RAF Fahndungsplakat
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Die RAF und ihre Opfer

Zwischen Selbstheroisierung und Fremdtabuisierung


20.8.2007
Ihre Kommandos benannte die RAF nach den Namen der eigenen Toten. Sie sollten so in der Öffentlichkeit als Märtyrer erscheinen. Die von ihr ermordeten Menschen blendete die RAF hingegen aus und degradierte sie zu "Störfaktoren".

"Der Tod ist jedem beschieden, aber nicht jeder Tod hat die gleiche Bedeutung. In alten Zeiten gab es in China einen Schriftsteller namens Sima Tjiän. Dieser sagte einmal: 'Es stirbt allerdings ein jeder, aber der Tod des einen ist gewichtiger als der Tai-Berg, der Tod des anderen hat weniger Gewicht als Schwanenflaum.' Stirbt man für die Interessen des Volkes, so ist der Tod gewichtiger als der Tai-Berg; steht man im Sold der Faschisten und stirbt für die Ausbeuter und Unterdrücker des Volkes, so hat der Tod weniger Gewicht als Schwanenflaum."

Bei ihren Kommandos benutzte die RAF durchweg die Namen von Toten aus ihren eigenen Reihen.Bei ihren Kommandos benutzte die RAF durchweg die Namen von Toten aus ihren eigenen Reihen. (© AP)
Diese Zeilen stammen von Mao Tse-tung und sind einer der wichtigsten RAF-Schriften vorangestellt, einem Text, der 1972 unter der Mao-Parole "Dem Volke dienen" verbreitet worden ist. Danach folgt eine denkwürdige Aufzählung von üblicherweise als alltäglich angesehenen Todesopfern in der damaligen Bundesrepublik:

"20 000 Menschen sterben jedes Jahr – weil die Aktionäre der Automobilindustrie nur für ihre Profite produzieren lassen und dabei keine Rücksicht auf die technische Sicherheit der Autos und den Straßenbau nehmen. 5 000 Menschen sterben jedes Jahr – am Arbeitsplatz oder auf dem Weg dahin oder auf dem Heimweg, weil es den Produktionsmittelbesitzern nur auf ihre Profite ankommt und nicht auf einen Unfalltoten mehr oder weniger. 12 000 Menschen begehen jedes Jahr Selbstmord, weil sie nicht im Dienst des Kapitals hinsterben wollen, machen sie selber Schluß mit allem. 1 000 Kinder werden jedes Jahr ermordet, weil die zu kleinen Wohnungen nur dazu da sind, daß die Haus-und Grundbesitzer eine hohe Rendite einstreichen können. Den Tod im Dienst der Ausbeuter nennen die Leute einen natürlichen Tod. Die Weigerung, im Dienst der Ausbeuter zu sterben, nennen die Leute einen 'unnatürlichen Tod'. Die Verzweiflungstaten der Menschen wegen der Arbeits- und Lebensbedingungen, die das Kapital geschaffen hat, nennen die Leute ein Verbrechen. Sie sagen: dagegen kann man nichts machen. Damit diese falschen Ansichten der Menschen nicht von richtigen Ansichten abgelöst werden, haben der Bundesinnenminister, die Innenminister der Länder und die Bundesanwaltschaft jetzt Exekutionskommandos der Polizei aufgestellt. Ohne die falschen Ansichten von Verbrechen und Tod kann das Kapital nicht herrschen. Petra, Georg, Thomas starben im Kampf gegen das Sterben im Dienst der Ausbeuter. Sie wurden ermordet, damit das Kapital ungestört weitermorden kann und damit die Leute weiterhin denken müssen, daß man nichts dagegen machen kann. Aber der Kampf hat erst beginnen!"

Gemeint sind die ersten, die 1971/72 bei Fahndungsaktionen durch Polizeikugeln zu Tode gekommen sind: Petra Schelm, Georg von Rauch und Thomas Weisbecker. Deren Tod war in der von der RAF für sich in Anspruch genommenen chinesischen Diktion "gewichtiger als der Tai-Berg". Doch im Unterschied zu den beiden Männern geriet Petra Schelm schon bald in Vergessenheit. Sie eignete sich offenbar nicht besonders dazu, das Image des todesmutigen, ja todesbereiten Kämpfers zu pflegen. "Meine wirklichen Geschwister sind Thomas Weisbecker und Georg von Rauch," schrieb etwa Gudrun Ensslin in einem Brief an ihre leiblichen Geschwister.

