"Stolpersteine" des Künstlers Gunter Demnig.

28.9.2005 | Von:
Jochen Fischer
Hans Karl Rupp

Deutsche Vereinigung und NS-Vergangenheit

Vom Wunsch der Deutschen nach Einheit und von ihrem Vollzug ging keine neue Gefahr im Sinne einer Wiederholung der Geschichte aus. Antisemitismus ist ein bei Durchbrechung sanktioniertes Tabu.

Schienen im ehemaligen Nazi-Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau am 17 Januar 2005 im heutigen südlichen Polen. Schätzungsweise 600.000 Menschen besuchen das Lager jedes Jahr um zu lernen oder zu trauern; die große Mehrheit bewegt sich ruhig und in einem Geist der Ehrfurcht auf dem Komplex. Das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau war das größte deutsche Vernichtungslager während der Zeit des Nationalsozialismus.Das ehemalige Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau ist heute eine öffentlich zugängliche Gedenkstätte, die ca. 600.000 Menschen im Jahr besuchen. (© AP)

Einleitung

"Wegen Auschwitz keine Wiedervereinigung!" war in den Monaten vor und nach dem Fall der Mauer in Berlin eine unter westdeutschen Intellektuellen verbreitete Auffassung. Der Schriftsteller und spätere Nobelpreisträger Günter Grass vertrat als Gastredner auf dem SPD-Parteitag im Dezember 1989 die Auffassung, es müsse vermieden werden, dass in der Mitte Europas wieder eine Großmacht entstehe.

Ein "Einheitsstaat, dessen wechselnde Vollstrecker während nur knapp 45 Jahren anderen und uns Leid, Trümmer, Niederlagen, Millionen Flüchtlinge, Millionen Tote und die Last nicht zu bewältigender Verbrechen ins Geschichtsbuch geschrieben haben, verlangt nicht nach einer Neuauflage"[1].

Noch schärfer formulierte es Grass auf einer Tagung der Evangelischen Akademie Tutzing im Februar 1990: "Das unter dem Begriff Auschwitz summierte und durch nichts zu relativierende Verbrechen Völkermord lastet auf diesem Einheitsstaat. (...) Er war die früh geschaffene Voraussetzung für Auschwitz."[2] Ähnlich äußerte sich der im Februar 1990 zum Kanzlerkandidaten der SPD bestimmte Oskar Lafontaine:

Der Nationalstaat im Allgemeinen und der deutsche im Besonderen seien historisch überholt, ja geradezu gefährlich, sollte eine Wiedervereinigung Deutschlands vor der politischen Einigung Europas und unabhängig von ihr erfolgen.[3] Das Signum "Auschwitz" wurde von Lafontaine geradezu zu einer felix culpa im Sinne des Kirchenvaters Ambrosius umgedeutet, schreibt der Historiker Heinrich August Winkler.[4]

Dagegen trat nach dem "Rausch der Einheit" eine ganze Gruppe nationalbeschwingter Publizisten und Sozialwissenschaftler von Arnulf Baring bis Rainer Zitelmann mit euphorischen Bekenntnissen und Hoffnungen hervor. Der aus der Vergessenheit wieder auftauchende Gründer und ehemalige Herausgeber des Achtundsechziger-Magazins "konkret", Klaus Rainer Röhl, meinte in einem Beitrag zum Sammelband "Die selbstbewußte Nation", endlich könne man aus den Jahrzehnten der "Umerziehung" heraustreten: "Ein halbes Jahrhundert nach dem Morgenthau-Plan und dem Anfang der großen Umerziehung beginnen Deutsche überall im Land, sich selbst wieder wahrzunehmen."[5]

Eine andere Art "befreiten" Hinter-sich-Lassens der alliierten "Umerziehung" zeigte sich schon im Winter 1990/91 in einer nach 1945 bis dahin ungekannten Welle von Gewalt und Obszönität, gerichtet gegen jüdische Synagogen, Gemeindezentren und Friedhöfe. Unmittelbar nach der Vereinigung am 3. Oktober 1990 breiteten sich Brandanschläge und Friedhofsschändungen über das vereinigte Deutschland aus; ebenso erfassten zwischen dem ersten und dem zweiten Jahrestag der deutschen Einheit Attacken auf Asylbewerberheime fast alle Teile der Republik. Der Historiker Manfred Görtemaker spricht von insgesamt 1639 Gewalttaten allein im Jahr 1992.[6] Großdemonstrationen und öffentlichkeitswirksame Aktionen und Lichterketten in den großen deutschen Städten zwischen November und Dezember 1992, an denen Hunderttausende teilnahmen, beendeten die Kette von Ausschreitungen. Die Staatsanwaltschaften, die Innenbehörden und die Polizei griffen nun früher und umfassender ein.

Zudem verbesserte sich vorübergehend die ökonomische Situation. Das erhöhte Konsumniveau in Ostdeutschland, bedingt durch die deutliche Anhebung der tariflichen Grundentlohnung "von etwa 35 auf 80 Prozent in den Jahren 1990 bis 1993"[7], sowie die Folgen des "Vereinigungsbooms" in Westdeutschland milderten den Transformationsprozess und verhinderten zunächst ein erneutes Umsichgreifen rechtsextremer Umtriebe. Dennoch wurde seither nicht nur bei ostdeutschen Landtagswahlen immer wieder ein Aufflackern offen oder tendenziell neonazistischer Wählervoten sichtbar.


Fußnoten

1.
Günter Grass auf dem Berliner Programm-Parteitag der SPD 1989. Protokoll. Berlin, 18.-20.12. 1989, Bonn 1990, S. 151.
2.
Ders., Kurze Reden eines vaterlandslosen Gesellen, in: Die Zeit vom 9.2. 1990, S. 61.
3.
Vgl. Heinrich August Winkler, Der lange Weg nach Westen II. Deutsche Geschichte 1933 - 1990, Bonn 2004, S. 527. Diese Position vertrat in ähnlicher Weise der französische Staatspräsident François Mitterrand, der für seine Zustimmung zur deutschen Einheit die rasche Umsetzung der europäischen Währungsunion als Gegenleistung forderte; vgl. Hans Karl Rupp, Politische Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, München/Wien 2000(3), S. 298.
4.
Vgl. H. A. Winkler (ebd.), S. 478.
5.
Klaus Rainer Röhl, Morgenthau und Antifa. Über den Selbsthaß der Deutschen, in: Heimo Schwilk/ Ulrich Schacht (Hrsg.), Die selbstbewußte Nation. "Anschwellende Bocksgesänge" und weitere Beiträge zu einer deutschen Debatte, Berlin 1994, S. 99.
6.
Vgl. Manfred Görtemaker, Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, München 1999, S. 780.
7.
Ebd., S. 775.