Ein Modell der Berliner Museumsinsel.

Trauma und Stadtplanung

Der Wiederaufbau von Tokio und Hiroshima nach dem Zweiten Weltkrieg


3.4.2005
In Japans Städten erinnert fast nichts an ihre frühere Zerstörung im Zweiten Weltkrieg. Nur Hiroshimas Stadtplaner entwarfen den Wiederaufbau der Stadt auch als Mahnmal für die Opfer der Atombombe. Carola Hein schildert, wie die "Friedensstadt" im Tauziehen von Vision und pragmatischen Bedürfnissen ihr heutiges Gesicht gewann.

Als Japan am 15. August 1945 seine Niederlage erklärte und damit den Zweiten Weltkrieg beendete, lagen 215 japanische Städte in Trümmern.[1] Unter ihnen die Hauptstadt, Tokio, die Metropolen Yokohama, Nagoya, Osaka und Kobe sowie die Städte Hiroshima und Nagasaki – die ersten urbanen Zentren, die von den Auswirkungen einzelner Atombomben vernichtet wurden. Mit Ausnahme Okinawas waren die japanischen Städte weitgehend aus der Luft zerstört worden. Brandbomben hatten von den dicht bevölkerten hölzernen Zentren nur ausgedehnte Freiflächen übrig gelassen, auf denen vereinzelt Ruinen von Betonbauten, Schornsteine oder Steinmauern standen.

Der desolate Zustand der Städte spiegelte den allgemeinen Zustand der japanischen Gesellschaft wider. Das Land war besiegt und besetzt, und seine politische Zukunft war unklar. Die Wirtschaft lag am Boden, und die Menschen kämpften verzweifelt um ihr Überleben. Großartige Wiederaufbaupläne und Denkmale an die Zerstörung waren unter diesen Bedingungen nicht möglich. Der konkrete Wiederaufbau wurde weitgehend den privaten Landbesitzern überlassen, die ihre Häuser möglichst schnell wieder errichten wollten, aber nicht an besonderen architektonischen Gesten der Erinnerung interessiert waren. Die Neugestaltung japanischer Städte konzentrierte sich auf die Verbesserung der Infrastruktur, auf Straßenverbreiterung und -begradigung.[2]

Heute, fünfzig Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, erinnert in den meisten japanischen Städten fast nichts mehr an ihre frühere Zerstörung. Nachkriegsbauten entstanden zwar mit neuen Baumaterialien an breiteren Straßen, bei diesen architektonischen und städtebaulichen Veränderungen handelt es sich jedoch nicht um eine Reaktion auf die Zerstörungen des Luftkrieges, sondern um das Ergebnis der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Transformationen der Nachkriegszeit, die auch vor den Toren historischer Städte, die von den Bomben des Zweiten Weltkriegs verschont geblieben waren, nicht Halt machten. Neubauten, Straßenverbreiterungen und Stadtwachstum bestimmen zum Beispiel auch das Stadtbild von Kioto, der im Krieg nicht bombardierten historischen und kulturellen Hauptstadt Japans. Die einzige japanische Stadt, die ihren Wiederaufbau zum Anlass für eine Neuformulierung ihrer Stadtfunktion und ihres Stadtbildes genommen hat, ist Hiroshima. Dort wurde in der Nachkriegszeit mit dem Friedensboulevard, dem Friedenszentrum und dem so genannten Atombombendom – eines der Backsteingebäude, das nicht durch den Druck der Explosion hinweggefegt und als Mahnmal bewahrt wurde – eine neue Stadtmitte geschaffen. Hiroshima ist zu einem internationalen Symbol geworden, da es bekanntlich dort das erste Mal geschah, dass eine Atombombe über einem dicht bevölkerten städtischen Gebiet explodierte.

