Proklamation Kaiser Wilhelms I. im Spiegelsaal von Versailles. Gemälde von Anton von Werner.

Das Deutsche Kaiserreich und der Erste Weltkrieg

Eine Einführung


27.9.2012
In der Geschichtswissenschaft spielt das Deutsche Kaiserreich eine besondere Rolle. Es wurde lange als Höhepunkt deutscher Nationalgeschichte betrachtet, doch in den 1970er Jahren änderte sich das. War das Kaiserreich ein normaler europäischer Nationalstaat mit offener Zukunft? Oder führten die Radikalisierung und der Niedergang der demokratischen Kultur fast zwangsläufig in den Ersten Weltkrieg?

Am 18. Oktober 1861 krönt sich Wilhelm I. zum König von Preußen in der Schlosskirche in Königsberg. Gemälde von Adolph vonMenzel.Am 18. Oktober 1861 krönt sich Wilhelm I. zum König von Preußen in der Schlosskirche in Königsberg. Gemälde von Adolph von Menzel.

Das Deutsche Kaiserreich von 1871 bis 1918 hat in der Geschichtswissenschaft immer wieder eine herausgehobene Rolle gespielt. Lange wurde es als Höhepunkt, ja sogar als eine Art Vollendung der deutschen Nationalgeschichte betrachtet, die im "Reichsgründer" Otto v. Bismarck ihre Personalisierung fand. Grundlegend geändert hat sich diese Sichtweise erst seit den 1970er Jahren, als eine jüngere Generation von Historikern begann, die neuere deutsche Geschichte nicht nur der Weimarer Republik als Vorgeschichte des Nationalsozialismus zu betrachten und betont kritisch zu untersuchen. Das wohl einflussreichste und zugleich am meisten diskutierte historische Werk dieser Zeit war Hans-Ulrich Wehlers "Das Deutsche Kaiserreich". Erstmals 1973 erschienen, wurde "Wehlers Kaiserreich" für lange Jahre zum zentralen Bezugspunkt fast aller Untersuchungen und Auseinandersetzungen über die deutsche Geschichte des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts.

Das Kaiserreich im Sonderwegs-Paradigma



Wehler vertrat nicht nur einen modernen, mit Theorien arbeitenden, die traditionell dominierende Politikgeschichte durch sozialgeschichtliche Perspektiven erweiternden Ansatz. Er ordnete seine Deutung des Kaiserreichs auch programmatisch in die Theorie eines "deutschen Sonderwegs" in die Moderne ein, der letztlich zum Nationalsozialismus geführt habe. Bei der Sonderwegstheorie handelte es sich ursprünglich um ein positives Deutungsmuster der neueren deutschen Geschichte, nach dem die deutsche Nationalstaatsbildung "von oben" unter der Vorherrschaft eines starken, auf Monarchie, Militär und Bürokratie gestützten Staates der westlich-liberalen, auf Revolutionen "von unten" aufbauenden Entwicklungsform überlegen gewesen sei. Dieses Deutungsmuster wurde unter dem Eindruck des Nationalsozialismus, zuerst von Emigranten aus Nazi-Deutschland, gewissermaßen in sein Gegenteil verkehrt: Ausgehend von der gescheiterten Revolution 1848, wurden nun alle Aspekte der deutschen Staats- und Gesellschaftsentwicklung daraufhin untersucht, wie sie die Ausbildung einer liberal-demokratischen Ordnung behindert und die Entstehung des Nationalsozialismus gefördert hatten.

Das Deutsche Kaiserreich 1871-1914Das Deutsche Kaiserreich 1871-1914 Lizenz: GNU FDL, 1.2 (© kgberger)
In den Mittelpunkt rückte das Deutsche Kaiserreich von 1871. Dabei schien es sich nicht nur um eine "verspätete Nation" (Helmut Plessner) zu handeln. Herausgearbeitet wurde vor allem der obrigkeitsstaatliche, militaristische Charakter des Kaiserreichs, dessen Fürsten- und Adelsherrschaft in einem eklatanten Widerspruch zu den dynamischen Basisprozessen einer sich rapide industrialisierenden und modernisierenden Gesellschaft stand. Den "alten Eliten" aus vorindustrieller Zeit gelang es, so das Deutungsmuster, durch eine Mischung aus integrativen und manipulativen Herrschaftstechniken ihre überkommene Herrenstellung gegen alle Modernisierungstendenzen zu verteidigen. Dieser Deutung folgend gelang es den "alten Eliten auch", das Bürgertum als Juniorpartner zu integrieren und so die vollständige Durchsetzung eine bürgerlich-demokratischen Gesellschaft nachhaltig zu behindern. Als Folge davon wurde eine Blockierung und Radikalisierung der Reichspolitik sowie eine Deformation der politischen Kultur des Kaiserreichs festgestellt, die nicht nur in den Ersten Weltkrieg und zum Untergang des Kaiserreichs geführt, sondern auch den Aufbau einer demokratischen Staats- und Gesellschaftsordnung nach 1918 nachhaltig behindert habe.

Quellentext

Hans-Ulrich Wehler, Einleitung zu "Das Deutsche Kaiserreich"

Eine Geschichte des Deutschen Kaiserreichs von 1871 kann heute meines Erachtens nicht mehr im Stil der herkömmlichen Ereigniserzählung geschrieben werden.

Denn wenn man weiter auf den Darstellungs- und Interpretationskonventionen der deutsche Geschichtsschreibung seit dem 19. Jahrhundert beharrt, wenn man sich fügsam innerhalb der dominierenden Zunfttradition mit ihrem verengten Begriff "der" Politik bewegt, wenn man die nur historisch erklärbaren Grenzzäune zwischen den historisch-sozialwissenschaftlichen Fächern respektiert – dann kann man schwerlich berechtigten Ansprüchen an ein neues Buch, in dem hundert Jahre nach der Reichsgründung eine kritische Bilanz zu ziehen versucht wird, gerecht werden. Richten sich diese Ansprüche doch darauf, daß Information mit Erklärung verbunden wird, daß die Entwicklungslinien in Wirtschaft und Gesellschaft verfolgt und auch von daher politische Entscheidungsprozesse transparent gemacht werden, daß nach den Bedingungen und den Folgen dieser Entwicklungen und Entscheidungen gefragt wird.

Da aber die überkommene historische Darstellung: der chronologische Bericht über die Ereignisgeschichte, nicht nur anfechtbar ist, sondern auch dem analytischen historischen Interesse unserer Zeit zuwiderläuft, wird man einen legitimen Weg aus diesem Dilemma heraus in der problemorientierten historischen Strukturanalyse der deutschen Gesellschaft und ihrer Politik in den fünfzig Jahren zwischen 1871 und 1918 erblicken dürfen.

