Luther-Denkmal in Wittenberg

Schlaglicht 1517: der sogenannte Thesenanschlag


18.1.2017
Mit dem 31. Oktober 1517 beginnt die Reformationsgeschichte: Martin Luther schlägt seine 95 Thesen mit kritischen Fragen an die Ablasspraxis an die Wittenberger Schlosskirche. Auch wenn diese Szene so wohl nie stattgefunden hat, ihre Symbolkraft wirkt bis heute fort.

Der sogenannte Thesenanschlag, Bild von Ferdinand Pauwels.Der sogenannte Thesenanschlag, Bild von Ferdinand Pauwels. (© picture-alliance/akg)

Wir meinen, den Beginn der Reformationsgeschichte punktgenau verorten zu können: Denn am 31. Oktober 1517 habe Martin Luther 95 Thesen mit kritischen Anfragen an die Ablasspraxis seiner Zeit an der Tür der Wittenberger Schlosskirche befestigt. Die Szene hat Symbolkraft, schreit geradezu nach Bild und Verfilmung: Der grimmig entschlossene Schädel Luthers vor dräuendem Gewitterhimmel, laute Schläge hämmern das Neue als Menetekel an die Wand – Schläge gegen eine Wittenberger Immobilie, die hier gewissermaßen stellvertretend für die ganze alte Kirche ihre Stöße abbekommt. Generation auf Generation gläubiger Protestanten hat es sich so oder so ähnlich vorgestellt – aber es hat so wahrscheinlich nie stattgefunden.

Erstmals problematisiert hat das vermeintlich ehern Feststehende der katholische Kirchenhistoriker Erwin Iserloh. Er wies 1962 in einem Aufsatz darauf hin, dass es keine zeitgenössischen Zeugnisse gebe. Der Thesenanschlag werde zum ersten Mal einige Monate nach Luthers Tod behauptet – in einer Vorrede, die Philipp Melanchthon zu Band 2 der ersten Gesamtausgabe von Luthers lateinischen Schriften verfasste. Nun könnte man Melanchthon, gewissermaßen die "Nummer zwei" der deutschen Reformatoren, ja schon als prominenten Gewährsmann einstufen. Nur, der Mann weilte erst seit August 1518 in Wittenberg, und er war über die Frühzeit der Reformation nachweislich bisweilen schlecht unterrichtet. Am meisten überzeugte die Fachkollegen Iserlohs Nachweis, dass Luther selbst, auf sein früheres Leben zurückblickend, nie einen Thesenanschlag erwähnt, auch nicht in Zusammenhängen, wo wir das zwingend erwarten würden. Eine andere Überlegung dürfte noch schwerer wiegen: Luther wandte sich am besagten 31. Oktober an seine kirchlichen Vorgesetzten, um sie auf gewisse Missstände bei der zeitgenössischen Ablasswerbung hinzuweisen – wohl an seinen Bischof, sicher (denn das Schreiben ist erhalten) an den für diesen Kirchensprengel zuständigen Erzbischof. Sollte er tatsächlich so kühn gewesen sein, am selben Tag und ohne die Antworten abzuwarten an die Öffentlichkeit zu treten? Die Historiker, auch fast alle damals maßgeblichen Kirchenhistoriker, waren sich alsbald einig: Die berühmten Hammerschläge vom 31. Oktober haben nicht stattgefunden – ein Fall früher Legendenbildung.

Hat der Thesenanschlag doch stattgefunden? Überwogen im späteren 20., im anhebenden 21. Jahrhundert in Fachkreisen die Bedenken, ohne dass man noch viel Aufhebens darum gemacht hätte, gab es im Februar 2007 Neues zu berichten. Da wurde nämlich der Kirchenhistoriker Martin Treu in Jena, in der Thüringischen Universitäts- und Landesbibliothek, auf die Notiz eines gewissen Georg Rörer aufmerksam. Der hielt in einem Druck von Luthers Übersetzung des Neuen Testaments etwas auf Latein fest, das man so deutsch wiedergeben kann: "Im Jahr 1517, am Tag vor dem Allerheiligenfest, sind in Wittenberg an den Türen der Kirchen die Thesen über den Ablass von Doktor Martin Luther vorgestellt worden." Die Bibel befand sich seit 1540 oder 1541 in Rörers Besitz, er könnte die Notiz also Jahre vor Melanchthons Behauptung niedergeschrieben haben. Um zu verstehen, warum das, jedenfalls in überregionalen Tageszeitungen und ihren Leserbriefspalten, einigen Wirbel ausgelöst hat, muss man wissen, wer Georg Rörer war. Salopp (und für Germanisten) formuliert, war er Luthers Eckermann – enger Vertrauter, Mitbewohner seines Hauses, Privatsekretär (wie wir heute sagen würden). Er wird sein ganzes Leben der Edition der Werke Luthers widmen.

