RAF Fahndungsplakat
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Die Definition von Terrorismus


20.8.2007
Die RAF bezeichnete sich selbst gerne als "Stadtguerilla" oder soziale Protestbewegung. Dabei entsprach die Organisation allen gängigen Definitionen einer terroristischen Gruppe.

Terrorismusdefinitionen



Die RAF zielte bei ihren Anschlägen - wie hier bei der Entführung von Hanns-Martin Schleyer - nicht nur auf den "Feind", sondern nahm den Tod Unbeteiligter geplant oder sogar billigend in Kauf.Die RAF zielte bei ihren Anschlägen - wie hier bei der Entführung von Hanns-Martin Schleyer - nicht nur auf den "Feind", sondern nahm den Tod Unbeteiligter geplant oder sogar billigend in Kauf. (© AP)
Bei der folgenden Definition von Terrorismus soll es nicht um Staatsterror oder staatlich unterstützten Terror gehen, sondern um den Terrorismus "von unten", der von einer Gruppe ausgeübt wird, die keine Regierungsgewalt besitzt. Dazu gibt es eine Flut von Definitionen nebst Ergänzungen und Variationen. Laqueur bemerkte schon 1977: "In letzter Zeit wird der Begriff Terrorismus [...] in so vielen verschiedenen Bedeutungen benutzt, daß er fast völlig seinen Sinn verloren hat."

Und 26 Jahre später beobachtete derselbe Autor: "Es gibt keine philosophische Einführung in die Grundlagen des Terrorismus, keinen Clausewitz, noch nicht einmal einen Jomini, und vielleicht wird sich dies auch nie ändern – einfach deshalb, weil es den Terrorismus nicht gibt, sondern eine Vielzahl von Terrorismen, und was für die eine Spielart gilt, muss nicht notwendigerweise für alle gültig sein. Dem Verständnis des Terrorismus stehen erhebliche Hindernisse entgegen, die nicht zuletzt darin begründet sind, dass kein anderes Thema unserer Zeit derartige Emotionen hervorruft. Das mag zwar nur allzu natürlich sein, trägt zum besseren Verständnis aber nicht bei."

Der amerikanische Terrorismusforscher Brian Jenkins fügt einen anderen Aspekt hinzu: "Der Gebrauch des Begriffes impliziert ein moralisches Urteil; und wenn es einer Gruppierung/Partei gelingt, ihren Gegnern das Label 'Terrorist' anzuheften, dann hat sie es indirekt geschafft, andere von ihrem moralischen Standpunkt zu überzeugen. Terrorismus ist das, was die bösen Jungs machen."

Wenig hilfreich ist es, den Terrorismus allein an moralischen Kriterien zu messen oder ihn auf eine individualpsychologische Ebene zu reduzieren. Dazu erläutert Jenkins: "Terrorismus wird oftmals als kopflose Gewalt, als sinnlose Gewalt oder als irrationale Gewalt bezeichnet. Wenn wir einmal die Aktionen der geringen Zahl von wirklich Wahnsinnigen außer Acht lassen, ist Terrorismus selten kopflos oder irrational. [...] Mit anderen Worten, Terrorismus hat klare Ziele, auch wenn diejenigen, die Terrorismus ausüben, manchmal so sehr ihren gewaltsamen Aktionen verfallen sind, dass sie den eigentlichen Punkt aus den Augen verlieren."

Seit Ende der 1970er Jahre sind zahlreiche neue Gruppierungen und Organisationen entstanden – Al-Qaida ist nur eine davon. Sie alle haben zu unterschiedliche Ziele, politische oder religiöse Motive, als dass sie von ihrem ideologischen Selbstverständnis her in einem Raster zusammenzufassen wären. Der von Laqueur vorgeschlagenen Einteilung in verschiedene Terrorismen entsprechen die meisten Autoren. So unterscheidet Peter Waldmann z. B. zwischen nationalistischem, sozialrevolutionärem oder religiösem Terrorismus.

In anderen Schriften findet sich eine Unterteilung in nationalistischen und separatistischen Terrorismus oder die Abgrenzung zwischen "linkem", "rechtem" und "anarchistischem" Terrorismus. Wiederum andere Autoren folgen einer geografischen Ordnung und differenzieren zwischen verschiedenen Terrorismen in unterschiedlichen Weltregionen oder einzelnen Ländern der Erde. Und nicht zuletzt ist es nicht unüblich, zwischen den Terrorismen einzelner Gruppen oder Organisationen zu unterscheiden, ohne diese in eine übergeordnete Klassifizierungsstruktur einzubetten.

Einen Mangel an Ausdifferenzierungen und Abgrenzungen gibt es also nicht. Es sei hier noch eine letzte hinzugefügt: Vor allem in den Ländern der so genannten Dritten Welt bezeichneten und bezeichnen sich aufständische Gruppierungen häufig selbst als "Guerilla", obwohl diese Beschreibung objektiv nicht immer zutreffend ist. Auch die RAF benutzte in ihrer Selbstdarstellung – vor allem in ihren Anfängen – den Begriff "Stadtguerilla".

