"Stolpersteine" des Künstlers Gunter Demnig.
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Kampf um die Republik 1919 - 1923


23.12.2011
Schon die ersten Jahre der Weimarer Republik erwiesen sich politisch als äußerst schwierig: Die Last der Reparationszahlungen, die fehlende Akzeptanz der neuen Staatsform in der Bevölkerung und ein aufkeimender Extremismus stellten die junge Demokratie vor eine Zerreißprobe.

Private Aufnahme vom 15. Mai 1919 mit handschriftlichem Vermerk: Vor dem Reichstagsgebäude finden Demonstrationen gegen den Versailler Freidensvertrag statt. Nach ausdrücklicher Aufforderung unterzeichnete am 28. Juni 1919 die deutsche Delegation den Vertrag.Private Aufnahme vom 15. Mai 1919 mit handschriftlichem Vermerk: Vor dem Reichstagsgebäude finden Demonstrationen gegen den Versailler Freidensvertrag statt. Nach ausdrücklicher Aufforderung unterzeichnete am 28. Juni 1919 die deutsche Delegation den Vertrag. (© Public Domain, Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz)

Einleitung



Noch vor der Verabschiedung der Verfassung musste sich die Nationalversammlung mit dem Friedensvertrag befassen. Am 7. Mai 1919 erhielt die vom parteilosen Außenminister Ulrich Graf Brockdorff-Rantzau geleitete deutsche Delegation den Entwurf, den die seit dem 18. Januar in Paris tagende Konferenz der Siegermächte – ohne Beteiligung der Besiegten – erarbeitet hatte. Er war letztlich das Werk der "Großen Drei": des US-Präsidenten Woodrow Wilson, des britischen Premierministers Lloyd George und des französischen Ministerpräsidenten Georges Clemenceau.

Der Friedensvertrag von Versailles



Die vorgesehenen Gebietsverluste, Souveränitätsbeschränkungen, Reparationen und vor allem die Zuweisung der Alleinschuld am Krieg lösten in ganz Deutschland, quer durch alle politischen Lager und sozialen Schichten, einen Entrüstungssturm aus. Fast alle deutschen Änderungswünsche (bis auf eine Abstimmung in Oberschlesien über die nationale bzw. staatliche Zugehörigkeit) wiesen die Alliierten ab. Daraufhin trat das Kabinett Scheidemann am 20. Juni zurück; die DDP schied vorläufig aus der Koalition aus (bis zum 3. Oktober 1919). Neuer Reichskanzler wurde Gustav Bauer (MSPD).

Territoriale Forderungen, die aus dem Versailler Friedensvertrag hervorgingen.Territoriale Forderungen, die aus dem Versailler Friedensvertrag hervorgingen.
Am 23. Juni rief Reichspräsident Ebert bei der OHL in Kolberg an, um sich nach den Chancen eines militärischen Widerstandes zu erkundigen. Hindenburg überließ es Groener, Ebert mitzuteilen: "Die Wiederaufnahme des Kampfes ist [...] aussichtslos. Der Friede muss daher unter den vom Feinde gestellten Bedingungen abgeschlossen werden." Da es keine verantwortbare Alternative gab, beschloss die Nationalversammlung am Nachmittag des 23. Juni 1919 mit großer Mehrheit die Annahme des Friedensvertrages, gegen die Stimmen von DNVP, DVP, der Mehrheit der DDP-Fraktion und einiger Zentrumsabgeordneter. Die Unterzeichnung fand am 28. Juni 1919 im Spiegelsaal des Schlosses zu Versailles statt – dem Ort, den die deutschen Fürsten 1871 gewählt hatten, um Wilhelm I. zum Kaiser auszurufen und gleichzeitig Frankreich zu demütigen. Der Vertrag von Versailles trat nach der Ratifizierung durch die Unterzeichnerstaaten am 10. Januar 1920 in Kraft.

Bestandteil des Vertrages war die Satzung des vor allem auf Betreiben Wilsons am 29. April 1919 in Versailles gegründeten Völkerbundes, dem Deutschland vorläufig nicht angehören durfte. Der US-Kongress verweigerte jedoch im November 1919 seine Zustimmung, weil er künftige Verwicklungen der USA in europäische Konflikte vermeiden wollte. Dadurch war der Völkerbund von vornherein geschwächt. Ein deutsch-amerikanischer Friedensschluss erfolgte am 25. August 1921.