Die Auswahl der Probleme und Strukturelemente, die dabei in den Mittelpunkt rücken, wird selbstverständlich durch erkenntnisleitende Interessen bestimmt. Auf einige ist hier vorab hinzuweisen. Sie sind
  1. mit dem Fundamentalproblem der modernen deutschen Geschichte seit den Revolutionen des ausgehenden 18. Jahrhunderts verknüpft, mit der Erklärung des verhängnisvollen Sonderwegs der Deutschen, vor allem seit dieser Zeit. Immer wieder wird es daher, ohne daß die westeuropäisch-nordamerikanische Entwicklungen mit ihren vergleichbaren Problemen zu positiv gezeichnet werden soll, um die Frage nach den eigentümlichen Belastungen der deutschen Geschichte gehen, nach den schweren Hemmnissen, die der Entwicklung zu einer Gesellschaft mündiger, verantwortlicher Staatsbürger entgegengestellt worden sind – oder sich ihr entgegengestellt haben –, nach dem zielstrebigen und nur zu erfolgreichen Widerstand erst gegen eine liberale, dann gegen eine demokratische Gesellschaft, einem Widerstand mit fatalen Folgen, sofort oder später. Ohne eine kritische Analyse der historischen Bürde, die namentlich im Kaiserreich immer schwerer geworden ist, läßt sich der Weg in die Katastrophe des deutschen Faschismus nicht erhellen. Und so wenig auch die neuere deutsche Geschichte ausschließlich unter diesem Gesichtspunkt von Aufstieg und Untergang des Nationalsozialismus beurteilt werden soll, so unausweichlich ist es doch, vorrangig von diesem Problem auszugehen. Nur ein Dutzend Jahre nach dem Ende des Kaiserreichs stand die "Machtergreifung" Hitlers bevor. Wir könnte man bei einem Erklärungsversuch ohne die historische Dimension und das heißt auch immer: die Geschichte des Kaiserreichs auskommen?
  2. Zum zweiten aber – und das hängt aufs engste mit der Problemwahl zusammen – wird hier die Geschichtswissenschaft als eine kritische Gesellschaftswissenschaft verstanden, die zwar den verschiedenen "Temporalstrukturen" (R. Koselleck) der Geschichte voll Rechnung trägt, aber vor allem auch bewußt zur Schärfung eines freieren, kritischen Gesellschaftsbewußtseins beitragen möchte. Anders gesagt: Hier wird sowohl nach dem Sinn gefragt, an dem historische Akteure im Erfahrungshorizont ihrer Zeit sich orientiert haben, als auch nach demjenigen Sinn, den historische Aktionen unter theoretischen Gesichtspunkten von heute annehmen können. Beiden Aufgaben muß sich der Historiker stellen, nicht nur der ersten, wie es einer Illusion des späten Historismus entsprach. Die emanzipatorische Aufgabe einer derart verstandenen Geschichtswissenschaft besteht dann darin, ideologiekritisch den Nebel mitgeschleppter Legenden zu durchstoßen und stereotype Mißverständnisse aufzulösen, die Folgen von getroffenen oder die sozialen Kosten von unterlassenen Entscheidungen scharf herauszuarbeiten und somit für unsere Lebenspraxis die Chancen rationaler Orientierung zu vermehren, sie in einen Horizont sorgfältig überprüfter historischer Erfahrungen einzubetten. In diesem Sinn wird sich das Wort von der "Historia Magistra Vitae" erneut bewähren können: für das Verhalten demokratischer Bürger in einem Gemeinwesen, zu dessen Geschichte noch immer spürbar auch das Kaiserreich gehört. Der Standpunkt, von dem aus bestimmte Probleme herausgegriffen und beurteilt werden, sollte mithin dem Leser nicht unklar bleiben, obwohl der vorläufig noch sehr allgemeine Umriß erst bei der Problemanalyse schärfere Konturen gewinnen kann. Von jener esoterischen Schule, die Geschichte "um ihrer selbst willen" betreibt, unterscheidet er sich ebenso wie vom gegenwärtigen Neohistorismus mit seiner verfeinerten Apologie des jeweiligen Status quo.
Es ist ein verbreiteter Irrtum, der zeitliche Abstand als solcher eröffne bereits automatisch die Perspektiven, die ein sicheres Urteil begünstigen. So wird zwar häufig eine pseudotheoretische Grundlage der Geschichtsschreibung beschrieben. Diese Rede von der zeitlichen Distanz verschleiert aber nur die Notwendigkeit historischer Theorie, ganz gleich, wie weit die zu interpretierende Vergangenheit zurückliegt. Das ist ein Tatbestand, über den sich die wissenschaftliche Zeitgeschichte, die Historische Soziologie und die Politikwissenschaft weniger Täuschungen leisten können. Global formuliert besteht das Koordinatensystem, in das die folgende Strukturanalyse eingespannt ist, aus drei miteinander verzahnten Komplexen:
  1. dem ungleichmäßigen, oft gestörten, seinem Säkulartrend nach aber anhaltenden industrie- und agrarwirtschaftlichen Wachstum;
  2. dem sozialen Wandel der Gesamtgesellschaft, ihrer Gruppen und Klassen – auch innerhalb dieser und im Verhältnis zueinander als Voraussetzung, Begleiterscheinung und Folge der ökonomischen Entwicklung;
  3. der Politik als Kampf um Machtchancen und als Resultat der gesellschaftlichen Kräftekonstellationen unter dem Primat der Systemerhaltung oder -veränderung. Auch die Wirksamkeit handlungsbestimmender Ideologien läßt sich innerhalb dieses Dreiecks hinreichend genau bestimmen, handle es sich nun um Antisemitismus und Sozialdarwinismus, Pangermanismus oder Anglophobie. Und ganz wie die Gegenwart aus der Vergangenheit, so kann auch oft die Vergangenheit mit Hilfe der Gegenwart, d. h. moderner sozialwissenschaftlicher Kategorien und Modelle (z.B. Rolle, Status, Bezugsgruppe, Persönlichkeitstyp) erklärt werden. Diese besitzen einen so hinreichend hohen Allgemeinheitsgrad auch für die Analyse von historischen Sozialstrukturen, daß der berechtigte Ruf nach zeitadäquater Begriffsbildung den heuristischen Nutzen dieser theoretischen Instrumente nicht zu entwerten vermag.
Damit ist noch nichts über die Priorität eines dieser Bereiche gesagt. Logisch zwingend kann auch vorab nicht darüber entschieden werden: Erst der "Aufstieg vom Abstrakten zum Konkreten"[1], vom theoretischen Orientierungsschema zur empirischen Analyse kann sowohl die unterschiedlichen Schwerpunkte, als aber auch den interdependenten Zusammenhang dieser Komplexe deutlich machen. Mit Absicht steht jedoch das politische Herrschaftssystem im Mittelpunkt. Nicht nur, weil das die erklärte Intention dieser Reihe ist. Hier greifen vielmehr die sozialökonomischen und politischen Entwicklungsprozesse besonders folgenreich für die Gesamtgesellschaft ineinander. Ein Zentralproblem bildet dabei in unserem Zusammenhang die Verteidigung tradierter Herrschaftspositionen durch vorindustrielle Eliten gegen den Ansturm neuer Kräfte – ein Defensivkampf, der mit der Erosion der ökonomischen Fundamente dieser privilegierten Führungsschichten nicht nur immer schroffer geworden ist, sondern langfristig dank der erzielten Erfolge immer gefährlichere Spannungen erzeugt und ein böses Erbe angesammelt hat.

Diesem Bündel von Leitperspektiven sind noch drei hinzuzufügen: die Frage nach dem Gründungs-Problem, nach der Kontinuität von 1871 bis 1945 und nach dem Gegenmodell als einem der Wertmaßstäbe, mit denen der Geschichtsverlauf beurteilt wird.
  1. Aus der Individual- und Sozialpsychologie, aber auch aus der Geschichte zeitgenössischer Entwicklungsländer ist die buchstäblich grundlegende Bedeutung der formativen Anfangsperioden in der Geschichte der Individuen und Gruppen bekannt. In dieser Phase werden oftmals die Weichen für die spätere Entwicklung gestellt, Verhaltensmuster eingeschliffen, Sozialideologien fest verankert. Diese Prägung erfahren auch gesellschaftliche Großgruppen wie Nationen, vor allem in Epochen der Revolution oder der staatlichen Neugründung, mithin auch das Deutsche Reich von 1871. "Über den Ländern bilden sich" dann, um es in der Metapher von Eugen Rosenstock-Huessy auszudrücken "geistige Klimata", die lange Zeit über ihnen "stehen bleiben". [2] Unverkennbar hat auch die Gründungsperiode des neuen deutschen Staates von 1866 bis 1879 diesen Charakter einer Inkubationsphase, in der über vieles entschieden, vieles festgemacht wurde, das dann lange gehalten hat. Auf den eigentümlichen Charakter der Konstellation der Reichsgründungszeit: die Überschneidung von Agrarrevolution, Industrieller Revolution und Staatsbildung wird sogleich im I. Kapitel eingegangen, und der mühsame, vielfach blockierte Weg in die moderne Industrielle Welt wird in den drei folgenden Kapiteln unter wechselnden Aspekten nachgeschritten werden. Jedoch muß dazu unverzüglich eine grundsätzliche Überlegung zu bedenken gegeben werden. Unstreitig ist, auch in universalgeschichtlicher Perspektive, die Industrialisierung eine der großen Bewegungskräfte der modernen Welt, aber es ist die Frage, ob nicht von (und in) der Agrargesellschaft langfristig wirksame Vorentscheidungen getroffen worden sind, die die Entwicklung der Industrialisierung fundamental, jedenfalls auf lange Zeit, mitbeeinflußt haben. Diese Auffassung ist unlängst allgemein in vergleichenden Studien von Barrington Moore, im Hinblick auf die reichsdeutsche Geschichte besonders von Hans Rosenberg pointiert vertreten worden. B. Moore, Soziale Ursprünge von Diktatur u. Demokratie, 2. Aufl. Frankfurt 1971: H. Rosenberg, Probleme der deutschen Sozialgeschichte, Frankfurt 1969; ders., Große Depression u. Bismarckzeit, Berlin 1967. Um es vorweg zu sagen: Es spricht in der Tat sehr viel dafür, daß gerade auch in Deutschland nach 1866/71 wichtige ökonomische, gesellschaftliche und politische Entscheidungen im Interesse der agrargesellschaftlichen Führungseliten gefällt worden sind, die dann aufs Nachhaltigste die Entfaltung der reichsdeutschen Industriegesellschaft mitbestimmt haben. Ja, ein Gutteil der auffälligen Diskrepanzen und "Verwerfungen" dieser Gesellschaft läßt sich eben darauf zurückführen. Als einer der Grundkonflikte des Kaiserreichs: der Status-quo-Verteidigung gegen die unaufhaltsame politische Mobilisierung von Bürgern eines Industriestaats wird diese Problematik mehrfach thematisiert werden. Es mag Friedrich Engels aufs Ganze gesehen mit seinem Urteil ja durchaus Recht haben, daß "alle Regierungen, seien sie noch so unabhängig, ...’en dernier lieu’ nur die Vollstrecker der ökonomischen Notwendigkeiten der nationalen Lage" sind. "Sie mögen diese Aufgabe in verschiedener Weise – gut, schlecht oder leidlich – besorgen; sie mögen die ökonomische Entwicklung und ihre politischen und juristischen Konsequenzen beschleunigen oder hemmen, aber schließlich müssen sie ihr folgen".[3] Nur wird man sich hüten müssen, unter ökonomisch allein industriewirtschaftlich zu verstehen, denn es kann eine Staatsleitung fraglos als "ökonomische Notwendigkeit" auch die Bedürfnisse einer niedergehenden Agrarwirtschaft verstehen – und politisch danach handeln, in dem sie bemerkenswert "a la longue" keineswegs dem Niedergang "folgt". Das gilt bis heute.
  2. Das Kontinuitätsproblem in der modernen deutschen Geschichte wird im Grunde erst wieder seit der Debatte über die Kriegszielpolitik im Ersten Weltkrieg ernsthaft diskutiert. Bis dahin war es konservativen Historikern gelungen, eine selbstkritische Diskussion zu ersticken – man denke nur an die Abwürgung der Militarismusdiskussion durch Gerhard Ritter oder an die ursprüngliche Reaktion auf Karl-Dietrich Brachers Sezierung des Weimarer Zerfalls –, um die, verglichen mit Weimar und Hitlers Deutschland, angeblich heile Welt vor 1914 zu verteidigen. Mit einer gewissen Kurzatmigkeit wurden auch von anderen Sozialwissenschaftlern die Hauptursachen für den Nationalsozialismus überwiegend in der Zeit nach 1918 gesucht. Nun steht es der Geschichtswissenschaft, der die historische Kontinuität zu Recht als Kernbegriff gilt, ohnehin schlecht an, diese Kategorie nurmehr mit tausend Vorbehalten anzuwenden oder statt ihrer die Diskontinuität zu kultivieren, obwohl es natürlich Brüche und neues Beginnen gibt. Welche Gründe auch immer für diese Scheu verantwortlich waren – meist handelte es sich doch um einen mehr oder weniger bewußten oder explizit gerechtfertigten Eskapismus, der die nationalsozialistische Politik als angeblich illegitimes Ergebnis der deutschen Geschichte verdrängen wollte, statt sie zuerst einmal als ein Resultat tief verwurzelter Kontinuitäten eben dieser Geschichte anzuerkennen. Die beliebte Formel von der allgemeinen Krise des Nationalstaates, der Demokratie, der Industriegesellschaft half hier, genau gesehen, auch nicht weiter, als den Vergleich mit weniger bedrohlichen Fehlentwicklungen in anderen Ländern zu einer beruhigenden Apologie zu mißbrauchen. Das Problem des deutschen Radikalfaschismus mit seiner Kriegspolitik im Inneren und nach außen ist unstreitig nicht ein allgemeines Problem okzidentaler Gesellschaften, "sondern zunächst eins der besonderen Bedingungen der deutschen Gesellschaft vor 1933".[4] Die Mehrzahl dieser Bedingungen, wenn auch nicht alle wichtigen, ist im Kaiserreich zu finden oder als Ergebnis seiner Politik aufzufassen. Man wird es ja verstehen können, daß einer älteren Generation das kleindeutsche Großpreußen von 1871 als Erfüllung nationaler Wünsche galt; daß nach 1918 für viele ein kritisches Urteil so bald schwer möglich war; daß auch ein starkes psychisches Bedürfnis nach 1945 bestand, die Epoche der kaiserlichen Reichseinheit zu idealisieren und von der "Verfallsgeschichte" seit 1918, zumindest des "Dritten Reiches" scharf abzuheben. Die Folgen dieser Haltungen sind jedoch nachweisbar unheilvoll gewesen. Heute tritt in einem kritischen Rückblick die Kontinuität von 1871 bis 1945 – auf einigen Gebieten auch noch darüber hinaus – klar hervor; einzelne Entwicklungsstränge dieser Kontinuität, vor allem die eigentlichen "Krisenherde"[5], werden im folgenden näher analysiert werden.

