Weltfestspiele 1973
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16.7.2003 | Von:
Vogel, Klemens

Die Weltfestspiele damals und heute

Wer eine Kulturgeschichte des kalten Krieges erzählen will, kommt an den Weltfestspielen der Jugend und Studenten nicht vorbei. Sie waren ein Stück inszenierte Ideologie und gleichzeitig ein Begegnungsort zwischen Ost und West. Waren die Festspiele beides, Propagandashow und Party hinter dem eisernen Vorhang? Und was ist von ihnen übriggeblieben?

Einleitung

Mit dem Zusammenbruch der sozialistischen Diktaturen in Ost- und Mitteleuropa schien Anfang der 90er Jahre auch das Schicksal des größten internationalen Jugendfestivals der Nachkriegszeit besiegelt. Die Weltfestspiele der Jugend und Studenten, erstmals 1947 in Prag ausgerichtet, waren finanziell und organisatorisch eng an die sozialistischen Staaten gebunden. Überraschender Weise überdauerten die Weltfestspiele jedoch den Sturz der Sowjetmacht. Kuba nahm sich 1997 der heimatlosen Festivaltradition an und belebte sie nach alter Manier: mit Arbeitsgruppen, Podien und Kulturprogrammen für die sozialistische Jugend der Welt. Doch was auch immer Beteiligte oder Beobachter mit den Festspielen in erster Linie verbunden haben – Propagandarituale oder Chancen zur Begegnung und Diskussion, manipulierte Massen oder das "rote Woodstock" – fest steht: Die dreizehn Festivals bis 1989 waren Ausdruck einer politischen Kultur, die nach dem Fall der Mauer untergegangen ist.
Flötenspielerinnen bei den Weltfestspielen 1973Flötenspielerinnen bei den Weltfestspielen 1973 (© Bundesarchiv, Bild 183-M0728-0792 / Fotograf: Friedrich Gahlbeck)

Die Jugend der Welt gastierte fast immer in sozialistischen Bruderländern, Wien 1959 und Helsinki 1962 blieben die Ausnahmen. Zwar entstand die Initiative für ein regelmäßiges Symposium der Weltjugend in einem Block übergreifenden Geist gegen den "Faschismus": Delegierte aus 63 Ländern hoben auf der Weltjugendkonferenz 1945 in London den Weltbund der Demokratischen Jugend (WBDJ) aus der Taufe, der wenige Wochen später die Idee der Festspiele ins Leben rief. Regie führten allerdings die Vertreter sowjetischer Interessen, die Konferenz wurde auf Betreiben des kommunistisch geprägten Weltjugendrates initiiert. Sozialistische Jugendverbände, auch aus den kapitalistischen Ländern, stellten immer das Gros der Festspielteilnehmer. Aber auch liberale Gruppen entsandten oft kleine Kontingente.

Begegnungschance und politisches Barometer

Von Prag 1947 bis Moskau 1985 ist das Festival eine der raren Begegnungschancen zwischen West und Ost, zu der auch westliche Medien regelmäßig Berichterstatter schickten. Wer im Westen den politischen Willen der kommunistischen Führer deuten wollte, beobachtete das Festival. Politisches Barometer im Kalten Krieg – aber auch Drehscheibe der (linken) Jugendbewegungen aus aller Welt und Party hinter dem eisernen Vorhang: all das waren die Weltfestspiele. Propaganda gab es gratis dazu, der sozialistische Block verbreitete auf den Festspielen seine Agenda. In Budapest 1949 stand etwa die "Verurteilung des Titoismus" auf der Tagesordnung. Doch auch "zwischen den Zeilen" gab es viel zu lesen: Sprachregelungen im Detail, das Verhalten der Sicherheitskräfte, der Grad der Meinungsfreiheit, Konflikte zwischen den Delegationen – allesamt Botschaften aus den geschlossenen Entscheidungszirkeln und Gesellschaften der Diktaturen.