Die deutsche Delegation der bei den Verhandlungen zum Versailler Friedensvertrag.Die deutsche Delegation der bei den Verhandlungen zum Versailler Friedensvertrag. Lizenz: cc by-sa/3.0/ (Bundesarchiv, Bild 183-R11112, Foto: o.A.)
Der Versailler Vertrag nahm Deutschland nicht nur sämtliche Kolonien, sondern auch 13 Prozent seines Territoriums und zehn Prozent seiner Bevölkerung, damit verbunden 50 Prozent der Eisenerzversorgung, 25 Prozent der Steinkohleförderung, 17 Prozent der Kartoffel- und 13 Prozent der Weizenernte. Der Großteil dieser Gebiete fiel an den nach 123-jähriger Teilung wieder gegründeten Staat Polen, den die Alliierten auch als Bollwerk gegen den russischen Bolschewismus betrachteten. Die neue Grenzziehung im Osten führte wegen der dortigen gemischtnationalen Siedlungsweise unvermeidlich zu neuen Minderheitsproblemen. Wo bisher Polen unter preußisch-deutscher Herrschaft lebten und nationalistische Diskriminierungen erdulden mussten, kehrten sich diese Verhältnisse jetzt um. Im März 1918 hatte Deutschland dem Russischen Reich im "Diktatfrieden" von Brest-Litowsk annähernd ein Viertel seines europäischen Territoriums – das freilich von nach Unabhängigkeit strebenden Völkern bewohnt war – und damit ein Viertel seiner landwirtschaftlichen Nutzfläche sowie drei Viertel seiner Schwerindustrie und Kohleproduktion entzogen. Nun wurde es selbst in Versailles ähnlich hart behandelt. Gleichwohl blieb sein nationalstaatliches Gefüge weitgehend erhalten; auch eine Rückkehr in den Kreis der Großmächte war keineswegs ausgeschlossen.

Quellentext

Bestimmungen des Versailler Vertrages

Gebietsabtretungen
Elsass-Lothringen an Frankreich (ohne Abstimmung)
Saargebiet für 15 Jahre unter Völkerbundkontrolle, Kohlegruben an Frankreich, deutsches Rückkaufrecht (1935 Abstimmung)
Eupen und Malmedy an Belgien (nach umstrittener Abstimmung)
Nordschleswig an Dänemark (nach umstrittener Abstimmung)
Posen und Westpreußen ("Korridor") an Polen (ohne Abstimmung)
Südliche Teile Ostpreußens an Polen (dazu kam es nicht, weil bei der Abstimmung über 90 Prozent den Verbleib bei Deutschland wünschten)
Danzig mit Weichselmündung "Freie Stadt" unter Kontrolle des Völkerbundes, mit Sonderrechten für die polnische Minderheit
Memelgebiet 1923 an Litauen (ohne Abstimmung)
Ostoberschlesien an Polen (trotz Abstimmung in Oberschlesien, bei der 60 Prozent den Verbleib bei Deutschland wünschten)
Hultschiner Ländchen an die Tschechoslowakei (ohne Abstimmung)
Deutsche Kolonien als Mandatsgebiete an verschiedene alliierte Staaten

Souveränitätsbeschränkungen
Auslieferung des Kaisers als Kriegsverbrecher (von den Niederlanden abgelehnt)
Verbot der Vereinigung mit Deutsch-Österreich
Eingeschränkte Lufthoheit
Internationalisierung der Flüsse Rhein, Donau, Elbe, Oder und Memel
Verbot der allgemeinen Wehrpflicht, Beschränkung des Heeres auf 100000 Mann und der Marine auf 15000 Mann
Verbot aller schweren Waffen (Kanonen, Panzer, Kampfflugzeuge, U-Boote, Großkampfschiffe)
Kontrolle durch eine alliierte Kommission
Besetzung des linken Rheinufers und rechtsrheinischer Brückenköpfe auf 15 Jahre, 50 km breite entmilitarisierte Zone rechts des Rheins

Reparationen
Als völkerrechtliche Grundlage aller Forderungen dient der Artikel 231 ("Kriegsschuldparagraph"):
"Die alliierten und assoziierten Regierungen erklären und Deutschland erkennt an, dass Deutschland und seine Verbündeten als Urheber für alle Verluste und Schäden verantwortlich sind, die die alliierten und assoziierten Regierungen und ihre Staatsangehörigen infolge des Krieges, der ihnen durch den Angriff Deutschlands und seiner Verbündeten aufgezwungen wurde, erlitten haben."

Gefordert werden:
umfangreiche Sachlieferungen
Ablieferung aller Handelsschiffe über 1600 Tonnen
Zahlungen in Goldmark (GM) in erst noch zu berechnender Höhe

Der Versailler Vertrag (Abriss)




Dennoch gelangte die deutsche Öffentlichkeit bei der Auseinandersetzung mit dem Vertrag von Versailles über eine leidenschaftliche Verdammung nicht hinaus. Zu groß war die Enttäuschung darüber, dass das von Wilson proklamierte Selbstbestimmungsrecht der Völker zwar auf andere Nationen, aber kaum auf Deutschland angewandt wurde.

