RAF Fahndungsplakat

20.8.2007 | Von:
Dr. Wolfgang Kraushaar

Die popkulturelle Adaption des politisch verpufften RAF-Mythos

In Filmen, Songtexten, Literatur, Werbung und Mode findet eine Trivialisierung, Romantisierung und Popularisierung der RAF statt. Die Verwendung von RAF-Symbolen ist heute weitgehender Beliebigkeit anheim gefallen.

Es ist nicht bekannt, wie ehemalige RAF-Mitglieder darauf reagiert haben, dass Repräsentanten einer jüngeren Generation kurz nach Auflösung der RAF damit begannen, diese in den unterschiedlichsten kulturellen Bereichen zum Gegenstand einer erneuten Verklärung zu machen, ihren gescheiterten Feldzug gegen Staat und Eliten streckenweise zu ästhetisieren, sich besonders spektakuläre Elemente des vermeintlichen Guerillakampfes herauszugreifen und sie zu romantisieren sowie Einzelne, wie Andreas Baader und Ulrike Meinhof, nun als Pop-Ikonen zu besetzen und erneut zu heroisieren. Das RAF-Emblem mit der quer über den fünfzackigen Stern montierten Maschinenpistole von Heckler & Koch tauchte nun auf T-Shirts und Postern, auf Buchtiteln und Filmplakaten, auf Fotostrecken in Mode- und Anzeigen von Lifestyle-Magazinen auf.

"Prada Meinhof" ist zum Synonym für den Einzug der RAF in die Pop-Kultur insgesamt geworden."Prada Meinhof" ist zum Synonym für den Einzug der RAF in die Pop-Kultur insgesamt geworden. (© Maegde und Knechte Elternhaus)
Es schien sich, wenn auch nur vorübergehend, um eine regelrechte Welle zu handeln, die der gerade untergegangenen RAF als popkulturelles Artefakt plötzlich erneut Aufmerksamkeit verschaffte. Die Rede war nun von "RAF ist hip", "RAF ist chic", "RAF goes Pop" und – das alles hochgerechnet – von einem regelrechten "RAF-Retro-Trend". Doch zum Teil scheint dieser "Trend" auch einem medialen Kumulationseffekt geschuldet gewesen zu sein. Jedenfalls war unübersehbar, wie sich Kritiker dieses Phänomens annahmen, sich daran abarbeiteten und es auf diese Weise selbst noch einmal, wenngleich auch nur indirekt, multiplizierten und potenzierten.


Die größte Aufmerksamkeit gewann zunächst die Verballhornung von "Baader Meinhof" zu "Prada Meinhof", einem Label, unter dem die Hamburger Boutique "Maegde und Knechte Elternhaus" ein T-Shirt vermarktet hat. Andere T-Shirts trugen Aufschriften wie "Prada Terror", "German Eiche", "German Tiefgang", "Feldbett Diva" und "Mein Kampf", dies auf einem Unterhemd, auf dem ein kleiner Kampfhund zu sehen war. "Prada Meinhof" wurde rasch zu einem durchschlagenden Erfolg. Es ist inzwischen zum Synonym für die RAF-Mode insgesamt, das Spiel mit den Terrornamen und -emblemen, die tendenzielle oder zuweilen auch manifeste Tabuverletzung inbegriffen, avanciert.

Ein anderer Ausgangspunkt dieses Trends war ein Treffen von snobistisch auftretenden Jungschriftstellern in der Executive Lounge des Berliner Hotels Adlon gewesen, die sich seit 1999 mit wechselndem Erfolg als "popkulturelles Quartett" zu vermarkten versuchten. Einer von ihnen, der 30-jährige Alexander von Schönburg, erklärte mit einem kalkuliert provokanten Gestus, wie es weiland Georg Heym kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs getan hatte: "Unsere einzige Rettung wäre eine Art Somme-Offensive. Unsere Langeweile bringt den Tod. Langsam komme ich zur Überzeugung, dass wir uns in einer ähnlichen Geistesverfassung finden wie die jungen Briten, die im Herbst 1914 enthusiastisch die Rugby-Felder von Eton und Harrow, die Klassenzimmer von Oxford und Cambridge verließen, um lachend in den Krieg gegen Deutschland zu ziehen." Vor einer als tödlich empfundenen Langeweile sich den Krieg herbeizuwünschen und darin vielleicht tatsächlich den Tod zu finden, das hatte Vertreter einer Studentengeneration im Herbst 1914 bereits nach Langemarck geführt. Doch dieser sehr viel näher liegende Anknüpfungspunkt schien den versammelten Jungautoren nicht besonders geeignet zu sein. Das Image kriegsbegeisterter Nationalisten vertrug sich offenbar wohl nicht mit einem Snobismus, für den britische Eliteschüler als Vorbild sehr viel eher in Frage kamen.

