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6.4.2005 | Von:
Hans-Ulrich Thamer

Die nationalsozialistische Bewegung in der Weimarer Republik

In vielen Ländern Europas entwickelten sich infolge des Ersten Weltkrieges, durch das italienische Vorbild bestärkt, faschistische Bewegungen. Auch die Keimzeit der NSDAP fällt in diese Phase. Der krisenhafte Charakter der jungen Republik verhalf ihr zum Aufstieg.
Nicht genau datiertes Schwarz-Weiß-Foto: Der Führer der Nationalsozialistischen Arbeiterpartei (NSDAP), Adolf Hitler, stehend mit Hitlergruß, bei einem Treffen mit NSDAP-Reichstags-Abgeordneten (von links: Hermann Göring, Dr. Wilhelm Frick, Hitler, Gregor Strasser und Wilhelm Stöhr) im Hotel Kaiserhof in Berlin im Jahr 1932.Adolf Hitler beim Treffen mit NSDAP-Reichstags-Abgeordneten (von links: Hermann Göring, Dr. Wilhelm Frick, Adolf Hitler, Gregor Strasser und Wilhelm Stöhr) im Hotel Kaiserhof in Berlin. (© AP)

Einleitung

Aufstieg und Herrschaft des Nationalsozialismus standen ebenso in einem nationalgeschichtlichen wie in einem europäischen Zusammenhang. Zunächst war der Nationalsozialismus ein Produkt der deutschen Geschichte. Er war eine Folge der politischen und sozialen Spannungen im verspäteten deutschen Nationalstaat des Kaiserreichs, die dann durch Verlauf und Folgen des Ersten Weltkriegs entscheidend verschärft wurden. Diese Spannungen wurden zur Erblast der Weimarer Republik und gehörten zu den Voraussetzungen für den Aufstieg der antidemokratischen, nationalsozialistischen Massenbewegung und ihres Bündnisses mit den konservativen Machteliten. Geprägt durch das Kaiserreich wollten sie keinen Frieden mit der neuen parlamentarischen Demokratie.

Das deutsche Kaiserreich war "Schauplatz des klassischen Modernisierungsdilemmas" (Hans-Ulrich Wehler): Einem rasanten industriewirtschaftlichen und -gesellschaftlichen Entwicklungsprozeß standen starke soziale und politische Beharrungskräfte gegenüber. Solche Gegensätze gab es zwar anderswo auch, doch nirgends traten sie so massiv und auf den kurzen Zeitraum eines halben Jahrhunderts zusammengedrängt auf. Der 1871 unter monarchischen und militärischen Vorzeichen im Vergleich zu anderen Ländern verspätet gegründete deutsche Nationalstaat stand gleich vor mehreren Aufgaben und Belastungsproben. Neben dem Ausbau einer Reichsverwaltung standen vor allem die Begründung und Weiterführung einer demokratisch-parlamentarischen Verfassungsordnung an, die die politische Mitwirkung der Gesellschaft und damit auch deren Integration in den neuen Nationalstaat herstellen mußte, damit dieser auch ein Staat der Bürger würde. Diese Parlamentarisierung ist bekanntlich gescheitert und mit ihr auch der politische Liberalismus, der eigentliche Träger der Verfassungsbewegung. Er unterlag einem mehrfachen Druck von außen:
  • Durch den populären Reichskanzler Otto von Bismarck, der Reichstag und Parteien durch Massenmobilisierung und Staatsstreichdrohung ausschaltete;
  • durch die Arbeiterbewegung, die zu einer Massenbewegung wurde und die soziale Frage zu einem Instrument ihrer Fundamentalopposition machte und
  • durch die ökonomische Depression der siebziger Jahre des 19. Jahrhunderts. Diese führte zu einem System des Protektionismus und einer Sammlungspolitik von Großlandwirtschaft und Großindustrie, die einer starren Politik des Machterhaltes den Vorrang vor möglichen Öffnungen und gesellschaftlichen Reformen gab.
So war Deutschland zwar um die Jahrhundertwende zur führenden Industriemacht geworden mit einem beträchtlichen wirtschaftlichen Wachstum und einer schrittweisen Verbesserung der materiellen Situation auch der Industriearbeiterschaft. Aber dieser Aufschwung vollzog sich im Gehäuse des überkommenen preußisch-deutschen Obrigkeitsstaates, der kaum reformfähig war.

Auch wenn das Bürgertum auf kommunalpolitischer Ebene, in Wirtschaft und Kultur großen Einfluß hatte, Erfolge erzielte und bürgerliche Normen und Maßstäbe durchsetzen konnte, gaben weiterhin die alten Gruppen den Ton im politisch-sozialen Herrschaftsbereich an: Der Hofadel und der grundbesitzende Adel, der auch das Militär dominierte, sowie eine machtbewußte Bürokratie; dazu kleine Gruppen des Besitz- und Bildungsbürgertums, Industrielle, Bankiers und Professoren, die sich zunehmend der Lebensweise des Adels annäherten. Einig war man sich in der Abwehr des Emanzipationsanspruches der Arbeiterschaft, deren politische Vertretung in Gestalt der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung Demokratie und Sozialstaat weiter entwickeln wollte. Einig war man sich bei den traditionellen Eliten und in den erwähnten Gruppen des Bürgertums darum auch in der Blockade weiterer Parlamentarisierung und Demokratisierung, um nicht den Sozialdemokraten und Linksliberalen zuviel Raum zu geben.

So konnte sich im kaiserlichen Deutschland weder eine gefestigte liberal-demokratische politische Kultur entfalten noch ein demokratischer Nationalismus. Vielmehr behaupteten sich hier Reste älteren Bewußtseins, die in einem Sozialideal gipfelten, das der Schriftsteller Thomas Mann einmal ironisch mit dem Titel "General Dr. von Staat" charakterisiert hat. Mehr noch, der deutsche Nationalismus übernahm aggressive, imperialistische und militaristische Züge, die von einer Ausgrenzungsstrategie gegen die sogenannten "Reichsfeinde" bestimmt waren und aus der Einkreisungsangst der Mittellage in Europa die Forderung nach einem starken Staat inmitten einer Welt von vermeintlichen Feinden ableiteten. Zu den "Reichsfeinden" gehörten aus der Sicht dieses Nationalismus anfänglich nur Katholiken, dann vor allem Polen und Sozialdemokraten und später zunehmend auch deutsche Juden.

Folgen des Weltkrieges

Als sich der Erste Weltkrieg in den Schützengräben festgefressen hatte, erlebte die deutsche Gesellschaft im Inneren nicht nur schwere materielle Bedrückungen, sondern verschärfte soziale Konflikte, neue Formen der staatlichen Intervention und der organisierten Kriegswirtschaft. Vor allem aber vollzog sich der Eintritt breiter Schichten in das politische Leben unter den Vorzeichen eines militanten Nationalismus, einer verschärften politischen Polarisierung, die das Freund-Feind-Denken der Weimarer Republik vorwegnahm und zu einer Brutalisierung des politischen Verhaltens führte. Der Schock über die unerwartete militärische Niederlage des Deutschen Kaiserreichs und den damit verbundenen Zusammenbruch der Monarchie im November 1918 führte nicht zu einem Abbau autoritärer Verhaltensweisen und langfristig nicht zu einem Mentalitätswandel, der zu einer Befestigung der jungen Demokratie hätte beitragen können. Im Gegenteil, bei der Mehrheit der Deutschen bewirkten Krieg und Niederlage, Zusammenbruch und Revolutioeine Radikalisierung älterer Einstellungen und verstärkten die Suche nach Sündenböcken.

Mit der sogenannten Dolchstoßlegende bot sich eine propagandistisch wirksame Erklärung für die nationale Demütigung an. Nach dieser Legende ist ein Teil der von der politischen Linken angeblich aufgehetzten Heimatbevölkerung dem im Felde unbesiegten Frontheer in den Rücken gefallen und hat damit die Niederlage verursacht. Mit derartigen Erklärungen konnten die alten Eliten und die deutsche Rechte leicht von den eigentlichen Ursachen des deutschen Zusammenbruchs ablenken, die primär im politisch-sozialen System lagen. Es war verhängnisvoll für die weitere politische Entwicklung, daß die Empörung über den als Diktat empfundenen Versailler Vertrag in der öffentlichen Diskussion in Deutschland die fällige Selbstkritik an der wilhelminischen imperialistischen Politik der Vorkriegs- und Kriegsjahre weitgehend verdrängte. All das belastete die ungeliebte Republik von Weimar. Hinzu kam, daß die Republik selbst politisch und materiell wenig Glanz, dafür um so mehr Krisen und Elend zu bieten hatte.

Die Krise der Weimarer Demokratie, die schließlich in die Staats- und Wirtschaftskrise der Jahre 1930 bis 1932 und zur nationalsozialistischen Machtergreifung führen sollte, hatte zugleich eine europäische Dimension. Überall stellte der Erste Weltkrieg, die "Urkatastrophe unseres Jahrhunderts" (George Kennan), die europäischen Staaten und Gesellschaften vor schwere materielle und soziale Belastungen und führte zu einer politischen Mobilisierung und Radikalisierung. Auf den politischen Flügeln entstanden radikale Parteien. Sie waren radikal nationalistisch dort, wo man die Ergebnisse der Friedenskonferenzen von Versailles und den anderen Pariser Vororten nicht hinnehmen wollte. Daneben wurden vor allem aber in vielen Staaten Europas linkssozialistische und kommunistische Bewegungen gegründet, die zur sozialen Revolution aufriefen. Die Mobilisierung durch den industriellen Großkrieg und die sozialen und materiellen Folgen der Demobilisierung nach dem Krieg führten überall zu Massenprotesten, mitunter zu sozialvolutionären Umverteilungsaktionen bis hin zu Land- und Fabrikbesetzungen wie beispielsweise in Norditalien.

Die politische Mobilisierung erfaßte soziale Gruppen, die bislang am politischen Leben kaum beteiligt waren und nun auf Teilhabe drängten. Das stellte sowohl die Parteien als auch die Verfassungsordnung vor neue Herausforderungen. Die Ausweitung bzw. Veränderung des Wahlrechts 1918 (z.B. Abschaffung des preußischen Dreiklassenwahlrechts und Einführung des Frauenwahlrechts) zwang die alte politische Klasse, sich an neue Gesichter, neue politische Auswahlverfahren bzw. an einen neuen politischen Stil anzupassen. Politische Entscheidungen konnten nicht länger nur in den Kabinetten oder in den bislang von bürgerlichen Eliten beherrschten Parlamenten getroffen werden, sondern gerieten unter den Druck der Agitation auf der Straße und von paramilitärischen Verbänden. Hinzu kam die Bedrohung durch die kommunistische Revolution, die mit der Forderung nach einer Diktatur des Proletariats die bürgerlichen Ordnungen Westeuropas herausforderte und auch die reformistischen sozialistischen Parteien in Bedrängnis brachte soe zur verhängnisvollen Spaltung der Arbeiterbewegung führte.

Faschistische Bewegungen in Europa

Die revolutionäre Nachkriegskrise führte in vielen europäischen Staaten zur Bildung von extrem nationalistischen, faschistischen Protest- und Kampfbewegungen, die sich durch eine militante antiliberale, antimarxistische und teilweise auch antibürgerliche Haltung hervortaten. Sie propagierten jenseits der parlamentarischen Debatte politischen Kampf und Gehorsam, terroristische Einschüchterung und politische Gewalt als Inhalt von Politik und praktizierten sie mit ihren nach der Hemdfarbe ihrer Uniformen benannten Parteiarmeen der Schwarz-, Braun- oder Grünhemden.

