RAF Fahndungsplakat

20.8.2007 | Von:
Dr. Wolfgang Kraushaar

Die RAF und ihre Opfer

Zwischen Selbstheroisierung und Fremdtabuisierung

Bereits in dem von Ulrike Meinhof verfassten Gründungspapier "Das Konzept Stadtguerilla" setzte sich die RAF mit dem Vorwurf auseinander, ob sie in ihrer Praxis tatsächlich so rücksichtslos und brutal sei, wie das von großen Teilen der Presse behauptet wurde. Darin räumt Meinhof zunächst ein: "Die Frage, ob die Gefangenenbefreiung auch dann gemacht worden wäre, wenn wir gewußt hätten, daß ein Linke dabei angeschossen wird [...] kann nur mit Nein beantwortet werden." Die Eindeutigkeit dieser Aussage erweist sich jedoch nur wenige Zeilen weiter als weitgehend gegenstandslos. Denn die Feststellung wird mit der Behauptung relativiert, dass es nichts bringen würde, nach dem "Was wäre wenn" zu fragen, um die Überlegungen dann mit dem markigen Satz zu übertrumpfen: "Der Gedanke, man müsste eine Gefangenenbefreiung unbewaffnet durchführen, ist selbstmörderisch." Sie beendet ihre Verteidigung schließlich mit dem Satz: "Wir schießen, wenn auf uns geschossen wird. Den Bullen, der uns laufen läßt, lassen wir auch laufen."

Der Bombenanschlag auf die Hamburger Springer-Zentrale galt nicht nur innerhalb der mit der RAF sympathisierenden radikalen Linken als einer der umstrittensten. Die Tatsache, dass die telefonischen Warnungen für die Räumung eines derartig weitläufigen Gebäudes mit 3 000 Mitarbeitern viel zu spät eingegangen waren und es vor allem Arbeiter und Angestellte getroffen hatte, für deren Interessen die RAF angeblich zu den Waffen gegriffen haben wollte, löste auch innerhalb der RAF-Führungscrew massive Kontroversen aus.

Wie groß das Ausmaß der Ablehnung ausfallen konnte, lässt sich etwa an einer späteren Äußerung des RAF-Mitbegründers Horst Mahler erkennen, für den dieser Anschlag offenbar eine Art Wendepunkt in seinem Verhältnis zur RAF darstellte: "Da wurde völlig klar, dass die Praxis sich völlig loslöste von dem, was wir mal gemeinsam uns unter Praxis vorgestellt haben. Denn jetzt wendeten sich diese militärischen oder militanten Aktionen ja gegen den Teil des Volkes, für den man vorgab, diesen Kampf zu führen, nämlich für Arbeiter und Angestellte, für die Lohnabhängigen ..."

Ähnlich ablehnend äußerte sich Irmgard Möller: "Wenn man Springer angreifen will, kann man das unmöglich in seinem Verlagshaus machen, in dem Menschen arbeiten, die für die Politik des Konzerns und auch für die Inhalte in den Blättern nicht verantwortlich sind. [...] Das war wirklich ein böses Beispiel, wie man militante Politik auf gar keinen Fall machen kann." Und Hans-Joachim Klein, ein ehemaliges Mitglied der Revolutionären Zellen, bezeichnete den Anschlag als einen "üblen politischen Fehler".

Für Möller stellte die Kritik an dem Bombenanschlag jedoch kaum mehr als eine taktische Angelegenheit dar. Hätte das RAF-Kommando statt der Korrektoren einen der Redakteure oder gar Mitglieder der Geschäftsleitung getroffen, dann wäre von ihr vermutlich Zustimmung zu hören gewesen. Als sie im selben Interview gefragt wurde, ob sie die Ermordung von Hanns-Martin Schleyer im Nachhinein als Fehler ansehen würde, antwortete sie ganz unmissverständlich mit: "Nein. [...] Wenn man nicht bereit ist, jemanden wie Schleyer zu töten, darf man ihn gar nicht erst entführen."

