RAF Fahndungsplakat
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Die Mythen der RAF


20.8.2007
Um ihren Terror zu legitimieren, verbreitete die RAF die Mythen von Isolationsfolter, bewaffneten Kampf und staatlichem Mord. Hysterie und Anti-Haltung wurden zum "Markenzeichen" der RAF.



Der rote Stern mit einer Heckler & Koch MP5 sowie dem Schriftzug RAF: das Symbol des fast dreißig Jahre langen blutigen Terrorismus in der Bundesrepublik.Das Logo der RAF stellt sich in die grafische Tradition sowjetischer Plakate der 20er Jahre. (© AP)
Politische Mythen haben die Aufgabe, ein Kommunikationsdefizit zu kompensieren. An die Stelle, an der eine politische Aussage zu erwarten ist, die in Wirklichkeit jedoch leer bzw. verwaist bleibt, wird eine Form gesetzt, eine Form, die eine Botschaft enthält. Eine message ersetzt die Aussage. Das ist auch im Falle der RAF so.

Das Unternehmen "bewaffneter Kampf" nimmt unter der Hand die Form eines unter spezifischen Bedingungen aufgeführten Theaterstücks an. Es gibt ein Stück, einen Drehbuchschreiber, einen Regisseur, ein Ensemble, ein Publikum, eine Bühne, eine Dramaturgie und den üblichen Theaterdonner – es zischt, es qualmt und knallt. Nur, im Unterschied zur Theaterbühne sind die Zerstörungen real, die Verletzungen echt, und die Toten bleiben tot. Das Theater ist in diesem Falle ein Teil der Wirklichkeit, und das Wirkliche wiederum spielt sich auf einer imaginären Theaterbühne ab.

Der Mythos vom bewaffneten Kampf (1970–1972)



In den Anfangsjahren ging es um kaum etwas anderes als um Logistik: Waffen wurden besorgt, Autos geknackt, Ausweispapiere gefälscht, konspirative Wohnungen erkundet und Banken überfallen. Vom vielbeschworenen "bewaffneten Kampf" fand sich kaum eine Spur. In der 1972 verbreiteten Schrift "Dem Volke dienen" wurde daher ein erheblicher Begründungsaufwand betrieben, um Banküberfälle als revolutionäre Aktionen zu rechtfertigen. Sie seien – hieß es, um allen Kritikern und Zweiflern den Mund zu stopfen – logistisch, politisch, taktisch und strategisch richtig. Erst im Zuge der sogenannten "Mai-Offensive" im Frühjahr 1972 wurden mit Bombenanschlägen auf US-Kasernen in Frankfurt und Heidelberg, das Springer-Hochhaus in Hamburg und einen Richter des Bundesgerichtshofes in Karlsruhe offen terroristische, in Umrissen politische Ziele verfolgt. Über zwei Jahre hatte es gedauert, bis es so weit war.

Das, was heroisierend als "bewaffneter Kampf" beschworen und mit "Andreas", dem vermeintlichen "Kämpfer", als beispielgebend stilisiert wurde, war also kaum etwas anderes als eine lang anhaltende Vorbereitungsphase, bestenfalls die Praxis anarchistischer Bombenleger. Nur selten kamen die von der RAF ausgewählten Aktionsziele über den Rückbezug zur eigenen Gruppe hinaus. Die 1978 von einem linken Kritiker erstmals verwendete Formel von der "Befreit-die-Kader-Guerilla" bringt dieses konstitutive Missverhältnis auf den Punkt. Es ging nach der Verhaftung der RAF-Gründergruppe fast nur noch darum, eigene Inhaftierte freizupressen. Alles andere – wofür, wogegen, warum – trat weit in den Hintergrund; erst in den 1980er Jahren änderte sich das wieder mit den Mordanschlägen auf Militärs, Manager, Industrielle und Bankiers. Die RAF drehte sich lange Zeit nur um sich selbst. Von der Figur des "interessierten Dritten", die in den Terrorismus-Theorien einen so prominenten Platz einnimmt, kaum eine Spur. Diejenigen, die als Unterdrückte, Leidende, Geknechtete ausgemacht und pseudoanalytisch klassifiziert worden waren, hatten offensichtlich kein Interesse daran, der selbsternannten Avantgarde zu folgen.

