Weltfestspiele 1973

16.7.2003 | Von:

Die Weltfestspiele damals und heute

Die Nachkriegszeit bis Helsinki 1962

Ein internationales Jugendfestival im zerstörten Europa? Dass die ersten Weltfestspiele der Jugend und Studenten bereits im Spätsommer 1947 in Prag realisiert wurden, klingt erstaunlich. Die Festivalidee, ins Leben gerufen vom Weltbund der Demokratischen Jugend (WBDJ) im Jahre 1945, hatte Rückenwind durch das Zusammenspiel zweier Umstände: Den weltweit geteilten Schock des Krieges und das Interesse der Sowjetunion an einer internationalen sozialistischen Jugendbewegung. Über den antifaschistischen Nachkriegskonsens gelang es zu Beginn, verschiedenste Jugendorganisationen in die Bewegung einzubinden. Allerdings: Die Kommunistische Internationale hatte bereits auf ihrem VII. Weltkongress 1935 die Strategie einer "Einheitsfront von oben" entwickelt – also die temporäre Kooperation mit sozialdemokratischen und bürgerlichen Kräften. Der Antifaschismus im Nachkriegseuropa bot dafür die ideale Klammer.

Schnell kristallisierte sich die neue Weltordnung heraus, die Fronten klärten sich: Die französische Regierung verwies 1951 das WBDJ-Sekretariat des Landes. Der neue Sitz war (und ist) Budapest, wo 1949 auch das zweite Festival stattfand. Bereits nach Prag 1947 verließen einige westliche Jugend- und Studentenorganisationen den WBDJ – und ebenso den Internationalen Studentenbund (ISB), der als Mitveranstalter fungierte.

Schon in Prag deutete sich an, dass die Weltfestspiele nicht nur sozialistische Jubelarien waren, sondern erhebliches Konfliktpotential freisetzten: innerhalb der internationalen Linken, aber auch zwischen den Vertretern des kommunistischen Blocks. Keineswegs alle Teilnehmer identifizierten sich 1947 mit der Agitation gegen den Marshallplan, der wirtschaftlichen Aufschwung für Europa verhieß. Latente oder offene Uneinigkeit blieb eine Konstante – genau wie der spezielle Programm-Mix: In Prag gab es unter anderem 25 Volkskunstveranstaltungen, 12 öffentliche Meetings, 32 Diskussionsforen, dazu viele Tanzabende, Freundschaftstreffen am Lagerfeuer und Filmveranstaltungen – außerdem gemeinsame Arbeitseinsätze zur Beseitigung von Kriegsschäden.

Straßenschlachten mit der Polizei

Prag und die beiden folgenden Festivals, Budapest 1949 und Berlin 1951, standen ganz im Zeichen des Stalinismus. 1949 verloren die Weltfestspiele unter dem Eindruck der sowjetischen Berlin-Blockade weiter an westlichem Kredit. Diesen versuchen die Ost-Berliner Machthaber 1951 zurück zu gewinnen. Die DDR sollte sich der ganzen Welt als vorbildlicher sozialistischer Staat präsentieren. Die 26.000 Gäste aus 104 Ländern kamen unter anderem in Genuss einer achtstündigen Demonstration gegen die Remilitarisierung der Bundesrepublik. Der sozialistische Personenkult erblühte, und der junge Staat schmückte sich mit namhaften Persönlichkeiten wie den Schriftstellern Pablo Neruda oder Martin Andersen Nexö. Die Ehrengäste waren sicher nicht von jenen Versorgungsengpässen betroffen, die den provisorischen West-Berliner Suppenküchen regen Zulauf bescherten. Auf Einladung des regierenden Bürgermeister Ernst Reuter kamen die Jugendlichen in die West-Sektoren, sehr zum Unmut des FDJ-Vorsitzenden Erich Honecker. Er setzte FDJler nach Westen in Bewegung, die sich Straßenschlachten mit der West-Berliner Polizei lieferten.

"Tauwetter" und Entstalinisierung bestimmten die (sozialistische) Welt in den 50er Jahren – wie Seismografen bildeten die Festspiele von Bukarest 1953 bis Moskau 1957 die politische Lage ab. Die offizielle Sprachregelung rückte die Friedenssehnsucht der Jugend und die Koexistenz der Systeme in den Mittelpunkt. Auf Bukarest 1953 lag noch unmittelbar der Schatten von Stalins Tod, Warschau stand bereits im Zeichen der Abrechnung mit dem Diktator. 1953 und 1955 präsentierten sich die Vertreter der deutschen Teilstaaten vereint: Ein gemeinsames Präsidium repräsentierte Deutschland in Bukarest, in Warschau traf eine vereinigte deutsche Delegation ein. Doch schon in Moskau 1957 hielt man wieder Distanz. Die 34.000 ausländischen Gäste dieses opulentesten aller Festivals erlebte unter anderem die Verleihung der Goldmedaille im Kompositionswettbewerb an Mikis Theodorakis.

Mit Wien 1959 wurde der Festival-Export in ein nicht-sozialistisches Land gewagt. Doch in der Wiener Diaspora traf die kommunistische Jugend auf Ablehnung – ebenso wie drei Jahre darauf in Helsinki. Die österreichische Presse ignorierte das Ereignis, offizielle Stellen gaben sich reserviert, die Organisation lag in den Händen der Kommunistischen Partei Österreichs (KPÖ). Das Kalkül eines kulturellen Brückenkopfes in der kapitalistischen Welt ging nicht auf. In Österreich wie in Finnland protestierten die nicht-kommunistischen Jugendverbände. Das neutrale Pflaster motivierte Gruppen wie den westdeutschen liberalen Studentenbund, auf dem Treffen Gegenpositionen zu beziehen. In Helsinki 1962 kam es bei Anti-Festival-Demonstrationen zu Straßenkämpfen mit der Polizei. Manipulation der Rednerlisten in Seminaren, Proteste westlicher Sozialisten und Abreisedrohungen trübten das Gesamtbild. Die große Show im nicht-sozialistischen Europa war ausgefallen.