Ihr Vorbild war die italienische faschistische Bewegung von Benito Mussolini, der seine "Fasci di combattimento" 1919 gegründet und mit den faschistischen Sturmtruppen (Squadren) seit 1920/21 im Norden des Landes durch politischen Terror zunehmend eine Art Nebenregierung errichtet hatte. Mit seinem "Marsch auf Rom", der mehr ein inszeniertes Propaganda- und Drohmanöver als eine wirkliche Putschaktion darstellte, war er schon 1922 als Chef einer konservativen Koalitionsregierung an die Macht gekommen, die er bis 1925 zu einer faschistischen Führerdiktatur ausbaute. Auch die frühe Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) orientierte sich am politischen Stil des italienisches Vorbildes, bis nach Hitlers Machtergreifung 1933 der Nationalsozialismus zum neuen Zentrum autoritärer und faschistischer Bewegungen bzw. Regime der dreißiger Jahre werden sollte.

Vergleicht man die Erfolgschancen der faschistischen Bewegungen und Grüppchen, die sich in Frankreich ebenso finden wie in Spanien, Rumänien, Ungarn, Jugoslawien oder in England, dann lassen sich wichtige Voraussetzungen für den Durchbruch zur Massenbewegung bis hin zur Regierungsbeteiligung der europäischen Faschismusbewegungen bestimmen: Massenwirksamkeit und politische Erfolge erreichten sie dort, wo das überkommene bürgerlich-liberale Parteiensystem nicht mehr zur stabilen Mehrheitsbildung fähig war und eine starke Linksbewegung das bürgerliche Lager verunsichert hatte.

Erfolgreich waren sie auch dort, wo zu den politisch-sozialen Krisen noch Belastungen der nationalen Identität durch die Niederlage im Ersten Weltkrieg und eine Friedensregelung hinzukamen, die als nationale Schmach und als Herausforderung zu einer radikalen Revisionspolitik empfunden wurde. Hier boten sich die faschistischen Bewegungen als militante Hilfstruppen dem verunsicherten bürgerlichen Lager an und versuchten dieses dann durch die Dynamik der eigenen Massenbewegung zu überspielen.

Diese Bündelung verschiedener Problemkonstellationen finden wir vor allem in Italien und Deutschland, zwei spät gebildeten Nationen mit starken inneren Spannungen. Nur hier konnten die faschistisch-nationalsozialistischen Bewegungen zu einer Massenbewegung anschwellen und zu einem eigenständigen politischen Machtfaktor werden, der ihnen dann im Bündnis mit konservativen Parteien und Gruppen den Weg zur Macht öffnete.

In anderen westeuropäischen Ländern blieben die faschistischen Bewegungen Splitterparteien, da sich die liberale Verfassungsordnung als stabil erwies. In den südosteuropäischen Regionen war die allgemeine politische Mobilisierung noch nicht so weit vorangeschritten, daß sich die traditionellen Eliten verunsichert fühlten und nach einem Bündnis mit der jeweiligen radikalen faschistischen Bewegung ihres Landes Ausschau hielten.

Demgegenüber war der Erfolg von Mussolini und Hitler mit ihren Parteien Folge von langfristigen Strukturveränderungen, die zwar unterschiedlich ausgeprägt waren, aber in beiden Ländern nicht mehr durch ein gestärktes nationales Selbstwertgefühl kompensiert werden konnten. Fühlte man sich in Italien nach 1919 um den Sieg betrogen, so richteten sich in Deutschland die Kampagnen, die unter dem Schlagwort des "Dolchstoßes" gegen die sogenannten "Novemberverbrecher" wie gegen die Weimarer Republik geführt wurden, deren "Erfüllungspolitik" man als Verrat "nationaler Interessen" und als politische Schwäche bekämpfte.

Belastungen der Weimarer Republik

Die Weimarer Republik hatte es schwer, als neue politische und gesellschaftliche Ordnung von der Mehrheit der Deutschen anerkannt zu werden. Zu schwer wogen die Erblasten, die sie vom Kaiserreich übernehmen mußte und die sie in der kurzen Zeit ihrer Existenz kaum abbauen konnte: Ein obrigkeitsstaatliches Politikverständnis und eine autoritär geprägte politische Kultur, dazu ein zunehmend militantes antidemokratisches Denken, das auch das zivile Leben mehr und mehr prägte; ferner mangelnde Erfahrung mit demokratisch-parlamentarischen Entscheidungsprozessen und eine scharfe Abneigung gegen politische Kompromisse und Koalitionen unter den Parteien; die Orientierung der Parteien an den Weltanschauungsgeboten, die ihrer Kompromißbereitschaft enge Grenzen zogen. Das alles förderte die Neigung zu einer überparteilichen bürokratischen Form der Politik, die man lieber Fachleuten und Beamten anvertraute als den ungeliebten Parteien.

Schließlich förderten die materiellen und sozialen Belastungen durch fast permanente ökonomische Krisen eine Polarisierung der überkommenen Klassengesellschaft. Tiefe Gräben trennten darum die politischen Lager der Weimarer Republik, und sie wurden im Verlauf ihrer Geschichte noch tiefer. Das Freund-Feind-Denken wurde zu einem vorherrschenden politischen Schema. Die Weimarer Republik wurde zu jedermanns "Vorbehaltsrepublik": Für die einen trug sie den Makel einer Geburt aus Niederlage und Revolution. Das machte sie reaktionären und restaurativen Kräften in Politik, Wirtschaft, Militär und Verwaltung verhaßt. Strebten die traditionelleren Gruppen, die vor allem in der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) ihre politische Heimat fanden, darum zurück zur Monarchie, so bot die Republik der militanten neuen Rechten einen Vorwand zur Agitation für eine nationale Diktatur. Für die andern, die politische Linke, waren die Strukturreformen, zu der die Republik anfangs noch die Kraft hatte, nicht weit genug gegangen, wadem Radikalismus von links in der Unabhängige Sozialdemokratischen Partei (USPD) 1919 und später in der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) verstärkten Zulauf aus dem Lager der Enttäuschten sicherte.

Die Weimarer Republik hatte am Anfang durchaus Chancen. Das beweisen die Wahlergebnisse zur Nationalversammlung vom Januar 1919, bei denen 76,1 Prozent der Wähler sich für demokratische Parteien entschieden. Aber die neue Verfassungsordnung hätte Zeit gebraucht, um eine demokratische politische Kultur zu befestigen. Und sie hätte günstige ökonomische und politische Rahmenbedingungen gebraucht, um die Folgen von Krieg und Inflation zu überwinden. Beides aber hatte die Weimarer Republik nicht. So blieben viele Reformen und Leistungen im sozialpolitischen Bereich, aber auch in der Außen- und Wirtschaftspolitik stecken und kurzfristig ohne Wirkung.

Als aber der wirtschafts- und sozialpolitische Ausgleich, den die Republik 1919 ansatzweise realisiert hatte, bald vollends zerbrach und vor allem einflußreiche Kräfte der Großlandwirtschaft sowie Teile der Großindustrie die ersten schweren innen- und außenpolitischen Krisenjahre nutzten, um gegen die Wirtschafts- und Sozialpolitik der Weimarer Koalition Sturm zu laufen, waren die Chancen verspielt. Nun schlugen die antiparlamentarischen Vorbehalte in antidemokratische Politik um. Unter den ungünstigen Bedingungen, mit denen die Republik vor allem in ihren Anfangs- und Schlußjahren von 1919 bis 1923 und dann von 1929 bis 1933 zu ringen hatte, wurden die langfristigen politischen und sozialen Belastungen zu einer Bürde, an denen die pluralistische Demokratie zerbrach.

Verschärft wurde die innenpolitische Polarisierung von Anfang an durch die außenpolitischen Belastungen, die mit dem Namen Versailles verbunden sind. Auch wenn die tatsächlichen außenpolitischen und außenwirtschaftlichen Auflagen und Verluste gemessen an den viel weitergehenden Forderungen einiger Siegermächte noch moderat waren und sich mittelfristig mit einer klugen Politik durchaus hätte korrigieren lassen, so lagen die eigentlichen Belastungen mehr im kollektivpsychologischen Bereich, in dem verbreiteten Gefühl nationaler Demütigung. Denn die deutsche Großmachtposition war in ihrer Substanz noch erhalten und die internationalen Verhältnisse boten die Chancen zu einer friedlichen, aber eben auch zu einer aggressiven Politik der Revision der internationalen Nachkriegsordnung und der dort diktierten deutschen Gebietsabtrennungen vor allem an Polen und Frankreich.

Für sich genommen wäre jeder Belastungsfaktor erträglich gewesen. Erst ihre Bündelung wurde zu einer Gefahr für die Republik, die sich seit der Wahl des populären Weltkriegsgenerals Paul von Hindenburg zum Reichspräsidenten 1925 stärker nach rechts bewegte. Das gab jenen Kräften Auftrieb, die einen Verfassungswandel weg von Parlamentarismus und Sozialstaat hin zu einem autoritären Verwaltungsstaat anstrebten. Verstärkt wurden solche Bemühungen durch die Krise des Parteiensystems selbst, das immer weniger zu notwendigen Kompromissen und Kursänderungen im Bereich der Finanz- und Sozialpolitik fähig war. Die Rede war von einem "Hindenburg-Kabinett", das ohne die Sozialdemokraten mit den Mitteln des Notstandsartikels 48 der Weimarer Verfassung einen Schritt in Richtung eines neuen starken Staates gehen sollte.

Weltwirtschaftskrise

Im Winter 1929/30 wurde Deutschland von den Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise erfaßt. Ab September 1929 stieg die Zahl der Arbeitslosen innerhalb eines Jahres von 1,3 auf 3 Millionen. Im September 1932 lag die Zahl bei 5,1 Millionen und überstieg Anfang 1933 die Sechs-Millionen-Grenze. Damit war jeder dritte deutsche Arbeitnehmer arbeitslos. Diese Krise und die ungelösten Finanzprobleme des Deutschen Reiches eröffneten die Chance zu einer Verformung der Verfassung im autoritären Sinne. Fast alle Parteien, vor allem auch die der bürgerlichen Mitte, rückten ein Stück weit nach rechts. Das kam in Führungswechseln, aber vor allem in ihrem politischen Stil zum Ausdruck. In der Zentrumspartei bedeutete die Wahl von Prälat Ludwig Kaas bereits 1928 einen solchen Rechtsruck. Nach dem Tode von Gustav Stresemann 1929 erhielten in der Deutschen Volkspartei (DVP) Interessen der Schwerindustrie das alleinige Sagen. In der DNVP dominierten nun die Kreise, die mit der Wahl des nationalistischen Großverlegers Alfred Hugberg zum Parteivorsitzenden gegen die vorübergehende Annäherung an die bürgerliche Regierungsmehrheit und für die Rückkehr zu einem scharfen Oppositionskurs gegen die Republik eintraten.