Obwohl japanische Städte im Laufe der Jahrhunderte regelmäßig von Erdbeben, Taifunen, Flutwellen und Feuern zerstört wurden, sind großflächige, monumentale oder visionäre Wiederaufbauplanungen und Baudenkmale in Erinnerung an vorhergehende Zerstörung selten. Auch gewaltigen Zerstörungen, wie sie 1923 das Große Kanto Beben in Tokio und Yokohama hervorrief, folgten pragmatische Wiederaufbauplanungen. Dieses Ereignis und seine Konsequenzen unterscheiden sich jedoch in verschiedener Hinsicht von der Zerbombung von 1945. Die zuständigen Planenden in Tokio versuchten direkt nach dem Krieg in ihren Wiederaufbauplanungen nicht, die Rolle der japanischen Hauptstadt in den verlorenen Aggressionskriegen zu kommentieren oder der in Luftangriffen getöteten Zivilbevölkerung zu gedenken. Ihre Planungen waren auf die Verbesserung der städtebaulichen Form gerichtet, unabhängig von den politischen Ereignissen, die zur Zerstörung der Hauptstadt geführt hatten. Nach Meinung von Hideaki Ishikawa, dem langjährigen Leiter der Stadtplanungsabteilung der Tokioter Metropolitanen Regierung, waren die Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs eine einzigartige Gelegenheit, neue Formen zu schaffen. So kommentierte Ishikawa die Zerstörung Hiroshimas mit den Worten: "Hiroshima hat eine Ressource, die in Hunderten von Jahren nur selten zur Verfügung steht. Es ist dieses weite, offene Land."

Erste Nachrichten nach dem Bombenabwurf nährten Befürchtungen, dass das Land für viele Generationen unbewohnbar sein würde. Die Annahme, dass die Stadt deshalb für einen Wiederaufbau ungeeignet sei, führte unter anderem zum Vorschlag, eine neue Stadt an einem anderen Ort zu bauen.[3] Führende japanische BürgerInnen waren in der ersten Nachkriegszeit davon überzeugt, dass ein besonderes Denkmal für Hiroshima notwendig sei, und etliche Veröffentlichungen forderten den Erhalt der Ruinen als Denkmale. Ichio Kuwabara, der frühere Präsident der Asahi Industrie, schlug vor, das zerstörte Gebiet als Denkmal und Symbol des Weltfriedens zu erhalten, umgeben von kulturellen und religiösen Institutionen. Der Dichter Sankichi Toge, der selbst radioaktiv verstrahlt worden war und 1953 im Alter von sechsunddreißig Jahren an den Folgen der Strahlung starb, schlug einen Plan für eine grüne, dezentralisierte Stadt vor.

Der Bürgermeister und die Hälfte der Verwaltungsangestellten waren jedoch durch die Atombombe getötet worden, und der Stadtverwaltung fehlte es an MitarbeiterInnen, um so ein Projekt durchzuführen. Der Präfekturgouverneur übernahm die Verwaltung. 1946 lag der erste Wiederaufbauplan vor.[4] Die städtebauliche Diskussion wendete sich von ursprünglich visionären Projekten ab und konzentrierte sich auf pragmatische Themen – der Wiedererrichtung von Straßen und technischen Infrastrukturen sowie sozialen Diensten –, wie sie auch in anderen Städten typisch waren. Parallel verfolgte die Stadt jedoch auch Bemühungen, die Atombombenzerstörung im Wiederaufbau zu verewigen. 1946 entsandte die nationale Regierung Kenzô Tange nach Hiroshima, um einen Stadtplan zu erstellen. In seinem ersten Vorschlag entwarf Tange bereits den später realisierten Friedensboulevard und das so genannte Friedenszentrum, einen öffentlichen Versammlungsort und eine Gedenkstätte, genau unter dem Epizentrum der Explosion gelegen.

Für Tange war das Projekt der Friedensstadt Anlass, Hiroshima neu zu erfinden.[5] Überall in der Stadt schlug Tange diverse Einrichtungen vor, die sowohl TouristInnen als auch den EinwohnerInnen der Friedensstadt Hiroshima nützen sollten, darunter internationale Hotels, ein Aquarium, eine Pferderennbahn sowie Projekte zur Verbesserung des Ota-Flusses. Im Zentrum des Projektes stand der Friedensmemorialkomplex, zusammengesetzt aus einem Park für jährliche Friedensveranstaltungen mit einem Memorial-Museumskomplex, einer Gedächtnisstätte, dem Zenotaph und anderen Denkmalen, der Ruine des Atombombendomes sowie diversen kulturellen Institutionen. Von diesem groß angelegten Projekt wurde nur der Teil im Bereich der früheren Nakajima Nachbarschaft realisiert. Drei auf Stützen stehende und durch Passagen verbundene Bauten für das Museum und einen Hörsaal sind parallel zum Friedensboulevard angeordnet. Rechtwinklig dazu verläuft eine Achse, die sich über den Zenotaph zum Atombombendom erstreckt. Obwohl Tanges Plan nur zu einem Teil realisiert wurde, ist der Plan dennoch ein Sieg über die wirtschaftlichen Schwierigkeiten der Zeit zwischen 1949 und 1955, was zeigt, dass Architektur und Stadtplanung eine wichtige Rolle in Bezug auf die Erinnerung an historische Ereignisse einnehmen können.[6]