Mitautor Joachim Bessing ging im weiteren Verlauf von Kriegs- zu Terrorphantasien über, schlug vor, man müsse nun "von innen bomben", und konkretisierte das mit den Worten: "Bomben aus Semtex bauen und dann in Prada-Rucksäcken an die Art-Direktoren schicken, per Kurier. Oder das Café Costes oder das Adlon sprengen." In dieser Situation konnte es nicht ausbleiben, dass nun auch das Stichwort RAF fiel. Es war Benjamin von Stuckrad-Barre, der es, obgleich in Abgrenzung gegenüber seinem Vorredner, in die Runde warf. Er hielt Bessing vor, dass es ihm im Unterschied zur RAF wohl nur um Zerstörung gehe, während die RAF zwar auch nichts bewirkt, jedoch an die Stelle des von ihr Zerstörten "etwas Neues" habe setzen wollen. Doch der Bann schien gebrochen.

Es war ein weiterer Jungschriftsteller, der den Ball auffing und sein eigenes Spiel damit trieb. John von Düffel (Jg. 1966), hatte bereits mit Stücken wie "Rinderwahnsinn" und "Born in the RAF" Aufmerksamkeit erregt. In einem Zeit-Interview verriet er dann im Jahr 2000, was er an der RAF und ihrer Zeit so aufregend finde: Wie die RAF-Leute mit ihrem ganzen Leben für eine Gesinnung eingestanden hätten, das habe "auch etwas Großes, Unbedingtes, Absolutes. Also Mythisches. Wie im Kino. [...] Da gibt es Entführung, Flucht, Untergrund – das Land zu RAF-Zeiten war der letzte große Abenteuerspielplatz der deutschen Geschichte." Mit dieser Haltung blieb der damalige Dramaturg am Hamburger Thalia-Theater, wie zahlreiche Romane, Filme und Theaterstücke belegen, keineswegs ein Sonderfall, sondern setzte nur den vom "popkulturellen Quartett" in Szene gesetzten Thrill weiter fort.

Das "Große", das "Absolute", das "Unbedingte" – diese unverkennbaren Ingredienzien einer hier freilich nur ästhetisch auftretenden fundamentalistischen Ideologie – schienen ihren Reiz auf Vertreter einer jüngeren Generation keineswegs verloren zu haben. Bezeichnend dürfte allerdings sein, dass diese Bewunderungshaltung, die Anbetung des Mythischen, fast nur noch im Bereich der Fiktion, also von Schriftstellern, Theater- und Filmemachern, geäußert werden kann. Der "Abenteuerspielplatz" RAF blieb, wie der Regisseur Christopher Roth mit seinem Filmporträt "Baader" anschaulich unter Beweis gestellt hat, nun für sie reserviert. Waren derartige Äußerungen in einem politischen Umfeld auch so gut wie vollständig diskriminiert, so verfügten fiktionale Autoren immer noch über einen solchen Spielraum. Während sich die RAF politisch längst erledigt hatte, feierten die von ihr geschaffenen Mythen in der Kultur fröhliche Urständ.

Eine besondere Rolle spielten dabei Pop- und Rockmusiker. Die aus Sindelfingen stammenden Punk rocker Wizo widmeten der aufgelösten Untergrundorganisation mit "R. A. F." gar einen eigenen Song. Darin heißt es unverblümter als in irgendeinem anderen Zusammenhang:
    "Als wir noch kleine Scheißer waren, da wußten wir nicht viel,
    doch wir haben schon gern RAF und Polizei gespielt.
    Ich wollte nie ein Bulle sein, denn Bullen sind nur Dreck,
    ich war viel lieber Terrorist und bombte alles weg.
    [...]
    Rote Armee Fraktion – ihr wart ein geiler Haufen,
    Rote Armee Fraktion – mit euch ist was gelaufen
    Rote Armee Fraktion – ich fand euch immer spitze
    Leider war ich noch zu klein, um bereits bei Euch dabei zu sein,
    doch mein Herz schlug damals schon für die Rote Armee Fraktion."
Die Hip-Hop-Band Absolute Beginner mit ihrem Song "Die Söhne Stammheims", in dem von deren Sänger Jan Delay beklagt wird, dass die jungen Leute nur noch für Hunde und Benzin kämpften und nicht mehr Baader und Ensslin folgten, sowie die Schweizer Band Mittageisen, die einen in der Zelle verfassten Meinhof-Brief intonierte, um so für einen "faireren Umgang" mit ihr und ihrem Schicksal zu plädieren, standen dem nur wenig nach.


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