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"Stolpersteine" des Künstlers Gunter Demnig.

6.4.2005 | Von:
Hans-Ulrich Thamer

Die nationalsozialistische Massenbewegung in der Staats- und Wirtschaftskrise

Mitglieder und Wähler

Hitlers Charisma mußte nicht jeden beeindrucken; für viele wirkte das Ritual der nationalsozialistischen Propaganda und Rhetorik eher lächerlich oder abstoßend. Das galt vor allem für diejenigen, die über feste kulturelle Orientierungen verfügten: Weite Teile des katholischen Deutschlands, vor allem dort, wo die Konfession noch eine starke Wirkungskraft besaß, und ebenso die klassenbewußte, vor allem sozialdemokratische Arbeiterschaft, die in der Arbeiterkultur verankert war.

Umgekehrt gewann die NSDAP zunächst vor allem Anhänger unter der vorwiegend protestantischen Bevölkerung Nord- und Ostdeutschlands. Hitler fand mehr Zustimmung auf dem Land und in kleinen Städten als in industriellen Großstädten. Mitglieder und Wähler kamen vor allem aus den Schichten, die sich von der Krise in ihrer Existenz bedroht sowie um ihre Zukunft betrogen fühlten und die auf eine Veränderung aber nicht im Sinne der sozialistischen Parteien drängten. Stattdessen wollten sie an Elementen der Tradition und überkommener Autorität festhalten. Zugleich wurden sie durch antidemokratisches Gedankengut umgetrieben.

Aktive Mitglieder der NSDAP waren vor allem jüngere Männer. Nur 7,8 Prozent der Neuzugänge zwischen 1925 und 1932 waren Frauen. Fast 70 Prozent der Mitglieder im Jahre 1930 waren jünger als 40 Jahre, 37 Prozent jünger als 30 Jahre. Auch von den Parteifunktionären waren 65 Prozent unter 40 Jahre, 26 Prozent unter 30. Neben der sozialen Rekrutierung spielte also das Alter, das jugendliche Auftreten, eine erhebliche Rolle für den Beitritt zur NSDAP.

In sozialer Hinsicht stammten von den neuen Mitgliedern der Jahre 1930 bis 1932 35,9 Prozent aus den Unterschichten, 54,9 Prozent aus der unteren Mittelschicht und 9,2 Prozent aus der Oberschicht. Im Vergleich zur Gesamtbevölkerung waren die untere Mittelschicht und die Oberschicht deutlich überrepräsentiert, die Unterschichten unterrepräsentiert. Dennoch rekrutierten sich die NSDAP-Mitglieder aus allen sozialen Schichten, was in der Parteienlandschaft der Weimarer Republik relativ ungewöhnlich war. Immerhin waren ein Drittel der Neuzugänge Angehörige der Unterschichten, und die NSDAP war neben ihrem deutlichen mittelständischen Kern auch eine "Arbeiterpartei". Dabei rangierte sie allerdings nach SPD und KPD auf dem dritten Platz. In der Mehrzahl handelte es sich um bislang nichtorganisierte Arbeiter aus kleineren und mittleren Betrieben, aus Heimarbeit und Kleingewerbe und aus dem öffentlichen Dienst, die vor allem nach dem September 1930 zur NSDAP strömten.

Den ursprünglichen Kern bildeten Angehörige der unteren Mittelschichten, darunter vor allem Kaufleute und Gewerbetreibende (17,3 Prozent), kleinere und mittlere Angestellte (25,6 Prozent), Freiberufler (3 Prozent) und nichtakademische Fachleute wie Bauern (14,1 Prozent). Am Vorabend der Septemberwahlen 1930 waren 17,3 Prozent der Mitglieder Selbständige aus Handwerk, Gewerbe und Handel (Anteil an der Gesamtbevölkerung nur 9,2 Prozent). Auch kleine und mittlere Angestellte waren gemessen an ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung in der NSDAP immer überrepräsentiert. Obwohl ihnen parteipolitische Aktivitäten untersagt waren, waren 1930 immerhin schon 8,3 Prozent der Mitglieder der NSDAP Beamte. Bemerkenswert war auch der Anteil der Bauern mit 14,1 Prozent, war dies doch eine soziale Gruppe, die sich traditionsgemäß politisch weniger organisierte.