Die Parteien organisierten sich zusätzlich in Kampfbünden, die auf der Straße agitierten und ihre militante Bereitschaft zu Entschlossenheit und Kampf demonstrieren sollten, sei es für oder gegen die Republik. Das reichte bis zur republikanischen Wehrorganisation "Reichbanner Schwarz-Rot-Gold" und dem "Jungdeutschen Orden", dem sich die linksliberale Deutsche Demokratische Partei (DDP) anschloß. Auf der Rechten gab es schon längst die zahlreichen Wehrverbände und Kampfbünde, unter denen der "Stahlhelm" eine große Nähe zum politischen Establishment aufwies und die SA als paramilitärische Einrichtung der NSDAP vor allem in den zunehmenden Straßenkämpfen mit dem kommunistischen "Rotfrontkämpferbund" die spektakulärsten Auftritte inszenierte. Es war eine schleichende Militarisierung des politischen Lebens, in dem die Verfassungsnormen einer parlamentarischen Demokratie immer mehr durch Muster eines gewaltbereiten Aktionismus ersetzt wurden. Die Militanz der SA fiel allenfalls noch durch ihre besondere Radikalität auf, ansonsten aber war bereits eine gewisse Gewöhnung an einen veränderten politischen Stil eingetreten.

Nun erwies sich der Notstandsartikel 48 der Weimarer Verfassung, der dem demokratischen Reichspräsidenten Friedrich Ebert bis 1925 zur Stabilisierung der parlamentarischen Verfassung gedient hatte, als Hebel für eine Verfassungsrevision. Reichskanzler Heinrich Brüning vom Zentrum (1930 bis 1932), der selbst den Parlamentarismus beschneiden wollte und mit einer Rückkehr zur Monarchie liebäugelte, konnte sich noch auf die Tolerierung durch die Mehrheit im Reichstag stützen. Diese sah in einer Präsidialregierung angesichts der drohenden Polarisierung von den politischen Flügeln her und vor allem angesichts der nationalsozialistischen erdrutschartigen Wahlerfolge vom September 1930 immer noch das kleinere Übel. Brüning begab sich aber immer mehr in Abhängigkeit vom Reichspräsidenten und von den Machtgruppen vorwiegend aus Reichswehr und Großagrariern, die unmittelbaren Einfluß auf den "alten Herrn", Reichspräsident Hindenburg, hatten. Damit wurde Brüning zum "ersten Kanzler der Auflösung der Weimarer Republik" (rl Dietrich Bracher), dem mit Franz von Papen und Kurt von Schleicher Exponenten eines entschieden autoritären Kurses folgten, die Parteien und Parlament gänzlich ausschalten wollten.

Präsidialregierungen

Mit der Wende zum autoritären Staat, die mit der Regierung Brüning 1930 ihren Ausgang nahm und unter dem Nachfolger Franz von Papen 1932 ihren Höhepunkt erlebte, verband sich die Geschichte der NSDAP und die Auflösung der Weimarer Republik. Die autoritäre Verformung der Verfassung, die durch die mangelnde Konsensfähigkeit der verfassungstreuen Parteien begünstigt wurde, ging dem Aufstieg des Nationalsozialismus voraus. Sie war keineswegs eine bloße Abwehr- und Notreaktion auf die zunehmende antidemokratische Massenagitation sowie die schwere ökonomische Krise mit der dramatischen Zunahme der Arbeitslosigkeit. Die Krise wurde von den Trägern der "Hindenburg-Kabinette" vielmehr für ihre politischen Absichten genutzt. Die Weimarer Republik war im Kern bereits gescheitert, als der Durchbruch der NSDAP zur Massenbewegung im September 1930 die politische Landschaft veränderte. Nicht Hitlers Wahlerfolge und die Massenarbeitslosigkeit verursachten die Krise des parlamentarischen Systems, sondern die beiden Faktorenonnten, indem sie sich wechselseitig verstärkten, ihre Wirkung erst entfalten, als die Auflösung der Weimarer Demokratie bereits im Gange war.

Schon bei den Verhandlungen, die zur Bildung der Präsidialregierung Brüning hinter den Kulissen geführt worden waren, hatten sich die Strukturprobleme der künftig "halbparlamentarischen, halbpräsidialen Regierung" (Martin Broszat) abgezeichnet: Sie sollte nicht mehr von den Parteien abhängig sein, sondern stattdessen von einem als Vertrauensmann des Reichspräsidenten handelnden Fachmann gebildet werden. Aber sie war weiterhin auf die Duldung im Reichstag angewiesen, weil dieser nach wie vor das verfassungsmäßige Recht hatte, auch Notverordnungen des Reichspräsidenten nach Artikel 48 wieder aufzuheben. Umgekehrt war es ein verführerischer Gedanke, den die Verfassung zudem nahelegte, den Reichstag durch Vertagung oder Auflösung zu umgehen. Dies hatte Brüning bereits bei der Vorlage seiner ersten Notverordnung im Juni/Juli 1930 ausgenutzt und den widerspenstigen Reichstag ohne Not aufgelöst.

Als bei den Septemberwahlen 1930 die NSDAP ihre sensationellen, aber durchaus vorhersehbaren Erfolge erzielte, schrumpften die Handlungsspielräume sowohl der Regierung als auch der anderen Parteien. Der abschüssige Weg zu einer schrittweisen, am Ende von den konservativ-autoritären Kreisen aus Politik, Reichswehr, Bürokratie und Großwirtschaft durchaus gewollten Auflösung der demokratischen Verfassungsordnung war beschritten. Die Bildung der Regierung Papen 1932 konnte dann von Hindenburg zufrieden als eine Regierung ohne republikanische Minister begrüßt werden. Denn die Regierung wurde von der einstigen nationalen Opposition gebildet, die nun meinte, sich bei der Etablierung eines "hochkonservativ-autoritären Regiments" (Broszat) auf die Nationalsozialisten gleichsam als Fußtruppen stützen zu können, was die revolutionäre Dynamik der nationalsozialistischen Massenbewegung und den diktatorischen Herrschaftsanspruch ihrer Führer dramatisch unterschätzte.

Mit den weiteren Wahlerfolgen der extremen Parteien einher ging die Bereitschaft von Repräsentanten des neuen Kurses, sich auch mit Hitlers Massenpartei einzulassen und diese durch Vorleistungen einzufangen sowie dann durch Koalitionen, zunächst auf Länderebene, in ihr Machtkonzept einzubinden und dadurch zu "zähmen". Durch diese Politik der versuchten "Zähmung" blieb bald nur noch die Alternative zwischen einer autoritären Regierung gestützt auf die Verfügung des Reichspräsidenten über das Notverordnungsrecht und notfalls auch auf die Macht der Reichswehr einerseits und einer faschistischen Lösung andererseits, das heißt einer Machtübertragung an die Nationalsozialisten, die sich allenfalls noch in einer nationalen Koalitionsregierung unter Hitler einbinden ließen.

Quellentext

Stellung des Reichspräsidenten in der Weimarer Verfassung

Artikel 43

Amtsdauer, Absetzung

Das Amt des Reichspräsidenten dauert sieben Jahre.Wiederwahl ist zulässig.

Vor Ablauf der Frist kann der Reichspräsident auf Antrag des Reichstags durch Volksabstimmung abgesetzt werden. Der Beschluß des Reichstags erfordert Zweidrittelmehrheit. Durch den Beschluß ist der Reichspräsident an der ferneren Ausübung des Amtes verhindert. Die Ablehnung der Absetzung durch die Volksabstimmung gilt als neue Wahl und hat die Auflösung des Reichstags zur Folge.

Der Reichspräsident kann ohne Zustimmung des Reichstags nicht strafrechtlich verfolgt werden.

Artikel 46

Ernennungs- und Entlassungsrecht

Der Reichspräsident ernennt und entläßt die Reichsbeamten und die Offiziere, soweit nicht durch Gesetz etwas anderes bestimmt ist. Er kann das Ernennungs- und Entlassungsrecht durch andere Behörden ausüben lassen.

Artikel 47

Oberbefehl

Der Reichspräsident hat den Oberbefehl über die gesamte Wehrmacht des Reichs.

Artikel 48

Maßnahmen bei Störung von Sicherheit und Ordnung

Wenn ein Land die ihm nach der Reichsverfassung oder den Reichsgesetzen obliegenden Pflichten nicht erfüllt, kann der Reichspräsident es dazu mit Hilfe der bewaffneten Macht anhalten.

Der Reichspräsident kann, wenn im Deutschen Reich die öffentliche Sicherheit und Ordnung erheblich gestört oder gefährdet wird, die zur Wiederherstellung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung nötigen Maßnahmen treffen, erforderlichenfalls mit Hilfe der bewaffneten Macht einschreiten. Zu diesem Zwecke darf er vorübergehend die in den Artikeln 114, 115, 117, 118, 123, 124 und 153 festgesetzten Grundrechte ganz oder zum Teil außer Kraft setzen.

Von allen gemäß Abs. 1 oder Abs. 2 dieses Artikels getroffenen Maßnahmen hat der Reichspräsident unverzüglich dem Reichstag Kenntnis zu geben. Die Maßnahmen sind auf Verlangen des Reichstags außer Kraft zu setzen.

Bei Gefahr im Verzuge kann die Landesregierung für ihr Gebiet einstweilige Maßnahmen der in Abs. 2 bezeichneten Art treffen. Die Maßnahmen sind auf Verlangen des Reichspräsidenten oder des Reichstags außer Kraft zu setzen. […]

Aufstieg der NSDAP 1919 bis 1929

Der Nationalsozialismus war ein Kind der Krisen. Seine Entstehung fiel in die krisenhaften, von Revolution und Gegenrevolution geprägten Anfangsjahre der Weimarer Republik, sein Aufstieg zur Massenpartei seit den Wahlen von 1930 war eng verbunden mit der Staats- und Wirtschaftskrise der Weimarer Republik. Während die erste Phase noch mit der Selbstbehauptung der von allen Seiten bekämpften parlamentarischen Ordnung der jungen Republik einerseits und dem fehlgeschlagenen Putsch der NSDAP vom 9. November 1923 andererseits endete, mündete die große Krise der dreißiger Jahre und der erneute Ansturm von rechts auf die Republik in der Etablierung der Diktatur. Dazwischen lagen die wenigen Jahre der Stabilisierung der Weimarer Republik, die für die NSDAP die bescheidene Existenz einer Splitterpartei bedeuteten, die sich dann 1928/29 im Augenblick neuer Wahlerfolge mitten in der organisatorischen Umgestaltung befand.

Frühgeschichte

Begonnen hatte die NSDAP als eine unter vielen Protestgruppen im völkisch-antisemitischen Milieu Münchens, wo die Nachkriegswirren noch durch die Münchener Räterepublik und die anschließende Gegenrevolution verschärft wurden. Aus dem "Alldeutschen Verband", dem mächtigsten nationalistischen und antisemitischen Agitationsverband der Vorkriegs- und Kriegszeit, hatten sich verschiedene völkisch-nationale Organisationen herausgebildet, unter ihnen auch die "Thule-Gesellschaft", ein "Germanenorden" mit geheimen, okkultistischen Ritualen, dessen Mitglieder vorwiegend aus dem bürgerlichen Milieu stammten. In ihrem Kampf gegen die politische Linke versuchte diese Gruppierung auch, Arbeiterzirkel zu bilden, was zur Gründung der Deutschen Arbeiterpartei (DAP) durch den Eisenbahnschlosser Anton Drexler zusammen mit dem Journalisten Karl Harrer am 5. Januar 1919 führte. Die DAP blieb zunächst eine unter vielen völkischen Splittergruppen, die sich ohne besonderes programmatisches Profil zunächst in Stammtischgesprächen echöpfte und durch einige zugkräftige Redner und Werbeveranstaltungen in den Münchner Bierhallen Aufsehen zu erregen versuchte.

