"Stolpersteine" des Künstlers Gunter Demnig.

10.4.2005 | Von:
Prof. Dr. Wolfgang Benz

Selbstbehauptung und Gegenwehr von Verfolgten

Alltägliches Widerstehen

Das alltägliche Widerstehen im KZ, die Behauptung von Humanität und Menschenwürde, hat nicht nur Leben gerettet, sondern auch dem psychologischen Vernichtungswillen des Nationalsozialismus Grenzen gesetzt. Werner Krumme in Auschwitz und Karl Wagner in Dachau sind dafür zwei Beispiele.

Werner Krumme war nach Auschwitz eingeliefert worden, weil er sich von seiner jüdischen Frau nicht trennen wollte. Das Ehepaar wurde 1942 von der Gestapo verhaftet, weil es vergeblich versucht hatte, zwei jüdischen Mädchen aus Breslau zur Flucht zu verhelfen. Ruth Krumme wurde bald nach der Ankunft in Auschwitz-Birkenau ermordet. Werner Krumme wurde Funktionshäftling beim "SS-Arbeitsdienstführer" im Stammlager Auschwitz. Dort hatte er die Möglichkeit, Häftlinge für bestimmte Arbeitskommandos auszusuchen. Eine solche Funktion konnte lebensrettend sein, nicht nur wegen möglicher Verbesserungen der Essensrationen; die Überlebenschancen waren für Facharbeiter größer. Werner Krumme gehörte zu denen, die ihre Stellung nutzten, um anderen zu helfen. Ihre Zahl ist unbekannt, sie gab es in allen Lagern, ihnen verdanken weniger Privilegierte ihr Leben.

Die Solidarität mit Mithäftlingen war im Rahmen der geringen Möglichkeiten der Verfolgten ein Akt bewußten Widerstehens. Werner Krumme erinnert sich stellvertretend für viele: "Es gab in Auschwitz in meiner Position viele Möglichkeiten zu helfen und den Mithäftlingen Chancen zu bieten, das Lager doch noch zu überleben. Natürlich war es immer nur eine begrenzte Anzahl von Menschen, auf die sich meine Hilfeleistungen erstrecken konnten. Das System an sich konnte ich nicht ändern. Ich konnte es nur im Rahmen meiner Möglichkeiten an einigen Stellen unterhöhlen."

Der Stuttgarter Arbeitersohn Karl Wagner (1909-1983) hatte sich als überzeugter Gegner der Nationalsozialisten der KPD angeschlossen. Nach mehrfacher Verhaftung wurde er kurz vor Weihnachten 1936 in das KZ Dachau eingeliefert. Wagner kam zunächst in die Strafkompanie, bemühte sich dann erfolgreich um eine Funktion in der "Häftlingsselbstverwaltung". So nannte die SS ihr System, KZ- Häftlinge als Hilfskräfte im Lageralltag zu verwenden. Die Arbeitskommandos wurden (unter Befehl und Aufsicht der SS) von "Kapos" geführt. Wagner war zunächst "Baukapo" und stieg auf bis zum "Lagerkapo". Er erstrebte und nützte das "Amt", um Mithäftlingen zu helfen. Im April 1943 wurde Wagner Lagerältester (das war die höchste Häftlingsfunktion) im Außenlager Allach. Im Juli desselben Jahres demonstrierte er in einem beispiellosen Akt des Widerstandes Solidarität mit den Mitgefangenen. Sein Verhalten stärkte ebenso das Selbstbewußtsein der Häftlinge, wie es die Autorität des SS-Personals untergrub. Der Lagerführer, SS-Untersturmführer Jarolin, hatte nach Feierabend alle Arbeitskommmandos auf dem Appellplatz versammelt. Ein sowjetischer Gefangener sollte ausgepeitscht werden. Jarolin hatte, um das Selbstwertgefühl der Häftlinge zu zerstören, den Lagerältesten Karl Wagner ausersehen, die Prügelstrafe zu vollziehen.