David J. Whitaker merkt zum Unterschied zwischen Terrorismus und Guerilla an: "Terrorismus wird oftmals mit Guerillakampf verglichen, vermischt oder sogar gleichgesetzt. Das ist nicht sonderlich verwunderlich, weil sich Guerillas häufig derselben Taktiken (Mordanschläge, Geiselnahmen, Bombenattentate [...] etc.) zu denselben Zwecken bedienen. [...] Jedoch [...] gibt es fundamentale Unterschiede zwischen den beiden. 'Guerilla' z. B. bedeutet in einem weithin akzeptierten Sprachgebrauch, eine zahlenmäßig größere Gruppe bewaffneter Individuen, die als militärische Einheit operiert, feindliche militärische Kräfte angreift und die Gebiete erobern und halten will [...], während sie gleichzeitig eine gewisse Form der Souveränität oder Kontrolle über ein definiertes geografisches Areal und seine Bevölkerung ausübt. Terroristen hingegen fungieren nicht offen als bewaffnete Kampfeinheiten, versuchen nicht Gebiete zu erobern oder zu halten, achten sorgsam darauf, sich nicht mit feindlichen militärischen Truppen in eine offene Feldschlacht zu verstricken und üben auch nur selten direkte Kontrolle oder Souveränität über ein Territorium oder seine Bevölkerung aus."

Bereits in den 1970er Jahren brachte Franz Wördemann dies auf die griffige Formel: "Der Guerillero will den Raum, der Terrorist will dagegen das Denken besetzen."

Neben den bereits zitierten Autoren haben sich unzählige weitere Wissenschaftler und Publizisten mit den bestehenden Terrorismusdefinitionen auseinander gesetzt oder eigene Ansätze formuliert. Dazu zählen Bruce Hoffmann, Robert G. Picard, Martha Crenshaw, James Adams, David Rapoport, Jochen Hippler, Christopher Daase, Iring Fetscher, Günter Rohrmoser, David Fromkin oder Herfried Münkler, um nur einige wenige zu nennen.

Trotz aller begründeten Unterschiede und verschiedener Schwerpunkte in den Definitionen gibt es in der Forschung inzwischen aber auch einen gewissen Konsens darüber, was unter Terrorismus zu verstehen ist. Aus den angebotenen Definitionen kristallisieren sich übereinstimmende Punkte heraus, die hier mit eigenen Beobachtungen verknüpft werden.

Eine terroristische Gruppe



  • ist nicht staatlich legitimiert oder im Besitz der Macht;
  • ist politisch, ideologisch oder religiös motiviert und hat – wie auch immer definierte
  • längerfristige Ziele; operiert in der Illegalität als klandestine Organisation oder Zusammenschluss loser Zellen;
  • ist oftmals, aber nicht zwangsläufig, hierarchisch geordnet, fast immer jedoch gibt es funktionale Gliederungen für spezifische Aufgaben, wie z. B. die Vorbereitung von Anschlägen;
  • wendet als primäres Mittel physische Gewalt an, auch wenn psychische Wirkungen intendiert sind;
  • will Angst und Schrecken verbreiten, auf gesellschaftliche Verhältnisse aufmerksam machen, Meinungen und Handlungen beeinflussen oder zu Umstürzen und Volksaufständen beitragen, aber niemals längerfristig ein großes Territorium im militärischen Sinne mit eigenen Leuten besetzen;
  • hat immer einen von ihr selbst definierten Feind;
  • zielt bei ihren Aktionen nicht nur auf den Feind, sondern der Tod Unbeteiligter wird geplant oder billigend in Kauf genommen;
  • bedient sich sowohl der "Propaganda der Tat" als auch der "Propaganda des Worts" und bekennt sich zu ihren gewaltsamen Aktionen (Geiselnahmen, Bombendrohungen Attentaten, Flugzeugentführungen, Morden);
  • plant spektakuläre Aktionen, sie sollen eine massenmediale Wirkung erzielen, die breite Öffentlichkeit erreichen und einen langfristigen psychologischen Effekt herbeiführen;
  • verfügt über eine Logistik sowie Finanzierungsquellen;
  • hat in der Regel eine Unterstützer- und/oder Sympathisantenszene.

Von diesen zwölf Kriterien treffen elf ohne Einschränkungen und eines mit geringen Abweichungen (Akzeptanz des Todes Unbeteiligter) auf die RAF zu. Sie war also eindeutig eine terroristische Gruppe und nicht etwa eine Guerilla oder soziale Protestbewegung.

Bei diesem Artikel handelt es sich um eine gekürzte Fassung des Aufsatzes "Die RAF und die Medien" von Andreas Elter. Erschienen in: Wolfgang Kraushaar (Hrsg.): Die RAF und der linke Terrorismus, Hamburger Edition HIS Verlag, Hamburg 2007

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