Ein anderer Ableger des Alldeutschen Verbandes war die zunächst erfolgreichere antisemitische Sammlungsbewegung, der "Deutschvölkische Schutz- und Trutzbund". Er unterhielt zahlreiche Querverbindungen zu Freikorps und rechtsstehenden Kreisen der Reichswehr bzw. Soldatenverbänden, bald aber auch zur jungen DAP/NSDAP, deren Funktionäre anfangs ebenfalls Mitglieder des Schutz- und Trutzbundes waren. Als dieser nach inneren Zerwürfnissen zerfiel und nach dem von Angehörigen der rechtsextremen völkisch-nationalistischen Organisation "Consul" an Außenminister Walther Rathenau begangenen Mord (24. Juni 1922) schließlich verboten wurde, trat die NSDAP deren Nachfolge an, die sich unter der Führung Adolf Hitlers mittlerweile zur lautstärksten Gruppe der völkischen Bewegung entwickelt hatte.

Am 12. September 1919 hatte der Reichswehragent Adolf Hitler im dienstlichen Auftrag eine Versammlung der DAP besucht. Das Bayerische Reichswehrgruppenkommando hatte ihn nach der Absolvierung politischer "Aufklärungskurse" abkommandiert, um Parteiversammlungen im Münchener Raum zu beobachten und unter Soldaten politisch zu agitieren. Ein Diskussionsbeitrag Hitlers bewog Parteigründer Drexler, diesen zum Eintritt in den Parteiausschuß der DAP einzuladen. Bald darauf schloß er sich der Splittergruppe an, da er hier nach seiner drohenden Entlassung aus der Reichswehr eine politische Betätigung und Heimat zu finden hoffte, die es ihm erlaubte, als Werbeobmann seine demagogischen Fähigkeiten einzusetzen. Binnen kurzem wurde er zum Hauptredner und "Trommler" des Grüppchens aus heimatlosen Soldaten und völkischen Weltverbesserern und machte sich für seine Partei zunehmend unentbehrlich.

Die politischen Ansichten, die er unermüdlich vortrug, waren im völkisch-nationalen Milieu nicht ungewöhnlich: Er rief zum Kampf gegen den als "Schanddiktat" gebrandmarkten Friedensvertrag von Versailles und zur Verfolgung aller als "Novemberverbrecher" denunzierten Repräsentanten der demokratischen Parteien auf, die er bezichtigte, für den "Dolchstoß" aus der Heimat in den Rücken der kaiserlichen Armee an der Front verantwortlich gewesen zu sein. Solche und andere maßlosen, von Haßtiraden geprägten Attacken richteten sich meist gegen Juden, Marxisten, Pazifisten und Demokraten. Auffallend war der Fanatismus, mit dem er seine Parolen vortrug, und die Unbedingtheit, mit der er sich diesen fast bis zur physischen Erschöpfung leidenschaftlich vorgetragenen Schlagworten und Appellen selbst verschrieb.

Auch das 25-Punkte-Parteiprogramm, das von Drexler und Hitler zusammengestellt worden war und aus Anlaß der Umbenennung in "Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei" (NSDAP) am 24. Februar 1920 vorgestellt wurde, stellte einen Querschnitt des damaligen rassistisch-nationalistischen Ideengemenges vermischt mit antikapitalistischen Tönen dar: Die Forderung nach dem Anschluß Österreichs und dem Rückerwerb der Kolonien, nach Wiederherstellung deutscher Großmachtstellung; nach Durchführung einer Bodenreform und der Verstaatlichung der Großunternehmen. Ferner wurde unermüdlich von dem völkischen Weltverbesserer und selbsternannten "Wirtschaftstheoretiker" der Partei, Gottfried Feder, die Forderung nach der "Brechung der Zinsknechtschaft" vorgetragen, die in der Politik der Banken und Börsen das Grundübel sah und deren Verstaatlichung verlangte. Schließlich propagierte man die Forderung nach der Einziehung der Kriegsgewinne sowie der Ausbürgerung der Juden aus dem Deutschen Reich.

Auch wenn dieses aus bereits Vorhandenem zusammengetragene Parteiprogramm 1926 sogar noch für "unabänderlich" erklärt wurde, kümmerte es Hitler wenig. Es sagt weder etwas über das politisch-ideologische Profil Hitlers und der NSDAP noch über deren spätere Attraktivität aus. Hitler benutzte das Parteiprogramm nur, um sich als "Hüter der nationalsozialistischen Idee" darzustellen und zu rechtfertigen.

Die Anziehungskraft, die die Partei zunächst auf das völkisch-antisemitische Lager ausübte, hatte ihre Ursachen zum einen in der Radikalität, mit der die Partei die Vernichtung des Judentums aus dem deutschen "Volkskörper" als Voraussetzung für eine "nationale Gesundung" forderte, und zum anderen in der propagandistisch-rhetorischen Wirkungskraft, mit der Hitler diese Parolen vortrug und bündelte.

Er nutzte den Antisemitismus vor allem in der Entstehungs- und Aufstiegsphase der NSDAP als Integrationsideologie, um die in sich zerstrittenen völkischen Gruppen zu einer "Bewegung" zusammenzuschweißen und die diffusen völkisch-antisemitischen Vorstellungen zu bündeln. Denn mittlerweile war die Saat des Antisemitismus, die im wilhelminischen Deutschland gesät worden war, durch die politische Ideologisierung und Polarisierung im Ersten Weltkrieg aufgegangen. In der Weimarer Republik war sie dann von zahlreichen antisemitischen Organisationen in unterschiedlicher Ausprägung verbreitet worden - einmal schrill und primitiv, dann wieder gemäßigt und mit dem "Anstrich von Wissenschaft" (Uwe Lohalm) versehen.

Das Vordringen antisemitischer Einstellungen läßt sich vor allem an der Einführung des "Arierparagraphen" in den Satzungen zahlreicher Vereine und Verbände ablesen, die die Mitgliedschaft von Juden ausschlossen. Ihr Spektrum reichte von den Soldatenverbänden über den mitgliederstarken und einflußreichen "Deutschnationalen Handlungsgehilfenverband", den "Reichslandbund" bis hin zu Jugendbünden und Studentenschaften. Das zeigt, daß das antisemitische Vorurteil vor allem in mittelständischen Bevölkerungsschichten auf einen fruchtbaren Boden fiel, die sich durch Statusverlust und Existenzgefährdung bedroht fühlten und nach einem Sündenbock suchten. Dieses große Wähler- und Mitgliederreservoir suchte der Antisemit und Rassist Adolf Hitler mit Erfolg hinter sich zu vereinigen, indem seine eigenen antisemitischen Ressentiments sich mit denen seiner Zuhörer trafen. Das setzte einerseits möglichst allgemeine und vage Formulierungen voraus, um zwischen den zerstrittenen Strömungen vermitteln zu können. Andererseits bedurfte es jener vordergründigen Glaubwürdigkeit und Hingabebereitschaft, die der Agitator Hitler wirkungsvoll verkörperte.

Hitlers Kindheit und Jugend

Wann und wie er sich dieses rassistische und antisemitische Weltbild angeeignet hat, läßt sich nicht mit Sicherheit feststellen. Entscheidender ist ohnehin die Wirkung, die davon ausging. Hitler war bis zu dem Zeitpunkt seines "Eintritts in die Politik" ein politischer und sozialer Niemand, der 30 Jahre seines Lebens am Rande der Gesellschaft, ohne Berufsausbildung und ohne politische Erfahrungen bzw. Aktivitäten zugebracht hatte. Offenbar wurde in dieser Zeit im Wien der Vorkriegszeit sein "Weltbild" in den Grundzügen geprägt. Sein eigentlicher weltanschaulicher Formierungs- und politischer Lernprozeß vollzog sich dann in der relativ kurzen Zeit zwischen 1919 und 1925 in München.

Vieles von dem, was er später in seiner Rechtfertigungs- und Propagandaschrift "Mein Kampf" über seine Kindheit und Jugend geschrieben hat, ist stilisiert oder nur halbwahr. Alles deutete in den frühen Jahren auf eine bescheidene, aber unbedeutende Zukunft, nichts auf eine politische Karriere, die einmal die Welt in Faszination und Schrecken versetzen sollte.

Adolf Hitler wurde am 20. April 1889 in der österreichischen Grenzstadt Braunau als Sohn eines kleinen Zollbeamten geboren, der auf Aufstieg und Respektabilität bedacht war. Die Familie bot ihm auch nach dem Tod des Vaters (1903) durchaus materielle Sicherheit und Geborgenheit. Das galt ebenfalls für die Zeit, als er nach dem 9. Schuljahr seinen Schulbesuch abbrach und in tatenloser Muße zunächst bei der Mutter in Linz (1905 bis 1907) und dann in Wien (1907 bis 1913) zubrachte. Nach zwei vergeblichen Anläufen, in die Wiener Kunstakademie aufgenommen zu werden, führte er ohne Ausbildung ein unstetes Leben, in dem er sich "Kunststudent" oder "Schriftsteller" nannte. Tatsächlich lebte er von dem Verkauf selbstgefertigter Architektur-Ansichtskarten und vertrieb sich seine Zeit mit Aushilfsarbeiten, Theaterbesuchen und Zeichnen.

Aus dieser Zeit stammen auch einige Elemente seiner völkisch-antisemitischen Weltanschauung, die er sich aus wahlloser Lektüre und der Beobachtung des politischen Geschehens aneignete. Eindruck auf ihn machten die wüsten antisemitischen und rassistischen Ausfälle des verkrachten Mönches Lanz von Liebenfels, der in seiner Zeitschrift, den "Ostara"-Heften, in trivialster Form reproduzierte, was sich im Wien der Jahrhundertwende an völkischen Wunschträumen und antisemitischen Ressentiments angestaut hatte. Auch die antisemitische und antisozialistische Demagogie des christlich-sozialen Wiener Oberbürgermeisters Karl Lueger verfehlte ihre Wirkung auf den jungen Hitler ebensowenig wie der österreichisch-großdeutsche Nationalismus des Alldeutschen Georg von Schönerer. Hier begegnete Hitler der gleichen zwanghaften Neigung, mit der er später selber alles Böse dieser Welt auf die Juden zurückführte. Hier fand er die gleiche Radikalität in der Kampfansage gegen die Kräfte der "Zersetzung", die später den Kern der eigen Weltanschauung ausmachten. Schon in der Wiener Zeit war für Hitler der Antisemitismus offenbar "das ideologische Passepartout" (Wendt), mit dem er für sich die Welt und das eigene private Schicksal der drohenden sozialen Deklassierung erklären konnte.

Kriegserlebnis

Einen entscheidenden und prägenden Abschnitt stellte für Hitler, der sich 1913 vor einem drohenden Einberufungsbefehl nach München abgesetzt hatte, das Kriegserlebnis 1914 bis 1918 dar. Ein Foto zeigt ihn mit begeistertem Gesicht in der jubelnden Menge auf dem Odeonsplatz in München am 2. August 1914, dem Tag nach der deutschen Kriegserklärung an Rußland. Die allgemeine Begeisterung des August 1914 ergriff den Außenseiter um so mehr, als er nun aus seinem ziel- und nutzlosen Dasein befreit schien. Hier eröffnete sich ihm eine feste Ordnung, die jene nationalen und sozialen Erwartungen und Einstellungen befriedigte, von denen er bisher nur geträumt hatte. Der Krieg befreite ihn von allen Zurückweisungen einer Gesellschaft, in der er bisher nicht hatte Fuß fassen können.

