Weltfestspiele 1973

Das Jahr 1973

Zwei Deutschlands – Zwei Machtblöcke

17.7.2003
Die X. Weltfestspiele fanden in einer Phase der Entspannung zwischen den Supermächten USA und Sowjetunion statt. Der Grundlagenvertrag regelte das deutsch-deutsche Verhältnis und bot die Basis für eine Annäherung. Im Osten kam "Die Legende von Paul und Paula" in die Kinos und im Westen lief die "Sesamstraße" an. Was sonst noch geschah, lesen Sie hier.

In Ost-Deutschland begeistert "Die Legende von Paul und Paula" – im Westen die erste Talkshow

Berlin, Sommer 1973. In den Monaten Juli und August liegt die mittlere Temperatur bei rund 18 Grad Celsius und die Berliner und Berlinerinnen, in Ost und West, erfreuen sich an 22 offiziellen Sommertagen. Am 28. Juli beginnen die X. Weltfestspiele in Ost-Berlin, für neun Tage steht die Hauptstadt der DDR Kopf. Bis zum 5. August kommen rund 8 Millionen Menschen zusammen, darunter 25.000 Gäste aus dem Ausland. Rückblickend werden sich nur zweimal so viele Menschen auf dem Alexanderplatz drängeln – zu den Weltfestspielen 1973 und zum Fall der Mauer 1989.

Die X. Weltfestspiele waren ein Massenspektakel zwischen politischer Inszenierung, Repression, dem Dialog einer internationalen Jugend und persönlichen Begegnungen. Ein Mikrokosmos entstand, getragen von den Hoffnungen auf gegenseitiges Verständnis und Frieden. Diese "Ausnahmetage" waren eingebettet in die Zeit der deutsch-deutschen Teilung, wenn sich auch eine Annäherung abzeichnete, und in die Phase der Entspannungspolitik der beiden nuklearen Supermächte USA und Sowjetunion (SU).

Deutschland – Ost

Seit den 1960er Jahren zeigten die USA und die SU ihren Willen zur friedlichen Koexistenz und praktischen Kooperation. Die internationale Entspannung hatte erhebliche Enflüsse auf die DDR-Innenpolitik. 1971 erfolgte der Machtwechsel vom Staats- und Parteichef Walter Ulbricht auf Erich Honecker womit sich auch ein Generationenwechsel vollzog. Die Unzufriedenheit der Bevölkerung mit der Politik Ulbrichts wurde umgemünzt in Hoffnungen auf die neue Staatsspitze. Die "goldenen Jahre" der DDR begannen und "Konsum" war nun durchaus gewollt. Die 1970er Jahre waren zugleich das zweite Jahrzehnt mit und hinter/vor der Mauer. Eine Generation wuchs heran, die keine Erinnerung an ein offenes Berlin hatte. Für Erich Honecker boten die X. Weltfestspiele allerdings Gelegenheit, eine "weltoffene" und tolerante DDR zu präsentieren und zu inszenieren.

Ab April 1973 konnten sich Journalisten aus der Bundesrepublik erstmals als DDR-Korrespondenten akkreditieren. Ende des Monats kam der DEFA-Film "Die Legende von Paul und Paula" in die Kinos und wurde zu einem unerwarteten Erfolg. Noch während der Weltfestspiele, am 1. August, verstarb Walter Ulbricht. Doch das politische Geschehen hatte sich so weit fortentwickelt, dass die Weltfestspiele nicht unterbrochen wurden. Offiziell hieß es, Ulbrichts letzte Worte seien gewesen: "Aber die Weltfestspiele, die sollen weitergehen." Im November fand die Grundsteinlegung für den Palast der Republik statt: Künftiges "Volkshaus" und Sitz der DDR-Volkskammer zugleich, im Berliner Volksmund auch als "Erichs Lampenladen" bekannt.

Das deutsch-deutsche Verhältnis wurde bestimmt durch den Grundlagenvertrag, der im Dezember 1972 geschlossen worden war. Damit war ein neues Fundament gegenseitiger Anerkennung und Koexistenz geschaffen.

Deutschland – West

Der Grundlagenvertrag war Ausdruck der Ostpolitik von Bundeskanzler Willy Brandt. Diese neue Politik des "Wandels durch Annäherung" bestimmte die öffentliche Debatte und erregte die politischen Gemüter. Im Juli 1973 musste das Bundesverfassungsgericht die Vereinbarkeit des Grundlagenvertrages mit dem Grundgesetz feststellen. Die Bundesregierung suchte auch mit den anderen Nachbarstaaten im Osten ein "geregeltes Nebeneinander", das zu einem Miteinander führen sollte. Im Dezember wurde der Prager Vertrag zur Normalisierung des deutsch-tschechischen Verhältnisses unterzeichnet.

Im Mai 1973 besuchte der sowjetische Parteichef Leonid Breschnew die Bundesrepublik, es war sein erster offizieller Besuch. Die weltweite Öl-Krise traf auch West-Deutschland und es folgten die ersten autofreien Sonntage – gezwungenermaßen durch ein Sonntagsfahrverbot. Die Fernsehlandschaft bekam zwei neue Stars: Mit "Je später der Abend" lief die erste Talkshow mit Dietmar Schönherr über die westdeutschen Bildschirme und die Kinderserie "Sesamstraße" amüsierte nun auch die "Kinder der ARD".

Ein wichtiger Moment für West- und Ostdeutschland in gleichem Maße und für ihr internationales Gewicht war der 18. September 1973. Beide deutschen Staaten wurden in die Vereinten Nationen aufgenommen.

Die internationale Bühne

Die internationale Politik der 1970er Jahre war bestimmt durch die Entspannungspolitik zwischen den USA und der SU. Die Kuba-Krise von 1962 bereitete nach wie vor als Gefahr eines atomaren Krieges die Dialog- und Kooperationsbereitschaft der beiden Supermächte. Im Juni reiste Breschnew in die USA und traf mit dem US-Präsidenten Richard Nixon zusammen. Beide unterzeichneten ein Abkommen zur Verhinderung eines Atomkrieges, das beide Supermächte bei Kriegsgefahr zu gegenseitigen Konsultationen verpflichtet. Im September kamen Vertreter der USA und der Sowjetunion in Genf zu den SALT-II-Verhandlungen zusammen, zur Begrenzung der strategischen Rüstung.

Der Vietnam-Krieg ging zu Ende. Die USA stellten ihre Kriegshandlungen ein und im Januar wurde in Paris ein Waffenstillstandsvertrag unterzeichnet. Im März zogen die letzten US-amerikanischen Truppen aus Vietnam ab. Im Juli fand die erste Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa statt – Höhepunkt der Entspannungspolitik. In Helsinki kamen Vertreter und Vertreterinnen aus 35 west- und osteuropäischen Staaten sowie der USA und Kanada zusammen. Die Konferenz führte 1975 schließlich zur KSZE-Schlussakte und schuf die Grundlage für Entspannung und Zusammenarbeit in Europa.

Die politischen Ereignisse des Jahres 1973 prägten auch die X. Weltfestspiele. Es war eine Zeit der Entspannungspolitik und Annäherung – wenn auch die Mauer bis 1989 Deutschland weiterhin teilte und der Kalte Krieg die internationale Politik bestimmte.

Sonja Ernst