    Unverkennbar jedoch hingen – und hängen – die Bedenken gegenüber dieser Kontinuitäts-diskussion auch mit der Theoriefeindschaft und Theoriearmut der deutschen Historiographie zusammen. Ohne die Ausnutzung von Theorien benachbarter Sozialwissenschaften läßt sich aber weder die politische Ereignisgeschichte, noch ein zu wenig reflektierter historischer Verstehens-begriff positiv überwinden. Die traditionale Haltung der politisch meist konservativ oder nationalliberal eingestellten deutschen Historiker verdichtete sich nach 1871 zu einer Kollektivmentalität, die mit Hilfe effektiver Zulassungs- und Verteidigungs-mechanismen Andersmeinende aus der "Zunft" fernhielt und ihnen dann ein "wissenschaftliches" Geschichtsbild absprach; ihre wissenschaftstheoretisch konservative Haltung, die auf sozialkonservativem Nährboden ohnehin bevorzugt gedeiht, verhinderte andererseits die Rezeption neuer Forschungsansätze. Diese beiden sich gegenseitig verstärkenden Prozesse haben jedenfalls das Resultat gehabt, jahrzehntelang eine kritische Analyse deutscher Kontinuitätsprobleme zu blockieren. Nur beiläufig sei erwähnt, daß sie auch die völlige Wehrlosigkeit der Universitätshistoriker gegenüber dem Nationalsozialismus und ihre fast reibungslose Anpassung mit herbeigeführt haben. Vor 1914 war hier angelegt, was zwischen 1933 und 1945 unübersehbar deutlich wurde.[6]
  3. Der kritischen Bewertung des realhistorischen Verlaufs der deutschen Geschichte liegt die Auffassung zugrunde, daß zu der fortschreitenden ökonomischen Modernisierung der deutschen Gesellschaft eine Modernisierung der Sozialverhältnisse und Politik gehört hätte. Der Industrialisierung mit ihrer permanenten technologischen Revolution, institutionellen Umformung und sozialen Veränderung hätte eine Entwicklung in Richtung auf eine Gesellschaft rechtlich freier und politisch verantwortlicher, mündiger Staatsbürger mit Repräsentativkörperschaften entsprochen, von deren Vertretern die Verantwortung für die Politik zu tragen war. Alle Parlamentarisierungs- und Demokratisierungsfragen vor 1918 hingen hiermit zusammen. Die eigentliche Aufgabe der deutschen Politik nach dem Durchbruch der Industriellen Revolution zwischen 1850 und 1873 bestand mithin darin, Deutschland "bewußt und endgültig auf die Bahn der modernen Entwicklung zu leiten, seine politischen Zustände seinen industriellen Zuständen anzupassen" (F. Engels). Das hat aber von den "beiden stärksten politischen Köpfen Deutschlands" seit 1870 allein Engels bejaht, Bismarck dagegen mit schlimmen Ergebnissen nur zu wirksam bekämpft.[7] Dabei sollte Industrialisierung nicht im Sinne einer ökonomistisch-technokratischen Auffassung als autonomer, allein das Entwicklungstempo bestimmender Faktor verstanden, sondern in den sozio-politischen Kontext eingebettet werden. Demokratisierung gilt daher auch nicht als nahezu automatisches, nur mit einem gewissen "Lag" nachfolgendes Ergebnis der Industrialisierung, sondern sie muß von gesellschaftlichen Kräften erkämpft werden, da sie am ehesten eine der sozialökonomischen Entwicklung und den politischen Ideen der Moderne adäquate Verfassung darstellt.
Diese notwendige Synchronisierung von sozialökonomischer und politischer Entwicklung ist im Kaiserreich bis zuletzt vereitelt worden. Ob sie freilich im Kräftefeld der Zeit überhaupt zu realisieren war, wird noch eingehender zu prüfen sein. Vielleicht liegt hierin: im realen Stärkeverhältnis der gesellschaftlichen Antagonisten das eigentliche Dilemma der deutschen Politik. Eine partielle Modernisierung unter konservativer Ägide ist auch im Gehäuse des Kaiserreichs möglich gewesen, jedoch um den Preis ungeheurer Disparitäten in der Sozial- und Machtstruktur, mit Konsequenzen bis 1945. Gerade eine ökonomisch erfolgreiche Modernisierung ohne die Ausbildung einer freiheitlichen Sozial- und Staatsverfassung wirft aber auf die Dauer Probleme auf, die auf dem Wege friedlicher Evolution kaum mehr gelöst werden können. Daran, und nicht nur an dem verlorenen Weltkrieg, den seine Führung auf der Flucht vor innerer Veränderung bewusst riskiert hat, ist das Kaiserreich zerbrochen. Kriegsauslösung, Niederlage und Revolution, die sein Ende besiegelt haben, resultieren aus der Unfähigkeit, im Frieden die Staats- und Gesellschaftsstruktur den Bedingungen eines modernen Industriestaates anzupassen.

Aus: Hans-Ulrich Wehler, Das Deutsche Kaiserreich 1871–1918, Göttingen 1980, S. 11–18

Fußnoten
  1. K. Marx, Einleitung zur Kritik der Politischen Ökonomie (1857). MEW 13, 1961, 632. – Belegt werden im allgemeinen nur Zitate. Die Bibliographie im Anhang V. 3 gibt in der Reihenfolge der numerierten Abschnitte einen knappen Überblick über die wichtigste Literatur.
  2. E. Rosenstock-Huessy, Die europäischen Revolutionen u. der Charakter der Nationen, 3. Aufl. Stuttgart 1962, 526.
  3. E. Engels an Danielson, 18.6.1892, MEW 38, 1968, 365.
  4. R. Dahrendorf, Demokratie u. Sozialstruktur in Deutschland, in: ders., Gesellschaft u. Freiheit, München 1961, 262.
  5. Vgl. dazu H.-U. Wehler, Krisenherde des Kaiserreichs 1871–1918, Göttingen 1970, 12 f.
  6. K. F. Werner, NS-Geschichtsbild u. Geschichtswissenschaft, Stuttgart 1967, 97.
  7. F. Engels, 1887/88, MEW 21, 1962, 454; A. Rosenberg, Entstehung u. Geschichte der Weimarer Republik, 13. Aufl. Frankfurt 1971, 95.