Am 3. August 1914 richtete Hitler ein Gesuch an den bayerischen König, um als Österreicher in ein bayerisches Regiment aufgenommen zu werden, was ihm bereits einen Tag später gewährt wurde. Als Meldegänger zwischen dem Regimentsstab und vorgeschobenen Stellungen zeichnete er sich durch seine Tapferkeit aus. Einzelgänger blieb Hitler auch als Gefreiter, der nach dem Urteil seiner Vorgesetzten keine "Führungseigenschaften" besaß. Das Fronterlebnis prägte Hitlers starres Festhalten an militärischen Befehls- und Werthierarchien, die später zum bestimmenden Prinzip der Organisationsstruktur der NSDAP und der von den Nationalsozialisten propagierten "nationalen Volksgemeinschaft" werden sollten. Für Hitler war das Regiment, wie ein ehemaliger Vorgesetzter später bestätigte, "Heimat". Schließlich verstärkte das Kriegserlebnis seine Vorurteile, seine vagen völkisch-nationalistischen Wunsch- und Zielvorstellungen. So meinte er zu wissen, daß man nach dem Krieg den "inneren Internationalismus" zerbrechen müsse, und entwickelte einen Haß auf alles Fremde, verbunden mit einer Furcht vor dem inneren und äußeren Feind. Später schrieb er, daß der Krieg für ihn die "unvergeßlichste" und "größte" Zeit seines Lebens gewesen sei.

Um so schockierender mußte auf jemanden, der im Krieg zu sich "gefunden" hatte, die Nachricht von der Niederlage vom November 1918 wirken, von der er nach einer Augenverwundung durch Gasbeschuß im Lazarett erfuhr. Nun gewann der Kampf um die nationale Sache für ihn eine existentielle Dimension. Das war die Quelle der "fanatischen Energie, mit der nun Hitler den Krieg in Permanenz zu seinem Leitbild erhob" (Bracher). Die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln sollte zum ersten und wichtigsten politischen Anliegen Hitlers werden. Sie wurde auch zur Voraussetzung seines politischen Wirkens, denn damit traf er die Gefühle großer Teile der Frontgeneration.

Eintritt in die Politik

Hitlers Eintritt in die Politik vollzog sich wesentlich undramatischer, als er dies später behauptet hat. Wieder waren es der Zufall und seine Sorge um ein bescheidenes Auskommen wie um mentale Geborgenheit, die ihn aus Furcht vor der Demobilisierung zurück zu seinem alten Regiment nach München trieb. Nach Niederschlagung der Münchener Räterepublik im April 1919 stellte er sich einer Untersuchungskommission zur politischen Säuberung der Truppe von "revolutionären Elementen" zur Verfügung und begann damit nach eigenem Urteil seine "erste mehr oder weniger rein politische aktive Tätigkeit". Da er seine Aufgabe mit großem "nationalen Eifer" zur Zufriedenheit seiner Vorgesetzten erfüllte, schickte man ihn im Juni 1919 zu einem politischen Schulungskurs. Für Hitler war das vor allem die Gelegenheit, auf sich aufmerksam zu machen, bis er als "Verbindungsmann" der Reichswehr einem "Aufklärungskommando" zugewiesen wurde und zur Zufriedenheit seiner Auftraggeber politische Agitation betrieb, als "ein geborener Volksredner, der durch seinen Fanatismus und sein populäres Auftreten die Zuhörer unbedingt zur Aufmerksamkeit und zum Mitdenken zwingt."

Wie sehr sich seine antisemitischen Vorstellungen zu diesem Zeitpunkt schon zu radikalen Postulaten verfestigt hatten, zeigt ein Antwortschreiben, das Hitler im Auftrag seines Hauptmanns an einen anderen Verbindungsmann über die "Gefahren des Judentums" verfaßte, seine erste überlieferte politische Äußerung. Dort war von einem "Antisemitismus der Vernunft" die Rede, der "zur planmäßigen gesetzlichen Bekämpfung und Beseitigung der Vorrechte der Juden" führen müsse. Das letzte Ziel aber, so Hitler in diesem Brief weiter, "muß unverrückbar die Entfernung der Juden überhaupt sein." Das waren ideologische Glaubenssätze, die bis zu Hitlers Ende im Berliner Bunker für ihn Gültigkeit behielten, die aber trotz ihrer erschreckenden Kontinuität noch nicht erklären, warum aus diesen antisemitischen Tiraden, die Hitlers Eintritt in die Politik begleiteten, einmal politische Realität werden sollte. Als Verbindungsmann der Reichswehr kam Hitler dann auch zur Deutschen Arbeiterpartei (DAP), einer von etwa 70 rechtsextremen Splittergruppen, die in der ersten Nachkriegszeit überall im Reich entstanden waren. In ihr fand er eine politische Gruppierung, die ähnliche nationalistische und antisemitische Parolen vortrug wie er selbst. Hier fand er nach seiner Entlassung aus der Reichswehr im Mai 1920 eine neue Betätigung.

Führungsclique

Schon bevor Hitler als Bierkeller-Agitator von sich reden machte, war im politischen Lager der nationalen Rechten der zwanziger Jahre die Sehnsucht nach einem großen Führer verbreitet. Er selbst hatte sich anfangs auch nur als "Trommler" für eine nationale Erlösergestalt verstanden, bis er sich schließlich selbst als Anwärter für eine solche charismatische Führergestalt anpreisen konnte. Dies war erst möglich, nachdem er die inzwischen in Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) umbenannte völkische Gruppierung übernommen und zu einer Führerpartei umorganisiert hatte.

Zudem verstand Hitler es, zunehmend Männer seiner Wahl in den Parteivorstand zu schleusen und damit seine Position zu sichern. Dazu gehörte einmal die Gruppe der völkischen Ideologen, die aus der Thule-Gesellschaft stammten: Der antisemitische Schriftsteller Dietrich Eckart, der auf Hitlers politisch-ideologischen Bildungsprozeß einen nicht unerheblichen Einfluß hatte; ferner der Baltendeutsche Alfred Rosenberg, dessen Erfahrungen in Rußland ihn zu einem entschiedenen Antibolschewismus gebracht hatten, den Hitler mit antisemitischen Ideen zur Vorstellung einer "russisch-jüdischen Revolution" verschmolz. Schließlich auch Gottfried Feder, der das Schlagwort von der "Brechung der Zinsknechtschaft" in Umlauf gebracht hatte.

Einflußreicher wurden bald die Militärs: Der Hauptmann Ernst Röhm, der sich zum Verbindungsmann zur Reichswehr und zum Waffenbeschaffer der nationalsozialistischen Parteiarmee entwickeln sollte; der hochdekorierte Jagdflieger des Weltkrieges Hermann Göring, der 1923 das Kommando der SA übernahm; schließlich Oberstleutnant Hermann Kriebel, der über enge Kontakte zu den völkischen Wehrverbänden verfügte.

Darüberhinaus fanden auch einige akademisch gebildete Ex-Offiziere ihre Heimat in der NSDAP: Der fanatische Hitler-Anhänger Rudolf Heß, ferner Max Amann, der den Parteiverlag der NSDAP gründete, schließlich Walter Buch, der später das Parteigericht der NSDAP leiten sollte. Außerdem gehörten zu Hitlers Umgebung die beiden fanatischen Antisemiten Hermann Esser und Julius Streicher. Sie alle unterstützten Hitler in seinem Aufstieg zur Parteiführung und bei seiner Kontaktaufnahme mit Gönnern in Reichswehr und Münchener Bürgertum. So war es auch Ernst Röhm, der die 60000 Reichsmark vermittelte, die für den Ankauf des Parteiblattes "Völkischer Beobachter" erforderlich waren.

Im Zentrum von Hitlers Aktivitäten standen nun weniger programmatische Aussagen als Propagandakampagnen zur Werbung von Mitgliedern und Wählern. Was er von Parteitrupps wirkungsvoll untermauert an antisemitischen, antisozialistischen, völkisch-nationalistischen und antidemokratischen Parolen vortrug, fand auf dem Hintergrund des verlorenen Krieges und der Revolution, des Bewußtseins sozialer Statusbedrohung, aber auch dem Bedürfnis nach Erlösung und politischer Orientierung zunehmend Aufmerksamkeit und Zustimmung. Hitler wurde bald zum Medium vielfacher Ressentiments und Erwartungen. Nicht seine Persönlichkeitsmerkmale und die Originalität seiner politischen Ideen verschafften ihm eine wachsende Aufmerksamkeit und Anziehungskraft, die ihm schließlich auch über die bayerischen Grenzen hinaus den Nimbus eines omnipotenten Führers verlieh, sondern der neuartige politische Stil, der die NSDAP aus dem Gefecht völkischer Verbände heraushob.

Erst die Verbindung von Weltanschauung und Organisation bzw. Propaganda machte die NSDAP unverwechselbar und charakterisierte Hitlers Politikverständnis. Eine "einheitlich organisierte und geleitete Weltanschauung" erklärte Hitler, bedürfe einer "sturmabteilungsmäßig organisierten politischen Partei." Die Weltanschauung könne in knappen Formeln zusammengefaßt werden und müsse nicht in einem wortreichen Programm ihren Ausdruck finden. Endlose weltanschauliche Debatten hielt er für abträglich; sie schadeten der Massenwirksamkeit wie der eigenen Machtposition. Stattdessen müsse die Organisation darauf ausgerichtet sein, die politische Propaganda wirkungsvoll zu verbreiten und der Entschlossenheit der Partei symbolisch Ausdruck zu verleihen.

Wichtigste Elemente der Propaganda, wie sie von Hitler entwickelt und praktiziert wurde, waren die Rede, die Einfachheit der dort vorgetragenen dualistischen Weltsicht und die Gewißheit, mit der Hitler seine Glaubenssätze verkündete; seine Fähigkeit, die eigenen Ängste und Visionen zu einer persönlichen Weltanschauung zu bündeln und sich dabei zum Medium all derer zu machen, die sich von ähnlichen Erfahrungen und Erwartungen bestimmt sahen.

Hitlers Weltanschauung

Gleichwohl kommt Hitlers Weltanschauung für sein Selbstbewußtsein wie für seinen Machtanspruch in der Partei und später im Regime große Bedeutung zu. Das Gefühl über ein festes Gedankengebäude zu verfügen, in das sich scheinbar alle Erfahrungen und Wahrnehmungen einbetten ließen, gab dem Außenseiter und Autodidakten Sicherheit. Die Behauptung, er allein verfüge über ein gültiges, in sich geschlossenes System der Welt- und Politikerklärung festigte seine diktatorische Machtfülle im Nationalsozialismus. Schließlich sollten die Entscheidungen über Krieg und Rassenpolitik, die beiden zentralen Dimensionen der nationalsozialistischen Politik, auf Hitlers weltanschaulichen Willen zurückgehen. Doch daß Hitlers Weltanschauung schließlich Staatsdoktrin wurde, setzte einen langen und komplizierten Prozeß der Umsetzung einer Ideologie voraus, die sich zuerst aus individuellen Erfahrungen und Einflüssen bildete.

