"Stolpersteine" des Künstlers Gunter Demnig.

6.4.2005 | Von:
Hans-Ulrich Thamer

Die nationalsozialistische Bewegung in der Weimarer Republik

In vielen Ländern Europas entwickelten sich infolge des Ersten Weltkrieges, durch das italienische Vorbild bestärkt, faschistische Bewegungen. Auch die Keimzeit der NSDAP fällt in diese Phase. Der krisenhafte Charakter der jungen Republik verhalf ihr zum Aufstieg.

Nicht genau datiertes Schwarz-Weiß-Foto: Der Führer der Nationalsozialistischen Arbeiterpartei (NSDAP), Adolf Hitler, stehend mit Hitlergruß, bei einem Treffen mit NSDAP-Reichstags-Abgeordneten (von links: Hermann Göring, Dr. Wilhelm Frick, Hitler, Gregor Strasser und Wilhelm Stöhr) im Hotel Kaiserhof in Berlin im Jahr 1932.Adolf Hitler beim Treffen mit NSDAP-Reichstags-Abgeordneten (von links: Hermann Göring, Dr. Wilhelm Frick, Adolf Hitler, Gregor Strasser und Wilhelm Stöhr) im Hotel Kaiserhof in Berlin. (© AP)

Einleitung

Aufstieg und Herrschaft des Nationalsozialismus standen ebenso in einem nationalgeschichtlichen wie in einem europäischen Zusammenhang. Zunächst war der Nationalsozialismus ein Produkt der deutschen Geschichte. Er war eine Folge der politischen und sozialen Spannungen im verspäteten deutschen Nationalstaat des Kaiserreichs, die dann durch Verlauf und Folgen des Ersten Weltkriegs entscheidend verschärft wurden. Diese Spannungen wurden zur Erblast der Weimarer Republik und gehörten zu den Voraussetzungen für den Aufstieg der antidemokratischen, nationalsozialistischen Massenbewegung und ihres Bündnisses mit den konservativen Machteliten. Geprägt durch das Kaiserreich wollten sie keinen Frieden mit der neuen parlamentarischen Demokratie.

Das deutsche Kaiserreich war "Schauplatz des klassischen Modernisierungsdilemmas" (Hans-Ulrich Wehler): Einem rasanten industriewirtschaftlichen und -gesellschaftlichen Entwicklungsprozeß standen starke soziale und politische Beharrungskräfte gegenüber. Solche Gegensätze gab es zwar anderswo auch, doch nirgends traten sie so massiv und auf den kurzen Zeitraum eines halben Jahrhunderts zusammengedrängt auf. Der 1871 unter monarchischen und militärischen Vorzeichen im Vergleich zu anderen Ländern verspätet gegründete deutsche Nationalstaat stand gleich vor mehreren Aufgaben und Belastungsproben. Neben dem Ausbau einer Reichsverwaltung standen vor allem die Begründung und Weiterführung einer demokratisch-parlamentarischen Verfassungsordnung an, die die politische Mitwirkung der Gesellschaft und damit auch deren Integration in den neuen Nationalstaat herstellen mußte, damit dieser auch ein Staat der Bürger würde. Diese Parlamentarisierung ist bekanntlich gescheitert und mit ihr auch der politische Liberalismus, der eigentliche Träger der Verfassungsbewegung. Er unterlag einem mehrfachen Druck von außen:
  • Durch den populären Reichskanzler Otto von Bismarck, der Reichstag und Parteien durch Massenmobilisierung und Staatsstreichdrohung ausschaltete;
  • durch die Arbeiterbewegung, die zu einer Massenbewegung wurde und die soziale Frage zu einem Instrument ihrer Fundamentalopposition machte und
  • durch die ökonomische Depression der siebziger Jahre des 19. Jahrhunderts. Diese führte zu einem System des Protektionismus und einer Sammlungspolitik von Großlandwirtschaft und Großindustrie, die einer starren Politik des Machterhaltes den Vorrang vor möglichen Öffnungen und gesellschaftlichen Reformen gab.
So war Deutschland zwar um die Jahrhundertwende zur führenden Industriemacht geworden mit einem beträchtlichen wirtschaftlichen Wachstum und einer schrittweisen Verbesserung der materiellen Situation auch der Industriearbeiterschaft. Aber dieser Aufschwung vollzog sich im Gehäuse des überkommenen preußisch-deutschen Obrigkeitsstaates, der kaum reformfähig war.

Auch wenn das Bürgertum auf kommunalpolitischer Ebene, in Wirtschaft und Kultur großen Einfluß hatte, Erfolge erzielte und bürgerliche Normen und Maßstäbe durchsetzen konnte, gaben weiterhin die alten Gruppen den Ton im politisch-sozialen Herrschaftsbereich an: Der Hofadel und der grundbesitzende Adel, der auch das Militär dominierte, sowie eine machtbewußte Bürokratie; dazu kleine Gruppen des Besitz- und Bildungsbürgertums, Industrielle, Bankiers und Professoren, die sich zunehmend der Lebensweise des Adels annäherten. Einig war man sich in der Abwehr des Emanzipationsanspruches der Arbeiterschaft, deren politische Vertretung in Gestalt der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung Demokratie und Sozialstaat weiter entwickeln wollte. Einig war man sich bei den traditionellen Eliten und in den erwähnten Gruppen des Bürgertums darum auch in der Blockade weiterer Parlamentarisierung und Demokratisierung, um nicht den Sozialdemokraten und Linksliberalen zuviel Raum zu geben.

So konnte sich im kaiserlichen Deutschland weder eine gefestigte liberal-demokratische politische Kultur entfalten noch ein demokratischer Nationalismus. Vielmehr behaupteten sich hier Reste älteren Bewußtseins, die in einem Sozialideal gipfelten, das der Schriftsteller Thomas Mann einmal ironisch mit dem Titel "General Dr. von Staat" charakterisiert hat. Mehr noch, der deutsche Nationalismus übernahm aggressive, imperialistische und militaristische Züge, die von einer Ausgrenzungsstrategie gegen die sogenannten "Reichsfeinde" bestimmt waren und aus der Einkreisungsangst der Mittellage in Europa die Forderung nach einem starken Staat inmitten einer Welt von vermeintlichen Feinden ableiteten. Zu den "Reichsfeinden" gehörten aus der Sicht dieses Nationalismus anfänglich nur Katholiken, dann vor allem Polen und Sozialdemokraten und später zunehmend auch deutsche Juden.


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