RAF Fahndungsplakat
1 | 2 Pfeil rechts

Die dritte Generation der RAF
(1982-1998)


20.8.2007
Anfang der 1980er Jahre änderte die RAF ihre Strategie. Die dritte Generation verfolgte eine Internationalisierung des Terrorismus. Das letzte Mordopfer der RAF starb 1991.

Es gibt unterschiedliche Meinungen darüber, ab wann man von einer dritten Generation der RAF sprechen kann. Für die hier entwickelte Argumentation ist die programmatische Neuausrichtung der RAF Anfang der 1980er Jahre entscheidend, die im sogenannten Mai-Papier von 1982 "Guerilla, Widerstand und antiimperialistische Front" deutlich wird. Ausgehend von der Kritik der Ereignisse des Jahres 1977 wurde ein Strategiewechsel der RAF angekündigt:

Trotz intensiver Fahndung konnten die meisten RAF-Terroristen der dritten Generation bislang nicht identifiziert werden.Trotz intensiver Fahndung konnten die meisten RAF-Terroristen der dritten Generation bislang nicht identifiziert werden. (© AP)
"Das Problem, das sich während der Schleyerentführung gegen uns ausgewirkt hat, war, daß wir – auf unser konkretes Ziel, die Gefangenen rauszuholen, konzentriert – die Entwicklung des politischen Ziels in der ganzen Offensive, die Vertiefung der Widersprüche in der Krise, nicht angepackt haben." Das Ziel war nun, die Kräfte auf den Kampf in den Metropolen in einer Front zu konzentrieren und dabei sowohl auf nationaler wie auf internationaler Ebene vorzugehen.

Bei der Umsetzung dieser Strategie scheiterte die RAF zunächst im Dezember 1984 mit einem Anschlag auf die NATO-Schule in Oberammergau. Im Januar und Februar 1985 wurden in abgestimmten Aktionen mit der Action Directe der französische General René Audran und der Industrielle Ernst Zimmermann ermordet. Wenig später übernahm die RAF gemeinsam mit der AD die Verantwortung für den Anschlag auf die US-Airbase in Frankfurt im August 1985, bei dem zwei Menschen getötet und 23 verletzt wurden.

Bis 1990 fanden fünf weitere gezielte Morde statt, im Juli 1986 an Siemens-Vorstandsmitglied Karl Heinz Beckurts und seinem Fahrer Eckhard Groppler, im Oktober 1986 an Gerold von Braunmühl, Abteilungsleiter im Auswärtigen Amt, im November 1989 am Vorstandssprecher der Deutschen Bank Alfred Herrhausen. Dagegen scheiterten Anschläge 1988 auf den Finanzstaatssekretär Hans Tietmeyer und 1990 auf den Staatssekretär im Bundesinnenministerium Hans Neusel. Am 1. April 1991 schließlich wurde der Vorsitzende der Treuhandanstalt Detlev Karsten Rohwedder das letzte Opfer eines Mordanschlags der RAF.

Zu Beginn des Jahres 1992 erklärte der damalige Bundesjustizminister Kinkel die Bereitschaft des Staates, das Verhältnis zur RAF zu überdenken. Der Staat müsse dort, wo es angebracht sei, zur Versöhnung bereit sein. In der Folge kam es im April 1992 zu einer Erklärung der RAF, in der sie die "Eskalation zurücknimmt" und im sogenannten August-Papier des gleichen Jahres zum Eingeständnis, dass die Idee des Front-Gedankens nicht verwirklicht werden konnte. Im März 1998 verfasst die RAF ihre Auflösungserklärung und stellt fest, dass die "Stadtguerilla in Form der RAF [...] nun Geschichte" ist.

Programmatik: Internationalismus und Front



Die Grundidee des Mai-Papiers 1982 war, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen und eine neue Programmatik zu entwickeln: "Wir sagen, daß es jetzt möglich und notwendig ist, einen neuen Abschnitt in der revolutionären Strategie im imperialistischen Zentrum zu entfalten." Was 1982 nur angedeutet wurde, wurde in der Erklärung von 1986 "Die revolutionäre Front aufbauen" präzisiert: "Wir, die revolutionäre Metropolenfront, haben die Macht, die von hier aus durchstartende Aggression der Imperialisten in Schach zu halten. Auf diese Möglichkeit der revolutionären Bewegung in Westeuropa innerhalb der gesamten internationalen Klassenkonfrontation zwischen Weltproletariat und imperialistischer Bourgeoisie sind wir aus." Im Gegensatz zu den ersten beiden Generationen beschränkte sich der Internationalismus der dritten also nicht nur auf vage Solidaritätsbekundungen, sondern zielte auf die Herstellung des Internationalismus.

Begründet wird diese Absicht auf doppelte Weise. Zum einen sei sie eine Rückbesinnung auf den klassenkämpferischen Auftrag, die Metropolen zu erschüttern. Zum anderen sei sie eine Antwort auf die politischen Rahmenbedingungen der europäischen Einigung, die eine europäische Kooperation auch linksterroristischer Kräfte erforderlich mache. Die Internationalisierung der dritten RAF-Generation wurde also sowohl ideologisch als auch pragmatisch begründet.

Am besten kam das in der gemeinsamen Erklärung von RAF und AD vom Januar 1985 "Für die Einheit der Revolutionäre in Westeuropa" zum Ausdruck: "Wir sagen, es ist notwendig und möglich, eine neue Phase für die Entwicklung revolutionärer Strategie in den imperialistischen Zentren zu eröffnen und als eine Bedingung für diesen qualitativen Sprung die internationale Organisation des proletarischen Kampfes in den Metropolen, ihren politischmilitärischen Kern: westeuropäische Guerilla, zu schaffen."



 

Dossier

Die 68er-Bewegung

Sie protestierten gegen starre Strukturen, den Vietnamkrieg, die rigide Sexualmoral und die Nichtaufarbeitung des Nationalsozialismus: Tausende von Studenten gingen in den 1960er Jahren auf die Straße – und als 68er in die Geschichtsbücher ein. War diese Zeit notwendig für den Übergang in die moderne Gesellschaft? Weiter...