Die Außenwirkung einer solchen Ideologie, die über ihre Politik und Konsensfähigkeit entscheiden sollte, hing ganz wesentlich davon ab, daß viele der ideologischen Formeln vertraut klangen, zugleich griffig und populistisch formuliert wurden und scheinbar eine einfache Antwort auf eine komplizierte und bedrohliche Wirklichkeit boten. Sie mußten dem Bedürfnis nach Sündenböcken eine klare Richtung für die Kanalisierung der kollektiven Frustrationen und Haßgefühle geben. Dazu war es notwendig, daß viele der Hitlerschen Weltanschauungs- und Propagandaangebote schon verbreitet und der Boden für ihre Politisierung und Organisation schon vorbereitet war. Eine solche Politikfähigkeit setzt nicht unbedingt denkerische Originalität voraus, denn die hatte Hitlers Weltanschauung ganz gewiß nicht. Sie war keine eigenständige Erfindung, sondern stammte aus dem "Ideenschutt" (Joachim C. Fest) des 19. Jahrhunderts.

Bis zur Mitte der zwanziger Jahre hatte Hitler aus den verschiedenen Versatzstücken der völkisch-antisemitischen, rassenbiologistischen und sozialdarwinistischen, nationalistischen und imperialistischen, antidemokratischen und antimarxistischen Vorstellungen sein persönliches Weltbild zusammengetragen, das von zwei Ideensträngen zusammengehalten wurde: von einem radikalen, universalen Rassenantisemitismus und von der Lebensraumdoktrin. Verbunden war dieser ideologische Kern mit dem Glauben, die Geschichte sei von einem permanenten "Kampf der Völker um Lebensraum" bestimmt, der nur dann siegreich geführt werden könne, wenn die "Rassereinheit" gewahrt bliebe bzw. hergestellt würde. Dieses sozialdarwinistische Geschichtsbild und die beiden damit verbundenen Ideenstränge des Rassenantisemitismus und der imperialistischen Lebensraumdoktrin waren anderswo schon vielfach vorgetragen worden und durch entsprechende politische Bewegungen in der Weimarer Republik einem größeren Publikum vertraut.

Ideologische Wurzeln

Rassismus und Antisemitismus wurden seit dem späten 19. Jahrhundert in kleinen Zirkeln ideologisch miteinander verbunden und durch die Agitation antisemitischer Gruppierungen seit den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts populär gemacht. Eine wichtige Rolle bei der Verbreitung und Vermittlung rassistischer und antisemitischer Vorstellungen spielte der Wagner-Kreis in Bayreuth, der den Mythos von "Ariern" und Germanen durch Bühnenweihespiele für ein gebildetes Publikum hoffähig machte. Nicht nur, daß Richard Wagner, den Hitler zutiefst verehrte, selbst Antisemit und Rassist war; durch seinen Kreis wurden zudem die Werke des wichtigsten "Rassetheoretikers", des französischen Grafen Arthur de Gobineau, ins Deutsche übersetzt, während der andere "Klassiker des Rassismus", der britische Publizist Houston Stewart Chamberlain, seit Anfang 1880 selbst zum Bayreuther Kreis gehörte. In seinem 1855 erschienenen Buch "Versuch über die Ungleichheit der menschlichen Rassen" hatte Gobineau die Menschheitsgeschichte nach rsischen Gesichtspunkten gedeutet.

Der Graf behauptete den Vorrang der "weißen Rasse" vor allen "anderen Rassen" und sah im "Arier" das eigentlich kreative Element, den Schöpfer jeder höheren Kultur, während die "niederen Rassen" allein zur Knechtschaft taugten. Die politisch-ideologische Absicht solcher abstruser Geschichtsbilder war klar: Es ging um die Rechtfertigung einer überkommenen, europäisch beherrschten Gesellschafts- und Weltordnung. Dahinter standen soziale Ängste und Abwehrmechanismen, die auch in der Furcht vor der "rassischen Degeneration" zum Ausdruck kamen. Gobineau sah die "Arier" vom "Rassetod" bedroht und prophezeite deren Niederlage im Kampf zwischen den "niederen" und "höheren" Rassen. Nur wenn sich die "höheren Rassen reinhielten", könnten sie diesem Untergang entgehen.

Damit war auch der zutiefst inhumane Züchtungsgedanke angedeutet, der dann durch den Einfluß biologistischer Denkmuster verstärkt wurde, wie sie durch Charles Darwin begründet und populär wurden. Die auf der Erde lebenden "Rassen", so Darwin, seien das Ergebnis eines Prozesses der natürlichen Auslese, der sich im Kampf um das Dasein manifestiere. Was bei Darwin noch wertneutral gemeint war, erhielt bei den Sozialdarwinisten eine politische und sozial ausgrenzende Bedeutung und fand eine große Verbreitung. Von der Ausschaltung aller "Untüchtigen", der Vernichtung "lebensunwerten Lebens" war nun die Rede, ebenso von dem Versuch, die Eignung für den Überlebenskampf durch das Messen von Kopfgröße und Nasenlänge zu ermitteln. Auch die Kräfte, die dem natürlichen Ausleseprozeß entgegenstünden, wurden denunziatorisch herausgestellt: Die christliche Moral, der aufgeklärte Rechts- und Toleranzbegriff und die moderne Zivilisation schlechthin, die allein die Schwachen schütze.

Waren Gobineau und Darwin keine Antisemiten, so erhielt die biologistisch begründete Rassenlehre eine noch gefährlichere Bedeutung, wenn sie sich mit antisemitischen Vorurteilen verband und die von Gobineau beklagte "Degeneration der Rassen" mit der angeblichen "Zersetzungstätigkeit der Juden" verband. Man leitete daraus die Forderung nach einer "Auslesepolitik" ab, die den Prozeß der Degeneration stoppen solle. Die neue Rassenlehre, wonach "Judesein" eine "unveränderte negative Eigenschaft" darstelle, war zur selben Zeit in Frankreich durch George Vacher de Lapouge und Edouard Drumont sowie in Deutschland durch Eugen Dühring, Wilhelm Marr und durch Houston Stewart Chamberlain publizistisch verbreitet worden. Sie alle forderten mehr oder weniger offen die Vernichtung der Juden, um die Reinheit und Herrschaft der "Arier" zu sichern. Dabei mündeten ältere aus dem Spätmittelalter überkommene und christlich-religiös motivierte antijudaistische Stereotype in den neuen, scheinwissenschaftlichen Rassismus ein. Sie rstärkten damit seine Resonanz bei einem Publikum, das ähnlich alte Vorurteile mit Wissenschaftsglauben und sozialen Ängsten verband.

Imperialismus und Kolonialismus

Einstweilen blieben die sozialdarwinistischen und rassenantisemitischen Entwürfe noch Gedankenkonstruktionen. Aber die Leserschaft einschlägiger Publizisten wie Marr und Chamberlain, die die antisemitischen Schmähungen mit kulturpessimistischen Visionen verbanden, nahm zu. Derartige Autoren machten den Antisemitismus unter einem bürgerlichen Publikum ebenso gesellschaftsfähig wie die Aufnahme antisemitischer Forderungen in das Programm der Deutschkonservativen Partei (1892) und in die Satzungen von Interessen- und Agitationsverbänden (Alldeutsche, Bund der Landwirte) den Antisemitismus allmählich politikfähig machte. Der Haß auf alles Fremde und der Antisemitismus waren im ausgehenden 19. Jahrhundert überall in Europa auch in den Nationalismus eingegangen, besonders aber in Deutschland und Italien.

Die Wendung des Nationalismus zum radikalen Imperialismus, der dann auch in der Weltanschauung Hitlers eine zentrale Rolle spielen sollte, hatte in Europa um die Mitte des 19. Jahrhunderts eingesetzt und sich mit der Zuspitzung der sozialen Konflikte in den sich entfaltenden Industriegesellschaften beschleunigt. Der überkommene Nationalismus verband sich mit machtstaatlichen und imperialen Tendenzen zu einer nationalistischen Sendungsideologie. Der neue Nationalismus rechtfertigte nicht nur die nationalen Machtansprüche in Übersee, sondern präsentierte sich als Instrument der Abwehr und Ausgrenzung im Inneren: Gegen das sozialistische und internationalistische Proletariat ebenso wie gegen die "goldene Internationale des Bankkapitals", das vor allem in jüdischer Hand gesehen wurde. Das Gegenmodell eines "nationalen Sozialismus" verhieß nationale Geschlossenheit statt Klassenkampf, bedeutete Mobilisierung nach außen statt Verbrüderung über die Grenzen.

Der Ablenkung von inneren Spannungen nach außen diente das imperialistische Moment im neuen Nationalismus. Der Kolonialgedanke faszinierte nationale Agitationsvereine, die ihre Anhänger im Bürgertum, weniger bei Unternehmen fanden. Kolonialträume trieben das nationale Lager auch noch in der Weimarer Republik um, als die wenigen deutschen Kolonien, die ökonomisch zudem nicht profitabel waren, durch den Versailler Vertrag abgetreten werden mußten. Um so faszinierender wirkte dann der Mitteleuropagedanke, der sich durch eine wirtschaftliche Zusammenarbeit Deutschlands mit den südost-europäischen Staaten einen gesicherten Rohstoff- und Absatzmarkt erhoffte.

Rassegedanken

Im Mittelpunkt von Hitlers Geschichtsdenken standen die Begriffe "Volk" und "Rasse", die weitgehend identisch verwandt wurden. Völker und Rassen galten ihm als in sich abgeschlossene Arten; jede Vermischung war ein Verstoß gegen die Natur und ein Grund für den Verfall. Zwischen den Rassen und Völkern aber herrsche das Gesetz des ewigen Kampfes. Der Lebenskampf als Gesetz der Geschichte gelte vor allem der Selbsterhaltung. Die Funktion solcher rassentheoretischer und sozialdarwinistischer Gedanken war eindeutig:Sie dienten der Rechtfertigung innerer Abwehr und außenpolitischer Expansion.

Bei dem Kampf um die Selbsterhaltung stießen die Völker, und damit verbindet sich die Rassenlehre mit dem Raumgedanken, an die Grenzen des Raumes. Der Widerspruch zwischen der Begrenztheit des Raumes und dem unbedingten Erhaltungstrieb der Völker war für Hitler Ursache für den "ewigen Kampf um den Raum". Hitler meinte, als Grundgesetz der Geschichte erkannt zu haben: "Lebenskampf der Völker" um "Lebensraum". Zugleich war damit sein Rassen- wie sein Raumeroberungsprogramm begründet. In seiner zutiefst inhumanen naturalistisch-biologistischen Weltsicht war auch der Gedanke der "Rassenzüchtung" des Menschen angelegt.

Aus diesen vermeintlichen Gesetzen der Geschichte ergab sich für Hitler als Aufgabe der Politik: "Politik ist die Kunst der Durchführung des Lebenskampfes eines Volkes um sein irdisches Dasein. Außenpolitik ist die Kunst, einem Volk den jeweils notwendigen Lebensraum in Größe und Güte zu sichern. Innenpolitik ist die Kunst, einem Volk den dafür notwendigen Machteinsatz in Form seines Rassenwertes und seiner Zahl zu erhalten." Das waren Schlagworte, die vom Parteiführer Hitler vielfach wiederholt wurden, die zwar nicht die einzelnen Schritte und Instrumente seiner Machtpolitik ankündigten, wohl aber deren Fernziele angaben. Bevölkerungspolitik und Rassenpolitik wurden damit in einen gleichsam dialektischen Zusammenhang gebracht, der an einem vorindustriellen Konzept von Raum, Rasse und Ernährung orientiert war. Jedes Anwachsen der Bevölkerungszahl führte danach zu einer Verknappung des Raumes und damit zum Lebensraumkrieg. Umgekehrt würde ein Stagnieren oder Sinken der Bevölkerungszahl die anderen Völker stärker werden lassen und zum Verlust von Lebensraum führen.