Dadurch, dass sie sich bewaffnet hatten und auf offener Straße erschossen worden waren, besaßen sie im Rahmen des spezifischen, innerhalb der RAF gepflegten Totenkults einen anderen Nimbus als jene Kombattanten, die später im Hungerstreik zu Tode kamen oder aber sich in ihren Zellen umbrachten. Sie waren sozusagen "im bewaffneten Kampf gefallen". Damit waren sie von Anfang an von einer Aura umgeben, die sich bei den meisten späteren Todesopfern der RAF nicht mehr einstellen wollte. Wer sich auf die beiden berief, zitierte zugleich ein bestimmtes Pathos, das sie mit ihrem Untergrundkampf verbunden sehen wollten. Von dem Polizisten Norbert Schmid jedoch, der zur selben Zeit von der RAF erschossen worden ist, findet sich in dem Pamphlet kein einziges Wort.

Was können schon ein paar Tote auf Seiten des Staates bedeuten, dieser Gedankengang wird hier nahe gelegt, wenn deren Liquidation mit dazu beiträgt, das ausbeuterische, menschenunwürdige System des Kapitals, das angeblich so viele Menschenleben auf dem Gewissen hat, selbst zu liquidieren. Der Tod der Ausbeuter und der staatlichen Handlanger des Kapitals hat in der eingangs zitierten zynischen Poesie formuliert "weniger Gewicht als Schwanenflaum". Gegen "die falschen Ansichten von Verbrechen und Tod" werden hier die vermeintlich "richtigen" gestellt. Die Aneinanderreihung der Todeszahlen wirkt wie eine vorgezogene Rechtfertigung künftiger RAF-Morde.

Die RAF bediente sich ausgiebig des von ihr betriebenen Opferkults. Bei ihren Kommandos benutzte sie durchweg die Namen von Toten aus ihren eigenen Reihen. So benannte sie etwa den Bombenanschlag auf das Offizierscasino des V. US-Corps in Frankfurt nach Petra Schelm, den Überfall auf die Deutsche Botschaft in Stockholm nach Holger Meins, den Mordanschlag auf Generalbundesanwalt Siegfried Buback nach Ulrike Meinhof, die Entführung und Ermordung von Arbeitgeberpräsident Hanns-Martin Schleyer nach Siegfried Hausner, den Mordanschlag auf den Treuhandchef Detlef Karsten Rohwedder nach Ulrich Wessel, den Mordanschlag auf den Chef der Deutschen Bank, Alfred Herrhausen nach Wolfgang Beer oder den Sprengstoffanschlag auf die Justizvollzugsanstalt Weiterstadt nach der während ihrer Haftzeit einer Krebserkrankung erlegenen Katharina Hammerschmidt. Die Liste erweckt den Eindruck, als habe man durch die Serie von Anschlägen, Überfällen, Geiselnahmen und Mordaktionen zugleich eine Art Nekrolog stiften wollen. Die RAF hat auf diese Weise versucht, drei verschiedene Aspekte miteinander zu verknüpfen:
  • Die ums Leben gekommenen Mitglieder postum zu heroisieren,
  • ihre terroristischen Aktionen durch das Blut ihrer eigenen Kämpfer in gewisser Weise zu weihen und
  • den Anschein zu erwecken, dass es sich dabei nur um eine Reaktion auf eine bereits existierende, dem kapitalistischen bzw. imperialistischen System inhärente strukturelle Gewalt handle.
Indem sich die RAF auf die Todesopfer aus ihren eigenen Reihen berief, um in deren Namen Gewaltaktionen durchzuführen, die unmittelbar auf fremde Todesopfer angelegt waren oder aber diese zumindest billigend in Kauf nahmen, unternahm sie den Versuch einer revolutionären, ja quasi-religiösen Rechtfertigung ihrer Terrorakte.



 

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