Finanzpolitik und Wirtschaftsentwicklung



Im Sommer 1919 waren die Umstellung der Kriegs- auf Friedenswirtschaft und die Wiedereingliederung der Kriegsteilnehmer in den Arbeitsprozess noch nicht abgeschlossen; hinzu kamen Flüchtlinge und Ausgewiesene aus den abgetrennten Ostgebieten. Die Binnenwirtschaftsbeziehungen zu diesen Territorien wurden gekappt. Der Staat war mit 153 Milliarden Mark verschuldet, seine Finanzmittel äußerst knapp. Die Reparationen – vorab bis zum 1. Mai 1921 Leistungen im Werte von 20 Milliarden Goldmark (eine inflationssichere Verrechnungseinheit; 1 GM entsprach dem Wert von rund 0,36 Gramm Feingold) – bedeuteten eine schwere Belastung. Da das Kaiserreich den Krieg von 1914 bis 1918 nicht nur mit Krediten finanziert hatte, sondern – bei rückläufigem Warenangebot – auch durch eine Vervierfachung der umlaufenden Bargeldmenge und des Giralgeldes (Buchgeld für den bargeldlosen Zahlungsverkehr), war eine erhebliche Nachkriegsinflation die Folge. Für die Lösung dieser Probleme sowie den Aufbau des neuen Staates und seiner Sozialpolitik benötigte die Republik enorme finanzielle Mittel. Reichsfinanzminister Erzberger reformierte daher 1919/20 die Finanzverwaltung und das Steuersystem. 39 Prozent des gesamten Steueraufkommens erhielt künftig das Reich, 23 Prozent die Länder, 38 Prozent die Gemeinden. Die neu eingeführte Erbschaftssteuer sowie mehrere einmalige Abgaben für Vermögende sollten für mehr soziale Gerechtigkeit sorgen. Trotz der schwierigen Ausgangslage nahm die wirtschaftliche Entwicklung bis 1922 einen relativ günstigen Verlauf. Es kam zu einem Aufschwung der Friedensproduktion bei annähernder Vollbeschäftigung. Durch die – vorläufig beherrschbare – Inflation und niedrige Löhne konnte die Industrie kostengünstig produzieren und sich auf dem internationalen Markt Wettbewerbsvorteile verschaffen. Ging die Industrieproduktion 1920/21 weltweit um 15 Prozent zurück, was damals als starker Einbruch galt, so stieg sie in Deutschland um 20 Prozent an. Freilich erreichte sie 1921 erst wieder 66 Prozent des Vorkriegsniveaus. Die Arbeitslosigkeit fiel bis 1922 unter zwei Prozent, während sie im Ausland durchweg im zweistelligen Bereich lag.

Dolchstoßlüge



Am 18. November 1919 verlas Hindenburg – seit Juni im Ruhestand – vor dem Ausschuss der Nationalversammlung für die Schuldfragen des Weltkriegs eine Aussage über die "Ursachen des deutschen Zusammenbruchs im Jahre 1918", die in der Öffentlichkeit ungeheures Aufsehen erregte. Trotz der Überlegenheit des Feindes, so behauptete er, wäre der Krieg gewonnen worden, wenn "Heer und Heimat" zusammengestanden hätten. Stattdessen habe eine "heimliche planmäßige Zersetzung von Flotte und Heer" eingesetzt. "So mussten unsere Operationen misslingen, es musste der Zusammenbruch kommen; die Revolution bildete nur den Schlussstein. Ein englischer General sagte mit Recht: "Die deutsche Armee ist von hinten erdolcht worden." Damit machte sich Hindenburg – unter fälschlicher Berufung auf einen ungenannten englischen General – zum prominentesten Vertreter der sogenannten Dolchstoßlegende, treffender: Dolchstoßlüge. Denn niemand wusste besser als die kaiserlichen Generäle, dass unter ihrer Führung der Krieg bereits militärisch verloren war, bevor die Auflösungserscheinungen an der Westfront begannen; dass diese auf permanente Überforderung der Soldaten zurückzuführen waren; dass die OHL selbst ein sofortiges und deshalb kapitulationsähnliches Waffenstillstandsgesuch verlangt hatte; und dass die Revolution erst ausgebrochen war, nachdem sich der jahrelang propagierte "Siegfrieden" als bloße Illusion herausgestellt hatte. Die republikanischen Parteien unterschätzten die politische Sprengkraft der Dolchstoßlüge. Sie unterließen es, die deutsche Öffentlichkeit ständig darüber aufzuklären, dass das Kaiserreich den Weltkrieg maßgeblich mitverschuldet hatte und allein das Regime Wilhelms II. für Kriegsniederlage und Friedensbedingungen verantwortlich war. Dieses Versäumnis hatte fatale Folgen: Vor dem Hintergrund des als hart und demütigend empfundenen Versailler Vertrages, und während die regierungsoffizielle Propaganda aus Gründen der Staatsräson jede Kriegsschuld bestritt, wurde von prominenten kaiserlichen Militärs und Politikern, mit Unterstützung konservativer und rechtsradikaler Zeitungen, die Dolchstoßlüge unermüdlich verbreitet. Sie traf in breiten nationalbewussten Bevölkerungskreisen, die sich mit der Sinnlosigkeit ihrer Entbehrungen und Opfer im Krieg nicht abfinden mochten, auf Zustimmung. Dadurch wirkte sie ihrerseits wie ein Dolchstoß in den Rücken der Republik.



 
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