RAF Fahndungsplakat
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Frauen in der RAF


20.8.2007
Die RAF war eine auffallend weibliche Terrorgruppe. Der Anteil der Frauen unter den gesuchten RAF-Terroristen lag zeitweise bei 60 Prozent. Im bpb-Interview erklärt die Historikerin Gisela Diewald-Kerkmann das Phänomen "Frauen und Terrorismus".

Wenn man sich die Fahndungsplakate ansieht, mit denen nach RAF-Terroristen gesucht wurde, fällt auf, dass sehr viele Bilder von Frauen darunter sind. Täuscht der Eindruck oder war die RAF eine auffallend "weibliche" Terrorgruppe?

Der Frauenanteil in der RAF betrug zeitweise 60 Prozent.Der Frauenanteil in der RAF betrug zeitweise 60 Prozent. (© AP)
Gerade die Fahndungsaufrufe dokumentieren, in welchem Maße Frauen der Mitgliedschaft in einer "kriminellen Vereinigung gemäß § 129 StGB und anderer Straftaten verdächtig" gesucht wurden. Beispielsweise fahndete das Bundeskriminalamt nach dem Anschlag auf den Generalbundesanwalt Siegfried Buback, der Ermordung des Bankiers Jürgen Ponto und der Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer im Jahre 1977 nach 16 "dringend gesuchten Terroristen". Hierunter befanden sich zehn Frauen. Eine Untersuchung von Fahndungsaufrufen und Fahndungsplakaten, Ziel- und Interpolfahndungen des Bundeskriminalamtes ergab, dass von 112 steckbrieflich gesuchten "anarchistischen" bzw. "terroristischen Gewalttätern" der RAF und der Bewegung 2. Juni 54 Frauen waren. Ihr Anteil betrug somit knapp 48 Prozent.

Das Bundeskriminalamt selbst ging nach einer Analyse von 40 Lebensläufen von – im Jahre 1977 – mit Haftbefehl gesuchten Täterinnen und Täter noch weiter. Die Auswertung hatte erbracht, dass sich unter den 40 Gesuchten 24 Frauen befanden und ihr Anteil mit 60 Prozent überdurchschnittlich hoch war. Im Verfassungsschutzbericht für das Jahr 1979 wurde festgestellt, dass etwa 20 Personen, allein davon zwei Drittel Frauen, zum engsten Kreis der RAF-Kommandos gerechnet wurden. Diesen Frauen traute man die Bereitschaft zu schwersten Anschlägen zu.

Welche Aufgaben übernahmen die Frauen innerhalb der RAF?

Schon im Jahre 1976 hatte der Leiter des Hamburger Verfassungsschutzes, Josef Horchem, konstatiert: "Die RAF und andere Gruppen, die das Konzept des bewaffneten Kampfes übernommen haben, zeigen eine personelle Zusammensetzung, für die es kein Beispiel gibt. Frauen wirken nicht nur als Helfer, Informanten, Kundschafter, sondern als aktive Kämpfer." Tatsächlich nahmen die weiblichen Mitglieder innerhalb der RAF führende Positionen ein. Die theoretische Begründung des Untergrundkampfes, "Das Konzept Stadtguerilla", verfasste im April 1971 die Journalistin Ulrike Meinhof. Als "Verwalterin der Bandenkasse" galt Gudrun Ensslin, die laut BKA noch aus der Haft heraus einen Informationsstand und einen Einblick in Zusammenhänge offenbarte, wie ihn "eben nur der Kopf der Bande gehabt haben konnte". Der spätere "Kopf" der RAF war wiederum eine Frau, nämlich Brigitte Mohnhaupt nach ihrer Entlassung im Jahre 1977.

Ist die Bedeutung der Frauen innerhalb der RAF mit der von Frauen in anderen internationalen Terrorgruppen vergleichbar?

Wenn man beispielsweise Italien, USA oder Japan betrachtet, kann diese Frage bejaht werden. In den siebziger Jahren entschieden sich nicht nur in der Bundesrepublik Frauen für den bewaffneten Kampf. Vielmehr war es ein internationales Phänomen. Ein Vergleich macht deutlich, dass ähnliche Entwicklungen auch für andere Länder festgestellt werden können: Beispielsweise in Italien die Frauen der Roten Brigaden. Hier können exemplarisch Susanna Ronconi und Margherita Cagol genannt werden. Oder in den USA die "Weatherwomen": Als Beispiele können hier Susan Stern oder Bernadine Dohrn genannt werden. Sie hatten beide ein Studium absolviert, bevor sie sich der Gruppe anschlossen. Herauszustellen ist, dass Bernadine Dohrn einer der führenden theoretischen Köpfe der Gruppe war. 1942 geboren, Studium der Rechtswissenschaft, trat sie 1968 dem amerikanischen SDS bei. Dort war sie in der Funktion als Rechtsberaterin tätig, bevor sie sich für den bewaffneten Kampf entschied.