Das heutige Hiroshima zeigt dennoch nicht die Schönheit, Harmonie und Lebensqualität, die sich die Planenden wünschten. Der Friedenspark, das Museum und der Boulevard existieren zwar als Denkmale im Hinblick auf die Zerstörung, sie sind jedoch Teil einer gewöhnlichen japanischen Stadt ohne eine umfassende Vision und vielfältige architektonische Denkmale in der gesamten Stadt, wie Tange sie erhofft hatte.[7] Die städtische Umwelt wurde "gezähmt", und der Tourismus trägt zur Kommodifizierung der Stadt bei, wie sie Lisa Yoneyama beschreibt.[8] Viele Gebäude in Hiroshima, die das Atombombeninferno überstanden, wurden später abgerissen, und noch heute kämpfen BewohnerInnen von Hiroshima und Überlebende der Atombombenexplosion (diese Überlebenden werden "hibakusha" genannt) um die Erhaltung von solchen Gebäuden.[9]

Im Gegensatz zu Tokio, das sich als wesentlicher Akteur des Krieges auf einen pragmatischen Wiederaufbau konzentrierte, verlieh Hiroshima seinem Status als Opfer einer nie zuvor da gewesenen Zerstörung und dem qualvollen Massentod der zivilen Bevölkerung im Friedenszentrum Ausdruck. Daraus ergibt sich die Frage, ob Städte, deren Nation auf der Gewinnerseite stand, andere Wiederaufbaustrategien verfolgten, als jene, deren Länder zu den Verlierern gehörten, ob der Wiederaufbau vom Trauma des Krieges bestimmt wird, oder ob er weitgehend das Resultat von langjährigen Stadtplanungstraditionen ist.

Quelle: Der Text ist ein Auszug aus dem Beitrag "Trauma und Stadtplanung" in: Fraisl, Bettina/Monika Stromberger (Hg.): Stadt und Trauma/City and Trauma. Annäherungen – Konzepte – Analysen. Würzburg: Königshausen & Neumann 2004, S. 105-122.


Fußnoten

1.
Diese Zahl enthält nicht die Städte und Siedlungen auf den Ryukyu Inseln, wo Bodenkämpfe und spätere Requisitionen durch die amerikanische Armee große Zerstörungen verursachten.
2.
Zum Wiederaufbau japanischer Städte nach dem Zweiten Weltkrieg siehe: Carola Hein, Jeffry Diefendorf und Yorifusa Ishida (Hg.): Rebuilding Urban Japan after 1945. London: Palgrave Macmillan 2003.
3.
Ebd., S. 19.
4.
Ebd., S. 44.
5.
Peace City Hiroshima. Tokyo: Dai Nippon Printing Co., o. J., S. 2.
6.
Tange schrieb: "[P]eace park is not that heart of an ideal city to which we have been mentally so attached. It represents an unusual and fortunate opportunity in Japan. For it has been possible to gain the co-operation of various administrative and governing interests and get them to agree to act together as a single body so that the realization of this project may be possible." Zit. n.: Paolo Riani: Kenzo Tange. London/New York: Hamlyn 1970, S. 8-10.
7.
Norioki Ishimaru u.a. (Hg.): Architectural Witnesses to the Atomic Bombing: A Record for the Future. Hiroshima: Hiroshima Peace Memorial Museum 1996.
8.
Siehe Kapitel 1 "Taming the Memoryscape" in: Yoneyama, Lisa: Hiroshima Traces. Time, Space, and the Dialectics of Memory. Berkeley: University of California Press 1999, S. 43-65.
9.
Siehe ebd., Kapitel 2: "Memories in Ruins" (S. 66-82).

 

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