadenkreuz des Ost-West-Konfliktes und hier insbesondere die geteilte Stadt Berlin. Hier prallten die Gegensätze zwischen Ost und West besonders aufeinander, hier hatten beispielsweise Proteste gegen den militärischen Einsatz der USA in Vietnam deshalb eine besondere Bedeutung, weil sie sich auch gegen die amerikanische Schutzmacht in Berlin richteten. Dies führte zu einer Polarisierung zwischen großen Teilen der Bevölkerung, die um die Tatsache wusste, dass es den Amerikanern in den beiden Berlinkrisen die Überlebensfähigkeit des westlichen Stadtteils zu verdanken hatte. Hingegen war die häufig aus Westdeutschland zugezogene Studentenschaft – in West-Berlin galt für sie nicht die Wehrpflicht - sehr viel kritischer zu den USA eingestellt.

Es herrschte damals zudem bei weiten Teilen der jungen Generation ein tiefes Misstrauen gegen den Staat, das insbesondere durch die damalige Große Koalition der Jahre 1966 bis 1969 forciert worden war. Da etwa neunzig Prozent der Parlamentarier im Deutschen Bundestag die Regierungsparteien repräsentierten, also nur eine Zehn-Prozent-Opposition der FDP vorhanden war, kritisierten viele, dass eine effektive demokratische Kontrolle nicht möglich wäre. Der politische Protest der damals linksorientierten Studenten und weiterer Personen richtete sich vor allem gegen die Notstandsgesetze, die als so genannte "NS-Gesetze" polemisch attackiert worden waren. Es wurde der Vorwurf erhoben, mit diesen von der Union und SPD im Bundestag durchgesetzten Gesetzen wäre ein Weg zurück zum "Faschismus" geebnet. Wenn auch immer wieder die Studentenrevolte mit der (Nach-)Adenauer-Ära in Verbindung gebracht wird, so sollte doch darauf hingewiesen werden, dass die Studentenrevolte interessanterweise in einem damals mit großer Mehrheit von der SPD regierten Bundesland Berlin ausgebrochen war. Die Studentenrevolte war am Anfang so etwas wie ein vager Protest eigentlich gegen alles.

In der geschichtlichen Nachbetrachtung kann jedoch konstatiert werden, dass die Studentenrevolte eigentlich gar nicht so überraschend gekommen war. Grob gesprochen muss nämlich zwischen drei Phasen unterschieden werden: den Vorläuferbewegungen, dem Brennpunkt "1968" und schließlich der Zerfallsphase, also einer Diffusionsphase in die Gesellschaft hinein. Hinsichtlich der Vorläuferbewegungen kann konstatiert werden, dass es schon in den frühen Jahren der Bundesrepublik immer wieder zu Kundgebungen oder Unruhen kam. Zu nennen ist beispielsweise die "Ohne-mich"-Bewegung in den fünfziger Jahren, die gegen die Westintegration der Bundesrepublik und gegen die Wiederbewaffnung Front machte. Auch das Phänomen der "Halbstarken" um 1958 oder die "Schwabinger Krawalle" vom Juni 1962 seien angeführt. Während der Oberbürgermeisterschaft Hans-Jochen Vogels versuchte die Münchner Polizei , zwei Straßenmusikanten wegen "ruhestörenden Lärms" festzunehmen. 1960 setzten die "Ostermärsche" gegen die Stationierung von Atomwaffen in der Bundesrepublik Deutschland ein. Diese Beispiele zeigen, dass auch in der "Adenauer-Ära" Protestaktivitäten und Jugendrebellionen vorkamen.

Hinsichtlich der Ursachen muss darauf hingewiesen werden, dass jene Zeit zwei Umbrüche hatte, nämlich einen kulturellen Umbruch und einen politischen Umbruch. Der kulturelle Umbruch ging jedoch der Studentenrevolte um mehrere Jahre voraus, was meist nicht beachtet wird: Er fand bereits in den sechziger Jahren statt und begann vor allem im Bereich der Musik und der Lebensstile. Beispielsweise fand das letzte Lifekonzert der Beatles, die seinerzeit die Musik revolutionierten, im Jahre 1966 statt. Auch die sogenannte sexuelle Revolution wurde damals durch die Anti-Baby-Pille und nicht zuletzt durch Aufklärungsserien eines Oswald Kolle stark forciert. Der kulturelle Umbruch setzte also sehr viel früher ein und war nicht das Ergebnis der Studentenrevolte, sondern umgekehrt auch der Humusboden für den politischen Protest.



 

Dossier

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Sie protestierten gegen starre Strukturen, den Vietnamkrieg, die rigide Sexualmoral und die Nichtaufarbeitung des Nationalsozialismus: Tausende von Studenten gingen in den 1960er Jahren auf die Straße – und als 68er in die Geschichtsbücher ein. War diese Zeit notwendig für den Übergang in die moderne Gesellschaft? Weiter...