Antisemitismus

Alle Vorgänge in der modernen Welt, die Hitler beunruhigten, wurden auf die Juden zurückgeführt. "Nichts ist mehr verankert, nichts mehr wurzelt in unserem Innern. Alles ist äußerlich, flieht an uns vorbei. Unruhig und hastig wird das Denken unseres Volkes. Das ganze Leben wird vollständig zerrissen." Das waren Ängste vor der Moderne, die auf einen "Schuldigen" zurückgeführt wurden; das war eine ideologische Kampfansage an den gesamten emanzipatorischen Prozeß der Neuzeit. Die Juden wurden für den historischen Wandel verantwortlich gemacht und ebenso universal verstand Hitler seine historische Mission. Mit dem deutschen und dem jüdischen Volk standen sich im Urteil des Rassenideologen zwei Grundprinzipien der Geschichte gegenüber: Das deutsche Volk sei das typische "Raumvolk", das jüdische Volk sei immer ein "raumloses" Volk, ein Volk ohne Staat mit festen Grenzen, unfähig zur festen Staatsbildung.

Die Juden waren für Hitler auch Urheber und Träger der politischen Prinzipien der Gegenwart, durch die er die natürlichen Lebensformen der "Rassen" bedroht sah. Sein Haß galt darum vor allem dem Internationalismus, dem Pazifismus und der Demokratie. Sie stünden im Gegensatz zu den von ihm für positiv gehaltenen Werten des Nationalismus, des Heroismus und des Führerprinzips.

Sein Haß gegen Internationalismus, Pazifismus und die Gleichheit der Menschen und Völker mündete in die Kampfansage an Marxismus und Kommunismus, die seit der Revolution von 1917/18 in Rußland nicht nur für Hitler einen festen Bestandteil des eigenen ideologischen Bedrohungs- und Abwehrszenarios ausmachten. Im Kommunismus sah Hitler die radikalste und letzte Angriffswaffe des Judentums im Kampf um die Herrschaft über die ganze Welt. Wenn der Kommunismus nach Meinung Hitlers nichts anderes war als der erneute Versuch der Juden, "ihre alten Träume der Weltherrschaft zu verwirklichen", dann war nicht nur das Ziel des nationalsozialistischen Angriffs erkennbar, sondern auch die daraus abgeleitete Verpflichtung der Nation zum "Selbsterhaltungskampf". Es charakterisiert den Ideologen und Propagandisten, daß er seine eigenen verborgenen Ziele dem Gegner unterstellte und seine Eroberungspläne darum als Verteidigungsmaßnahme zu rechtfertigen versuchte.

Die "Rassenpolitik" war schließlich auch letzte Begründung des außenpolitischen Programmes. Wie aus dem konventionellen Antisemiten ein radikaler Rassenideologe mit einem universellen "Heilungs"- und Vernichtungsanspruch geworden war, so hatte sich in wenigen Jahren der konventionelle außenpolitische Revisionist zum Ideologen der Lebensraumeroberung gewandelt, der nicht mehr nur eine Aufhebung des Versailler Vertragssystems anstrebte, sondern ganz im Sinne imperialistischen Denkens Raum für ein deutsches "Herrenrassen-Imperium" gewinnen wollte. Das freilich sollte nicht mehr in Übersee, sondern im europäischen Osten liegen.

Auch diese imperialistischen Elemente von Hitlers Weltanschauung waren im ideologisch-propagandistischen Weltbild der Deutschen nicht unbekannt. Die Forderung nach einer "Revision" des Vertrages von Versailles war in fast jeder bürgerlichen Parteiversammlung zu hören. Sie besaß eine große politische Integrationskraft, die sich gegen die Republik richten ließ. Wer sich ihr in propagandistisch erfolgreicher Weise bemächtigte, der konnte mit breiter Zustimmung rechnen. Dasselbe galt für altbekannte imperialistische Forderungen, vom Kolonialgedanken über das Mitteleuropakonzept bis hin zu Annexionsforderungen nach Osten.

Anti-Positionen

Um diesen weltanschaulichen Kern rankten sich weitere ideologische Anti-Positionen, wie sie sich in anderen nationalistischen und faschistischen Bewegungen der Zwischenkriegszeit auch fanden: Antimarxismus, Antiliberalismus, Antiparlamentarismus, Antikapitalismus und auch ein tendenzieller Antikonservativismus. Als Gegenbilder standen dem Elemente des neuen radikalen Nationalismus der Jahrhundertwende gegenüber: Ein völkischer Nationalismus, verbunden mit dem Konzept eines nationalen Sozialismus und einer nationalen Volksgemeinschaft unter Führung einer neuen politischen Elite. Diese sollte sich durch die Bereitschaft zum Glauben, zum Gehorsam und durch den Willen zur Tat bzw. zum Kampf auszeichnen.

Daneben stellte das Führerprinzip ein konstitutives Element für Ideologie und Organisation des Nationalsozialismus dar: Es war Gegenmodell zu Liberalismus und Demokratie und zugleich Legitimations- und Integrationsmittel für die Partei und ihre Anhänger. Der "Führer" hielt die widersprüchlichen Elemente der nationalsozialistischen Programmatik und Propaganda zusammen. Seine Rolle als Vermittler zwischen rivalisierenden Zielvorstellungen und als Interpret der wahren Lehre begründete Hitlers absolute Führungsstellung in der Partei.

Die nationalsozialistische Weltanschauung mit ihrem Anspruch auf Totalität muß bei der Erklärung von Hitlers Macht ernstgenommen werden, auch wenn sie kein Regierungsprogramm darstellte und Hitler jede programmatische Präzisierung und Ausgestaltung, die auf die Interessen einzelner sozialer Gruppen und politischer Fraktionen Rücksicht nahm, unterbunden hat. Eine Vermittlung zwischen verschiedenen Interessen sollte nicht durch ein Programm, sondern durch Propaganda und das Charisma des "Führers" stattfinden. Das ließ ihm genügend Raum, seine Allmacht zu demonstrieren, und suggerierte das Bild von (programmatischer) Geschlossenheit. Überdies ließen die teilweise sehr vagen und widersprüchlichen Zielvorstellungen, die innerhalb der nationalsozialistischen Führungsclique bestanden, taktische Anpassungsmanöver zu und erlaubten es Hitler, seine weltanschaulichen Kernvorstellungen unter geschickter Ausnutzung der jeweiligen politischen Konstellationen stufenweise zu realisieren. Denn Hitler hat nicht nur mit großer Hartnäckigkeit bis zu seinem Ende im Führerbunker der Reichskanzlei an seiner Weltanschauung festgehalten, sondern sie auch bei aller taktischen Flexibilität und Improvisation zur treibenden Kraft seiner Politik gemacht.

Erfolg und erstes Scheitern

In der Kombination des "Programmatikers" und des "Politikers" sah Hitler selbst seine politische Stärke begründet, und bald war der innere Kreis seiner Partei auch davon überzeugt. Seit 1922/23 entwickelte sich ein Personenkult um Hitler, der alle Krisen überstand und sich bis zum Ende der zwanziger Jahre durchgesetzt hatte. Der Weg Hitlers zu dieser unangefochtenen Machtposition zunächst in der eigenen Partei und dann in weiten Teilen der Wählerschaft führte über seine rastlosen Propagandaaktivitäten und seine missionarische Ausstrahlungskraft, aber auch über taktisches Geschick, das mit einem ideologischen Machtwillen gepaart war.

Bereits in der ersten Parteikrise vom Sommer 1921, an deren Ende Hitler gegen Drexler den Vorsitz der Partei mit fast diktatorischen Vollmachten erlangen konnte, wurden wesentliche Merkmale von Hitlers Handlungsweise sichtbar, die in späteren Konfliktsituationen und Knotenpunkten in der Geschichte des Nationalsozialismus immer wieder zu beobachten sein sollten: Hitler besaß keinen strategischen Plan zur Erringung der diktatorischen Machtposition, sondern den Willen, sich nicht unterordnen zu müssen. Vor allem vermochte er es, die jeweilige Konfliktsituation durch eine scheindemokratische Mobilisierung der Parteiöffentlichkeit zu seinen Gunsten auszunutzen. Hitler hatte einen eher harmlosen Anlaß zu einer Überreaktion benutzt, die sein Mißtrauen und seinen Machtanspruch durchscheinen ließ. Während seiner Abwesenheit hatte sich die NSDAP mit einer unbedeutenden ideologisch verwandten Gruppierung zusammengeschlossen. Weil er die Verwässerung seines Politik- und Propagandakonzepts durch den anderen völkischen Dettierklub befürchtete, drohte Hitler sofort mit seinem Parteiaustritt. Es sprach für seine Unentbehrlichkeit als Agitator, daß man sich schließlich seinem diktatorischen Machtanspruch unterwarf.

Steigende Mitgliederzahlen

Inzwischen war Hitler schon zum Aushängeschild der Partei geworden und konnte eine deutliche Zunahme an Parteimitgliedern für sich verbuchen. Im Laufe des Jahres 1923 stieg die Mitgliedschaft von 15000 auf 55000 an, blieb aber noch immer auf Bayern konzentriert. Das Aufsehen, das er mit seinen lauten Massenkundgebungen und dem aggressiven Stil seiner politischen Propaganda erregte, brachte ihm zudem bald einflußreiche Gönner und Freunde aus Bürokratie, Militär und Großbürgertum ein, wie etwa die Verlegerfamilie Bruckmann, den Klavierfabrikanten Bechstein oder den Unternehmer Fritz Thyssen. Sie sahen in der NSDAP eine Unterstützung ihrer antisozialistischen Ziele. Die Parteiarbeit wurde sowohl in den Anfängen als auch später weniger durch solche Unterstützungen als durch Mitgliedsbeiträge und Versammlungseinnahmen finanziert.

Massenkundgebungen und spektakuläre Aktionen, wie der nach dem Muster faschistischer Strafexpeditionen gegen Hochburgen der Linken in Norditalien organisierte Auftritt Hitlers mit 800 SA-Männern auf dem "Deutschen Tag" in Coburg im Oktober 1922, bei dem es zu Massenschlägereien mit Sozialdemokraten kam, machten die NSDAP zu einer der auffälligsten antirepublikanischen Agitationsgruppen im süddeutschen Raum. Die Parteipropaganda stilisierte Hitler hinfort als "Retter Deutschlands". Ihre Mitglieder gewann die NSDAP aus vorwiegend mittelständischen Schichten, die von Orientierungs- und Statusverlusten bedroht waren und die sich von der radikalen Agitation der Hitler-Bewegung gegen "Versailles" und den Weimarer Staat angezogen fühlten. Aber auch Angehörige anderer Schichten wurden durch die Propaganda angesprochen. So waren etwa 33 Prozent der frühen Mitglieder Arbeiter. Wichtiger noch war der Zustrom aus den aufgelösten militärischen Verbänden und Freikorps vor allem in Bayern, aber auch im östlichen Deutschlan

Die Folge war ein rasches Anwachsen der SA, die vom ursprünglichen Saalschutz durch den Beitritt von militärisch versierten Führern mehr und mehr zu einem parteiunabhängigen Wehrverband wurde. Das bot den Vorteil, daß man, wie andere nationalistische Verbände auch, von der bayerischen Reichswehr Waffen- und Ausbildungshilfe erhielt. Das hatte aber für Hitler und die NSDAP auch den Nachteil, daß das Eigengewicht der militärischen Führung der SA wuchs und Hitlers Anspruch auf die alleinige Parteiführung immer wieder gefährdet wurde. Durch die Einbeziehung in die von Ernst Röhm im Januar 1923 gegründete "Arbeitsgemeinschaft der vaterländischen Kampfverbände" drohte die SA noch mehr dem Zugriff Hitlers zu entgleiten, obwohl sie im Unterschied zu den anderen Wehrverbänden sich als politischer Verband begriff. Der Konflikt zwischen der politischen Organisation der NSDAP und der Parteiarmee SA um die richtige politische Strategie und den Führungsanspruch sollte den Nationalsozialismus bis zu seiner Machtergreifung 33/34 begleiten. Auch darin lag eine Gemeinsamkeit der europäischen faschistischen Bewegungen, die fast alle eine paramilitärische Parteiarmee besaßen, deren Funktion aber zwischen Wehr- oder Veteranenverband und politischem Propagandainstrument schwankte.