Wagner berichtet über seine Reaktion: "Jarolin gab mir den Befehl: 'Schlagen!' Ich antwortete: 'Ich schlage nicht!' Jarolin: 'Warum schlägst Du nicht?' Meine Antwort: 'Ich kann nicht schlagen!' Nun probierte es Jarolin mit dem Zuckerbrot: 'Versuch's,' befahl er. Meine Antwort: 'Ich schlage nicht!'' Jetzt spielte Jarolin den wilden Mann, zog die Pistole und brüllte: 'Du Kommunistenschwein, das habe ich doch gewußt!' In diesem Moment rechnete ich damit, abgeknallt zu werden. Ich riß meine Lagerältestenbinde vom Arm und warf sie auf den Bock. Jarolin aber drückte nicht ab, er gab lediglich den Befehl, mich abzuführen. Ich wurde in den Arrestbau gebracht. Fünf Tage lang saß ich im Allacher Bunker. Danach wurde ich nach Dachau gebracht und mit sechs Wochen Dunkelarrest bestraft. Anschließend erhielt ich 25 Stockhiebe."

Im KZ ist auch ein Programm zur demokratischen Neugestaltung Deutschlands nach Hitler entstanden. Das "Buchenwalder Manifest", niedergeschrieben im April 1945, war hervorgegangen aus Diskussionen politischer Häftlinge sozialistischer, kommunistischer und christlicher Gesinnung im KZ Buchenwald, unter ihnen der Sozialdemokrat Hermann Brill und der spätere hessische CDU-Vorsitzende Werner Hilpert.

Widerstand durch Solidarität leisteten auch Gruppen junger Menschen im Untergrund und in der Illegalität, wie in Berlin der Chug Chaluzi (Kreis der Pioniere) bestehend aus elf jungen Juden, die sich Ende Februar 1943 um den Lehrer Jizchak Schwersenz und um Edith Wolf geschart hatten. Sie wollten sich vor der Deportation retten und hofften auf ein Leben in Palästina nach der NS-Zeit.

Kontakt bestand über Edith Wolf zu einer anderen Gruppe - ebenfalls in Berlin - um Franz Kaufmann, der als getaufter Jude seine Stellung als Beamter verloren hatte. Er war mit einer Nichtjüdin verheiratet und in der Bekennenden Kirche engagiert. Seit Herbst 1941 bemühte er sich, die Deportation von Juden zu verhindern, indem er ihnen Arbeitsplätze, gefälschte Papiere, Lebensmittel verschaffte, was ihnen die Existenz in der Illegalität ermöglichte. Durch Denunziation wurde die Kaufmann-Gruppe im August 1943 entdeckt und mehr als 50 Personen verhaftet. Die jüdischen Mitglieder kamen ins KZ, andere wurden zu Zuchthausstrafen verurteilt, Franz Kaufmann wurde im Februar 1944 im KZ Sachsenhausen ermordet.

Aus dem gleichen Grund hatte sich im Herbst 1943 eine Gruppe von Juden und Nichtjuden in der Umgebung Berlins zusammengefunden, die bis Oktober 1944 aktiv war. Hans Winkler, Justizangestellter in Luckenwalde und sein jüdischer Freund, der Elektrotechniker Werner Scharff, wollten sich aber noch stärker engagieren als "nur" durch die Hilfe für Juden. Sie gründeten die "Gemeinschaft für Frieden und Aufbau", die etwa 30 Mitglieder hatte. Sie verbreitete u. a. drei Flugblätter (in Form von Kettenbriefen) in einer Größenordnung von insgesamt 3500 Stück, in denen die Bevölkerung gegen den Krieg aufgerufen wurde. 1944 wurden die meisten Mitglieder der Gruppe verhaftet. Werner Scharff wurde im März 1945 erschossen; die meisten nichtjüdischen Angehörigen überlebten in Haft.
Auszug aus:
Informationen zur politischen Bildung (Heft 243) - Selbstbehauptung und Gegenwehr von Verfolgten


Frühjahr 1942 im Warschauer Ghetto, unmittelbar vor Beginn des Massenmords: Ein NS-Filmteam dreht, ein Rohschnitt entsteht. Warum entstanden die Propagandaaufnahmen im Ghetto? Wie kann mit ihnen umgegangen werden? Die israelische Regisseurin Yael Hersonski hinterfragt und kontextualisiert die Aufnahmen. Ihr Film ergänzt Zeitzeugenberichte, Bildergalerien und Hintergründe namhafter Historiker und Filmexperten.

Mehr lesen

Dossier

Der Zweite Weltkrieg

Vor 70 Jahren endete mit der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht der Zweite Weltkrieg in Europa. Als nationalsozialistischer, rasseideologischer Vernichtungskrieg hatte er Millionen Menschen das Leben gekostet.

Mehr lesen