"Stolpersteine" des Künstlers Gunter Demnig.

6.4.2005 | Von:
Hans-Ulrich Thamer

Die nationalsozialistische Massenbewegung in der Staats- und Wirtschaftskrise

Ende der 1920er war aus dem Nationalsozialismus eine Massenbewegung geworden - und eine straff organisierte Partei. Mit massiver Propaganda nach innen und außen gewann die NSDAP mehr und mehr Wahlstimmen für sich. Bei den Reichstagswahlen 1930 wurde sie nach der SPD zur zweitstärksten Partei.

Nicht genau datiertes Schwarz-Weiß-Foto: Der 1894 als Gebäude für das deutsche Parlament erbaute Reichstag im Jahr 1931.Das Reichstagsgebäude im Jahr 1931. (© AP)

Einleitung

Hitler hatte seine Rückkehr in die politische Öffentlichkeit gut vorbereitet. Bei der Neugründung der NSDAP im Münchener Bürgerbräukeller am 26. Februar 1925 bekräftigte er seinen unbedingten Führungsanspruch und rief zugleich zur Einigkeit im völkischen Lager auf. Nur General von Ludendorff, einen der berühmtesten Militärs des Ersten Weltkrieges, wollte er neben sich akzeptieren und bei der Reichspräsidentenwahl unterstützen. Um so leichter fiel es Hitler dann, den General nach dessen Wahlniederlage im Frühjahr 1925 politisch endgültig ins Abseits zu drängen.

Gleichzeitig hatte Hitler seinen Führungsanspruch in der eigenen Partei organisatorisch abgesichert. Die Münchener Ortsgruppe, die er mit seinen engen Gefolgsleuten beherrschte, wurde formell für alle Fragen der Parteiorganisation und Mitgliederaufnahme zuständig. Die gesamte NSDAP war damit organisationsrechtlich ein Ableger der Münchener Ortsgruppe, obwohl sich das Schwergewicht der Partei mittlerweile nach Nord- und Westdeutschland verschoben hatte. Vor allem wurde in der neuen Parteisatzung das Führerprinzip festgeschrieben. Eine innerparteiliche Kontrolle bzw. Willensbildung gab es nicht.

Organisation

Zunächst war Hitler jedoch durch ein Redeverbot, das die bayerische Regierung im März 1925 und nach ihr fast alle anderen Ländern für die Dauer von mindestens zwei Jahren verhängt hatten, daran gehindert, die neue Machtstellung zu entfalten. Stattdessen konnten sich einige Unterführer mit der Billigung Hitlers beim Neuaufbau der Partei hervortun. Dadurch bot die mit etwa 27000 Mitgliedern recht kleine Partei ein buntscheckiges Bild verschiedener politisch-ideologischer Grüppchen und endloser Führungsrivalitäten.

Eine beständige bürokratische Organisationsarbeit war zwar für den Zusammenhalt der Partei unentbehrlich, aber Hitlers Sache war sie nicht. Er bevorzugte eine personale Bindung der Unterführer, die sich nach seinen Vorstellungen im harten Wettstreit untereinander behaupten sollten. Das sollte den Unterführern genügend Spielraum belassen, zugleich aber seine eigene Führerstellung stärken, die vor allem damit begründet werden sollte, daß allein der "Führer" die nationalsozialistische Idee verkörperte. Durchkreuzt wurde diese Unterwerfung unter den Führerwillen zunächst durch das Organisationskonzept der Führungsgruppe um Gregor Strasser. Hitler war auf seine Unterstützung außerhalb Bayerns angewiesen. Strasser hatte in der Arbeitsgemeinschaft der nordwestdeutschen Gauleiter recht unterschiedliche, insgesamt aber linke Strömungen in einer bündischen, kollegialen Führungsstruktur locker zusammengefaßt. Mit eigenen Publikationsorganen, den von Joseph Goebbels redigierten "Nationalsozialistischen Briefen" und der eiwochenschrift "Der Nationale Sozialist" von Otto Strasser, vertrat die Parteilinke auch ideologisch eine abweichende, betont sozialistische Linie.

