RAF Fahndungsplakat
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Die Opfer der RAF


31.8.2007
Auch wenn die Taten Jahrzehnte zurückliegen, wirken sie bis heute nach: bei den überlebenden Opfern wie bei den Angehörigen der Toten. Wer waren die Menschen, die zu Opfern der RAF-Terroristen wurden?

In der Nacht zum 14. Oktober 1977 erfährt Gabriele von Lutzau, dass im Austausch gegen sie und die übrigen 90 Geiseln an Bord der Lufthansa-Maschine "Landshut" inhaftierte Mitglieder der Roten Armee Fraktion (RAF) freigepresst werden sollen.[1] Sie ist Stewardess, damals 23 Jahre alt. Das Flugzeug steht auf dem Flughafen von Bahrain, an Bord verängstigte, verzweifelte Menschen. Es ist heiß in der Maschine. Die Toiletten sind verstopft, es stinkt nach Fäkalien. Der Geruch dringt in Kleidung, Haare, Nase - und wird ein Leben lang in Erinnerung bleiben, so wie die Angst.

Sechs Tage lang waren Passagiere und Besatzung der "Landshut" ihren Entführern hilflos ausgeliefert.Sechs Tage lang waren Passagiere und Besatzung der "Landshut" ihren Entführern hilflos ausgeliefert. (© AP)
Bis heute, sagt Gabriele von Lutzau (52), sei der bleibende Eindruck der Entführung die Hilflosigkeit: "Das Lamm auf der Schlachtbank zu sein, dem gleich die Kehle durchgeschnitten wird - und man sieht, wie die Messer schon gewetzt werden." Die Stewardess, die in der Nacht vom 17. auf den 18. Oktober 1977 schließlich von der GSG 9 im somalischen Mogadischu befreit wird, ist eines von zahlreichen Opfern der RAF. Auch wenn die Taten Jahrzehnte zurückliegen, wirken sie nach - bei den überlebenden Opfern wie bei den Angehörigen der Toten.

Durch die RAF wurden in den 28 Jahren ihres "bewaffneten Kampfes" 34 Menschen getötet: Norbert Schmid, Herbert Schoner, Hans Eckhardt, Paul A. Bloomquist, Clyde R. Bonner, Ronald A. Woodward, Charles L. Peck, Andreas Baron von Mirbach, Dr. Heinz Hillegaart, Fritz Sippel, Siegfried Buback, Wolfgang Göbel, Georg Wurster, Jürgen Ponto, Heinz Marcisz, Reinhold Brändle, Helmut Ulmer, Roland Pieler, Arie Kranenburg, Dr. Hanns Martin Schleyer, Hans-Wilhelm Hansen, Dionysius de Jong, Johannes Goemans, Edith Kletzhändler, Dr. Ernst Zimmermann, Edward Pimental, Becky Jo Bristol, Frank H. Scarton, Prof. Dr. Karl-Heinz Beckurts, Eckhard Groppler, Dr. Gerold von Braunmühl, Dr. Alfred Herrhausen, Dr. Detlev Carsten Rohwedder und Michael Newrzella.

Die Terroristen ermordeten Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Finanzwelt, deren Fahrer sowie Polizisten, Personenschützer und Soldaten. Edith Kletzhändler etwa wurde nach einem Banküberfall in Zürich zufällig zum Opfer. Zum Zeitpunkt der Tat war aus dem, was als studentische Rebellion gegen überholte Universitätsstrukturen und den Vietnamkrieg begonnen hatte, ein gnadenloser Kampf gegen die Bundesrepublik und ihre Institutionen geworden. Bedingungslos glaubten die Mitglieder der RAF daran, revolutionäre Avantgarde zu sein. Gewaltsam wollten sie die Verhältnisse im Land, ja, der ganzen Welt verändern. Es ist ein dunkles Kapitel bundesdeutscher Geschichte, dessen Ereignisse bis heute präsent sind und Politik und Gesellschaft immer wieder beschäftigen.

Über die Biographien der Täter und ihre Überzeugungen ist vieles bekannt. Die Frage nach den Opfern ist dagegen meist im Hintergrund geblieben. Wer waren die Menschen, die zu Opfern der Terroristen wurden? Wie dachten sie über Politik und Gesellschaft, über die Bundesrepublik in der Nachkriegszeit?

