Weltfestspiele 1973

15.10.2004

Mich hat die neue Zeit geküsst

Abini Zöllner, Journalistin

Für die Journalistin und Autorin Abini Zöllner kam die Wende zum rechten Zeitpunkt – als 22-jährige. Das Reisen begann und die selbstbestimmte berufliche Orientierung. Zöllner hat die DDR nie als Vaterland aber als Heimat begriffen, es war eine menschliche, wenn auch keine politische Bindung.

Die Publizistin spricht über ihre Erfahrungen als Farbige in der DDR und über die Wendezeit. (© 2003 Bundeszentrale für politische Bildung)

Textversion des Video-Interviews

Naja, es war schon so ein bißchen woodstockmäßig. Ich war damals sechs Jahre alt. Ich habe aber davon nicht so sehr viel mitbekommen, nur, dadurch, dass ich wenig später eingeschult wurde und die Weltfestspiele ja eigentlich noch Jahre später in der Schule nachbearbeitet wurden, bin ich mir fast sicher, dass ich meine Erinnerungen aus diesen Gesprächen habe und nicht vom Erleben selber.

Für mich hat sich die DDR-Zeit in der Kindheit aber wahnsinnig auf meine Familie reduziert. Da gab's ja keine Repressalien oder sowas. Ich bin ganz normal groß geworden und glücklich gewesen und deswegen habe ich auch eine sehr gute Erinnerung an meine Kindheit und deswegen vielleicht auch eine melancholische Erinnerung an die DDR. Mir ist wichtig, dass die DDR eben nicht nur auf eine Pointe reduziert wird oder auf einen Witz. Aber es gab viele kuriose Begebenheiten in dem Land und das sind die Dinge, die mir auch haften geblieben sind.

Ansonsten habe ich unterschiedliche Erinnerungen an die DDR. Aber ich bin froh, dass ich sie erlebt habe, denn ich war erst 22 Jahre, als die Wende kam. Für mich kam sie also genau richtig: Ich fing an zu reisen und mich im Beruf zu orientieren. Ich bin praktisch so ein Glückskind der Wende. Also, mich hat die neue Zeit geküsst. Das ging ja nicht allen so: Die, die zur Wende schon 50 waren, hatten sicher andere Probleme und denen muss man auch einen bitteren Rückblick zugestehen. Ich bin ja so groß geworden und habe ja dieses Land auch geliebt, aber nicht als Vaterland, sondern als Heimat und das ist für mich ein ganz großer Unterschied. Ich habe mich nicht politisch mit ihr identifiziert, sondern menschlich. Und naja, die DDR hatte eben den großen Fehler: Sie hat versucht, den Sozialismus aufzubauen, und der Sozialismus funktioniert eben nicht, solange Menschen daran beteiligt sind.

Das Problem ist ja, was ich für mich festgestellt habe, die DDR wurde nach der Wende nur auf Politik und Wirtschaft reduziert, also, das ist wirklich meine Meinung, und jetzt kommt endlich diese Welle, wo auch auf Biographien und Erfahrungen zurück geblickt wird. Und da es eben doch sehr, sehr unterschiedliche Biographien in der DDR gab, glaube ich, dass jetzt die weitaus spannendere Phase kommt.