Kritiken, Gegenentwürfe, Erweiterungen



Dieses Deutungsmuster war wissenschaftlich höchst fruchtbar, es rief aber von Anfang auch scharfe Kritik von sehr unterschiedlicher Seite hervor. Als Wortführer der eher konservativ-liberalen Kritiker räumte Thomas Nipperdey zwar ein, dass das Kaiserreich auch zur Vorgeschichte des Nationalsozialismus gehöre. Seine Beurteilung aus der Perspektive des Jahres 1933 indes sei hochgradig verkürzt und stelle deshalb eine Verzeichnung seiner Orientierungen, Bedingungen und Entwicklungsmöglichkeiten dar. Insgesamt sei das Kaiserreich ein normaler europäischer Nationalstaat mit einer offenen Zukunft gewesen, in dem nur gewisse "Schattenlinien" die Möglichkeit zukünftiger Entartungen vorgezeichnet hätten. In teilweise ähnlicher, letztlich aber doch ganz anderer Weise konturierte die marxistisch inspirierte Kritik von Geoff Eley und David Blackbourn das Bild des Kaiserreichs. Diese linksorientierten angelsächsischen Historiker lehnten nicht nur die Idealisierung eines "westlichen Normalwegs" in die Moderne vehement ab. Ihnen ging es vielmehr in erster Linie darum, das Kaiserreich als eine spezifische Form bürgerlicher Klassenherrschaft zu interpretieren, die auf eine Demokratisierung von Staat und Gesellschaft durchaus verzichten konnte. Das Bürgertum habe sich, so die Hauptthese, im Kaiserreich nicht den alten, vorindustriellen Herrschaftseliten unterworfen, sondern sein originäres, nicht zuletzt gegen die Arbeiterbewegung gerichtetes Klasseninteresse gerade durch den Obrigkeitsstaat und seine imperialistische Machtentfaltung auf angemessene Weise zum Ausdruck gebracht.

Quellentext

Thomas Nipperdey, Schlußbemerkungen zu Deutsche Geschichte 1866-1918

(…) Im Vergleich, zumal mit Westeuropa, war die Nationalstaats-, die Nationsbildung der Deutschen spät, "verspätet", wie die berühmte Formel von Helmuth Plessner heißt. Auch wenn man nicht an eine Normal-Uhr und einen Normal-Fahrplan der Weltgeschichte glaubt, im Vergleich zu ihren westlichen Nachbarn konnten und mußten sich die Deutschen als Spätkommer fühlen.

Und dieses Spätkommen stellt historisch eine besondere Problematik dar. Das Gemisch von Kontinuitäten und Diskontinuitäten, das wir gerade angesprochen haben, war im Falle der Deutschen, ihrer Nation und ihres Nationalstaats, wohl komplizierter und spannungsvoller als in der "normalen" historischen Realität.

Dazu kam die Häufung, die Gleichzeitigkeit von Problemen – Staats- und Nationsbildung, Liberalisierung und gar Demokratisierung der Verfassung, Bewältigung der sozialen Probleme der Klassengesellschaft -, die in älteren (vielleicht "glücklicheren") Gesellschaften nacheinander zur Lösung angestanden hatten, kam das verdichtete Tempo der Modernisierung, ihrer Schübe wie ihrer Verluste. Das Spät-Sein war eine Belastung, denn indem mehrere Probleme gleichzeitig auf die Tagesordnung rückten, zerfiel die Gesellschaft über die möglichen Lösungen in jeweils verschiedene Lager, die sich verstärkten und überkreuzten, die Nation und ihr Staat wiesen deshalb mehr Sprünge und Risse auf als vergleichbare historische Gebilde. Aber diese Problematik kann nicht die Tatsache in Zweifel rücken, daß die Nation von 1871 und ihr Reich jedenfalls ein nicht weiter verwunderliches Ergebnis der deutschen Geschichte des 19. Jahrhunderts gewesen sind, das nicht aus der Kontinuität dieser Geschichte herausfällt, auch wenn es eine qualitativ neue Dimension besaß.

Schwieriger ist es mit dem, was damals Zukunft war. Die deutsche Geschichte in der Zeit des Kaiserreichs ist nicht nur eine Nach-Geschichte, sondern auch eine Vor-Geschichte. Und da drängt sich prominent das Jahr 1933 nach vorn und alles, wofür es historisch und symbolisch steht. Sind im Kaiserreich nicht Grundlagen, gar die Grundlagen für das Scheitern der Weimarer Republik, ja für den Aufstieg des Nationalsozialismus und für seine Machtergreifung gelegt worden? Ist nicht der zweite Weltkrieg eine Neuauflage des deutschen Kampfes um Weltmacht und Hegemonie? Hitler, mit seinen monströsen Verbrechen das Verhängnis unseres Jahrhunderts, unserer Welt, hat in Deutschland seinen Aufstieg vollzogen, unter deutschen Bedingungen und Vorgegebenheiten, nicht anderswo. Ist Hitler nicht das unüberspringbare Faktum, von dem all unser historischer Rückblick auf die jüngere deutsche Geschichte ausgehen muß? Ist das nicht das Erbe aus der Zeit des Kaiserreichs, gemischt aus Schuld und Verhängnis, Erbe seiner "Schattenlinien"? Muß das nicht unsere Perspektive bestimmen? Diese Perspektive ist legitim, sie ist fruchtbar, ja sie ist notwendig. Wer sich ihr entziehen wollte, verfiele der einsichtslosen Apologie der Vergangenheit. Aber wo diese Perspektive allein gelten will, ist sie auch ganz und gar einseitig, in die Irre führend. (…) Ein Stück Geschichte ist immer – auch – ein Stück Vorgeschichte von etwas anderem; aber es gibt vieles, wovon es Vorgeschichte ist. Was unter der Perspektive von 1933 gewiß Vorgeschichte ist, ist Vorgeschichte auch von vielem anderen, es hat viele Nachgeschichten. Das Kaiserreich ist auch Vorgeschichte von Weimar, ja auch von unserer Nachkriegswelt, denkt man an die Modernisierungsschübe in Lebensstilen und Kultur oder an Sozialverfassung und Interventionsstaat. Die vom Kaiserreich geprägten Menschen blieben nach dessen Untergang Anti-Republikaner, oder sie wurden Republikaner, Nationalsozialisten, Kommunisten, Emigranten, Leute des Widerstands – sie konnten an viele und eben sehr unterschiedliche Traditionen und Gegnerschaften anknüpfen. Jede geschichtliche Zeit, das ist allgemeine Konsequenz aus diesen Beobachtungen, steht in einem Netzwerk von Vorgeschichten, dadurch relativieren sich die einzelnen Vorgeschichten gegenseitig. Mit wachsendem Abstand erst recht gibt es keine Priorität. Man muß lernen, mit der Vielfalt von Kontinuitäten und Diskontinuitäten zu leben, wenn man den Ort des Kaiserreichs in der deutschen Geschichte bestimmen will.

Dazu kommt aber ein weiteres … Eine geschichtliche Zeit wie die des Kaiserreichs ist mehr als ein Ensemble von Vorgeschichten. Sie ist sie selbst. (…) Das Kaiserreich ist mittelbar zu Hitler, zu Weimar, zum Nachkriegsdeutschland, auch zur Westkultur des späten 20. Jahrhunderts, aber unmittelbar ist das Kaiserreich es selbst. Um das sichtbar zu machen, muß man jene Vorgeschichtsperspektiven hinter sich lassen. Deshalb auch geht es nicht darum, mit den Urgroßeltern vor dem Ersten Weltkrieg kritisch und besserwisserisch zu rechten, sondern darum, ihnen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. (…)

Wenn wir davon ausgehen, kann man in dem Geflecht der Kontinuitäten Begriffe zu verwenden suchen, die möglichst viele dieser Kontinuitäten sichtbar machen und verbinden. (…) Industrialisierung, Entstehung der modernen Klassengesellschaft, Urbanisierung und Verstädterung, Bürokratisierung, Heraufziehen des modernen Interventions- und Wohlfahrtsstaates, Rationalisierung und Säkularisierung, Ausdehnung der Partizipation der Massen – manches mehr könnte man hinzufügen. Viele dieser Prozesse kulminieren im Kaiserreich, das als Epoche ebenso den Höhepunkt der Wanderungsmobilität erlebt wie den Durchbruch eines neuen generativen Verhaltens, das dauerhafte Eindringen der Massen in die Politik, den entscheidenden Umbruch von der agrarisch zur industriell geprägten Wirtschaft wie den Übergang von der ländlichen zur städtischen Gesellschaft.

Es ist kein Zufall, daß wir immer wieder zur Beschreibung dieser Phänomene den Begriff der "Revolution" benutzt und von einer "Demographischen Revolution" oder einer "Leserevolution" gesprochen haben: Das Kaiserreich ist in vielem eine Zeit dramatischer Beschleunigung des historischen Wandels – Quantität, kann man sagen, schlägt hier um in eine neue Qualität. Daß die genannten Prozesse sich nicht nur in den kalten Zahlen von Statistiken widerspiegeln, sondern auch in den Wahrnehmung der Menschen, die diese Zeit durchschritten haben, ist wichtig, um zu verstehen, warum wir dann von den "Modernitätsverlusten" und dem "Modernitätsleiden" dieser "Übergangsmenschen" gesprochen haben. Der beschleunigte Wandel hat viele Menschen in ihrer Identität erschüttert und sie in ihren Gewißheiten verunsichert – er hat sie nicht nur von ihren gesellschaftlichen Wurzeln entfremdet, sondern auch überkommene Weltbilder, traditionelle Wertevorstellung und bislang selbstverständliche Verhaltensmuster ins Wanken gebracht. Die Reaktionen hierauf waren vielfältig: Anti-Modernisierungsaffekte, bewußtes Festhalten an den angefochtenen Traditionsbeständen, Statusunsicherheit, aber auch radikales Abstoßen des Bisherigen, freiwerdende Kreativität in den Künsten und Suche nach neuen Sinnstiftungen – man denke nur an die Lebensreform oder an die modernen Ersatzreligionen des Nationalismus und Sozialismus. Was wir beobachten, ist die Diskrepanz zwischen dem ökonomischen und auch sozialen Wandel auf der einen und dem Wandel der Mentalitäten und Einstellungen auf der anderen Seite. Dafür steht seit Ernst Bloch das Diktum von der Ungleichzeitigkeit des Gleichzeitigen.