Der Mythos von der Isolationsfolter (1973–1998)



Auf einen Nenner gebracht lautete der von RAF-Häftlingen, vielen ihrer Angehörigen und Anwälte sowie der mit ihnen Sympathisierenden erhobene Vorwurf: Die bundesdeutsche Justiz übe keinen Strafvollzug aus, sondern unterwerfe die Inhaftierten stattdessen auf eine besonders raffinierte Art der Folter. Zwar ging niemand so weit, zu behaupten, dass die RAF-Gefangenen in ihren Zellen systematisch körperlich misshandelt würden, jedoch war die Auffassung, dass die zeitweilige Einzelhaft etwa von Ulrike Meinhof und Astrid Proll in Köln-Ossendorf mit der Ausschaltung elementarer Sinneswahrnehmungen verbunden gewesen sei und deshalb als "sensorische Deprivation" betrachtet werden müsse, zeitweilig weit verbreitet.

Mythos Isolationsfolter: Die Gefängniszelle von Gudrun Ensslin in Stammheim im Jahr 1975.Mythos Isolationsfolter: Die Gefängniszelle von Gudrun Ensslin in Stammheim im Jahr 1975. (© AP)
Auch wenn es im Nachhinein keinen Grund gibt, die seinerzeitigen Haftbedingungen schönzureden, so ist der pauschale Vorwurf einer "Isolationsfolter" ganz gewiss das Produkt hysterischer Übertreibung. Insbesondere die für Baader, Ensslin, Meinhof und Raspe existierenden Haftbedingungen im siebten Stock in Stammheim widersprachen diesem Bild in jeder nur denkbaren Hinsicht. Ein im Jahr 2003 veröffentlichter Erinnerungsband eines der zuständigen Justizvollzugsbeamten, der detailliert zu schildern wusste, mit welchen Besonderheiten – wie Fernseher, Plattenspieler, Privatbibliotheken u. a. m. – die entsprechenden Zellen ausgestattet waren, ist in der Öffentlichkeit als Hohn auf diejenigen wahrgenommen worden, die seinerzeit bereit gewesen sind, den drastischen Beschreibungen der RAF-Gefangenen nicht nur Glauben zu schenken, sondern sie auch ungeprüft weiterzuverbreiten.

Der Mythos von der Isolationsfolter war aber mehr als Hysterie und Übertreibung, er war so beispielsweise der RAF-Aussteiger Gerhard Müller, ein RAF-Propagandainstrument zum "Aufbau einer legalen Sympathisantengruppe". Die so genannten Folterkomitees dienten aber darüber hinaus vermutlich auch unmittelbar der Rekrutierung neuer Mitglieder. Der RAF-Mitbegründer Horst Mahler hatte diese Überzeugung bereits 1978 geäußert und sich deshalb gegen Vereinnahmungen durch derartige Kampagnen gewehrt. An den in der Justizvollzugsanstalt Werl einsitzenden Peter Paul Zahl schrieb er: "Das Geschrei über die Haftbedingungen war und ist der Stoff, mit dem Mitleidskampagnen gefüttert werden, die nichts anderes sind als Rekrutierungsunternehmen für die RAF und ihre Ableger. Daran will ich mich in keiner Weise beteiligen. Ob Du an den gegebenen Haftbedingungen kaputt gehst oder nicht, hängt nicht von diesen Bedingungen ab, sondern allein von dir." Man habe mit der "Folterkampagne" eine "schwere Schuld" auf sich geladen, die Menschen draußen, die ihnen geglaubt und vertraut hätten, seien "belogen" worden.

Es war offenkundig, dass für Andreas Baader der bewaffnete Kampf nach seiner Festnahme im Juni 1972 und der anschließenden Inhaftierung keineswegs zu Ende war. Als der mit ihm befreundete Rechtsanwalt und Schriftsteller Peter O. Chotjewitz ihm 1974 in der Justizvollzugsanstalt Schwalmstadt einen Besuch abstattete und ihn fragte, ob diese Situation bereits gleichbedeutend mit der Niederlage sei, antwortete der offenbar bereits über die Fragestellung empörte Baader: "Der Kampf hat erst begonnen."

Diese Antwort scheint jedoch alles andere als rhetorischer Natur gewesen zu sein. Was für andere Gruppen nach ihrer Verhaftung Geltung gehabt hätte, galt nicht für die RAF. Sie versuchte ihren "Kampf" ungebrochen fortzuführen. Die Bedingungen hatten sich zwar geändert, jedoch waren das keine ausreichenden Gründe, an eine Kapitulation zu denken. Die auf hysterische Weise skandalisierten Haftbedingungen wurden nun zum Resonanzboden, um noch stärker als zuvor für die Fortsetzung des bewaffneten Kampfes zu trommeln. Die Behauptung von der "Isolations- und Vernichtungshaft" wurde zum propagandistischen Hauptinstrument, um ein längst gescheitertes und in seinen politischen Umrissen nur verschwommen erkennbares Gewaltunternehmen verlängern zu können.



 

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