Mit dem Beginn der Ära Gorbatschow konstatierten Beobachter auch das Ende der Festspiele: Die extreme Ideologisierung beim Treffen 1985 in Moskau ließ Spontaneität und Festivalgeist – anders als noch in Berlin 1973 oder Havanna 1978 – kaum mehr Raum. In Pyöngyang 1989 waren mehr als 10.000 junge Menschen zu Gast, nunmehr unbeachtet von der westlichen Öffentlichkeit. Havanna 1997 und Algier 2001 erscheinen als anachronistische Wiedergänger. Ihre politische Bedeutung, verglichen etwa mit dem Weltsozialforum in Porto Alegre, ist marginal. Die Zusammenarbeit des WBDJ mit Diktatoren sorgte für eigentümliche Kontinuität: Die Tabuisierung innenpolitischer Probleme (2001 in Algier der Berberaufstand), das Auftreten der Sicherheitsdienste, die Reibereien zwischen dogmatischen und kritischen Sozialisten – das gehörte immer schon zum Programm wie die Musikbühnen, Debatten und Massenkundgebungen.

Die Zeit der Weltfestspiele scheint vorüber zu sein. Woran viele Teilnehmer gerne zurückdenken – an das Schlüsselerlebnis ihrer Jugendzeit mit neuen Freundschaften, neuen Horizonten, persönlicher Entwicklung – entfaltete seinen Reiz nicht zuletzt als Subversion angesichts einer super-bürokratischen Staatsmacht. Die temporäre Öffnung, mitunter Verkehrung der Verhältnisse hielt den Glauben an andere Lebensbedingungen wach. Diese Funktion hat das Jugendtreffen verloren. Die Formelsprache, die Rituale, die Gruppierungen und die verbliebenen Beobachter haben sich heute auf dem Abstellgleis der Geschichte eingerichtet.

Die Nachkriegszeit bis Helsinki 1962

Ein internationales Jugendfestival im zerstörten Europa? Dass die ersten Weltfestspiele der Jugend und Studenten bereits im Spätsommer 1947 in Prag realisiert wurden, klingt erstaunlich. Die Festivalidee, ins Leben gerufen vom Weltbund der Demokratischen Jugend (WBDJ) im Jahre 1945, hatte Rückenwind durch das Zusammenspiel zweier Umstände: Den weltweit geteilten Schock des Krieges und das Interesse der Sowjetunion an einer internationalen sozialistischen Jugendbewegung. Über den antifaschistischen Nachkriegskonsens gelang es zu Beginn, verschiedenste Jugendorganisationen in die Bewegung einzubinden. Allerdings: Die Kommunistische Internationale hatte bereits auf ihrem VII. Weltkongress 1935 die Strategie einer "Einheitsfront von oben" entwickelt – also die temporäre Kooperation mit sozialdemokratischen und bürgerlichen Kräften. Der Antifaschismus im Nachkriegseuropa bot dafür die ideale Klammer.

Schnell kristallisierte sich die neue Weltordnung heraus, die Fronten klärten sich: Die französische Regierung verwies 1951 das WBDJ-Sekretariat des Landes. Der neue Sitz war (und ist) Budapest, wo 1949 auch das zweite Festival stattfand. Bereits nach Prag 1947 verließen einige westliche Jugend- und Studentenorganisationen den WBDJ – und ebenso den Internationalen Studentenbund (ISB), der als Mitveranstalter fungierte.

Schon in Prag deutete sich an, dass die Weltfestspiele nicht nur sozialistische Jubelarien waren, sondern erhebliches Konfliktpotential freisetzten: innerhalb der internationalen Linken, aber auch zwischen den Vertretern des kommunistischen Blocks. Keineswegs alle Teilnehmer identifizierten sich 1947 mit der Agitation gegen den Marshallplan, der wirtschaftlichen Aufschwung für Europa verhieß. Latente oder offene Uneinigkeit blieb eine Konstante – genau wie der spezielle Programm-Mix: In Prag gab es unter anderem 25 Volkskunstveranstaltungen, 12 öffentliche Meetings, 32 Diskussionsforen, dazu viele Tanzabende, Freundschaftstreffen am Lagerfeuer und Filmveranstaltungen – außerdem gemeinsame Arbeitseinsätze zur Beseitigung von Kriegsschäden.