Selbstverklärung und Verharmlosung



Die "Landshut"-Stewardess Gabriele von Lutzau erinnert sich: "Die Gefangenen aus der RAF in Stammheim waren Leute in meinem Alter oder nur unwesentlich älter als ich. Ihre Wurzeln hatten sie in der Bewegung, die ich vor wenigen Jahren noch von ganzem Herzen bewundert hatte." Dem Protest gegen den Vietnamkrieg, der Forderung, die Täter für die Verbrechen im "Dritten Reich" zur Rechenschaft zu ziehen - diesen Zielen der Studentenbewegung hatte Gabriele von Lutzau zugestimmt. Der Bruch kam für sie mit der zunehmenden Gewalt.

Diese Sicht und Kritik teilten viele der Menschen, die zu Opfern der RAF wurden. Der Verteidigungsattaché an der deutschen Botschaft in Stockholm, Andreas von Mirbach, den die RAF 1975 ermordete, hatte Verständnis für die Forderung der Studenten nach Aufarbeitung. Seine Witwe, Christa von Mirbach, sagt: "Ab Mitte der 1960er Jahre hatten sich an den Universitäten die ersten Stimmen geregt, das Verschweigen der Taten und der persönlichen Verantwortungen im Dritten Reich müsse ein Ende haben. Diese Forderung begrüßte Andreas. (...) Es war in seinen Augen ein wichtiger Schritt für die Gesellschaft, sich ehrlich und tiefgehend mit der eigenen Verantwortung auseinander zu setzen - daraus zu lernen und neu zu beginnen."

Auch der Botschaftsrat für Wirtschaft in Stockholm, Heinz Hillegaart, der am 24. April 1975 während des Überfalls und der Geiselnahme nach Andreas von Mirbach zum zweiten Opfer der RAF wurde, hatte Verständnis für die Forderung der Studenten nach Aufarbeitung, für ihren Protest gegen den Vietnamkrieg und ihren Einsatz für Veränderungen der Universitätsstrukturen. Seine Tochter Claudia Hillegaart:

"Unser Vater war zwar im Krieg gewesen, aber nie Mitglied der NSDAP. Daher brach für ihn nach dem Ende des Dritten Reichs kein ideologisches Glaubensgerüst zusammen. Das machte es ihm leichter als anderen seiner Generation, sich mit der Vergangenheit auseinander zu setzen. Er erkannte, dass ein Großteil seiner Generation verdrängte und so tat, als hätte es die zwölf Jahre unter Hitler nicht gegeben. Die Menschen richteten sich gemütlich in ihren bürgerlichen Moralvorstellungen ein und blendeten die Frage nach Mitschuld aus. Es verblüffte unseren Vater nicht, dass manche der Jüngeren sich mit diesen in ihren Augen verlogenen Vorstellungen von Moral nicht anfreunden konnten. (...) Den Formen ihres Protests stand er allerdings teils kritisch gegenüber, doch er akzeptierte ihr Recht darauf, ihre Meinung frei äußern zu dürfen."

Noch wenige Tage vor seiner Ermordung hatte Hillegaart mit Studenten aus der Bundesrepublik diskutiert, die sich vor der Botschaft zum Protest versammelt hatten, sagt seine Tochter. Abends sei er zufrieden nach Hause gekommen: Er habe sich mit den jungen Leuten unterhalten können, es sei nach anfänglichen Schwierigkeiten ein guter Austausch gewesen - und man müsse mit dieser Generation mehr reden. Drei Tage später nehmen Siegfried Hausner, Lutz Taufer, Hanna Krabbe, Ulrich Wessel, Karl-Heinz Dellwo und Bernhard Rössner, mit Pistolen und Sprengstoff bewaffnet, elf Geiseln in der deutschen Botschaft. Sie fordern die Freilassung von Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Ulrike Meinhof und 23 weiteren Terroristen. In der ersten Hälfte der 1970er Jahre waren die führenden Köpfe der RAF in der Bundesrepublik festgenommen worden - so wie die Mehrzahl der Mitglieder der ersten Generation. Die Spirale der Gewalt drehte sich dennoch weiter. Denn in der "zweiten Generation" der RAF, die in dieser Zeit nachrückte, hatte sich die Überzeugung gefestigt, ihre inhaftierten Genossen befreien zu müssen. Das wurde in den folgenden Jahren zum Hauptziel.



 

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