Daß Hitler eine Programmdiskussion, wie sie Strasser mit einem Entwurf zur Präzisierung des höchst verschwommenen 25-Punkte-Parteiprogramms anstrebte, zutiefst zuwider war, weil er dadurch seinen unbeschränkten Führungsanspruch gefährdet sah, mußte der gutgläubige Gregor Strasser auf einer kurzfristig im Frühjahr 1926 nach Bamberg einberufenen Führertagung erfahren. Sie endete mit einem Sieg Hitlers und dem Umfallen des jungen Goebbels, der autoritätsgläubig in das Lager Hitlers wechselte und fortan zu den eifrigsten Propagandisten des "Führers" gehörte. Gregor Strasser hinderte diese Erfahrung jedoch nicht daran, sich weiterhin und mit noch größerer Energie dem Aufbau einer schlagkräftigen Parteiorganisation zuzuwenden.

Auch im Konflikt mit Ernst Röhm um das zukünftige Konzept der SA setzte sich Hitler im Frühjahr 1925 durch, in diesem Fall von der Strasser-Gruppe unterstützt. Nicht als selbständiger Wehrverband, wie ihn Röhm in der Zwischenzeit weiter ausgebildet hatte, sondern als politischer Verband innerhalb der Partei, sollte die SA wiederaufgebaut werden. Nicht mit paramilitärischen Methoden, sondern als Propagandatruppe und Abbild des politischen Willens der Partei sollte die SA auf der Straße agieren. Das erforderte allein schon der Legalitätskurs, auf den sich Hitler nach dem kläglichen Scheitern seines Putsches festgelegt hatte.

Die Organisationsstruktur der NSDAP beschränkte sich zunächst auf die Reichsleitung in München, auf die Gaue (ihre Zahl schwankte von 1925 bis 1937 zwischen 30 und 36) und die Ortsgruppen. Träger der Parteiarbeit und ihrer Expansion waren die Gauleiter, die als Unterführer in einem personalen Gefolgschaftsverhältnis zum "Führer" standen und ihre Macht auf ihre eigene Durchsetzungsfähigkeit wie auf ihr besonderes Treueverhältnis zum "Führer" gründeten. Sie erkannten ihn überdies als Symbol der Parteieinheit an, obwohl sie in der Regel von Gregor Strasser eingesetzt worden waren.

Dank des Organisationstalents von Strasser wurde die Partei zunächst in ihren Untergliederungen bis hinunter auf die Ebene der Ortsgruppe aufgebaut. Ab 1926, verstärkt ab 1929 kamen Sonderorganisationen und Berufsverbände hinzu, die nach dem Vorbild anderer moderner Massenparteien ein Netzwerk zur Mobilisierung und Erfassung der heterogenen Mitglieder- und Anhängerschaft mit ihren unterschiedlichen Interessen bildeten: 1926 wurde als Jugendverband der "Bund der deutschen Arbeiterjugend" sowie der "Nationalsozialistische Deutsche Studentenbund" (NSDtB) gegründet; 1928 folgte der "Bund Nationalsozialistischer Juristen", 1929 der "Nationalsozialistische Deutsche Ärztebund" und der "Kampfbund für Deutsche Kultur", 1929 der "Nationalsozialistische Schülerbund", 1930 der "Agrarpolitische Apparat" und die "Nationalsozialistische Betriebszellenorganisation" (NSBO), 1931 die "Nationalsozialistische Frauenschaft", im Dezember 1932 der "Kampfbund für den gewerblichen Mittelstand". Dem Staatsapparat nachempfundene "Ämte für Außenpolitik, Presse, Politik in den Betrieben, Rechtsfragen, Technik usw. kamen hinzu und führten zum ambitiösen Ausbau eines "Schattenstaates", der propagandistisch wirksam den Machtanspruch der Partei repräsentierte und den Ehrgeiz der Funktionäre befriedigte. Vor allem sollte und konnte die Partei dadurch schon früh in die verschiedenen gesellschaftlichen Bereich eindringen, was den Prozeß der Machteroberung ganz erheblich befördern sollte.