Schließlich, auf ein solcherart reibungsvolles Aufeinandertreffen verschiedener Entwicklungstempos stoßen wir auch, wenn wir unseren Blick auf den Bereich der Politik richten. Wir haben oben bereits das zähe Fortleben der Traditionen von Obrigkeitsstaat, Militärmonarchie, bürokratischer Herrschaft und Dominanz der alten Eliten erwähnt. Das waren Barrieren gegen die Modernisierung auch des politischen Systems, sie erzeugten Spannungen im gesellschaftlichen Gefüge, hier also taucht neuerlich das Problem des komplizierten Gemischs von Kontinuitäten und Diskontinuitäten auf. Der historische Ort des Kaiserreichs läßt sich, alles in allem, als aufhaltsame, gebremste und widersprüchliche Modernisierung, als Zwiespalt der Modernität bestimmen. Die Moderne unseres, des 20. Jahrhunderts aber, so fassen wir nochmals zusammen, ist mehr als das, was es immer schon gegeben hat, das jeweils Neue gegenüber einem vergangenen Alten, sie hat eine eigene weltgeschichtliche Qualität. Der Umbruch zu dieser spezifischen Modernität ist es, der durch alle Vorgeschichten und Kontinuitäten hindurch den Ort des Kaiserreichs bestimmt.

In diesem Zusammenhang müssen wir das Sonderproblem erwähnen, das der Erste Weltkrieg für die Periodisierung unseres Abschnitts deutscher Geschichte darstellt. Ich habe lange geschwankt, ob man unsere Geschichte 1914 oder 1918 beenden solle. Für beides gibt es gute Gründe. 1914 ist eine Welt zu Ende, ja das 19. Jahrhundert, 1914 beginnt ein neues Zeitalter, das Zeitalter der Weltkriege; Gründe für das Scheitern von Weimar und für den Aufsteig Hitlers sind in diesem Krieg neu entstanden. Aber genauso wahr ist, daß das Kaiserreich erst 1918 zu Ende geht, daß sich im Ersten Weltkrieg all seine Probleme noch einmal verdichten. Wie immer, das von uns gesetzte Ende gibt natürlich eine Perspektive auf das Ganze unserer Geschichte. Aber hier gilt nun dasselbe, was wir eben über Vorgeschichte und über Geschichte "unmittelbar zu Gott" gesagt haben. Die Geschichte des Bismarck- und des wilhelminischen Reiches ist Vorgeschichte des Weltkriegs, der nationalen Gemeinsamkeit vom August 1914 und des Zusammenbruchs vom November 1918 wie der Neugründung des Reiches als Republik. Das Ende gehört dazu – nicht weil wir es so sehen wollen, sondern objektiv. Und zugleich ist die Geschichte dieses Reiches auch eine Geschichte unabhängig vom faktischen Ende, ohne die zwingende Notwendigkeit dessen, was faktisch geschah; mit offenen, möglichen, alternativen Enden. Der Weltkrieg war von der Zeit des Kaiserreichs her weder ein Zufall noch eine Notwendigkeit, er war eine tragische Möglichkeit, aus Schuld und Verhängnis geknüpft, und er war mehr ein europäischen Ereignis als ein deutsches. Das Kaiserreich steht im Schatten von Krieg und Untergang und, indem wir das kunstvoll ausblenden, im Licht seiner eigenen Existenz. Diese schwierige Doppelperspektive durchzuhalten ist die Aufgabe des Historikers wie des Lesers und ist auch ihr Vergnügen.

Thomas Nipperdey, Schlußbemerkungen zu Deutsche Geschichte 1866-1918, Bd. 2: Machtstaat vor der Demokratie, S. 877-905, hier S. 879-82


Quellentext

Geoff Eley, Deutscher Sonderweg und englisches Vorbild

Am Schluß möchte ich noch einmal programmatisch die wesentlichen Punkte dieses Aufsatzes formulieren. Erstens hat es in Deutschland trotz allem im 19. Jahrhundert eine erfolgreiche bürgerliche Revolution gegeben.

Sie hatte nicht die Form einer regelrechten Schlacht zwischen Aristokratie und Bourgeoisie, in deren Verlauf dann letztere die Macht im Staat von der traditionellen Monarchie übernommen und sie durch eine parlamentarische Demokratie ersetzt hätte. Aber schließlich hatte diese Revolution sich auch sonstwo in Europa nicht in dieser Form abgespielt, sicherlich nicht in England im 17. Jahrhundert, und genausowenig in Frankreich 1789. Diese Auffassung von der bürgerlichen Revolution, derzufolge die aufständische Bourgeoisie triumphierend ihre Klasseninteressen in einem Programm der heroischen liberalen Demokratie verwirklicht, ist ein Mythos. Aber wenn wir unter der bürgerlichen Revolution einen weiter gefaßten Komplex von Veränderungen verstehen – statt einen eng begrenzten besonders verlaufenden politischen Prozeß demokratischer Reformen –, die zusammengenommen die Existenzbedingungen für die Entwicklung eines Industriekapitalismus darstellen, dann gibt es gute Gründe dafür, den Verlauf der "Revolution von oben" zwischen den sechziger und den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts als die deutsche Variante der bürgerlichen Revolution zu betrachten, so daß wir uns mehr auf die tatsächliche oder objektive Abfolge von Ereignissen als auf die Ursprünge und Motivationen konzentrieren können.

Zweitens ist es deshalb irrig, die Bourgeoisie im Kaiserreich als politisch schwach oder unreif anzusehen oder zu behaupten, ihr sei es aus irgendwelchen mysteriösen Gründen mißlungen, ihr kollektives Klasseninteresse wahrzunehmen. In jedem Fall ist es von der Theorie her absurd und auch von den empirischen Daten her unmöglich, die Bourgeoisie in dieser Weise als intersubjektive Einheit zu betrachten, denn in der Politik (wenn auch nicht in der Wirtschaft oder in der Gesellschaft) kann es nur verschiedene Richtungen innerhalb der Bourgeoisie geben, die in unterschiedlichen Situationen ein höheres oder geringeres Maß an Übereinstimmung erreichen können. Genauer: dieser Sachverhalt verstellt die Einsicht in die Tatsache, daß die bürgerlichen Interessen auch auf andere Weise denn mit liberalen politischen Mitteln verfolgt und auch sichergestellt werden können. Mit anderen Worten, es ist notwendig, endlich einzusehen, daß der damalige Staat mit der adäquaten Verwirklichung legitimer bürgerlicher Interessen tatsächlich vereinbar war. Das Kaiserreich war nicht ein unwiderruflich rückständiger oder archaischer Staat, der auf Dauer von "vorindustriellen", "traditionellen" oder "aristokratischen" Interessen und Werten beherrscht wurde, sondern es wurde zwischen 1862 und 1879 gewaltsam geschaffen aus der primären Notwendigkeit heraus, für die aufstrebenden bürgerlich-kapitalistischen Interessen günstige Bedingungen herzustellen.

Drittens, und dies ergibt sich aus dem eben Gesagten, müssen wir die Ursprünge und die Bedeutung der ganz offensichtlich "autoritären" Strukturen des Zweiten Reiches (d. h. die Begrenztheit seiner parlamentarisch-demokratischen Entwicklung) anders bewerten. Wir haben es hier nicht mit den unvermeidlichen Folgen eines eisernen Determinismus von "vorindustriellen Kontinuitäten" zu tun, sondern mit einer spezifischen Überdetermination der Kräfte innerhalb der deutschen gesellschaftlichen Formation, als sie in ihre vom Kapitalismus beherrschte Phase eintrat – vor allem mit der gleichzeitigen Existenz bedeutender aristokratischer Enklaven innerhalb der staatlichen Struktur und einer mächtigen sozialistischen Arbeiterbewegung innerhalb der deutschen Gesellschaft und schließlich mit bedeutenden Widersprüchen zwischen den verschiedenen Fraktionen der Bourgeoisie. Mit anderen Worten, wenn man das Problem behandelt, warum es in Deutschland nicht gelang, einen stärkeren Anstoß in Richtung auf eine erfolgreiche "Parlamentarisierung" vor 1914 hervorzubringen, muß man sich wirklich im klaren darüber sein, welche Art von Frage man damit stellt, denn im Augenblick werden zwei ganz unterschiedliche Probleme miteinander verquickt. Das eine lautet: Unter welchen Bedingungen konnte eine bürgerlich-kapitalistische Gesellschaft sich erfolgreich reproduzieren, d. h., was waren die gesetzlichen, politischen und ideologischen Grundlagen für einen erfolgreichen deutschen Kapitalismus? Und das zweite lautet: Wie konnte ein liberales politisches System geschaffen werden? Das ist nicht dasselbe.

Es herrscht Einhelligkeit darüber, daß die Praktiken der mächtigsten Fraktionen des deutschen Kapitals (nämlich die im CVDI vertretenen) extrem reaktionär gewesen sind, gemessen an allen Standards einer reifen sozialen Demokratie oder eines funktionierenden korporativen Staates. Aber hier sollten wir sicherlich innehalten, um der Frage nachzugehen, ob diese Praktiken tatsächlich mit den Erfordernissen und Interessen der kapitalistischen Reproduktion in Widerspruch standen. Um es positiver zu formulieren: wir sollten auch bedenken, ob solche Praktiken nicht eher auf besondere Verhältnisse in der Industrie als auf den vermeintlichen Einfluß "vorindustrieller" Ideologien und ihrer aristokratischen Vertreter zurückgehen. Das soll natürlich nicht heißen, daß die Macht des Großkapitals automatisch und direkt eine liberal-demokratische Staatsform ausschloß (so die orthodoxe marxistisch-leninistische Auffassung). Aber es soll heißen, daß wir gründlicher darüber nachdenken müssen, wie letztere vor 1914 hätte geschaffen werden können und wessen Interessen sie garantiert hätte. Keinesfalls können wir eine "natürliche" oder "logische" Verbindung zwischen einer kapitalistischen Gesellschaft und einer liberalen demokratischen Politik ansetzen. Wenn man erst einmal beginnt, diese Dinge zu konzedieren, dann wird das gesamte Vokabular der deutschen Geschichtsschreibung – nämlich das der "Fehlentwicklung" und der "Diskrepanz" zwischen ökonomischer Entwicklung und politischer Rückständigkeit – überflüssig.