Straßenschlachten mit der Polizei

Prag und die beiden folgenden Festivals, Budapest 1949 und Berlin 1951, standen ganz im Zeichen des Stalinismus. 1949 verloren die Weltfestspiele unter dem Eindruck der sowjetischen Berlin-Blockade weiter an westlichem Kredit. Diesen versuchen die Ost-Berliner Machthaber 1951 zurück zu gewinnen. Die DDR sollte sich der ganzen Welt als vorbildlicher sozialistischer Staat präsentieren. Die 26.000 Gäste aus 104 Ländern kamen unter anderem in Genuss einer achtstündigen Demonstration gegen die Remilitarisierung der Bundesrepublik. Der sozialistische Personenkult erblühte, und der junge Staat schmückte sich mit namhaften Persönlichkeiten wie den Schriftstellern Pablo Neruda oder Martin Andersen Nexö. Die Ehrengäste waren sicher nicht von jenen Versorgungsengpässen betroffen, die den provisorischen West-Berliner Suppenküchen regen Zulauf bescherten. Auf Einladung des regierenden Bürgermeister Ernst Reuter kamen die Jugendlichen in die West-Sektoren, sehr zum Unmut des FDJ-Vorsitzenden Erich Honecker. Er setzte FDJler nach Westen in Bewegung, die sich Straßenschlachten mit der West-Berliner Polizei lieferten.

"Tauwetter" und Entstalinisierung bestimmten die (sozialistische) Welt in den 50er Jahren – wie Seismografen bildeten die Festspiele von Bukarest 1953 bis Moskau 1957 die politische Lage ab. Die offizielle Sprachregelung rückte die Friedenssehnsucht der Jugend und die Koexistenz der Systeme in den Mittelpunkt. Auf Bukarest 1953 lag noch unmittelbar der Schatten von Stalins Tod, Warschau stand bereits im Zeichen der Abrechnung mit dem Diktator. 1953 und 1955 präsentierten sich die Vertreter der deutschen Teilstaaten vereint: Ein gemeinsames Präsidium repräsentierte Deutschland in Bukarest, in Warschau traf eine vereinigte deutsche Delegation ein. Doch schon in Moskau 1957 hielt man wieder Distanz. Die 34.000 ausländischen Gäste dieses opulentesten aller Festivals erlebte unter anderem die Verleihung der Goldmedaille im Kompositionswettbewerb an Mikis Theodorakis.

Mit Wien 1959 wurde der Festival-Export in ein nicht-sozialistisches Land gewagt. Doch in der Wiener Diaspora traf die kommunistische Jugend auf Ablehnung – ebenso wie drei Jahre darauf in Helsinki. Die österreichische Presse ignorierte das Ereignis, offizielle Stellen gaben sich reserviert, die Organisation lag in den Händen der Kommunistischen Partei Österreichs (KPÖ). Das Kalkül eines kulturellen Brückenkopfes in der kapitalistischen Welt ging nicht auf. In Österreich wie in Finnland protestierten die nicht-kommunistischen Jugendverbände. Das neutrale Pflaster motivierte Gruppen wie den westdeutschen liberalen Studentenbund, auf dem Treffen Gegenpositionen zu beziehen. In Helsinki 1962 kam es bei Anti-Festival-Demonstrationen zu Straßenkämpfen mit der Polizei. Manipulation der Rednerlisten in Seminaren, Proteste westlicher Sozialisten und Abreisedrohungen trübten das Gesamtbild. Die große Show im nicht-sozialistischen Europa war ausgefallen.

Vom Prager Frühling bis zum Fall der Mauer

Nach dem Festival 1962 in Helsinki erleben die Weltfestspiele ihre erste Zäsur. Erst sechs Jahre später trifft sich die sozialistische Weltjugend wieder, unter neuen Vorzeichen: 1968 in Sofia bestimmen Prager Frühling, Studentenbewegung und Vietnamkrieg die formelle und informelle Festival-Agenda. Die Fortsetzung der Spiele im ereignisreichen Jahr 1968 ist weniger weitsichtigem Festivalmanagement geschuldet, sondern Resultat der politischen Instabilität in Afrika. Der Sturz des kooperativen Regimes Ben Bella in Algerien 1965 machte Algier als Austragungsort unmöglich. Auch die Ausweichlösung Ghana 1966 entfiel wegen eines Putsches. Man besann sich mit Sofia auf sozialistisches Kernland. "Experimente" mit afrikanischen oder neutralen Staaten blieben bis zum Zerfall des Sowjetimperiums aus. Pyöngyang 1989 war das letzte Festival des kalten Krieges.