Und auf die Zusatzfrage, warum sie den Fahrer erschossen hätten, um anschließend seinen Chef entführen zu können, erklärt sie in derselben unerbittlichen Konsequenzlogik: "Der ist doch nicht zufällig und willkürlich einen Tag vorher ausgesucht worden. Der sitzt mit im Wagen und weiß, was er für ein Risiko eingeht, wenn er diesen Job macht." Die ehemalige RAF-Angehörige, die die Nacht vom 17. auf den 18. Oktober 1977 überlebt hat und deshalb am ehesten bezeugen können müsste, dass es kein gedungenes staatliches Exekutionskommando war, das für den Tod von Baader, Ensslin und Raspe verantwortlich gewesen ist, verteidigt jedenfalls noch Jahrzehnte später die Mordpraxis und Opferlogik der RAF.

Der Ermordung des US-Soldaten Edward Pimental wurde von der RAF später als "Fehler" bezeichnet.Der Ermordung des US-Soldaten Edward Pimental wurde von der RAF später als "Fehler" bezeichnet. (© AP)
Auf die heftigsten Abwehrreaktionen stieß die Ermordung des 20jährigen US-Soldaten Edward Pimental. Die zu dieser Zeit in einem Lübecker Gefängnis einsitzenden RAF-Frauen, darunter Irmgard Möller, konnten sich nur einen ganz bestimmten Reim auf diese Mordtat machen und erklärten kurzerhand: "Das war eine Counter-Aktion!", also eine vom Staatsschutz oder einem Geheimdienst organisierte und mit dem Ziel durchgeführte Operation, die RAF bloßzustellen und ihre Ziele zu diskreditieren. Doch dieser paranoid anmutende Gedanke erwies sich bald darauf als Hirngespinst.

Da sie sich der Massivität der in der linken Öffentlichkeit vorgetragenen Kritik nicht länger erwehren konnte, ruderte die RAF zurück und räumte ein: "Wir sagen heute, dass die Erschießung des GIs in der konkreten Situation im Sommer ein Fehler war, der die Wirkung des Angriffs gegen die Air Base und so die Auseinandersetzungen um die politisch-militärische Bestimmung der Aktion, wie der Offensive überhaupt, blockiert hat." Aber auch das war nichts anderes als eine taktische Kritik, die auf äußeren Druck zustande gekommen ist. Erst ein ganzes Jahrzehnt später hat sich das RAF-Mitglied Birgit Hogefeld in der gebotenen Eindeutigkeit von der Hinrichtungsaktion, die wiederholt mit der Genickschusspraxis der SS verglichen worden ist, distanziert .

Die 1993 bei dem Bad Kleinen-Einsatz der GSG 9 verhaftete Hogefeld erklärte später in ihrem Prozess vor dem Frankfurter Oberlandesgericht: Wenn "Menschen hergehen und einen jungen Mann erschießen, weil er Soldat der US-Armee ist und einen Ausweis besitzt, den sie haben wollen, dann empfinde ich das als grauenhaft und zutiefst unmenschlich – anders kann ich das nicht bezeichnen." Doch sie selbst war jene junge Frau mit den "schönen Augen", die das Opfer in einer Wiesbadener Diskothek gezielt abgeschleppt hatte, damit es das "Kommando George Jackson" auf einem Waldweg mitten in der Nacht mit einem Schuss in den Hinterkopf liquidieren konnte. Hogefeld, die zusammen mit Eva Haule, die dem Killerkommando ebenfalls angehörte, zu den letzten inhaftierten RAF-Mitgliedern zählt, wurde schließlich zu einer lebenslänglichen Haftstrafe verurteilt.

Die drei genannten Fälle zeigen, wie sehr sich die RAF-Kommandos in den Rechtfertigungsstrategien ihrer Gewalt- und Mordaktionen verfangen hatten und wie schwer sie sich damit taten, auch nur solche Fehler einzuräumen, die bestimmte Operationen ihrer eigenen immanenten Handlungslogik nach zweifelsohne darstellten, und sich dazu öffentlich zu bekennen. Das Wort Schuld blieb dabei ein Fremdwort.

Stand: Juli 2007


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