Schließlich – und das ist der vierte Punkt – zwingen uns die obigen Argumente, die etablierten Auffassungen von der Kontinuität in der deutschen Geschichte neu zu überdenken. Denn neuere Arbeiten tendieren dazu, eine übertriebene lineare Kontinuität zwischen dem 19. Jahrhundert und den dreißiger Jahren anzunehmen, um den Nationalsozialismus fester in der deutschen Vergangenheit zu verankern. Man glaubt, diese Linearität bestünde im Überleben von "autoritären und antidemokratischen Strukturen in Staat und Gesellschaft" (Bracher), verbunden mit dem Fortbestand einer "vorindustriellen Machtelite" und der chronischen Unfähigkeit der Bourgeoisie, sie von ihrer traditionellen Herrschaftsposition zu verdrängen. Diese "vorindustriellen Kontinuitäten" hätten jeden Fortschritt in Richtung auf eine parlamentarische Reform der preußisch-deutschen Verfassung verhindert und dann als eine Reihe von schweren strukturellen Handikaps für die Lebensfähigkeit der Weimarer Republik weiter bestanden, die der Machtergreifung der Nazis entschieden Vorschub geleistet hätten. Doch diese Auffassung leugnet die spezifische Autonomie des Kaiserreichs, die zu einer Art Zwischenstadium zwischen einem autoritären "preußischen" Ursprung und dem Ergebnis des Nazismus degradiert wird. Insbesondere verhüllt sie die spezifische Wirksamkeit jener Veränderungen, die durch interne Entwicklungen der politischen Konjunktur unter Bismarck und Wilhelm ausgelöst wurden. Obwohl neuere Arbeiten zugestehen, daß es Veränderungen gab, erblicken sie diese nur innerhalb einer rigiden Struktur der Politik, die schon durch die sechziger und siebziger Jahre des 19. Jahrhunderts und selbst durch die "Mißerfolge" von 1848 geprägt ist. Die grundsätzliche Ausprägung der autoritären Staatsmacht habe sich nicht geändert. Alles, was sich geändert habe, seien die Formen der manipulativen Techniken gewesen, die man zur Unterwerfung der Massen brauchte. Die Methoden, durch die die "herrschenden Schichten" den "Status quo" aufrechterhielten, seien einfach auf den neuesten Stand gebracht worden, während die ihnen zugrunde liegenden Herrschaftsverhältnisse dieselben geblieben wären.

Wenn eine einzelne These dieses Aufsatzes besonders deutlich hervortritt, dann die Betonung der Tatsache, daß das Kaiserreich aufgrund seiner eigenen Bedingungen betrachtet werden sollte: nicht als Arena des Zusammenspiels "vorindustrieller Kontinuitäten", auch nicht als bloßer Auftakt zur späteren Weimarer Zeit und den dreißiger Jahren, eingezwängt zwischen einer vertrauten Vergangenheit und einer bekannten Zukunft, sondern im Gegenteil als eine wichtige Gründerzeit mit eigener Signatur. Die besondere Struktur des kaiserlichen Staates und seine Probleme am Vorabend des Ersten Welkrieges – die Uneinigkeit der Machtblöcke und das auf lange Sicht verschlechterte Potential für eine Hegemonie – rührte nicht von einem besonderen Erbe politischer "Rückständigkeit" her (und daher von einer "anomalen" Bedingung, die durch "Modernisierung" hätte überwunden werden "müssen"), sondern von einer Anhäufung konjunktureller Widersprüche: daß die rasche Expansion und Konzentration des Kapitals in einer Gesellschaft erfolgte, in der die Aristokratie auf der staatlichen Ebene noch bedeutende Positionen einnahm; daß die frühzeitige Organisation der Arbeiterklasse in einer sozialdemokratischen Partei eine Umstrukturierung des Machtblocks gegen die aristokratische Fraktion der Großgrundbesitzer verhinderte; und daß die Bedingungen der beschleunigten kapitalistischen Transformation und des sozialen Wandels an die bestehenden Parteistrukturen Anforderungen stellten, die diese nicht immer erfüllen konnten.

Wenn wir die idealistische Auffassung linearer Kontinuitäten und die ihr zugrunde liegende teleologische Konzeption aufgeben, die die deutsche Geschichte des 19. und des 20. Jahrhunderts auf das wohlbekannte Schlußergebnis von 1933 reduzieren, können wir den dichten Schleier der Auswegslosigkeit, der über der deutschen Vergangenheit liegt, eher lüften. Insbesondere heißt das, die plausible Rationalität einer nichtliberalen oder autoritären Form von Politik für die Artikulation spezifisch bürgerlicher Klasseninteressen in der Zeit vor 1914 anzuerkennen – d. h. ihre konstruktive Relevanz oder Eignung für die Verwirklichung dieser Interessen. Daraus ergeben sich eine Reihe von Schlußfolgerungen. Ganz wichtig ist, daß es jene besonderen Formen des Antagonismus von Kapital und Arbeit waren – also die Fähigkeit der großen Konzerne, den Gewerkschaften Widerstand entgegenzusetzen, und ihre gleichzeitige Schwäche auf der politischen Bühne, wie sie sich in den Wahlergebnissen spiegelt –, die beträchtliche Teile der Bourgeoisie zu einer rechtsgerichteten Bündnispolitik mit den Großgrundbesitzern veranlaßte; eher handelt es sich hier um eine besondere Kombination von politischen Zwängen als ein besonderes Verhaltensmuster "staatsbürgerlicher Unmündigkeit". Darüber hinaus muß der Ursprung dieser Zwänge primär in der Epoche des Kaiserreichs selbst gesucht werden, er liegt also eher in den spezifischen Zügen der Politik Bismarcks und seiner Nachfolger als im unheilvollen Einfluß einer "vorindustriellen Elite" und deren autoritären Traditionen. Schließlich beinhaltete die Entscheidung der führenden Fraktionen der deutschen Bourgeoisie für eine Politik der Anpassung an die Großgrundbesitzerklasse und deren privilegierten Zugang zum preußischen Staat sicherlich nicht die Aufgabe der politischen Ambitionen der Bourgeoisie. Sie bedeutete allerdings, daß solche Ambitionen auf ganz andere Weise als in England oder Frankreich artikuliert wurden. Diese drei Punkte – die neue Struktur der Politik, die von der kapitalistischen Produktionsform bestimmt wurde, die spezifischen Merkmale des Kaiserreichs und der wilhelminischen Ära im besonderen und die besonderen Formen, die die Herrschaft der Bourgeoisie in Deutschland annahm – stellten die nichtsozialistischen Parteien vor 1914 vor immer neue Aufgaben. Daher meine ich, daß sich die Diskussion in Zukunft auf diese Probleme konzentrieren sollte. Sie versprechen eine nützlichere Perspektive auf die jüngste deutsche Vergangenheit als der Primat "vorindustrieller Traditionen".

Geoff Eley, Deutscher Sonderweg und englisches Vorbild Aus: David Blackbourn/ Geoff Eley: Mythen deutscher Geschichtsschreibung. Die gescheiterte bürgerliche Revolution von 1848, Frankfurt a.M. u.a. 1980, S. 54–58 (ohne Anmerkungen)


Die weiteren Diskussionen und Forschungen zum Kaiserreich haben sich vor allem auf die Rolle des Bürgertums konzentriert. Dabei wurde deutlich, dass das deutsche Bürgertum vor allem im kulturellen, aber auch im gesellschaftlichen Bereich tatsächlich eine enorme Gestaltungskraft entwickeln konnte, während seinem politischen Einfluss doch deutliche Grenzen gesetzt blieben. Weitere sozial- und kulturgeschichtliche Forschungen haben ferner die enorme Modernisierungsdynamik der Gesellschaft um die Jahrhundertwende aufgezeigt, die das wilhelminische Kaiserreich in mancher Hinsicht näher an die Weimarer Moderne heranrückt als an seine Gründerjahre. Schließlich ist in den letzten Jahren immer stärker in den Fokus der Geschichtswissenschaft getreten, wie sehr das Kaiserreich in eine umfassende Globalisierung eingebunden war, an ihr teilhatte und von ihr geprägt wurde. Dabei geht es keineswegs allein um die seit den 1880er Jahren betriebene Kolonialpolitik und den imperialistischen Anspruch auf einen "Platz an der Sonne", sondern um vielfältige ökonomische, soziale, kulturelle und politische Verflechtungen und Austauschverhältnisse mit großen Teilen der Welt. An ihrem vorläufigen Ende stand allerdings keine friedliche globalisierte Zukunft, sondern ein globaler Krieg.

Quellentext

Sebastian Conrad u. Jürgen Osterhammel, Das Kaiserreich transnational

(…) Nationalgeschichte muss nicht nationalistisch sein. Die national historische Denkpräferenz hat sich auch noch nach ihrer Lösung von nationalistischen Werten allgemein behauptet. Sie wurde zu einer Konvention, die sich nach 1945 durch das tatsächliche Fortleben von Nationalstaaten jenseits eines expansiven Hypernationalismus bequem begründen ließ.

