Weltfestspiele 1973

16.7.2003 | Von:

Die Weltfestspiele damals und heute

Vom Prager Frühling bis zum Fall der Mauer

Nach dem Festival 1962 in Helsinki erleben die Weltfestspiele ihre erste Zäsur. Erst sechs Jahre später trifft sich die sozialistische Weltjugend wieder, unter neuen Vorzeichen: 1968 in Sofia bestimmen Prager Frühling, Studentenbewegung und Vietnamkrieg die formelle und informelle Festival-Agenda. Die Fortsetzung der Spiele im ereignisreichen Jahr 1968 ist weniger weitsichtigem Festivalmanagement geschuldet, sondern Resultat der politischen Instabilität in Afrika. Der Sturz des kooperativen Regimes Ben Bella in Algerien 1965 machte Algier als Austragungsort unmöglich. Auch die Ausweichlösung Ghana 1966 entfiel wegen eines Putsches. Man besann sich mit Sofia auf sozialistisches Kernland. "Experimente" mit afrikanischen oder neutralen Staaten blieben bis zum Zerfall des Sowjetimperiums aus. Pyöngyang 1989 war das letzte Festival des kalten Krieges.

Sofia 1968 sollte eine sichere Bank sein - organisatorisch wie von der öffentlichen Wirkung her. Stattdessen bot sich ein Panorama der 68er Ereignisse en miniature. Kritische Sozialisten aus der Bundesrepublik (insbesondere der Sozialistische Deutsche Studentenbund - SDS) übten den Schulterschluss mit tschechoslowakischen und jugoslawischen Gruppen. Der SDS rief zum Protest gegen den Vietnamkrieg vor der US-Botschaft auf – im Einklang mit dem Festivalthema, aber gegen die Festivalregie. Die Staatsmacht und sowjettreue Gruppierungen gehen gewaltsam gegen die Spontan-Demonstration vor. Teilnehmer aus der reformwilligen Tschechoslowakei sahen sich weiteren Schikanen ausgesetzt: Man verweigerte ihnen die Einreise, beschnitt Eintrittskartenkontingente und beschädigte die Festivaltribüne des Landes. 14 Tage später besetzten sowjetische Truppen Prag.

Im Zeichen der Entspannung

Die westdeutsche Presse bezeugte seltenen Respekt für ihre linksgestimmte Studentenschaft, im Osten vermutete die offiziellen Organe eine Verschwörung von Springer und dem SDS-Führer K.D. Wolff. Zu ähnlich spontanen und öffentlichkeitswirksamen Aktionen sollte es 1973 in Ost-Berlin auf keinen Fall kommen. Vor dem Hintergrund der Ostverträge mit Moskau und Warschau, ein halbes Jahr nach Abschluss des deutsch-deutschen Grundlagenvertrags und gut zwei Jahre nach Honeckers Machtübernahme kam dem Großereignis enorme symbolische Bedeutung zu: Als Prüfstein für das neue internationale Ansehen der DDR, als Ausdruck neuen sozialistischen Selbstbewusstseins in der Ära Honecker, als Testfall deutsch-deutscher Normalität. Statt unmittelbarer Repression setzten die Verantwortlichen auf akribische Planung, diskrete Überwachung und ideologische Schulung der DDR-Jugend. Offizielle Attacken auf die imperialistischen Mächte klammerten die Bundesrepublik aus. Der kolportierte letzte Wille des während des Festivals verstorbenen Honecker-Vorgängers Walter Ulbricht, die Spiele mögen weitergehen, beglaubigte zusätzlich den Eintritt in die "neue Epoche".

Die kubanische Hauptstadt Havanna war bereits 1968 als Austragungsort im Gespräch, aber gegen Sofia unterlegen, was zu erheblichen Verstimmungen führte. Zehn Jahre später gastierte die Weltjugend endlich im Land Fidel Castros und Che Guevaras. Gegenüber 1973 ebbte das bundesdeutsche Interesse 1978 jedoch ab, ein nationales Vorbereitungskomitee kam diese Mal nicht zustande. Die anti-imperialistische Jugend labte sich am kubanischen Revolutionsmythos: So konnte jeder ein kleines Säckchen mit Sand aus der Schweinebucht mit nach Hause nehmen, wo 1961 die revolutionären Truppen Castros einen Invasionsversuch von exil-kubanischen Kämpfern abwehrten.

1985 in Moskau stand der neue Führer des Ostblocks im Blickpunkt: Michail Gorbatschow, seit ein paar Monaten an der Macht, war noch ein unbeschriebenes Blatt. Sein Auftritt im vollbesetzten Lenin-Stadion wurde aufmerksam verfolgt. Beobachter registrierten einen Verzicht auf das obligatorische Pathos und Kampfparolen. Drei Tage nach Ende der Festspiele startet Gorbatschow mit dem einseitigen Stopp von Atomwaffentests eine Abrüstungsinitiative. Das bereits in Moskau (trotz Gorbatschow) festzustellende Erstarren der Weltfestspiele in bürokratischer Routine und Ideologie findet in Pyöngyang 1989 seinen Höhepunkt: Von der westlichen Öffentlichkeit weitgehend ignoriert treffen sich Jugendliche aus 177 Staaten im Nord-Korea des Kim Il Sung. Alexander Osang erinnert sich in einem Beitrag für die Berliner Zeitung 2001 ironisch an das Ereignis: Unter der Überschrift "Dead Man Walking" berichtet der Reporter über eine große Straßenparade, zu der er und ein Freund verspätet eintreffen: Der Umzug ist weg – doch tausende Koreaner am Straßenrand jubeln den beiden Spaziergängern zu. Pyöngyang war der bizarre Schlussakkord der Festivalbewegung im Kalten Krieg.