Bereits in den 1970er Jahren suchte die Presse nach Erklärungen für den hohen Frauenanteil innerhalb der RAF. Die Ergebnisse sahen dann in etwa so aus: den Terroristinnen wurden lesbische Neigungen nachgesagt, das Benutzen von Schusswaffen zum Beleg der abgelehnten Weiblichkeit. Was irritiert uns so sehr an der Tatsache, dass auch Frauen "zur Waffe" greifen?

Nicht nur der hohe Frauenanteil in der RAF und in der Bewegung 2. Juni, sondern dass Frauen überhaupt den bewaffneten Kampf aufgenommen respektive dem Staat den Krieg erklärt hatten, löste Unverständnis und Unsicherheit aus. Die Frage, warum gerade intelligente junge Frauen aus guten bürgerlichen Kreisen, vielfach aus der Bildungselite stammend, "Terroristinnen" bzw. so genannte Staatsfeinde werden konnten, zieht sich wie ein roter Faden durch die öffentliche Terrorismusdebatte sowie durch die Ermittlungs- und Strafverfahren. Zur Erklärung wurden vielfach geschlechtsspezifische Faktoren oder psychische Besonderheiten angeführt. Dass hierbei biologische Klischees bedient wurden, dokumentieren exemplarisch Auffassungen wie Frauen seien zum Fanatismus tendierend und zum vernunftmäßigen Handeln nicht in der Lage. Angebliche sexuelle Abweichungen und "Abartigkeiten" der weiblichen Mitglieder wurden herangezogen, ihr Handeln ins Frivole gezogen, sowie Thesen einer sexuellen "Hörigkeit" und die Gleichung vom "Boss" Andreas Baader und "seinen Gespielinnen" aufgestellt.

Oder es wurden in den Biografien der Frauen psychische Auffälligkeiten gesucht, häufig als individuelle psychische Fehlentwicklungen verstanden, und psychoanalytische Interpretationen - etwa eine unerfüllte Liebe zum Vater, die sich in Hass verwandelt - aufgelistet. Als prädisponierende Faktoren für die Anwendung von sozialrevolutionärer Gewalt wurden Konflikte mit dem Elternhaus ausgemacht, wobei die Strategie, alles auf das Individuum zu projizieren, ein traditionelles Verfahren beim Versuch ist, abweichendes Verhalten zu erklären. In der Psyche und im Lebenslauf wurden die Ursachen für gewaltsame Aktionen – wie der frühere Präsident des Bundeskriminalamtes Horst Herold im Jahre 2000 in der Süddeutschen Zeitung schrieb – gesucht: in "Erziehungs- und Ausbildungsmängeln, sozialer Herkunft, ehelicher Fehlanpassung, dem Lebensknick, dem Einfluss von Drogen, Berufsfindungsschwierigkeiten, Kontaktarmut oder einem moralischen Rigorismus". Solche Ansätze fanden dabei häufig nicht mehr heraus "als die ohnehin bekannte Tatsache, dass es sich um gebildete, ursprünglich hoch moralische junge Frauen handelte, die überwiegend der oberen Mittelschicht entstammten".

Selbst wenn individuell-biographische und psychologische Erklärungsmodelle einzelne Zusammenhänge erklären können, werden sie der Komplexität des Themas nicht gerecht. Sie blenden nicht nur den zeithistorischen Kontext oder den prozesshaften Ablauf der Konflikte aus, sondern reduzieren die Teilnahme von Frauen auf psychologische, pathologische und kriminelle Ursachen. Stärker als bisher müssen die Auseinandersetzungen um traditionelle Rollenbilder in den siebziger Jahren sowie die Ansprüche von Frauen auf abweichende Lebenskonzepte und politische Partizipation aufgegriffen werden. Unbestritten durchliefen sie einen Bewusstwerdungsprozess mit der Folge, dass gesellschaftliche Normen, überhaupt die Geschlechterordnung hinterfragt wurden. Dass dieser Prozess durch die erlebte Diskrepanz zwischen theoretisch zugestandenen Rechten sowie realen Möglichkeiten und nicht zuletzt durch die Schubkraft der studentischen Protestbewegung sowie der gesellschaftlichen Aufbruchstimmung forciert wurde, ist unbestritten.



 

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