In der Geschichtswissenschaft der Bundesrepublik waren sich die außenpolitische und die sozialhistorische Richtung darin einig, den Nationalstaat als den selbstverständlichen Analyserahmen zu betrachten. Die einen sahen den Nationalstaat, hier "Großmacht" genannt, als einen monadenhaft operierenden Akteur auf der internationalen Bühne, die anderen gingen stillschweigend von der räumlichen Übereinstimmung zwischen politischem System und Gesellschaft aus und gaben sich mit der Fiktion einer von außen kaum beeinflussten und durchdrungenen nationalstaatlichen "Gesamtgesellschaft" zufrieden. Der Internationalismus der in den 1960er und 18970er Jahren vorherrschenden Form von Modernisierungstheorie leistete einem solchen "Container"-Denken Vorschub. Der Einspruch des Soziologen Friedrich H. Tenbruck, der auf die Bedeutung von Beziehungsgeschehen als Grundschicht der Geschichte hinwies, blieb ungehört.

In den meisten Kontroversen, die um die Deutung des Kaiserreichs geführt wurden, spielte das Verhältnis von Innen und Außen kaum eine Rolle. Nach Hans-Ulrich Wehlers "Bismarck und der der Imperialismus" von 1969 haben für das spätere Kaiserreich nur wenige den Versuch einer binnengeschichtlich fundierten Analyse der deutschen Außenpolitik unternommen. Die berühmte "Primat"- Frage stellte sich gar nicht mehr, weil das Äußere aus dem Blickwinkel verschwand. Umgekehrt sind Studien zur Außenpolitik des Kaiserreichs bis vor kurzem häufig der Vorstellung einer Eigenlogik zwischenstaatlicher Machtpolitik verhaftet geblieben. (…)

Nun wäre es kurzsichtig, einer nationalgeschichtlichen Betrachtungsweise pauschal ihre Berechtigung abzusprechen. Das nationalstaatliche Apriori, post-nationalistisch entideologisiert, hat einen guten methodischen Sinn. Viele gesellschaftliche, kulturelle und erst recht politische Prozesse in der Epoche zwischen 1871 und 1914 lassen sich tatsächlich am ehesten in nationalstaatlicher Rahmung erfassen. Allerdings wächst im Zuge der supranationalen Integration Europas, der Zuspitzung ethnischer und religiöser Gegensätze und einer Entgrenzung individueller Welterfahrung, welche "Globalisierung" zu weit mehr ale einem bloß wissenschaftlichen Leitbegriff macht, der Wille, die nationalgeschichtliche durch eine "transnationale" Sichtweise zu ergänzen. (…)

Die globale Vernetzung der Welt um 1900 wurde vor allem durch die Ströme der sich im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts stürmisch entwickelnden Weltwirtschaft vorangetrieben. In mancherlei Hinsicht war die ökonomische Verflechtung vor dem Ersten Weltkrieg (…) sogar weiter entwickelt als weit ins 20. Jahrhundert hinein. (…) Die rasche Integration der Weltwirtschaft ist auch in Deutschland aufmerksam, bisweilen allzu aufgeregt, verfolgt worden – von Unternehmern, in der politischen Öffentlichkeit, aber auch vom neu eingerichteten Kieler Institut für Weltwirtschaft. Selbst die Exporterfolge deutscher Unternehmer waren dabei nicht nur Gegenstand des nationalen Stolzes, sondern förderten zugleich die Sorge vor der Abhängigkeit vom Weltmarkt, die etwa bei Agrareinfuhren ohnehin bereits erreich schien. Man befürchtete die allmähliche Abschließung von größeren Handelsblöcken zu mehr oder weniger autarken "Weltreichen" – eine Vision, die für Deutschland nur die Wahl zwischen "Weltmacht" (neben Großbritannien, Russland und den Vereinigten Staaten) oder "Untergang" bereithalte.

Die wirtschaftliche Verflechtung war nur möglich auf der Grundlage der Verkehrs- und Informationsrevolution des 19. Jahrhunderts. Eisenbahnen integrierten nicht nur den nationalen Raum, sondern ermöglichten auch die rasche Anbindung von Produktions- und Handelsplätzen – nicht zuletzt in den Erschließungsregionen außerhalb Europas, in China, Südafrika, in den Kolonien. Noch entscheidender für die Expansionsschübe der Weltwirtschaft war die Durchsetzung der Dampfschifffahrt seit den 1860er Jahren, die zur deutlichen Verkürzung von Transportzeiten und zu sinkenden Frachtraten führte. Um die Jahrhundertwende war die Beförderung einer Tonne Weizen von New York nach Mannheim genauso teuer wie der Transport von Berlin nach Kassel. Schließlich trug der Telegraph, vor allem dann seit 1900 in seiner drahtlosen Variante, zur Entstehung zusammenhängender Wirtschaftsräume bei. Auch von Nauen, dem deutschen "Nabel der Welt", wurden ab 1906 Funksignale in die Welt gesandt, nicht zuletzt in die Kolonien, die so noch enger an das "Mutterland" angebunden werden sollten. Der technologische Fortschritt war auch die Voraussetzung für die immer rascher wachsende Mobilität von Menschen. Nicht nur einzelne Globetrotter wir Heinrich Schliemann, den seine Unternehmungen nach Troia und Athen, aber eben auch nach St. Petersburg und San Francisco, Peking und Edo (Tokyo) brachten, waren unterwegs; die Migration erfasste vielmehr ganze Regionen und Bevölkerungsgruppen. Dieser Massenexodus, vor allem in die Vereinigten Staaten, wurde zu einem zentralen Gegenstand politischer Aushandlungen, ebenso wie die Einwanderungsfrage, die seit etwa 1890 das Auswandererproblem abzulösen begann.

Mit dem Beginn des Wilhelminischen Zeitalters war auch die Politik zur "Weltpolitik" geworden, vor allem dann während der Kanzlerschaft Bülows. Nicht mehr Depeschen nach Bad Ems oder Bad Gastein, sondern gleich Kanonenboote nach Agadir und zu den Taku-Forts – darin manifestierte sich die erhöhte Schlagzahl des "Neuen Kurses". Weltgeltung, Sonnen-Plätze, Verbreitung deutscher Kultur und "deutschen Wesens": Die deutsche Politik wollte sich nicht mehr auf Europa beschränken lassen. Am Gefühl der "Einkreisung" haben diese politischen Ausbruchsversuche jedoch nichts geändert – im Gegenteil, sie trugen dazu eher noch bei.

Man könnte diese Bezüge noch ausdehnen: auf die Entstehung der ersten Internationalen – nicht nur der Arbeiterschaft, sondern auch der Frauen, des Friedens, des Fußballs. Häufig, wie im Falle des International Council of Women 1888, wurden internationale Verbände gegründet, bevor nationale Sektionen überhaupt entstanden waren. Viele dieser Verbände waren Sprachrohre der Zivilgesellschaft, betrieben oppositionelle Lobbyarbeit. Aber neben diesen frühen NGOs organisierten sich auch die regierungsamtlichen Stellen, um über mögliche Vermittlung, über Vereinheitlichungen und Standardisierung zu sprechen – von DIN-Normen, aber auch des Zivilrechts, der Gefängnisordnungen und der Zeit. Sie zeugen von einem Bewusstsein für globale Zusammenhänge, das nach 1914 lange nicht wieder erreicht wurde.

In einigen Fällen blieben die Effekte dieser Verflechtung marginal. Aber in vieler Hinsicht – und die historische Forschung hat erst damit begonnen, diesen Wirkungen nachzuspüren – hat die Globalisierung des späten 19. Jahrhunderts auch die deutsche Gesellschaft tief verändert. So markierte, um ein Beispiel zu nennen, die Abkehr von der "liberalen Ära" nach 1879 nicht nur einen sozio-politischen Wandel, ein Abrücken von den rechtstaatlichen Projekten der 1870er Jahre und den Beginn des "Sonderwegs". Vielmehr muss die so genannte "Zweite Reichsgründung" auch als Effekt der Verflechtung des Weltmarktes verstanden werden, die in Deutschland zu Protektionismus, Schutzzöllen und damit dem Beginn der politischen Zusammenarbeit von Agrariern und Industriellen führte; dies "Sammlungspolitik" sollte das Kaiserreich fortan prägen. Auch die Radikalisierung des Nationalismus seit den 1890er Jahren müsste einmal darauf hin befragt werden, inwiefern sie als spezifische Antwort auf die Globalisierung betrachtet werden kann; ähnliches gilt für die biologistische und rassistische Aufladung des Antisemitismus. Erst ein Blick, der das Kaiserreich zugleich "von außen" wahrnimmt, kann danach fragen, in welchem Maße die deutsche Gesellschaft immer auch exogen konstituiert war.

