DDR-Demonstration, Ministerium für Staatssicherheit Stasi, Überwachungsmonitore

"Es lebe die Oktoberrevolution 1989"

Gesammelt vom MfS - Parolen der Friedlichen Revolution in der DDR


8.10.2017
Am 9. Oktober 1989 demonstrierten in Leipzig mehr als 70.000 Menschen für Reformen in der DDR. Erstmals griffen SED und Stasi nicht ein - die Friedliche Revolution in der DDR nahm ihren Lauf. Landesweit dokumentierte die Geheimpolizei Stasi ab diesem Zeitpunkt 1.180 Rufe und Transparente. Eine komplette Stasi-Akte zum Nachlesen - als zeithistorisches Dokument.

Dass die meisten Demonstrierenden im Herbst 1989 nur auf Wortgewalt und auf die Symbolik brennender Kerzen setzten und nicht wie befürchtet, auf eine gewaltsame "Konterrevolution", beschäftigte auch die DDR-Geheimpolizei, die Staatssicherheit. Deren Feindbilder zerstoben. Noch am 7. Oktober waren an zahlreichen Orten DDR-Sicherheitskräfte und Wasserwerfer massiv gegen Demonstrierende vorgegangen, doch auch unter den Einsatzkräften wuchs daran Kritik. Ungefähr ab Mitte Oktober '89 ließen SED und Stasi Demonstrationen weitgehend gewähren. Eine Schlüsselrolle spielt dabei der 9. Oktober 1989. An diesem Tag gingen in Leipzig etwa 70.000 Menschen auf die Straße um für Reformen zu demonstrieren. Polizei, MfS und Betriebskampfgruppen standen zwar in Bereitschaft, aber griffen nicht ein. In den Folgewochen der "Friedlichen Revolution" beobachtete das MfS die Demonstrierenden nur - und notierte dabei rund 1.200 unterschiedliche Parolen.

"Keine Angst mehr!", als Demo-Parole notiert vom MfS im Herbst 1989"Keine Angst mehr!", als Demo-Parole notiert vom MfS im Herbst 1989 (© BStU)

Die zentrale Auswertungs- und Informationsstelle des Ministeriums für Staatssicherheit (ZAIG) fasste alle in der DDR von Stasi-Informanten notierten Rufe und Transparente in einer handschriftlichen Dokumentation zusammen (BStU, MfS, ZAIG 17084, Bl. 1-167). Auf den darin beschriebenen 85 gelben Seiten sind Parolen notiert, wie beispielsweise: "Erst Stasi abbauen, dann wächst Vertrauen!", "Nie mehr Angst, Betrug und Bevormundung!", "Kein Personenkult mehr!", "Politik ab jetzt öffentlich!", "Mehr Demokratie als Hierarchie!", "Vorwärts zu neuen Rücktritten!", "Mauer ins Museum!" und "Die Zeit des Schweigens ist vorbei".

Das Stasidokument ist nicht nur für Zeithistoriker ein historischer Schatz: PDF-Icon Parolen der Friedlichen Revolution in der DDR (22 MB - etwas längere Ladezeit möglich)
Vier Fotos mit Demonstrierenden und ihren Parolen am 4. November 1989 in Ostberlin, drei davon heimlich aus einem Fenster fotografiert vom MfS.Dem MfS ging es offensichtlich auch darum, Fotos aufzunehmen, auf denen die Demonstrierenden anschließend identifiziert werden können. Diese Stasi-Bilder entstanden am 4. November 1989 in Ostberlin, zum Teil heimlich aus einem Fenster des Palast der Republik heraus fotografiert vom MfS. (© BStU / Kulick)

Stasibedienstete und verdeckt eigesetzte Spitzel hatten die Slogans der DDR-Demokratiebewegung entweder bei Demonstrationen vor Ort notiert, fotografiert oder vom Fernsehbildschirm abgeschrieben, so auch am 4.11.89 bei der damals größten Kundgebung der Opposition in der DDR auf dem Ostberliner Alexanderplatz, die live im DDR-Fernsehen übertragen wurde. Ein MfS-Mitarbeiter übertrug die gemeldeten Parolen handschriftlich in die blaue Aktenmappe mit der Kennziffer ZAIG 17084. Die größte Vielfalt wurde bei Parolen gegen die SED und ihr Machtsystem, gegen einzelne Partei-Funktionäre und gegen die Stasi registriert, darüber hinaus bei Forderungen nach Demokratie, freien Wahlen und für die Zulassung oppositioneller Gruppen.
Leipziger Anti-Stasi-Parole im Oktober 1989: "Nie wieder rote Stasi, nie wieder SED"Leipziger Anti-Stasi-Parole Ende Oktober 1989 (© Merit Schambach / www.wir-waren-so-frei.de)