Sofia 1968 sollte eine sichere Bank sein - organisatorisch wie von der öffentlichen Wirkung her. Stattdessen bot sich ein Panorama der 68er Ereignisse en miniature. Kritische Sozialisten aus der Bundesrepublik (insbesondere der Sozialistische Deutsche Studentenbund - SDS) übten den Schulterschluss mit tschechoslowakischen und jugoslawischen Gruppen. Der SDS rief zum Protest gegen den Vietnamkrieg vor der US-Botschaft auf – im Einklang mit dem Festivalthema, aber gegen die Festivalregie. Die Staatsmacht und sowjettreue Gruppierungen gehen gewaltsam gegen die Spontan-Demonstration vor. Teilnehmer aus der reformwilligen Tschechoslowakei sahen sich weiteren Schikanen ausgesetzt: Man verweigerte ihnen die Einreise, beschnitt Eintrittskartenkontingente und beschädigte die Festivaltribüne des Landes. 14 Tage später besetzten sowjetische Truppen Prag.

Im Zeichen der Entspannung

Die westdeutsche Presse bezeugte seltenen Respekt für ihre linksgestimmte Studentenschaft, im Osten vermutete die offiziellen Organe eine Verschwörung von Springer und dem SDS-Führer K.D. Wolff. Zu ähnlich spontanen und öffentlichkeitswirksamen Aktionen sollte es 1973 in Ost-Berlin auf keinen Fall kommen. Vor dem Hintergrund der Ostverträge mit Moskau und Warschau, ein halbes Jahr nach Abschluss des deutsch-deutschen Grundlagenvertrags und gut zwei Jahre nach Honeckers Machtübernahme kam dem Großereignis enorme symbolische Bedeutung zu: Als Prüfstein für das neue internationale Ansehen der DDR, als Ausdruck neuen sozialistischen Selbstbewusstseins in der Ära Honecker, als Testfall deutsch-deutscher Normalität. Statt unmittelbarer Repression setzten die Verantwortlichen auf akribische Planung, diskrete Überwachung und ideologische Schulung der DDR-Jugend. Offizielle Attacken auf die imperialistischen Mächte klammerten die Bundesrepublik aus. Der kolportierte letzte Wille des während des Festivals verstorbenen Honecker-Vorgängers Walter Ulbricht, die Spiele mögen weitergehen, beglaubigte zusätzlich den Eintritt in die "neue Epoche".

Die kubanische Hauptstadt Havanna war bereits 1968 als Austragungsort im Gespräch, aber gegen Sofia unterlegen, was zu erheblichen Verstimmungen führte. Zehn Jahre später gastierte die Weltjugend endlich im Land Fidel Castros und Che Guevaras. Gegenüber 1973 ebbte das bundesdeutsche Interesse 1978 jedoch ab, ein nationales Vorbereitungskomitee kam diese Mal nicht zustande. Die anti-imperialistische Jugend labte sich am kubanischen Revolutionsmythos: So konnte jeder ein kleines Säckchen mit Sand aus der Schweinebucht mit nach Hause nehmen, wo 1961 die revolutionären Truppen Castros einen Invasionsversuch von exil-kubanischen Kämpfern abwehrten.

1985 in Moskau stand der neue Führer des Ostblocks im Blickpunkt: Michail Gorbatschow, seit ein paar Monaten an der Macht, war noch ein unbeschriebenes Blatt. Sein Auftritt im vollbesetzten Lenin-Stadion wurde aufmerksam verfolgt. Beobachter registrierten einen Verzicht auf das obligatorische Pathos und Kampfparolen. Drei Tage nach Ende der Festspiele startet Gorbatschow mit dem einseitigen Stopp von Atomwaffentests eine Abrüstungsinitiative. Das bereits in Moskau (trotz Gorbatschow) festzustellende Erstarren der Weltfestspiele in bürokratischer Routine und Ideologie findet in Pyöngyang 1989 seinen Höhepunkt: Von der westlichen Öffentlichkeit weitgehend ignoriert treffen sich Jugendliche aus 177 Staaten im Nord-Korea des Kim Il Sung. Alexander Osang erinnert sich in einem Beitrag für die Berliner Zeitung 2001 ironisch an das Ereignis: Unter der Überschrift "Dead Man Walking" berichtet der Reporter über eine große Straßenparade, zu der er und ein Freund verspätet eintreffen: Der Umzug ist weg – doch tausende Koreaner am Straßenrand jubeln den beiden Spaziergängern zu. Pyöngyang war der bizarre Schlussakkord der Festivalbewegung im Kalten Krieg.