Die transnationale Vernetzung umfasste alle Lebensbereiche, wenn auch nicht in gleichem Ausmaß. Häufig, wie im Falle der Internationalismen, verknüpfte sie Deutschland vor allem mit anderen Nationen des "Westens". In vielen Fällen reichten die Beziehungen aber weiter und brachten Guano aus Chile oder Palmöl aus Togo, sie brachten Robert Koch nach Ägypten, Indien und ins südliche Afrika. Zwischen globaler und kolonialer Vernetzung systematisch zu unterscheiden, ist dabei nicht sehr fruchtbar. Globalisierung verlief häufig innerhalb kolonialer Strukturen; beide Phänomene lassen sich daher nicht säuberlich trennen. Geographisch jedoch könnte eine Verdichtungskarte der Beziehungen das bisher schon bekannte Bild bestätigen: Die bei weitem größte Konzentration fand sich vor 1914 im nordatlantischen Raum. Deutschlands Transnationalität war daher primär eine westeuropäische, sekundär eine atlantische, an dritter Stelle eine osteuropäisch-balkanisch-türkische und erst danach eine tropische. Alle diese Räume wollen freilich in einem Gesamtbild berücksichtigt sein. Sie sind Kontexte, die wiederum eng miteinander zusammenhängen. (…)

Sebastian Conrad u. Jürgen Osterhammel, Das Kaiserreich transnational. Aus der Einleitung zu: Sebastian Conrad u. Jürgen Osterhammel (Hg.), Das Kaiserreich transnational. Deutschland in der Welt 1871-1914, Göttingen 2004, S. 7-28, hier S. 12-14, 23-27 (ohne Anmerkungen)


Der Erste Weltkrieg



Aus deutscher Perspektive gehört der Erste Weltkrieg zur Geschichte des Kaiserreichs, das mit der Niederlage im November 1918 an sein Ende kam. Zugleich muss dieser erste globale und totale Krieg des 20. Jahrhunderts aber auch als eine eigene historische Phase betrachtet werden, die das 1789 begonnene "lange 19. Jahrhundert" zum Abschluss brachte und das Zeitalter der Weltkriege in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts einleitete. Der Erste Weltkrieg wird deshalb hier auch als ein besonderer Teil im Dossier mit eigenen Unterkapiteln präsentiert, die sich auch in ihrer Anlage von dem ersten Teil unterscheiden. Die Zeit von der Gründung des Kaiserreichs bis 1914 wird in systematisch unterteilten Überblickstexten vorgestellt, die wesentliche Strukturen und Entwicklungen im politischen, ökonomischen, sozialen und kulturellen Bereich behandeln. Für die Jahre 1914-1918 soll anschließend vertiefend herausgearbeitet werden, wie die wesentlichen Konstellationen, Konfliktfelder und Entwicklungstendenzen durch den Krieg zugespitzt, beschleunigt und radikalisiert wurden. Das Ende des Kaiserreichs nicht nur durch die militärische Niederlage, sondern auch durch eine Revolution wird so als eine zwar nicht notwendige, wohl aber historisch begründete Folge längerfristiger Strukturen und Entwicklungen interpretiert. Zugleich soll aber auch aufgezeigt werden, wie durch den alle gesellschaftlichen Bereiche erfassenden Einfluss des Krieges vielfältige Prozesse angestoßen wurden, die weit über das Ende des Krieges wie des Kaiserreichs hinauswiesen.

Aufbau: Texte und Quellen



Die einzelnen Kapitel sind den folgenden Themenkomplexen gewidmet:

Zum Kaiserreich:
  • Äußere und innere Reichsgründung
  • Nation und Nationalismus
  • Industrialisierung und moderne Gesellschaft
  • Obrigkeitsstaat und Basisdemokratisierung
  • Sozialdemokratie zwischen Sozialistengesetzen und Sozialreformen
  • Bürgerliche Kultur und ihre Reformbestrebungen
  • Außenpolitik und Imperialismus
Zum Ersten Weltkrieg (folgt 2013)
  • Auslösung und Beginn des Krieges
  • Europäischer und globaler Charakter des Krieges
  • Kriegsverlauf und Außenpolitik
  • Burgfrieden und Innenpolitik
  • Strategien und Waffen im industrialisierten Krieg
  • Soldatische Kriegserfahrungen im industrialisierten Krieg
  • Das Ende des Kaiserreichs
  • Kriegsideologie und moderne Massenkultur
  • Frauenarbeit und Geschlechterverhältnisse
  • Zivilisationskrise und moderne Kunst
  • Kriegswirtschaft und Kriegsgesellschaft
Die Texte werden nicht nur durch Literaturhinweise ergänzt, sondern auch durch ausgewählte Quellen, die der Vertiefung und Veranschaulichung dienen sollen. Dabei handelt es sich um unterschiedliche Quellengattungen: Neben zeitgenössischem Schrifttum, das in der Regel auf wesentliche Passagen hin gekürzt wurde, finden sich Statistiken, Tabellen und Graphiken.

Für dieses einleitende Texte wurden allerdings für die Dokumentation keine Quellen, sondern grundlegende wissenschaftliche Texte ausgewählt, in denen sich die Entwicklung des Bildes vom Kaiserreich in der neueren historischen Forschung spiegelt.

Einführende Literatur



A. Einführungen und Darstellungen zur Geschichte des Kaiserreichs

Berghahn, Volker R.: Das Kaiserreich 1871-1918. Industriegesellschaft, bürgerliche Kultur und autoritärer Staat, Stuttgart 2003 (Gebhard Handbuch der deutschen Geschichte, Bd. 16)

Conrad, Sebastian u. Jürgen Osterhammel (Hg.), Das Kaiserreich transnational. Deutschland in der Welt 1871-1914, Göttingen 2004

Mommsen, Wolfgang J: Das Ringen um den nationalen Staat. Die Gründung und der innere Ausbau des Deutschen Reichs unter Otto v. Bismarck 1850-1890, Berlin 1993

Ders.: Bürgerstolz und Weltmachtstreben. Deutschland unter Wilhelm II. 1890-1918, Berlin 1995

Müller, Sven Oliver u. Cornelius Torp (Hg.): Das deutsche Kaiserreich in der Kontroverse, Göttingen 2009

Nipperdey, Thomas: Deutsche Geschichte 1866-1918, Bd. I: Arbeitswelt und Bürgergeist, München 1990

Nipperdey, Thomas: Deutsche Geschichte 1866-1918, Bd. II: Machtstaat vor der Demokratie, München 1992

Stürmer, Michael: Das ruhelose Reich. Deutschland 1866-1918, Berlin 1985

Ullmann, Hans-Peter: Das Deutsche Kaiserreich 1871-1918, Frankf./M. 1995

Ullrich, Volker: Die nervöse Großmacht. Aufstieg und Niedergang des deutschen Kaiserreichs 1871-1918, Frankf./M. 1997

Wehler, Hans-Ulrich: Das Deutsche Kaiserreich 1871-1918, Göttingen 1973

Ders., Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Bd. 3: Von der "deutschen Doppelrevolution" bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges 1849-1914, München 1995

B. Literatur zum "deutschen Sonderweg"

Blackbourn, David und Geoff Eley: Mythen deutscher Geschichte. Die gescheiterte bürgerliche Revolution von 1848, Frankf./M. a. a. 1980

Faulenbach, Bernd: Ideologie des deutschen Weges. Die deutsche Geschichte in der Historiographie zwischen Kaiserreich und Nationalsozialismus, München 1980

Grebing, Helga: Der "deutsche Sonderweg" in Europa 1806-1945. Eine Kritik, Stuttgart 1986

C. Einführungen und Darstellungen zum Ersten Weltkrieg

Berghahn, Volker R.: Der Erste Weltkrieg, München 2003

Chickering, Roger: Das Deutsche Reich und der Erste Weltkrieg, München 2002

Hirschfeld, Gerhard u. a. (Hg.): Enzyklopädie Erster Weltkrieg, Paderborn u. a. 2004

Kocka, Jürgen: Klassengesellschaft im Krieg. Deutsche Sozialgeschichte 1914-1918, Frankf./M. 1988 (zuerst Göttingen 1973)

Kruse, Wolfgang: Der Erste Weltkrieg, Darmstadt 2009

Mommsen, Wolfgang J.: Die Urkatastrophe Deutschlands. Der Erste Weltkrieg 1914-1918, Stuttgart 2002 (Gebhard Handbuch der deutschen Geschichte, Bd. 17

D. Quellensammlungen

Bruch, Rüdiger vom u. Björn Hofmeister (Hg.): Deutsche Geschichte in Quellen und Darstellungen, Bd. 8: Kaiserreich und Erster Weltkrieg 1871-1918, Stuttgart 2000

Hohorst, Gerd u. a. (Hg.): Materialien zur Statistik des Kaiserreichs 1870-1914, München 1975

Ernst Johann (Hg.): Innenansicht eines Krieges. Deutsche Dokumente 1914-1918, Frankf./M. 1968

Ritter, Gerhard A. (Hg.): Das Deutsche Kaiserreich 1871-1914. Ein historisches Lesebuch, Göttingen 1975

Ders. u. Jürgen Kocka (Hg.): Deutsche Sozialgeschichte. Dokumente und Skizzen, Bd. 2: 1870-1914, München 1974



counter
 

Dossier

Der Erste Weltkrieg

Der Erste Weltkrieg ist die Zäsur des beginnenden 20. Jahrhunderts: Er zerstörte naive Fortschrittshoffnungen, offenbarte die Zerstörungspotentiale der industriellen Moderne und prägte als "Urkatastrophe" maßgeblich alle Bereiche von Staat, Gesellschaft und Kultur ebenso wie den weiteren Verlauf der neueren Geschichte. Weiter... 

Dossier Sound des Jahrhunderts

Kaiser-Sound

Auf Tondokumenten vom Januar 1904 tritt uns Wilhelm II. mit sonorer Stimme entgegen. Sein Ton hat etwas Landesväterliches, das wir sonst kaum mit dem martialischen letzten Kaiser in Verbindung bringen. So schlicht sein vogetragener Text auch ist, berichtet die Aufnahme doch sehr aufschlussreich vom sehr frühen Zusammengehen von Politik und Audiotechnik. Weiter... 

Schnelltriebwagen auf einer Versuchsstrecke im 19. JahrhundertInformationen zur politischen Bildung Nr. 315/2012

Das 19. Jahrhundert

Zwischen 1800 und 1914 vollziehen sich in Deutschland, Europa und der Welt Entwicklungen, die bis in die Gegenwart ausstrahlen: Technische Neuerungen verändern Wirtschaft, Mobilität und Kommunikation. Nationalismus, Imperialismus und Kolonialismus schaffen Konflikte. Weiter...