Aber er war kein Augenzeuge, auch er nicht. Rörer studierte 1517 noch in Leipzig, kam erst 1522 nach Wittenberg. Wahrscheinlich zitiert seine Notiz die Wittenberger Universitätsstatuten. Die schrieben vor, dass Thesen, die zu einer akademischen Disputation anregen wollten, vom Pedellen (sozusagen dem Universitätshausmeister) "in valvis ecclesiarum" auszuhängen seien: an den Türen (das mit einem altertümlichen, seltenen, aber von Rörer wie von den Statuten verwendeten Wort hierfür gesagt) der Kirchen der Stadt. Rörers Notiz beruht nicht auf individueller Erinnerung, das sowieso nicht, sondern vermutlich auf seiner Kenntnis der Statuten – er bearbeitete die Thesen für Luthers Nachlass, identifizierte sie als Disputationsthesen und ging deshalb davon aus, dass sie, wie das eben für solche Thesen üblich und vorgeschrieben war, an den Türen der Wittenberger Kirchen bekannt gemacht worden seien. Dass Luther selbst (anstatt eines Hausmeisters) mit den Schriftrollen unter dem Arm Wittenbergs Straßen durcheilt habe, behauptet seine Notiz nicht zwingend, sie kann, muss aber keinesfalls so übersetzt werden.

Bei Melanchthon finden wir, übrigens deutlich wortreicher, eine griffige Geschichte, er spitzte zu, konkretisierte: indem er die Tür der einen, besonders wichtigen, eben der Schlosskirche fokussierte; der Kirchenhistoriker Volker Leppin charakterisiert als "anekdotische Verdichtung". Und weil nun die große Autorität der Wittenberger nach Luthers Tod so zugespitzt hatte, sprach auch Rörer später nur noch von dieser einen Türe, von der Schlosskirche. Vermutlich ist die Notiz Rörers älter als die Behauptung von Melanchthon, aber das ändert die Beweislage nicht.

Es bleibt dabei: sehr wahrscheinlich Legendenbildung – nur von einer posthumen Legendenbildung darf man wohl nicht mehr sprechen, wahrscheinlich stammt Rörers Notiz ja, ohne dass wir sie genau datieren könnten, aus Luthers letzten Lebensjahren (Luther wird 1546 sterben). Ist überhaupt so wichtig, ob dem ungemein wirkkräftigen Mythos historische Faktizität innewohnt? Vielleicht nicht gar so sehr. Lieux de mémoire ("Erinnerungsorte"), also gemeinsam erinnerte vermeintliche Schlüsselereignisse können einer Großgruppe Zusammenhalt spenden, sind ohne Rücksicht auf ihre Authentizität wirksam. Freilich, wenn der laute Pauken- bzw. Hammerschlag gar nicht stattgefunden, sich Luther zunächst lediglich an die zuständigen kirchlichen Oberen gewandt hat, dann zeigt das, was uns Untersuchungen der letzten Jahrzehnte ohnehin immer deutlicher vor Augen geführt haben: dass Luther, um es mit Stefan Skalweit zu sagen, "der alten Kirche entwachsen ist, ohne es zu wissen und zu wollen".

Plausibel ist diese Ereignisfolge: Luther wendet sich an Bischof und Erzbischof, als beide nicht reagieren und einige Wochen danach, macht er seine Thesen brieflich bekannt, er legt sie Schreiben an Fachkollegen bei. Sie machen auch ohne Hammerschläge rasch Furore, werden in der Humanisten-Szene berühmt. Die humanistischen "sodalitates", in regem Briefverkehr untereinander stehend, haben die Thesen überall in der gelehrten Welt bekannt gemacht, sie wurden auch, ohne Wissen Luthers, an mehreren Orten des Reiches in die Druckerei getragen. Die Humanisten sahen vermeintliche Gemeinsamkeiten: Kirchenkritik, Abneigung gegen die Scholastik wie gegen exaltierte Züge der Volksfrömmigkeit. Es war ein Missverständnis – "bei Erasmus haben die menschlichen Dinge mehr Geltung als die göttlichen", so einfach, aber auch schlagend wird sich Luther einmal vom Humanismus abgrenzen. Ein Missverständnis im Grunde – aber ein folgenreiches: denn seinetwegen werden Luthers Thesen rasch bekannt.


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Autor: Axel Gotthard für bpb.de
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