Die Weltfestspiele seit 1990

Verlauf und Resonanz der letzten Festivals bis 1989 deuteten bereits an, dass die Idee einer breiten internationalen Jugendbewegung für Frieden und gegen Imperialismus unter kommunistischer Führung gescheitert war. Nicht-sozialistische Gruppen und sozialistische Medien kehrten den Weltfestspielen den Rücken. Diese Entwicklung setzte sich nach der Wende im Ostblock fort: Zu den Festivals 1997 in Havanna und zuletzt 2001 in Algier reisten trotz Einladung keine sozialdemokratischen oder liberalen Gruppen an. Dazu beigetragen hat sicherlich die nur halbherzige Modernisierung des Konzepts: Zwar standen zuletzt Globalisierung, Umweltfragen und Entwicklungspolitik neben der obligaten Verurteilung der "imperialistischen" US-Politik auf dem Programm. Doch weiterhin sucht der WBDJ die Nähe zu diktatorischen Regimen. Überkommene Rituale wie der Einmarsch der Nationen diskreditieren die Veranstaltung zusätzlich – gerade in linken Kreisen.

Ohne das vitale politische Interesse des Ostblocks im Rücken standen die Weltfestspiele nach 1989 vor dem Aus. Fidel Castro versprach jedoch, die Geschichte des Festivals werde "nicht im Sande" verlaufen. Von Organisatoren und Teilnehmern als bedeutender Neuanfang gewürdigt, sah sich die Neuauflage im Kuba des "maximo lider" dem Spott der undogmatischen Linken ausgesetzt. Die liberale und bürgerliche Presse äußerte sich nicht. Zeitungen wie "taz" und "jungle world" kritisierten deutsche Gruppen für ihr unreflektiertes Einlassen auf den kubanischen Führerkult und den kruden Revolutionsmythos. Die Last der Vorbereitung lag, wie bereits für die Weltfestspiele 1973 dokumentiert, auf den freiwilligen Arbeitseinsätzen der Jugend vor Ort. Die verbliebenen öffentlichen Beobachter und deutschen Teilnehmer sind den überzeugten Festspiel-Sympathisanten zuzurechnen: Berichte loben unisono Enthusiasmus, Freundschaft und Solidarität.

Auf dem Abstellgleis

Auch Algier 2001 schürte Konflikte im Spektrum der Linken. Im Zusammenhang mit den bürgerkriegsähnlichen Zuständen in der Kabylei seit April jenes Jahres warfen kritische algerische Jugendgruppen der Regierung Völkermord vor. Jugendverbände aus Deutschland, Österreich und Frankreich boykottierten das Festival. Der WBDJ-Präsident Iraklis Tsavdaridis versuchte in einem Interview mit der Zeitung "Neues Deutschland" (ND) den Unterschied zwischen Festivalorganisation und Unterstützung der Regierungspolitik zu erläutern. Seine Hoffnung auf eine kritische Debatte blieb ein frommer Wunsch – die algerischen Sicherheitskräfte wussten entsprechende Initiativen zu unterbinden.

Gut dokumentiert findet sich der Festivalablauf einzig in der Berichterstattung der ehemaligen SED-Parteizeitung "Neues Deutschland". Die Beiträge schwanken zwischen Begeisterung und Missstimmung. Der Verweis auf die "lange entbehrte Festivalkultur" in Algerien liest sich wie eine nostalgische Reminiszenz auf Berlin 1973. Doch tätliche Übergriffe – etwa von irakischen Abgesandten gegen irakische Oppositionelle – trübten neben den allgegenwärtigen Sicherheitsbeamten die "sozialistische Seligkeit". Beerdigen will man die Festivalidee deswegen aber noch nicht: Schließlich meldeten mit Vietnam, Venezuela und Namibia gleich drei Länder ihr Interesse an der Ausrichtung der XVI. Weltfestspiele der Jugend und Studenten an.
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