Krise 1923

Die frühe NSDAP verstand sich nicht als Partei, sondern als revolutionäre Bewegung, die auf dem Weg eines Putsches die verhaßte Weimarer Republik von Bayern aus beseitigen wollte. Vorbild und Ermutigung war dabei der erfolgreiche "Marsch auf Rom" von Mussolini im Oktober 1922. Bald danach erklärte NSDAP-Propagandaleiter Hermann Esser Hitler zum "deutschen Mussolini", und Hitler selbst forderte im November eine "nationale Regierung nach faschistischem Muster". Die Gelegenheit dazu bot sich in der Krise des Jahres 1923, die zum Kampf um das "Überleben des parlamentarischen Systems" (Hans Mommsen) führte.

Die schwere ökonomische und politische Krise des Jahres 1923, die die Weimarer Republik an den Rand des Zusammenbruchs führte und vor allem in Bayern den Ausnahmezustand und Gedanken eines nationalen Umsturzes entstehen ließ, schuf den Boden, auf dem die junge NSDAP zu ihrem ersten, eher dilettantischen Griff nach der Macht ausholte.

Die deutsche Wirtschaft wurde 1923 von einer Hyperinflation erschüttert. Der Dollar, der im Juli 1919 noch 14 Mark gekostet hatte, stieg Mitte November 1923 auf 4,2 Billionen Mark an. In diesem Herbst kam es etwa gleichzeitig zu Konflikten zwischen der Reichsregierung und den linken Koalitionsregierungen in Sachsen und Thüringen einerseits und dem Reich und Bayern andererseits, die zu einer politischen Bedrohung der Weimarer Republik wurden. Während die Reichswehr auf die Vorbereitungen eines kommunistischen Aufstandes in Sachsen und Thüringen mit einem sofortigen Einmarsch in Sachsen reagierte, verhielt sie sich in Bayern trotz offensichtlichen Ungehorsams des bayerischen Reichswehrkommandos sehr zurückhaltend.

Damit gab sie der Hoffnung rechtsextremer, nationalistischer Kreise Nahrung, von Bayern aus zum Sturm auf das "rote" Berlin blasen zu können. Reichswehrminister Otto Geßler und der Chef der Heeresleitung General Hans von Seeckt verweigerten einen Einsatz der Reichswehr gegen Bayern, wo unter Bruch der Verfassung Generalstaatskommissar Gustav von Kahr an die Stelle der legalen Regierung trat und sich eine enge Zusammenarbeit zwischen ihm, der bayerischen Reichswehrführung unter General Otto Hermann von Lossow und dem Leiter der Bayerischen Landespolizei Hans von Seißer bildete, die offen Befehle aus Berlin verweigerten. Damit wurde deutlich, daß sich Bayern zum Zentrum von republikfeindlichen Gruppen entwickelt hatte, die Umsturzaktionen gegen die Republik zum Ziel hatten.

Für Hitler bedeutete die undurchsichtige Situation eine Chance und Gefahr zugleich. Er war überzeugt, den Konflikt für die eigenen Zwecke nutzen zu können und die von ihm geführten vaterländischen Kampfbünde auf sein politisches Programm festlegen zu können. Zugleich drohte die Gefahr der politischen Isolierung, zumal die Ausnahmegewalt von Kahrs Hitlers Macht, die sich auf die Volksbewegung stützen sollte, empfindlich einzuschränken begann.

Als sich Putschgerüchte Anfang November verdichteten, drohte Hitler den Anschluß zu verlieren. In den Plänen des Direktoriums Kahr-Lossow-Seißer fehlte sein Name. Auch wenn die drei zögernden Putschisten nicht mehr mit der Unterstützung durch die Reichswehrführung rechnen konnten, hofften sie auf ihre Chance durch eine Parallelaktion in Berlin. Daß eine Putschaktion von rechts, die vermutlich eine französische Intervention provoziert hätte, ohne militärische Unterstützung der Reichswehr zum Scheitern verurteilt sein würde, war auch Hitler bewußt. Der Agitator setzte aber nach wie vor auf eine Propagandaaktion, von der er sich eine Initialzündung für eine Revolution von rechts erhoffte. Die Entfachung einer fanatisierten Massenbewegung, wie sie ihm offensichtlich vorschwebte, paßte aber überhaupt nicht in das Kalkül des Direktoriums und der traditionellen nationalen Kräfte.

Hitler-Putsch in München

Zunächst deutete alles darauf hin, daß die Männer des "alten Systems", nämlich Generalstaatskommissar von Kahr mit der bayerischen Reichswehr und der Landespolizei die Dinge im Griff hatten und daß die Kampfbünde an der kurzen Leine gehalten werden sollten. Das war Grund genug für Hitler, die Flucht nach vorn anzutreten. Die Gelegenheit zum operettenhaften Coup, der ihn doch noch an die Spitze der "deutschen Revolution" setzen sollte, bot eine Kundgebung im Münchner Bürgerbräukeller am 8. November 1923. Hierzu hatte von Kahr mit Ausnahme von Hitler und seinen Gefolgsleuten alles geladen, was im nationalistisch-bürgerlichen Lager Rang und Namen hatte.

Mit Pistolen bewaffnet verschaffte sich Hitler mit seiner Begleitung dennoch Einlaß und verkündete, nachdem seine Gefolgsleute, unter ihnen Göring und Heß, das Podium erobert hatten und die Versammlung mit einem Maschinengewehr in Schach hielten, daß nun die "nationale Revolution" ausgebrochen sei und daß er an die Spitze einer neuen Reichsregierung treten werde. Für den Fall des Scheiterns drohte der selbsternannte nationale Diktator mit Waffengewalt und damit, daß er sich erschießen werde. Das war eine Drohung zu der Hitler in Situationen äußerster Anspannung später noch häufiger greifen sollte. Die Männer der alten, autoritären Ordnung ließen sich von dieser Alles-oder-Nichts-Strategie nicht einschüchtern. Erst durch die Einschaltung des später eingetroffenen populären Weltkriegsgenerals Erich von Ludendorff, der sich auf die Seite Hitlers stellte, gab Kahr nach und willigte in einen Pakt ein. Nach der Versammlung im Bürgerbräukeller sagten sich von Kahr und von Lossow jedoch noch in derselben Nacht von Hitler und Ludendorff los und ließen entsprechende Plakate anschlagen. Zur Begründung gaben sie an, sie seien erpreßt worden.

Als Hitler davon erfuhr, war ihm klar, daß er das Gesetz des Handelns wieder verloren hatte, und er versuchte noch einmal durch einen improvisierten Gewaltakt am Morgen des 9. November die Initiative an sich zu reißen: Er organisierte den "Marsch zur Feldherrnhalle", der später von der NS-Propaganda als Heldentat und Opfergang verklärt wurde. Er war weniger eine militärische Machtdemonstration der von Hitler und Ludendorff angeführten bewaffneten Kampfbünde als eine verzweifelte letzte Demonstration, die im Kugelhagel der Landespolizei in der Münchener Innenstadt endete. Vierzehn Putschisten und drei Polizisten wurden getötet, Hitler konnte leicht verletzt und völlig verwirrt zunächst flüchten, nur Ludendorff marschierte weiter. Ein Desaster für die NSDAP, die in der Folge verboten wurde. Hitler stand vor dem Zusammenbruch seiner kurzen politischen Karriere.

Nach monatelangen Voruntersuchungen wurde er am 1. April 1924 in einem Hochverratsverfahren vor dem bayerischen Volksgerichtshof zu fünf Jahren Festungshaft in Landsberg verurteilt. Unverkennbare national-konservative Sympathien des Gerichts und die rhetorischen Fähigkeiten Hitlers machten den Prozeß zu einem Triumph des gescheiterten Putschisten. Unter dem brausenden Beifall der Zuhörer schuf das Gericht, das wie damals überall im Reich üblich mit Angeklagten aus dem rechten Spektrum besonders milde umging, ein Stück von der "Führer-Legende", indem es dem Agitator Tapferkeit, ein "ehrliches Streben", einen "reinen vaterländischen Geist" und "Selbstaufopferung für die Idee, die ihn beseelte" bescheinigte.

Haftzeit

Während seiner Haftzeit, aus der Hitler am 20. Dezember 1924 vorzeitig entlassen wurde, zerbrach die kaum organisierte und nun führerlose Bewegung in mehrere völkische Gruppierungen. Bei den Reichstagswahlen am 4. Mai 1924 erzielte die völkische Liste 1,9 Millionen Stimmen, am 7. Dezember 1924 nur noch 0,9 Millionen - ein Hinweis auf die einsetzende Stabilisierung der Republik nach dem Katastrophenjahr 1923, das bei den Maiwahlen 1924 noch nachgewirkt hatte.

Da Hitler sich an den völkischen Führungsstreitigkeiten nicht beteiligt hatte, konnte er nach seiner Entlassung wieder zum Sammelpunkt beim Wiederaufbau der NSDAP werden. Er hatte aus dem gescheiterten Putsch drei Konsequenzen gezogen: Zuerst ersetzte eine für die Zukunft angestrebte Legalitätstaktik den Gedanken an einen Putsch als Mittel der Machteroberung, ohne daß er damit der politischen Gewalt abschwor; der Massenmobilisierung und dem Weg über Wahlen räumte er lediglich Vorrang ein. Zweitens wurde die am 27. Februar 1925 neu gegründete NSDAP regional weit gefächert und auf Reichsebene straff organisiert. Sie sollte sich von anderen völkischen Gruppen strikt abgrenzen, die paramilitärische SA hatte sich der politischen Führung der Partei unterzuordnen und sollte vor allem der politischen Massenmobilisierung dienen. Drittens sollte die Partei zu einem bedingungslosen Instrument des Führerwillens geformt werden.

Seine Führungsrolle versuchte Hitler durch seine umfangreiche Programmschrift "Mein Kampf" zu sichern, mit deren Abfassung er im Sommer 1924 in Landsberg begonnen hatte. Der erste Band wurde 1925, der zweite 1927 veröffentlicht. Hier verdichteten sich die bisherigen ideologischen Versatzstücke zu einem geschlossenen Programm, dem sich Hitler bei aller Flexibilität in seiner Politik bis zu seinem Ende im Führerbunker mit dogmatischer Unbeirrbarkeit verpflichtet fühlte und das zugleich zum Bezugspunkt aller parteiinternen Rivalitäten wurde.
Auszug aus:
Informationen zur politischen Bildung (Heft 251) - Die nationalsozialistische Bewegung in der Weimarer Republik
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