Die Orte, in denen der Stasi Parolen erstmals auffielen, sind mit Bleistift hinter den in blauer Tinte protokollierten Slogans notiert. So wurde am 21.10.89 erstmals eine Forderung nach Wiedervereinigung in Plauen festgestellt, auf einem Schild wurde der erste und letzte Buchstaben von "DDR" gestrichen, so dass deutlich nur das D für Deutschland übrig blieb. In Bitterfeld fielen dem MfS am 31.10.89 auch ausländerfeindliche Sprüche inmitten der Demonstrierenden auf ("Deutschland den Deutschen" und "Schwarze raus aus der DDR") und in Meißen hieß es am 14. November 89 analog zur russischen Oktoberrevolution 1917: "Es lebe die Oktoberrevolution 1989".
"Es lebe die Oktoberrevolution 1989!", als Demo-Parole notiert vom MfS im Herbst 1989"Es lebe die Oktoberrevolution 1989!", als Demo-Parole notiert vom MfS im Herbst 1989 (© BStU)

In folgende Kapitel hat das MfS die Parolen geordnet, die im Oktober und November 1989 von den Zuträgern der DDR-Geheimpolizei wahrgenommen wurden:

- Aufforderung zum Dialog (36 notierte Parolen)
- Gegen Privilegien (12)
- Misstrauen gegen Staat und Partei (84)
- Forderungen nach gesellschaftlicher Kontrolle staatlicher Entscheidungen (20)
- Gegen Einzelpersonen (81)
- Forderungen nach Bestrafung von Verantwortlichen (43)
- Gegen die Wahl von Egon Krenz als Nachfolger von Staats- und Parteichef Erich Honecker (43)
- Für die Weiterführung begonnener Veränderungen (38)
- Ablehnung des von der SED angebotenen Dialogs (4)
Transparent in Leipzig im November 1989Transparent in Leipzig im November 1989 (© Holger Kulick)

- Für die Zulassung (antisozialistischer) Bewegungen (54)
- Allgemeine Forderungen nach Demokratie, Reformen und Umgestaltung (59)
- Volksvertretungen/Staatsapparat (7)
- Rechtsstaatlichkeit (20)
- In Kirchen notierte Parolen (26)
- Wahlrechtsreformen und Neuwahlen (67)
- Reisefreiheit (26)
- Reaktion auf Reiseerleichterungen (9)
- Demonstrationsfreiheit (14)
- Veränderungen der Medienpolitik (13)
- Forderungen nach Trennung von Partei und Staat (141)
- Ablehnung bestehender Organisationen wegen ihrer Abhängigkeit von der SED (13)
- Bündnispolitik zur Sowjetunion (4)
- Auflösung MfS (126)
Stasi, Suhl, Parolen, Stasi rausAuch Schimpfwörter wurden notiert: Die Stasi als "Bürgerschreck" und "Faules Pack". Diese Protestslogans aus dem Herbst 1989 zum Thema Staatssicherheit stammen aus dem Raum Meiningen und Suhl. (© BStU, MfS, ZAIG 17084)

- Gegen Grenzsicherung und Mauer (31)
- Bildungspolitik (20)
- Jugendpolitik (2)
- Städtebau (7)
- Umweltschutz (25)
- Gesundheitswesen (6)
- Abrüstung (20)
- Wiedervereinigung (14)
Plakat in Leipzig im November 1989 - mit indirekter Aufforderung zur WiedervereinigungDie MfS-Sammlung der Demonstrationsparolen gibt die große, auch kreative Vielfalt von Meinungsäußerungen im Herbst 1989 wieder, aber längst nicht alle. Auch dieses Plakat aus Leipzig wurde von den Stasi-Spähern nicht registriert, fotografiert im November 1989. Es zeigt eine indirekte Aufforderung zur Wiedervereinigung. Richard von Weizsäcker war damals Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland mit Amtssitz in Bonn. (© Holger Kulick)

- Ökonomische Forderungen (21)
- Gegen Leistungsdruck (1)
- Valuta-Devisen (6)
- Aufforderung zum Verbleiben in der DDR (12)
- Solidarisierung mit oppositionellen Gruppierungen in sozialistischen Nachbarstaaten (16)
- Aufgreifen von Losungen aus der Geschichte der Arbeiterbewegung (7)
- Losungen, die sich an faschistische Parolen anlehnen (12)
- Sonstige Losungen (45)


Nachfolgend die komplette Akte zum Bättern und Nachlesen (22 MB):

PDF-Icon Parolen der Friedlichen Revolution in der DDR

DDR, Micky MausDemokratiepremiere mit Spaßfaktor. Demonstrierende am 4. November 1989 auf dem Weg zum Ostberliner Alexanderplatz, ihren Slogan hatten die Stasi-Späher allerdings nicht erfasst. (© Holger Kulick)

Mehr zum Thema:



- Hintergrundtext: Stasi - was war das?
- Video: "Oktober 1989 - Vom Einläuten der Friedlichen Revolution"
- Video: Leipzig im Herbst, Dokumentarisches DEFA-Material>
- Zeitgeschichte: Woher kommt der Begriff Oktoberrevolution?



 
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