Bedeutung der Mittelschichten

Was für die soziale Herkunft der Mitglieder gilt, bestätigt sich mit einigen Verschiebungen auch bei den Wählern. Die NSDAP fand ihre Wähler in allen Schichten und sie stellte darum den Typus einer "Volkspartei" dar. Das Gewicht der verschiedenen sozialen Schichten veränderte sich im Verlauf der Parteigeschichte. Den stabilsten Kern der NS-Wählerschaft bildeten Angehörige der alten städtischen Mittelschichten und der kleinen Landwirte. In der großen Krise kamen vor allem Protestwähler aus der neuen Mittelschicht der Angestellten sowie aus dem Rentnermilieu hinzu. Nach 1930 wuchs zudem die Neigung bürgerlicher Honoratioren, die NSDAP zu wählen, sehr stark. Das zeigen die Wahlergebnisse in wohlhabenden Wohnvierteln der Städte. Der Anteil der Frauen unter den NS-Wählern war 1930 im Vergleich zur Gesamtbevölkerung noch leicht unterrepräsentiert, was sich bis 1933 in ein leichtes Übergewicht verwandelte.

Wichtig im Wahlverhalten waren die regionalen und konfessionellen Unterschiede. Die NSDAP wurde in den protestantischen Kreisen Norddeutschlands gewählt bis hin ins protestantische Franken und nach Thüringen. Sie gewann 50 Prozent ihrer Stimmen in Gemeinden und Städten unter 5000 Einwohnern, in den Großstädten nur maximal 40 Prozent. Gegen den verbreiteten Sog zur NSDAP konnten sich nur die Zentrums-Partei, die noch einigermaßen fest im katholischen Milieu verankert war, wie die SPD und die KPD andererseits behaupten, die ihre Stammwähler weitgehend halten konnten.

Was die Hitler-Partei attraktiv machte, waren die Wirksamkeit des Hitler-Kultes, die restaurativen Sehnsüchte nach der Rückkehr zu alten Sozialordnungen wie auch die Erwartungen von sozialem Aufstieg und Modernisierung. Bei genauerem Zusehen hätte auffallen müssen, daß die verschiedenen Versprechungen, die die NSDAP ihrem aus fast allen sozialen Lagern stammenden Publikum machte, in sich höchst widersprüchlich waren und längst nicht alle materiellen Interessen der Anhänger hätten befriedigen können (und später auch nicht getan haben). Daß die Propaganda in einer solchen von Krisen, Ängsten und Hoffnungen geprägten Situation so attraktiv war und daß der Appell zur Volksgemeinschaft und nationalen Größe so wirksam werden konnte, war ein Reflex der Legitimations- und Identitätskrise der deutschen Gesellschaft der frühen dreißiger Jahre, die sich in ihrer Mehrheit nach einfachen und radikalen Lösungen sehnte.

Die NSDAP finanzierte ihre aufwendigen Propagandakampagnen in erster Linie durch ihre Mitglieder und deren Beiträge, durch Eintrittsgelder für ihre Massenveranstaltungen und dann auch durch Spenden von Sympathisanten aus dem bürgerlich-gewerblichen Bereich, vor allem von Inhabern kleinerer und mittlerer Betriebe. Es liegen dagegen keine Belege für eine kontinuierliche finanzielle Förderung der NSDAP durch die Großindustrie vor, die ihre Zuweisungen zudem parteipolitisch streute. Auch wenn es aus Banken und Großunternehmungen wie der IG-Farben persönliche finanzielle Zuwendungen an einzelne Repräsentanten eines wirtschaftsfreundlichen Kurses in der NSDAP gab, so erfolgten diese und andere Subventionen in der Regel immer erst nach den Wahlerfolgen der NSDAP.

Wie begrenzt die politischen Einflußmöglichkeiten des Geldes waren, zeigen Versuche der Großindustrie zwischen 1930 und 1932, eine bürgerliche Rechtspartei nach eigenen Wünschen zu gründen bzw. zu fördern, was fehlschlug. Zudem war das Verhalten der Großindustrie gegenüber der NSDAP und einer Regierungsbeteiligung Hitlers sehr uneinheitlich; nur eine kleine Fraktion, darunter Fritz Thyssen und Paul Silverberg, zweiter Mann des Reichsverbandes der Industrie, unterstützte Hitler; die Mehrheit aus Schwerindustrie und den modernen Leichtindustrien aus Elektro-, Chemie- und Verarbeitungsbereich setzte weiterhin auf eine Präsidialregierung unter Franz von Papen oder gab dem Konzept des Reichskanzlers Kurt von Schleicher den Vorzug. Entscheidender war die Rolle der Großwirtschaft, die sie im Verbund mit anderen traditionellen Machteliten schon zuvor bei der Zerstörung der parlamentarischen Demokratie zugunsten einer autoritären Staatsform seit 1929/30 gespielt hatten; eine Lösung, die sich am Ende dann vor dem Ansturm der nationalsozialistischen Massenbewegung nicht behaupten konnte.